der arbeitsmarkt | 02/03/2005 | Text: Mike Niederer, Pascale Grundlehner
Interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) hat zum Ziel, das Wirken von Invalidenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Sozialdiensten sowie Berufs- und Laufbahnberatung besser zu koordinieren. Die meisten der vom Staatssekretariat für Wirtschaft unterstützten IIZ-Projekte wurden von engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der involvierten Institutionen lanciert. Mehrere kantonale Modelle
befinden sich zurzeit in der Pilotphase. Da sie lokal – sozusagen an der Basis – entstanden, verfolgen sie auch unterschiedliche Wege. «der arbeitsmarkt» stellt die Modelle aus drei Kantonen vor.
Im April 2003 lancierte das seco im Aargau mit dem Projekt NetzWerk IIZ einen Feld-versuch zur verbesserten Kooperation der ausführenden Institutionen im Erwerbslosenbereich (siehe «der arbeitsmarkt» 1/2 2004). Erst war das Projekt auf den Bezirk Baden beschränkt, im zweiten Jahr wurde es auf den ganzen Kanton ausgedehnt. Im Frühjahr 2005 soll ein mehrjähriges Folgeprojekt beginnen. Es wird nicht wie der Feldversuch vom seco, sondern kantonal von AWA, IV und Sozialdiensten finanziert. Die IIZ-Fachstelle, vom HEKS Lernwerk in Turgi ins Leben gerufen und getragen, hat selbst keine Beraterfunktion, sondern übernimmt Organisation und Moderation. «Wir stellen Strukturen, Wissen und Verbindungen zur Verfügung. Fallarbeit machen wir nicht», sagt Rita Kovacs, die Kommunikationschefin von NetzWerk IIZ.
Die Ziele sind dieselben wie in anderen Kantonen: Erwerbslosen oder von Erwerbslosigkeit bedrohten Personen mit Mehrfachproblematik und Schnittstellen zu mehr als einer Sozialinstitution soll mit vereinten Kräften die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Um dies zu erreichen, arbeitet NetzWerk IIZ mit der Methode des Case Management.
Das heisst, für jeden Klienten oder jede Klientin wird ein Case Team gebildet. Es besteht aus dem Klienten selbst und IIZ-Vertretern aus denjenigen Institutionen, die im Fall involviert sind. «Es war unsere Forderung, dass es bei RAV und IV-Stellen Leute gibt, die in Case Management ausgebildet sind», sagt Rita Kovacs. Geschult werden diese IIZ-Vertreter in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Bern. Wer einen Fall in die IIZ einbringt, leitet in der Regel als Case Manager das Team und ist erste Ansprechperson für den Klienten. Er funktioniert sozusagen als Übersetzer zwischen Klient und Institutionen. Bevor das Prozedere beginnt, muss der Klient sein Interesse an IIZ schriftlich bekunden. Er kann weder zur Teilnahme verpflichtet werden, noch muss er Sanktionen im Fall eines Abbruchs befürchten.
Bei der Anmeldung gibt die anmeldende Institution die fallrelevanten Schnittstellen an. Je nach Wunsch und Bedürfnissen werden auch die Berufsberatung, der Hausarzt oder weitere Stellen mit einbezogen. Bei diesen holt NetzWerk IIZ in der Folge die für die Zusammenarbeit nötigen Informationen ein. Das sind Angaben zum Klienten sowie zu Rahmenfristen, Taggeldern oder geplanten Massnahmen. Diese werden in das so genannte Stammblatt Case Management übertragen und mit der Einladung zur Case-Team-Sitzung an alle Teilnehmenden verschickt. Daten- und Persönlichkeitsschutz der Klienten seien aber gewährleistet, betont Rita Kovacs, denn «es werden nicht Unterlagen ausgetauscht, sondern Informationen ins Case Team eingebracht». Ausserdem verpflichten sich die Mitglieder des Teams mit der Unterzeichnung eines «Commitments», diesbezüglich die gesetzlichen Bestimmungen zu beachten.
NetzWerk IIZ übernimmt die Moderation der Case-Team-Sitzung. Der Klient stösst erst nach einer halben Stunde dazu. Der Moderator oder die Moderatorin stellt ihm seine Situation aus Sicht der beteiligten Institutionen vor, und er bekommt Gelegenheit, seine eigenen Vorstellungen darzulegen.
Danach werden gemeinsam Ziele definiert und Lösungen erarbeitet. Die Bandbreite der danach beschlossenen Massnahmen kann von arbeitsmarktlichen Massnahmen über medizinische und finanzielle Abklärungen bis zu psychologischer Beratung und angestrebter Veränderung im sozialen Umfeld reichen. «Wir haben auch schon gemeinsam mit einem Klienten beschlossen, dass er seine Wohnsituation ändern sollte», führt Rita Kovacs aus.
Meist reicht eine Sitzung von zwei Stunden aus. Im weiteren Verlauf kommunizieren die Beteiligten per E-Mail und anhand der von NetzWerk IIZ laufend aktualisierten Statusberichte. Diese fassen den Stand der Dinge in den relevanten Bereichen (Arbeit, Gesundheit oder Finanzen) zusammen.
Welche Ziele wurden gesetzt? Welche Massnahmen ergriffen? Warum wurden die Ziele erreicht oder nicht? Ist der Fall abgeschlossen, erfolgt der Abschlussbericht an die beteiligten Stellen.
Rita Kovacs ist von der Methode des Case Management überzeugt: «Das Wissen darum, was in den anderen Institutionen geschieht, erweitert die Handlungsspielräume.» Für den Klienten sei es aufbauend, dass sich alle mit ihm zusammensetzen würden, um zielgerichtet Lösungen anzustreben. Aber es würden ihm auch die Grenzen aufgezeigt: «Der Klient wird mit der Realität konfrontiert statt mit Teilwahrheiten. Das wirkt läuternd und gibt neue Hoffnung.» Und auch in den Institutionen kommt die Methode gut an. Die Mitarbeiter erhalten eine ganzheitlichere Einsicht, wodurch auch der eigene Job aufgewertet wird. Ein zusätzlicher Aufwand sei Case Management höchstens in der Aufbauphase gewesen, erinnert sich Rita Kovacs. Mittlerweile sei der Ablauf aber schon sehr formalisiert, und die Hauptaufgabe für NetzWerk IIZ sei jetzt die Vertiefung des Wissens über Funktion und Anwendung. «Indem wir das Wissen aus den Case Teams in den Alltag integrieren, bauen wir elementares Wissen auf», sagt Rita Kovacs nicht ohne Stolz. Und mit einem schelmischen Lächeln fährt sie fort: «Wenn wir gut arbeiten, braucht es uns in ein paar Jahren nicht mehr.»
www.lernwerk.ch » Netzwerk IIZ