der arbeitsmarkt | 09/2006 | Text: Stephan Koncz

Selbstverständlich weltoffen

Jung, mehrsprachig, hochqualifiziert und tolerant: Die Mitarbeitenden der internationalen Organisationen bereichern die Stadt Genf.

Genf präsentiert sich im Sommer von seiner besten Seite. Auf der Mont-Blanc-Brücke: mediterrane Postkartenidylle. Die Wellen tiefblau, die Bucht von einer Quaimauer geschützt, mit einem weissen Leuchtturm am Ende, dahinter Segelboote, wie Spielzeuge schaukelnd. Auf den Promenaden flanieren Einheimische und Touristen. Man parliert auf Französisch, Englisch, Spanisch, selten auf Deutsch. Es wird gestikuliert und gelacht, geflirtet und beobachtet. Eine Bühne für den Alltag.
Genfs Trumpf ist eine entspannte, selbstverständliche Weltoffenheit. Das zieht viele an. Inzwischen haben knapp 45 Prozent der Einwohner einen ausländischen Pass. Die Stadt weiss um diesen Standortvorteil und spielt ihn auch aus. Nirgendwo sonst in der Schweiz finden sich so viele Hochschulinstitute mit globalen Forschungsschwerpunkten, Nichtregierungsorganisationen, internationale Organisationen und deren Ableger wie in der Rhonestadt.
Bei Letzteren sind Roy Santana, Fernando Pierola und Charlotte Diez angestellt. Sie haben vieles gemein: Sie sind im Ausland geboren, jünger als 35 Jahre, hochqualifiziert, mehrsprachig, motiviert und wohnhaft in Genf. Sie schätzen die Sicherheit, die sie aufgrund ihrer Arbeitsverträge geniessen. Die sind mehrjährig, mit Option auf Verlängerung – in ihrem Umfeld keine Selbstverständlichkeit, denn bei einigen internationalen Organisationen werden kurzzeitige Anstellungen immer häufiger. Mit dem Salär sind sie zufrieden, obschon Roy und Fernando als Juristen mit Spezialgebiet internationales Handelsrecht in der Privatwirtschaft einiges mehr verdienen könnten. Was bei ihrem Entscheid zählte, das berufliche Glück im Ausland zu suchen, war nicht die Aussicht auf eine prall gefüllte Lohntüte oder Steuervergünstigungen. Vielmehr war es Neugier, der Wunsch nach Erweiterung des Horizonts in beruflicher und persönlicher Hinsicht. Für sie ist Genf ein Ort des Übergangs.
Die Rhonestadt beherbergt eine der bekanntesten Bühnen der internationalen Politik: die Welthandelsorganisation (WTO). Dort ging es diesen Sommer heiss zu und her. Ende Juni titelten Wirtschaftsblätter: «Fünf vor zwölf bei der WTO». Im Blitzlicht der Kameras standen die Minister der Mitgliedsländer, die sich am Hauptsitz in Genf zu einer Krisensitzung eingefunden hatten, um die festgefahrenen Verhandlungen für eine Liberalisierung des Welthandels wieder in Schwung zu bringen. Nach zwei Tagen des Feilschens Ernüchterung: Handelsdiplomatie ist ein knallhartes Geschäft. Es gilt, die wirtschaftlichen Interessen von 149 Staaten unter einen Hut zu bringen.

Roy Santana, schweizerisch-costa-ricanischer Doppelbürger, Spezialist für Handel mit Industriegütern in der Abteilung «Marktzugang» bei der WTO, hatte für einmal Glück und musste keine Überstunden leisten, denn verhandelt wurden die Dossiers Landwirtschaft und Dienstleistungen, die nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Der 33-jährige Handelsjurist und Ökonom kann sich über mangelnde Arbeit trotzdem nicht beklagen. Daran hat er sich gewöhnt. Kein Tag ist wie der andere. Langeweile oder Routine kommen nicht auf. Als Höhepunkte erwähnt er Sitzungen des Ministerkomitees, bei denen er mitgewirkt hat. «Es ist schon ein besonderes Gefühl, Entscheidungsträger wie zum Beispiel Bundesrat Deiss, den ich nur aus den Medien kannte, hautnah zu erleben.»
Sein kleines und karges Büro befindet sich im dritten Stock im Ostflügel des WTO-Gebäudes, das in den 1920er-Jahren erbaut wurde, im neorealistischen Stil. Bis vor elf Jahren diente es als Sitz der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Das GATT, die Vorläuferorganisation der WTO, war deren Untermieter. Es liegt inmitten einer grosszügigen Parkanlage mit Seeanstoss. Herrschaftlich. Insgesamt 600 Personen arbeiten hier. In Roys Abteilung «Marktzugang» sind es zwölf: acht Juristen und vier Sekretärinnen. Aller Anfang ist schwer. Als Roy vor gut fünf Jahren zur WTO kam, hatte er noch keine Arbeitserfahrung in einem internationalen Umfeld. Die Aufnahmeprüfung war schwierig. Die Selektion der Bewerber war hart. Doch er ist ein Schaffer, ein «Büezer» der anderen Art, schweizerisch-costa-ricanisch, mit Krawatte und Anzug und einer guten Portion Humor. Auch interkulturelle Herausforderungen schrecken ihn nicht. «Jeder Mitarbeiter bringt seinen eigenen kulturellen Hintergrund mit ein. Das kann recht verwirrend sein. Missverständnisse waren am Anfang an der Tagesordnung. Inzwischen bin ich auf den Geschmack gekommen und möchte die Vielfalt nicht missen.»
Roys Fachwissen als Ökonom und Handelsjurist ist gefragt.
Nur durch Zufall und Nachfragen ist zu erfahren, dass er am Vortag befördert wurde. Nach dem Gespräch, als er uns zum Ausgang begleitet, gratulieren ihm ein paar Kollegen im Vorbeigehen.
Roy nimmt sein berufliches Fortkommen gelassen. Wichtiger ist ihm, dass er im Oktober Vater wird. Bei diesem Thema beginnt er vor Freude und Stolz zu strahlen. Es wird ein Junge – so viel ist klar. Offen ist, wie er heissen wird. Zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls aus Costa Rica stammt, ist er noch auf der Suche nach einem passenden Namen. Kein leichtes Unterfangen, denn der Junge wird in einem internationalen Umfeld aufwachsen. Das gilt es zu berücksichtigen. Wo die Familie Santana in fünf oder sechs Jahren wohnen wird, ist ungewiss. Mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: «Aber er wird nicht Carlos Santana heissen», obschon Roy dessen Musik gerne hört.

