der arbeitsmarkt | 10/2004 | Text: Dominique Schmidt
Fahrradträume für Afrika
Die Velorecyclingwerkstatt Drahtesel im Berner Liebefeld bietet seit 1993 ein Programm für die Integration Erwerbsloser an, das ökologisch und entwicklungspolitisch sinnvoll ist. Mit dem Export ausgedienter und wieder instand gestellter Fahrräder schlägt der Drahtesel eine Brücke vom hiesigen Konsumüberfluss zur Mangelwirtschaft in Übersee.
Die brunette Schweizerin Kathrin Versell, 28, arbeitete vier Jahre lang als Flight Attendant, bis sie wegen Schlafstörungen – als Folge von unregelmässig geleisteten Nachtflügen – diese Tätigkeit aufgeben musste. Zuvor war sie als ausgebildete kaufmännische Angestellte tätig. Nun erledigt sie in der Drahtesel-Administration Korrespondenz, Bestellwesen und Telefondienst. Am viermonatigen Einsatz gefallen ihr die feste, arbeitsmarktnahe Tagesstruktur und die Erhaltung ihrer Qualifikationen im Bürofachbereich. Danach möchte sie sich in den Bereichen Soziales, Wellness oder Ernährungsberatung weiterbilden.
Der studierte Psychologe Farhad Barakzoy, 43, aus Afghanistan kam 1991 als Flüchtling in die Schweiz. Zwar wünschte er sich schon als Knabe ein Fahrrad, von Veloreparatur aber verstand er bis anhin nichts. Jetzt hat
er sich in der Drahtesel-Werkstatt zum Vorarbeiter hochgearbeitet. Am sechsmonatigen Programm schätzt er die Einbindung in ein Team und Hilfestellung bei Bewerbungen. Der Vater zweier Mädchen möchte sich nun selbständig machen und ein Restaurant eröffnen.
Löten und schweissen für Burkina Faso und Eritrea
Dies sind zwei Kurzbiografien von insgesamt 55 unterschiedlich qualifizierten Personen verschiedenen Alters, die im Moment über das Drahtesel-Programm den Einstieg in die Arbeitswelt suchen. Die Hälfte von ihnen hat keinen Berufsabschluss, die anderen haben meist eine handwerkliche Tätigkeit erlernt. 44 von ihnen sind bei der Arbeitslosenversicherung bezugsberechtigt, elf Personen wurden über die Invalidenversicherung, Flüchtlingsdienste, das Sozialamt oder andere Institutionen vermittelt. Leitungsteam und Kernbelegschaft umfassen elf Leute, die sich 720 Stellenprozente teilen; dazu kommen zwei Zivildienstleistende, zwei Lehrlinge und eine Praktikantin. Die Vermittlungsquote liegt zwischen 30 und 60 Prozent, je nach Situation auf
dem Arbeitsmarkt. Drahtesel-Gründer Paolo Richter erklärt denn nicht ohne Stolz: «Dies ist für ein Programm im handwerklichen Bereich ein Erfolg und hat auch mit der ganzheitlichen Förderung der Leute zu tun.» So werden im Drahtesel nicht nur fachliche Fähigkeiten in Mechanik und Metallbearbeitung wie Schweissen und Löten vermittelt, sondern auch Schlüsselqualifikationen wie Team- und Konfliktfähigkeit sowie Deutsch für Fremdsprachige gefördert. Die Einsatzbereiche sind Administration, Velowerkstatt, Ersatzteillager, Transport und das Schmuckatelier «Recycle-Art».
Zehntausende von Fahrrädern landen jedes Jahr als Altmetall im Abfall. Dies muss nicht sein. Drahtesel sammelt die nicht mehr gebrauchten Fahrräder und führt sie neuen Verwendungszwecken zu. Andere Projekte, Fahrradfachgeschäfte, Entsorgungsstellen, Polizeistationen, Liegenschaftsverwaltungen, die SBB, Versicherungen und Private helfen mit – das Netz ist mittlerweilen auf über 30 Sammelstellen angewachsen, von Bern über Luzern und Zürich in den Thurgau. Letztes Jahr waren es rund 10000 Fahrräder. In der Werkstatt im Berner Liebefeld werden die ausgemusterten Velos zu fahrtüchtigen Bikes zusammengebaut oder verwandeln sich in Gebrauchsgegenstände und Schmuck. 80 Prozent der rezyklierten Velos – 2003 waren es 7600 – werden in die Entwicklungsländer Burkina Faso, Ghana, Elfenbeinküste und Eritrea exportiert. Nur ein kleiner Teil der Occasionen werden in der Schweiz an Velobörsen oder über lokale Fachhändler angeboten. Direkt ab Werkstatt gibt es nur Ersatzteile.
Die Velorecycling-Werkstatt Drahtesel wurde von der Stiftung für Berner Wohn- und Arbeitsprojekte lanciert, die sich in der Region Bern für Menschen in materieller, sozialer und psychischer Notlage einsetzt. 1997 wurde das Schwesterprojekt Gumpesel und der Verkaufsladen Pico Bollo ins Leben gerufen. In diesem Programm mit 33 Plätzen werden alte Spielsachen rezykliert; und in einem Kollektivkurs mit 16 Plätzen wird
eine Verkaufsschulung durchgeführt.
Weitere Informationen unter:
www.drahtesel.ch und www.gumpesel.com 쇓