der arbeitsmarkt | 12/2006 | Text: Gallus Keel
Ein Inspektor macht Karriere
Als Emmen im vergangenen Jahr mit Christoph Odermatt einen Sozialinspektor einstellte, um unehrliche Sozialhilfebezüger zu enttarnen, buhte die halbe Nation. Heute wird das Modell schweizweit kopiert.
«Es war Voraussetzung, einen breiten Rücken zu haben», lacht Christoph Odermatt, «doch den hatte ich noch von der Polizei her.» Heute hat der Zentralschweizer zusätzlich noch ein dickes Fell – vor allem der Presse wegen. Odermatt arbeitete in Luzern bei der Kripo, bevor er im Februar 05 die neu geschaffene Stelle des «Sozialinspektors» in Emmen antrat. Eine nationale Novität. Unerwünschter Ermittler, Sozialsheriff, Sozialdetektiv, Schnüffler – es hagelte kritische bis verächtliche Kommentare, als der Luzerner Vorort seinen neuen Mann im gemeindeeigenen «Emmenmail» und in den Medien ankündigte.
Mit der Flucht nach vorn hatte Emmen versucht, dem neuen Amt den Schleier jeglichen Geheimnisses zu nehmen. Lange vor seinem Stellenantritt wurde Odermatt samt Konterfei publik gemacht. Ein bisschen Abschreckung schadet ja nicht. Die Gemeinde wollte von Anfang an mit offenen Karten spielen, um alle aus Krimi und Spionagefilm genährten Fantasien zu unterbinden: Der Emmen-Spion äugt mit dem Nachtsichtgerät um Häuserecken; er filmt versteckt aus dem Velounterstand einen Hauseingang; er sitzt in einer Bar und zählt zusammen, wie viel XY heute für die Drinks ausgibt…
Kein Denunziantentum, obwohl die Informanten anonym bleiben
Statt eines Krimis ist es indes eine ziemlich nüchterne Tagesschau: «Vor allem ist es ein Bürojob, ich studiere zuvorderst Akten.» Aber es gebe schon Zeiten, wo er mehr draussen sei, erklärt Odermatt. «Ich gehe auch beobachten, sicher, höchstens zwanzig Prozent der Arbeitszeit, aber man muss das mit gesundem Menschenverstand anschauen. Nur auf konkrete Verdachtsmomente hin werde ich aktiv, ich mache keine stichprobenmässigen Abklärungen – jedenfalls ist das bis heute nicht mein Auftrag.» Vom Sozialamt, von der Einwohnerkontrolle, vom Steueramt, auch aus der Bevölkerung kommen die Meldungen. Dass da nun ständig angerufen werde und ein Denunziantentum floriere, kann Odermatt nicht bestätigen. «Überhaupt nicht. Ich überprüfe prinzipiell jeden Hinweis, auch um zu vermeiden, dass es je zu einem Fall kommt, von dem es im Nachhinein heisst, wir hätten davon gewusst, aber nichts unternommen.» Die Öffentlichkeit würde sehr sensibel reagieren. «Aber ganz wichtig: Ich gebe niemandem einen Informanten preis – das ist mein Datenschutz.»
War Emmen ins Fettnäpfchen getreten? Obwohl es im Ausland da und dort im Sozialwesen längst vergleichbare Kontrollfunktionäre gibt, wollte hierzulande niemand Emmen kopieren. Man distanzierte sich mehrheitlich. Die Sache schien anrüchig zu sein. Zu gut hatte man vielleicht im Kopf, dass diese Gemeinde schon in Sachen Einbürgerungspraxis auf die Kappe bekommen hatte. Aus Zürich kamen deutliche Signale, dass so etwas im eigenen Haus nicht erwogen werde. Sozialdirektorin Monika Stocker sah keinen Handlungsbedarf, die internen Kontrollen seien genügend.
Kleinere Sozialämter, die nicht so leicht zur puren Zahlstelle verkommen können, sind vom Missbrauch natürlich weniger betroffen. Im «St.Galler Tagblatt» durfte etwa der Leiter des Sozialamtes im rheintalischen Buchs, Hansruedi Rohrer, hohe Transparenz verkünden. «Im Gegensatz zu Zürich kennen wir hier die Leute. Sonst hätte ich nicht das relativ gute Gefühl, dass der Missbrauch nur in einem sehr kleinen Rahmen stattfindet.»
