der arbeitsmarkt | 04/2005 | Text: Isabelle Meier
Die Unterkunft für jene, die niemand beherbergen will
Kein Job, keine Wohnung, kein soziales Netz: Die Notschlafstelle nimmt auf, wer sonst nirgendwo hinkann. Ein Team des «arbeitsmarkts» verbrachte einen Abend mit Tino, Dursun, Claudio und Stefan in der Zürcher «Notschliefi».
Der Hinweg führt über die Hardbrücke: Im schicken, gläsernen Bürogebäude eine Traube dunkel gekleideter Herren beim Apéro, dann Kids, Schlange stehend an der Cinemax-Kasse, ein Mann vor dem Fernseher in seinem Wohnzimmer. «Sie werden es schon finden, es ist das hässlichste Haus in der Umgebung.» Matthias Schneebeli, Leiter der Notschlafstelle, hat nicht übertrieben: Die Fassade ist rissig und von Abgasen schwarz verfärbt.
Ein klotzartiges Radargerät ragt aus der Mauer. Die Eingangstüre verbeult. Die Gegensprechanlage macht keinen Sinn, der Lärm hier an dieser stark befahrenen Stelle der Rosengartenstrasse ist derart ohrenbetäubend, dass man das eigene Klingeln nicht hört. Die Tür geht auf. Linoleum im Treppenhaus, es riecht muffig. 19.45 Uhr. Um 20 Uhr öffnet die Notschlafstelle.
«Niemand, der es nicht will, soll in der Stadt Zürich ohne Unterkunft bleiben.» Der Stadtratsbeschluss vom 25. Oktober 1989 legte den Grundstein für die Errichtung der Notschlafstelle. Zielgruppe sind erwachsene obdachlose Frauen und Männer, die ihren Unterstützungswohnsitz in Zürich haben. Nachdem die Notschlafstelle mehrmals umzog – die Nachbarschaft wehrte sich jeweils gegen eine Niederlassung – zog sie 1996, kurz nach der Schliessung der offenen Drogenszene am Letten, in die Rosengartenstrasse 30 ein. Eveline, seit dem Einzug als Betreuerin tätig, führt mich durch die Räume. Der Eingangsbereich unterscheidet sich kaum von dem einer einfachen Pension: Eine speckige Polstergruppe krümmt sich um einen alten Fernseher, in der Ecke steht ein Jöggelikasten. Ein Kunststofftisch füllt den Raum, in der Ecke eine sterile Einbauküche, blitzsauber – täglich reinigt eine Putzequipe das Haus.
Vor dem Herd steht Diego und rührt in einer Chromstahlpfanne. Auch er ist ein Betreuer, der heute Abend im Dienst ist. Es riecht nach Suppe. Ein bisschen fühle ich mich wie im Skilager. Gleich beim Eingang steht eine Kabine. Die Frontseite besteht aus einer Holztheke und einer Glaswand, die bis zur Decke reicht: die «Rezeption». «Ohne Fünfliber kein Bett», steht auf dem Papier, das auf der Theke klebt. Hinter der Theke herrscht Ordnung. Fein säuberlich reiht sich Ordner an Ordner, im Regal stehen Rasierschaum, Zahnpaste und andere Hygieneartikel, auf dem Bildschirm eine ExcelTabelle. Die Liste mit den Namen der erwarteten Gäste liegt ausgedruckt bereit: Wer gestern kam, kommt heute höchstwahrscheinlich wieder. Durchschnittlich drei Monate bleibe ein Obdachloser in der Notschlafstelle, erzählt mir Matthias Schneebeli. Entweder findet er bis dann selbst ein Dach über dem Kopf, oder die Betreuer in der Notschlafstelle haben für ihn eine sinnvolle
Lösung gefunden: das «Begleitete Wohnen» etwa – Zimmer oder Appartements, die regelmässig von einer
Betreuungsperson besucht werden – oder, im Idealfall vielleicht, eine eigene Wohnung.
