der arbeitsmarkt | 10/2004 | Text: Anita Baechli
Hotel ohne Gäste, Betten und Bar
In virtuellen Unternehmen lernen Arbeitslose, Erwerbsbeeinträchtigte oder Lehrlinge fürs Leben in der realen Arbeitswelt. Das Konzept hat weltweit Erfolg.
Zürichs Hotelangebot ist seit Anfang 2004 um ein Seminar- und Konferenzhotel reicher. Mit 22 Doppel- und 32 Businesszimmern sowie einem umfangreichen Seminarangebot in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Rhetorik wirbt das «La Parola» in Zürich-Höngg um Gäste und Teilnehmer. Geführt wird das Vier-Sterne-Hotel zurzeit von einer Hoteldirektorin, ihrem Stellvertreter und bloss fünf Mitarbeitern. Wie ist das möglich? Ein Besuch an der Naglerwiesenstrasse 4 soll das Rätsel lösen.
Kein Hotelschild am Gebäudekomplex. Kein Portier, keine Rezeption, weder Bar noch Restaurant mit Blick auf die Limmatstadt. Der Empfang durch die Direktorin Annette Studer und ihr Stellvertreter Angelo Frei ist zwar herzlich, doch wo sind die Gäste, die Zimmer, der Seminartrakt? Zwei Minuten genügen für die Führung durch die Hotelanlage. Denn sie besteht aus einem Büro mit vier Arbeitsplätzen, PC und Telefon.
«La Parola» ist ein virtuelles Hotel im Sinne einer Übungsfirma der ESPAS, der Stiftung für wirtschaftliche und soziale Integration Erwerbsbeeinträchtigter. Als Brücke zwischen IV-Stellen und Arbeitgebern bietet ESPAS in Zürich, Richterswil und Winterthur 155 Menschen geschützte Arbeitsplätze. Dass die Stiftung nun gar
ein Übungshotel betreibt, sei von ihnen begeistert aufgenommen worden, weiss Annette Studer zu berichten, die als Hoteldirektorin vorwiegend mit Planung, Lehrlingsausbildung und Gruppenleiteraufgaben beschäftigt ist.
Einkauf und Marketing für imaginäre Waren
Aber nicht nur Erwerbsbeeinträchtigte lernen für das Leben in einem virtuellen Raum. Als sich zu Beginn der Neunzigerjahre die Krise auf dem Arbeitsmarkt verschärfte, waren neue Lösungsansätze und Modelle gefragt. So wurden 1993 in der Schweiz im Bereich der Arbeitslosenprojekte die ersten Übungsfirmen (ÜF) gegründet,
ein Jahr später kam die Schweizerische Übungsfirmenzentrale (CSEE) dazu. Sie wurde als Mandat vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) und dem Schweizerischen Kaufmännischen Verband (SKV) ins Leben
gerufen, um den virtuellen Firmen wie etwa den Anbietern von Autozubehör, Kosmetika, Musicboxes oder Thermalkuren eine möglichst realitätsnahe Arbeitsweise zu ermöglichen. Der Büroalltag in einer ÜF respektive die magische Arbeitszeitformel lautet 60 Prozent Praxis, 20 Prozent Aus- und Weiterbildung, 20 Prozent betreute Stellensuche. Während des (in der Regel) sechsmonatigen Praktikums erhält der Beschäftigte Einblick in die Bereiche Administration, Einkauf, Marketing, Personal-wesen, Buchhaltung. Findet der «Angestellte» eine Stelle, kann er die «Firma» jederzeit verlassen.
Seit 1997 gehört die CSEE, der inzwischen über 45 nationale Betriebe angeschlossen sind, dem internationalen Netz EuroPEN (European Practice Enterprises Network) an. Der Dachverband zählt heute weltweit über 4500 ÜF und vertritt auch deren Interessen. Da in einer ÜF weder real Waren produziert werden noch real Geld in Umlauf gesetzt wird, beschränkt sich der Handel auf das Übungsfirmennetz. Rund 80 Prozent der Schweizer ÜF sind auch international tätig und nutzen das weltweite Netz für ihre Geschäfte.
Portokosten: 45000 Franken im Jahr
Dem CSEE-Team in La Chaux-de-Fonds kommt dabei eine wichtige und reale Rolle zu: Es unterstützt das fiktive Geschäftstreiben, indem es als Drehscheibe die Rolle von Post, Bank, Versicherung, Zollamt, Steuerverwaltung und Handelsregister übernimmt. Täglich wird kiloweise Post gesammelt und an andere Übungsfirmen und Zentralstellen im Ausland verteilt. Alleine für Porti werden rund 45000 Franken jährlich ausgegeben.
Nebst den technischen Dienstleistungen berät die CSEE Interessierte beim Aufbau einer neuen Übungsfirma. Denn ähnliche Projekte werden inzwischen auch an Staats- und Privatschulen durchgeführt. Immer populärer werden ÜF in der Privatwirtschaft. Grossfirmen etwa errichten virtuelle Welten, um ihre Lehrlinge dort auszubilden, wo grobe Fehler keine gravierenden betrieblichen Konsequenzen haben können.
Firmen sind aber auch anderweitig gefragt. Sie können als real existierender Götti für eine Übungsfirma eine wirkungsvolle Unterstützung sein. Dabei macht es Sinn, dass diese der Übungsfirmenstruktur möglichst nahe sind und sich bei der Suche nach Mitarbeitern zuerst einmal in der Übungsfirma umschauen. Dass die Patenfirma in der Region von wirtschaftlicher Bedeutung sein sollte, ist ebenfalls erwünscht. Firmengöttis braucht es für Weiterbildungskurse, aber auch für simulierte Bewerbungsgespräche, damit ÜF-Mitarbeiter erleben, wie es in der Realität läuft. Nicht zuletzt kann eine Patenfirma dem Übungsbetrieb Ausstellungsware für die jährlich stattfindende Messe «SwissMeet» zu Verfügung stellen.
Wellnesszone in Planung
Dieser Anlass ist die lehr- und abwechslungsreiche Gelegenheit, sich seinen möglichen Handelspartnern vorzustellen. Über 40 ÜF aus der Schweiz und ganz Europa nahmen an der diesjährigen «SwissMeet» in Chiasso teil. «Der Lerneffekt beim Ein- und Verkauf ist in der arbeitsintensiven Vorbereitungsphase und während der beiden Messetage enorm», weiss CSSE-Direktor Laurent Comte.
Für das «La Parola» wäre die diesjährige Messeteilnahme mit einem eigenen Verkaufsstand allerdings verfrüht gewesen. Schliesslich befindet man sich noch in der Aufbauphase. Doch es geht eindeutig aufwärts. Stolz und Freude herrschen während unseres Besuchs im Hotelbetrieb. Übers Wochenende sind drei Anfragen eingetroffen, die sommerliche Buchungsflaute ist Vergangenheit. Jetzt können die Projektierungsarbeiten für eine hoteleigene Wellnesszone beginnen.
Link: www.practicefirms.ch膄