Versteckte Vermögen, Schwarzarbeit und Urkundenfälschung
In Emmen (Emmenbrücke ist Teil der Gemeinde) sind die Verhältnisse weniger idyllisch, die Stadt hat 27000 Einwohner. Bei 735 Dossiers (gleich 1226 unterstützte Personen) ist Odermatt innerhalb seines ersten Jahres auf 16 «unsaubere» gestossen. Das ist eine Missbrauchsquote von 2 Prozent. Da gibt es den Fall einer Person, die schon sieben Monate wieder arbeitet, schwarz, aber Sozialhilfe bezieht. Deliktsumme 19000 Franken. «Auch das gehört zu meiner Arbeit: Wie komme ich zu diesem Geld? In diesem bestimmten Fall ist die Rückzahlung an das Urteil gebunden, sonst wird die bedingte Strafe zu einer unbedingten.» Auch Urkundenfälschung hat er entdeckt. Oder da ist jene Person, die Sozialhilfe bezieht, aber 35000 Franken Vermögen verdeckt hält. Oder Odermatt findet heraus, dass in der Wohnung einer Unterstützten ein Verdienender mitwohnt. Das Sozialamt «sponsert», weil es ja die Miete bezahlt, quasi den Untermieter.
Insgesamt etwa 110000 Franken an Veruntreutem ist Odermatt im ersten Arbeitsjahr auf die Spur gekommen. «Man muss sehr unterscheiden zwischen Leuten, die etwas ganz gezielt gegen das Gesetz machen, und jenen, bei denen es zu keiner Strafanzeige kommt, die einfach sanktioniert werden.» Odermatt zählt die Delikte und Mogeleien zögerlich auf, er ist nicht gerne der Buhmann. Er kann zum Ausgleich auch Anekdotisches erzählen, das ans Herz rührt. Wie er zum Beispiel einer Frau, die ihm positiv aufgefallen war, eine Stelle vermittelte, die er gerade zufällig ausgeschrieben gesehen hatte. Er fädelte die Sache ein. «Es ist ja nicht so, dass, wer einen Missbrauch begeht, ein schlechter Mensch ist.»
Und dann der Skandal: Jugendliche aus der Schweiz, die in Spanien auf Kosten des Zürcher Sozialamtes in Tierkäfigen sozialisiert werden! Es war ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse; Stadträtin Monika Stocker wurde parlamentarisch verpflichtet, über die Bücher zu gehen und Massnahmen vorzuschlagen. Im September schliesslich wurden die Konsequenzen kommuniziert: Auch Zürich schickt fortan Sozialinspektoren los. Ab nächstem Juli werden fünf Personen – 250 Stellenprozente – etwas genauer schauen, wohin die Unterstützungsgelder fliessen.
300 Millionen steckt die Stadt Zürich jährlich in die Sozialhilfe. 2,7 Millionen sind letztes Jahr ungerechtfertigt bezogen worden und wurden zurückgefordert. Wenn jetzt Profis mit noch dickeren Lupen auf die Suche gehen, dürfte eine noch höhere Summe erschwindelten Geldes sichtbar werden. «Es geht nicht darum, die Sozialabhängigen unter Generalverdacht zu stellen», versprach Sozialvorsteherin Stocker an der Pressekonferenz. Das neue Inspektorat darf nur bei begründetem Verdacht aktiv werden und ist vorerst nur bis 2010 bewilligt.
Rehabilitation, neue Aufgaben und eine zweifelhafte Ehrung
Die Genugtuung über seine stille Rehabilitation – und jener von Emmen! – kann Odermatt nicht ganz wegschmunzeln. «Vor einem Jahr hat ja Monika Stocker noch scharf geschossen auf den Sozialinspektor, wenn auch nicht auf meine Person!» Inzwischen hat sein Chef, Sozialdirektor Rolf Born, den Zürchern bereits Auskunft gegeben über die Erfahrungen in Emmen. Und in Odermatts Büro sitzen dann und wann Leute, die es
genau wissen wollen. «Tessiner waren hier, Westschweizer, Zürichbieter.» Schlieren führt den Sozialinspektor schon im Januar ein. Versuchsweise für zwei Jahre.