Verschiedene Etagen für verschiedene Menschen
Eveline greift nach einem Paar Gummihandschuhe und verschwindet in Richtung der Zimmer. 52 Betten auf
vier Etagen. Eine Etage für die Alkoholiker, eine für die Drogenabhängigen, eine Frauenetage. Das Parterre bildet die Ruheetage, die nur im Winter betrieben wird. Hier werden diejenigen einquartiert, die etwas Stille
suchen. Pro Stockwerk steht ein Badezimmer mit Dusche und Toiletten zur Verfügung, ebenso eine Waschküche mit Waschmaschine und Tumbler. Eveline reisst eine Zimmertüre nach der anderen auf. 19.55 Uhr, die Zeit drängt. Abgestandene Luft schlägt uns entgegen. Die Zimmer sind spartanisch eingerichtet: Vier bis sechs Kajütenbetten, belegt mit einer dünnen Matte, pro Bett ein schlichter Metallschrank von der Grösse eines Garderobenkästchens in einer Badeanstalt. Einige Betten sehen bewohnt aus: Sie sind mit gelben Fixleintüchern bezogen und mit Zeitschriften und Kleidern bedeckt. Auf der «Drogenetage» stehen gelbe Abfalleimer für die gebrauchten Spritzen herum. Eveline hat sich die Gummihandschuhe übergezogen. Eine Arbeitskollegin habe sich einmal gestochen, erzählt sie. Die Hälfte der Bewohner hat Drogenprobleme, ein Viertel Alkohol- und ein weiterer Viertel psychische Probleme. Die Grenzen verschwimmen allerdings, etwa bei einem psychisch Kranken, der sich mit Alkohol zu beruhigen versucht. In der Notschlafstelle herrscht im Gegensatz zu Heilsarmee und Caritas kein Drogenverbot, der Konsum ist aber ausschliesslich in den Zimmern erlaubt. «Seit der kontrollierten Drogenabgabe ist es ruhiger geworden», erzählt Schneebeli. Der Beschaffungsstress sei deutlich zurückgegangen. «Selten ist jemand auf Entzug oder hat eine Überdosis eingenommen. Früher mussten wir viel häufiger beatmen.»
Letzter Wohnsitz muss Zürich sein
Es klingelt, gleich mehrmals. Mir wirds flau im Magen, Punkt acht Uhr. Ein Mann mit silbernem Bart und zotteligen Haaren legt wortlos fünf Franken auf die Theke. Er setzt sich vor den Fernseher. Stunden später, als ich gehe, sitzt er noch am gleichen Ort. Er spricht wenig. Über sich erzählen mag er nichts: «Ich habe im Moment ein Riesenchaos in meinem Leben, tut mir Leid.» Es klingelt und klingelt. «Hoi Stefan, hallo Kurt.» Die Betreuer kennen die meisten beim Namen. Ein Mann bringt einen Jüngeren mit Bob-Marley-Frisur hin, er spricht nur englisch. Sein Begleiter bezahlt für ihn, gibt ihm ein paar Anweisungen und verschwindet wieder. Wer zum ersten Mal kommt, muss seine Personalien angeben und seine Papiere zeigen. Der Ausweis wird an eine zentrale Stelle gefaxt: Nur wer den letzten Wohnsitz in Zürich hatte, darf hier bleiben, alle anderen werden an die Notschlafeinrichtungen ihres letzten Wohnortes verwiesen.
Diese Regelung stammt aus der Lettenzeit, als andere Kantone und Städte die Drogensüchtigen nach Zürich abzuschieben versuchten. Über 90 Prozent der Drogensüchtigen am Letten waren Auswärtige. Bleibt jemand länger in der Notschlafstelle, was bei den meisten der Fall ist, wird seine Situation abgeklärt:
Welches war die letzte Station? Welche Lösungen gäbe es? Ein junger Algerier stürmt rein, bezahlt, möchte, dass ihm jemand sein Kästchen öffnet. Er leiht sich Rasierschaum und Duschmittel. Die Kästchenschlüssel bleiben immer in den Händen der Betreuer: Zu oft gingen Schlüssel verloren und wurden Kästchen ausgeraubt. Ich greife nach dem Schlüsselbund und gehe mit. Er hetzt die Treppe hoch. Plötzlich ist das Haus voller Leben. Leute stürmen an mir vorbei die Treppe rauf. «Pass auf die Stufen auf», sagt jemand zu mir, «ich bin hier mal grausam ‹uf d Schnure gheit›.» Der junge Algerier ist in einem Männerzimmer einquartiert: Es gibt gemischte Zimmer für Paare, Frauenzimmer und Männerzimmer. Ein etwa 25-jähriger Jugendlicher erwärmt Pulver auf einer Folie. Auf seinem Bett eine Auslegeordnung von Drogenutensilien. Ob er mir etwas über sich erzählen wolle, frage ich. Er winkt sofort ab. «Ein langweiliges Leben», meint er.