Fernando Pierola, Peruaner, ist wie Roy Handelsjurist und arbeitet für das Advisory Center on WTO Law (ACWL). Das Zentrum wurde 2001 als öffentliche internationale Organisation gegründet und hat inzwischen 37 Staaten als Mitglieder. Es liegt ganz in der Nähe der Place des Nations, wo die Vereinten Nationen ihren Sitz haben. Die ACWL berät und unterstützt Drittweltländer in Rechtsfragen vor der Welthandelsorganisation. Daneben organisiert sie Weiterbildungsseminare für Vertreter aus Entwicklungsländern. Die Dienste des ACWL sind für jene Länder, die sie in Anspruch nehmen, fast unentgeltlich. «Bei einem grösseren Handelsstreit vor der WTO würden die Kosten von ordentlichen Wirtschaftsanwaltskanzleien schnell einmal die Grenze von einer Million Franken überschreiten. Für Länder wie beispielsweise Bolivien ist das kaum zu bezahlen. Das Zentrum verrechnet nur einen Bruchteil dessen.»
Hier treten Fernando und seine acht Kollegen auf den Plan. In Fernandos Team ist jeder Kontinent vertreten. Die Arbeit ist nicht nur fachlich herausfordernd. Seine Kollegen sind in ganz verschiedenen Rechtskulturen beruflich gross geworden. Intellektuelle Beweglichkeit ist da gefragt. Man reift, wird reflektierter. «Dir wird schlagartig bewusst: Du bist gleich und doch verschieden. Du entwickelst ein tieferes Verständnis dessen, was deine Identität ausmacht.» Fernandos Job ist keiner, der morgens um neun beginnt und abends um fünf endet. Das nimmt er gelassen, denn er weiss um die magischen Momente, wenn ein Drittweltland, das er beraten hat, einen Fall vor der WTO gewinnt. «Du fühlst dich, als ob du auf dem Mond spazieren gehen würdest.» Tiefste Zufriedenheit und Erfüllung stellen sich ein, wenn er spürt, dass sich sein Einsatz gelohnt hat: Nächte, nicht selten Wochenenden zugebracht mit dem Studieren von Akten, Sammeln von Beweisen, Feilen an Argumenten, Verfassen der Eingabe und zuletzt das Plädieren vor dem Schiedsgericht. Letztmals habe er das im Oktober 2005 erlebt, als Kolumbien, Ecuador, Costa Rica und Guatemala im «Bananenstreit» gegen die EU gewonnen haben. Doch Fernando landet gleich wieder auf dem Teppich und fügt hinzu: «Die Anwaltstätigkeit ist eine tägliche Herausforderung mit ungewissem Ausgang, wie ein Kollege zu sagen pflegt.»
Es gilt, auch Niederlagen wegzustecken und Kraft zu schöpfen. Dem 31-Jährigen gelingt dies am besten beim Krafttraining zuhause. Ganz nach dem antiken Motto, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt. Abschalten kann er auch bei der Lektüre eines guten Buches oder beim Musikhören. Er wohnt in einer Dreizimmerwohnung unweit seines Arbeitsortes. Ein weiteres Hobby ist das Schreiben. «Ich könnte mich irgendwo hinsetzen. Gib mir Papier und Bleistift und schon würde ich loslegen.» Gegenwärtig schreibt er nach Arbeitsschluss an seiner Dissertation in internationalem Handelsrecht oder an mehreren Artikeln für verschiedene Fachzeitschriften. Doch auch Privates wird mit spitzer Feder auf Papier festgehalten. Sehr wichtig ist ihm der regelmässige Kontakt mit Peru, das er vor über fünf Jahren verliess und wo seine Familie wohnt. Fernando könnte dort als Anwalt arbeiten. Er zieht es jedoch vor, sich im Ausland für seine Heimat und andere Drittweltländer einzusetzen. Irgendwann wird Peru ganz direkt von den Erfahrungen profitieren, die Fernando beim ACWL sammelt. Irgendwann wird er dorthin zurückkehren, definitiv. Manchmal hat er auch Heimweh. Da hilft es, dass er viele Genfer und internationale Freunde hat. Ein Telefonanruf genügt, und schon ist ein Treffen vereinbart.