Odermatt als Winkelried. Er hat eine Bresche geschlagen. Viele wollen Auskunft am Telefon. Zu Besuch bei Odermatt war der Sozialarbeiter und Jurist Ulrich Bohren, zusammen mit dem Privatdetektiv Themis Kostenas. Bohlen hat seine eigene Firma, mit der er für die Sozialämter von Grenchen und Olten von Fall zu Fall tätig wird. Die externe Lösung. Eine Überprüfung kostet so weniger als 4000 Franken. Für kleinere Sozialämter ist das klar der kostengünstigere Weg, Schummeleien und Straftatbestände aufzudecken. Auch Odermatt ist zwischenzeitlich kein hundertprozentiger Sozialinspektor mehr. «Es haben sich laufend neue Arbeiten ergeben in der Gemeindeverwaltung. Controlling. Es läuft ein Projekt in Prozessoptimierung, Qualitätsmanagement. Auf diesem Gebiet habe ich mich weitergebildet und ich kann es jetzt konkret umsetzen. I ha no es paar Chüeche im Ofe, wenn man das so sagen darf.» Odermatt überlegt kurz, ob Eisen im Feuer treffender wäre.
Nach eindreiviertel Jahren im Einsatz ist Odermatt gelassener. Es wird nicht so heiss gegessen, wie gekocht wird. Die turbulentesten Zeiten sind Erinnerung. So gut die Kommunikation nach aussen gewesen sei vor seinem Stellenantritt, so unbefriedigend hat Odermatt sie hausintern erlebt. «Das ist vor allem der Grund, warum der Anfang so zäh war. Die Leute im Sozialamt wussten zu wenig, was sie erwartet. Es entstand der Eindruck, ich würde ihre Arbeit kontrollieren. Es dauerte relativ lange, bis klar war, dass es vielmehr darum geht, die Sozialarbeitenden zu entlasten.» Dass er von der Polizei gekommen sei, habe zusätzlich für böses Blut gesorgt. Er sei bei einigen zum Elefanten im Porzellanladen gemacht worden. «Und einmal mehr spürte ich, dass der Beruf des Polizisten von vielen grundsätzlich negativ bewertet wird, ohne dass sie im Bild sind, was ein Polizist genau macht und was er gelernt hat. Ich glaube, ich kann von mir sagen, dass ich eine ganz brauchbare Menschenkenntnis habe.»
Diese hat ihm wahrscheinlich auch geholfen, als er letztes Jahr «für seine Schnüffeleien im Leben von Sozialhilfebezügern» in der Kategorie Staat den nationalen «Big Brother Award» zugesprochen bekam. Den Pokal, einen Big Brother aus Beton, hat er bis heute nicht gesehen, nur das Diplom, «dabei würde er ganz gut hier ins Büro passen». Die satirischen Veranstalter halten es eben wie die Oscar-Verleiher; die Trophäe muss persönlich abgeholt werden, sie wird nicht nachgeschickt.
Auf dem rostroten Wolkenkratzerlein der Gemeindeverwaltung Emmen, auf dem Dach beim Fototermin, streift der 32-jährige Odermatt sein Amt von sich und wird ein bisschen Christoph. Er zeigt hinüber, wo er wohnt mit seiner Frau und der dreijährigen Tochter. Das Schwesterchen folgt im Januar. Musik macht er, trompetet in der Musikgesellschaft Emmen, deren Vizepräsident er ist. Elvis Presley ist für ihn, melodiös und textlich, etwas vom Feinsten, unschlagbar. Aber auch John Denver, Johnny Cash, den Bee Gees oder den Beatles leiht er sein Ohr. Für die CVP sitzt er im Einwohnerrat. Ziemlich sündig war Emmen-Emmenbrücke in der Vergangenheit, ja, ja, Odermatt zeigt auf ein paar Hässlichkeiten. «So hätte man wirklich nicht bauen dürfen.» Vorbei ist vorbei. Packen wirs an. Der Luzerner Vorort poliert kräftig an seinem Image – getreu dem gemeindeeigenen Slogan: «Emmen. Überraschend anders.»