Zwischenstation für einen Hauswart
Was mache ich hier? Ich fühle mich wie ein Eindringling. Steige die Treppe hinunter in die Ruheetage. Hier
ist es angenehm still und leer. Ganz alleine in der Ecke sitzt ein Mann, etwa 55, vor einem Glas Bier. Sauberes, blaues Hemd. Wie ein Obdachloser sieht er nicht aus. Reden ist okay, aber lieber kein Foto, meint er. Stefan heisst er. «Es ist nur eine Zwischenstation – hoffentlich», beginnt er. Sein Leben lang hat er als Hauswart gearbeitet. Anfangs war er für mehrere Häuser zuständig, am Schluss nur noch für eines. In diesem hat er auch gewohnt. Bis der Besitzer gewechselt hat. Der neue Eigentümer brauchte keinen Hauswart mehr. Zehn Tage blieben ihm, um eine neue Wohnung zu suchen. «Vielleicht war ich zu blauäugig. Ich habe nie einen rechtmässigen Vertrag mit dem Besitzer abgeschlossen.»
Der abgestürzte Gentleman und der rausgeschmissene Bäcker
Er meldete sich beim Sozialamt. Dieses sucht nun eine Lösung für ihn, das dauert aber mindestens dreissig
Tage. Das Sozialamt verwies ihn an die Notschlafstelle. So kam er mit zwei grossen Koffern hier an. Seine Möbel stellte er bei einem Freund unter. «Ich bin froh, dass ich hier sein kann. Es ist gut hier», meint er. «Man wird höchstens ein bisschen unselbständig.» Den Tag verbringt er auf den verschiedenen Regionalen Arbeitsvermittlungszentren der Stadt Zürich. Er grast die Stelleninserate ab und bewirbt sich um jede Stelle, für die er sich halbwegs eignet. «Ich würde alles machen.» Man könne nicht wählerisch sein. «Wer erst seit kurzem sein Dach über dem Kopf verloren hat, bei dem versuchen wir besonders intensiv, eine Lösung zu finden», meint Matthias Schneebeli. Auf die Frage nach der «Erfolgsquote» seufzt der Notschlafstellenleiter allerdings und blickt zum Fenster raus: «Was heisst schon Erfolg? Für uns heisst das, wir haben eine Person an
einen Ort gebracht, der für sie angemessen ist. Wohnen. Andere würden wahrscheinlich erst von einem Erfolg sprechen, wenn alle wieder Manager sind.»
Nicht Topmanager, sondern sogar CEO bei einer Basler Bank sei sein Cousin, erzählt Tino, «10000 Franken macht der pro Tag». Tino hat gehört, dass ich jemanden suche, der mir seine Geschichte erzählt. «Kann ich was verdienen?» fragt er. Für ein Päckchen Zigaretten erzählt er mir von seinem Leben. Seine Arme sind mit Einstichen und Wunden übersät, auf der Stirn eine frisch verarztete Schnittwunde. «Haben sie es dir endlich genäht!», ruft Eveline erleichtert. An Tinos Arm baumelt ein Stofffetzen, mit dem er sich vor dem Schuss die Venen abbindet. Er lädt die Fotografin und mich in sein Zimmer ein. Sein Bett ist kein schöner Anblick: überall Blutspritzer, Folien, PET-Flaschen, zu Inhaliergeräten umfunktioniert. Er nehme alles, sagt er. «Hauptsache, es tötet und ist Rauschgift.» Momentan ist es vor allem Strichnin, ein Mittel gegen Schuppen. Über dem Bettpfosten hängt eine Dreikönigskrone. Wie ein Gentleman rückt er der Fotografin und mir Stühle zurecht, wischt sie sauber. Seine Hände sind rot und aufgeschwollen. Fürs Foto will er sich kurz umziehen: Den Pullover zieht er aus und legt sich ein wattiertes, schwarzes Gilet über das T-Shirt. Er dreht sich weg und fährt sich mit einem Kamm kurz durch die Haare. Dann posiert er. Er wuchs in Höngg auf, ging in die Mittelschule, wie er erzählt. Mit siebzehn rutschte er in die Drogenabhängigkeit ab. «Eigentlich begann es schon mit zwölf: Zigaretten und Alkohol.» Heute ist er 44. Seit 1986 lebt er von einer kleinen IV-Rente. Er ist HIV-positiv und hat Hepatitis B. Früher hat er als Tankwart gearbeitet: «Ich habe überall ein bisschen gejobbt, hatte nie einen festen Job.» Die letzten zehn Jahre? Er erzählt etwas von einem Hotel, ich verstehe nicht alles. Nur noch Bruchstücke seines Lebens sind vorhanden. Er ist müde, nicht mehr richtig da. Dann erzählt er von seiner «Traumbraut» Sabine. Sie ist im Drogenabgabeprogramm. «Aber ich glaube, sie will mich nicht.» Er schweigt lange und lässt sich auf sein Bett fallen.