Charlotte Diez, Französin, ist erst 29 Jahre alt und schon Abteilungsleiterin beim Institut der Vereinten Nationen für Ausbildung und Forschung (UNITAR). Sie wirkt dynamisch, fröhlich und selbstsicher. Die UNITAR ist seit 1994 in Genf präsent und beschäftigt 63 Mitarbeiter aus vier Kontinenten. Charlottes Abteilung koordiniert die Ausbildung und fördert den Austausch lokaler Beamter in den Bereichen Umweltschutz, Präventivmedizin, städtische Hygiene und Sicherheit. Die Zielländer sind Drittweltstaaten. Charlotte und ihre Kollegen leisten Beachtliches. Jährlich organisieren sie rund 150 Seminare und Work-shops. Charlotte mag es, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zusammenzuarbeiten. Diplomatisches Geschick, Respekt für Herkunft, Bräuche und Empfindungen der anderen sind unerlässlich. Manchmal gehöre auch eine Portion Geduld dazu. In jedem Fall sei es eine persönliche Bereicherung. Es erweitere den eigenen Horizont. «Das eigene Land ist nicht mehr das Zentrum der Welt. Man wird kritischer, was die eigene Heimat betrifft», bemerkt sie nachdenklich. Ein paar Augenblicke später lächelt sie wieder und erklärt: «Wichtig ist das Zusammengehörigkeitsgefühl. So richtig spüre ich es, wenn wir uns einmal im Jahr mit allen unseren Arbeitskollegen in Genf treffen und Fondue essen gehen. Ob Kenianer, Libanese oder Schweizer: Jeder teilt das Gefühl, für ‹die eine Welt› zu arbeiten.»
Ihr Arbeitsort befindet sich rund eine Viertelstunde mit dem Bus vom lärmig-geschäftigen Zentrum Genfs entfernt. Ihr Büro ist in einem modernen Gebäudekomplex im fünften Stock untergebracht. Der kleine Park dämpft den Verkehrslärm der Hauptstrasse. Nur ein gleichmässiges Rauschen der Fahrzeuge ist zu hören. Für ihre Arbeit hat Charlotte Feuer gefangen. Eben ist sie aus Rio de Janeiro zurückgekehrt, wo sie in einer Favela mit mehreren lokalen Selbsthilfegruppen eine HIV-Informationskampagne organisiert hat.
Berufsbedingt ist sie häufig in Europa und Amerika, selten in Asien oder Afrika unterwegs. Da hilft es, dass ihr Büro gerade an einer der Verkehrsachsen liegt, die zum Flughafen Genf-Cointrin führen. Obschon Genf für sie nur einen Ort des Übergangs darstellt, betont sie, dass es für sie enorm wichtig ist, ein Gefühl des Verbundenseins mit der Stadt zu entwickeln. Nach viereinhalb Jahren hat sie sich in Genf eingelebt. Sie wohnt in einer Altbauwohnung, die zehn Gehminuten von der Altstadt entfernt liegt und bezahlbar ist. «Ich musste lange suchen und bin superglücklich, sie gefunden zu haben.» Herkunft, Muttersprache und Hobbys erleichterten ihr die Integration. Musik und Tanz haben es ihr angetan. Beides bringt die Menschen zusammen. An Wochenenden ist sie im brasilianischen Café gleich bei ihr um die Ecke anzutreffen. Brasilianische Lebensfreude und heisser Samba sind dann angesagt.
In der Freizeit wandert sie. Genf mit den Alpen und dem Jura vor der Haustüre ist dafür ideal. Ihr Freund, der ebenfalls bei einer internationalen Organisation arbeitet, begleitet sie bei ihren Streifzügen in den Bergen. Ganz wichtig ist ihr der Kontakt zur Familie, die in der Provence lebt. In den Ferien geht Charlotte sie besuchen. Dort tankt sie auf, kann sie ihre Seele baumeln lassen. Über ihre berufliche Zukunft macht sich Charlotte keine Sorgen. Sie möchte noch ein paar Jahre bei den Vereinten Nationen bleiben, am liebsten in der Entwicklungshilfe. Ein längerer Einsatz im Feld, ausserhalb von Europa? «Warum nicht?», antwortet sie blitzschnell und ihre Augen funkeln.
Genf ist das Tor der Schweiz zur Welt, Diplomatenstadt, die Bühne zahlreicher internationaler Konferenzen. Für Menschen wie Roy, Fernando und Charlotte, die im Hintergrund professionell, engagiert ihre Arbeit verrichten, ist Genf auch das: eine Zwischenstation.

 
 
 

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