Dursun hingegen ist hellwach, während wir uns unterhalten. Er möchte genau wissen, wie das Thema des Artikels lautet, wo er erscheint und an welche Leute sich das Magazin richtet. Er teilt sein Zimmer mit Claudio, der in Unterhosen vor seinem Bett steht und irgendwas, er sieht aus wie ein durchsichtiges Pflaster, an den Oberschenkel klebt. Es stört ihn nicht, dass wir ihm zusehen. Dursun erzählt, wie er seine letzte Wohnung verlor, eine städtische Wohnung, die zum Programm «Begleitetes Wohnen» gehört. Er sei rausgeschmissen worden, ohne gegen irgendeine Regel verstossen zu haben. Zuvor lebte er im Lochergut. Er wuchs in Tunesien auf, kam vor 25 Jahren in die Schweiz, arbeitete 23 Jahre in Baden und Zürich als Bäcker. Er hat einen Haufen Schulden, die er abstottern muss. Sein Lohn floss jahrelang bis auf das Existenzminimum direkt ans Betreibungsamt. Bis er abstürzte und den Job verlor. «Stört es euch, wenn ich etwas konsumiere?», fragt er, bevor er sich eine Zigarette dreht. Er drückt sich sehr gewählt aus und möchte am Schluss wissen, ob er uns habe weiterhelfen können.
Währenddessen kramt Claudio in seinen Hosentaschen. Er räumt sie aus, legt den Inhalt aufs Bett, räumt alles wieder zusammen, kramt wieder in den Taschen, legt wieder alles aufs Bett. Das Gleiche wiederholt er mit einer Schachtel Kekse. Ganz genau will er wissen, was das für ein Magazin ist, für das wir schreiben. Auflage? Zielgruppe? Herausgeber? Er möchte es sich noch überlegen, ob er sich fotografieren lassen will. Am Ende entscheidet er sich dagegen. «Warum ich hier bin? Kein Job, keine Wohnung.» Er ist in Zug aufgewachsen, hat dort eine Lehre als Sanitärinstallateur abgeschlossen und jahrelang auf dem Beruf gearbeitet. Am Ende hatte er ein eigenes Büro in Zug, als selbständiger Sanitärinstallateur. «Der Job hat sich irgendwann mit dem Drogenkonsum nicht mehr vertragen», erzählt er. Seine Beziehung auch nicht. Er hat eine zwölfjährige Tochter. «Sie kommt jetzt dann in die Pubertät», erzählt er. Bis Mitte Oktober haben sie alle zusammengelebt, seine Freundin, die gemeinsame Tochter, die zwei Kinder der Freundin. «Ich war das Familienoberhaupt», meint er mit fester Stimme. Die Tochter der Freundin habe ihn aber nie als Stiefvater akzeptiert. Irgendwann schaffte er es nicht mehr, sich um alle zu kümmern. Im Oktober haben sie sich getrennt.
Seither ist er obdachlos. «Wie soll ich eine Wohnung finden, so wie ich aussehe? Wie soll ich eine Stelle finden?» Seine Augen blicken finster. Die schwarzen Haare sind zerzaust, die Kleider abgetragen, schmutzig. Hinter der beginnenden Verwahrlosung verbirgt sich ein attraktiver Mann. Er ist eloquent, seine Argumente fundiert.
Irgendwie wollen seine Sprache und sein Äusseres nicht zu seinen nervösen Handlungen passen. «Ich zeig dir was.» Wir gehen zu den Toiletten. Dusche und WC sehen sehr sauber aus. «Am Morgen ist hier alles voller Blut und Spritzen. Hier macht es mich nicht an, mich zu waschen.»
Durch die Tür in eine andere Welt
00.30 Uhr. Im Aufenthaltsraum sitzen ein paar Männer. Es ist still, niemand spricht. Nur der Fernseher murmelt leise. Der Prozess gegen Michael Jackson läuft. «Sie werden sehen, wenn Sie nach einem Abend in der Notschlafstelle wieder auf die Strasse treten, kommt Ihnen die Welt so ganz anders vor», hat Matthias
Schneebeli gesagt. Es schneit, als die Fotografin und ich die Notschlafstelle verlassen. Schweigend gehen wir
nebeneinander her. Den Bus lasse ich ohne mich losfahren, ich gehe den halbstündigen Weg zu Fuss.