HR Today | 03/2007 | Text: Marianne Rupp

Visualisierung von Problemen hilft sie besser zu verstehen

Über zwei Jahrzehnte war er Personalfachmann. Dann beschloss er, Beruf und Hobby zu verbinden.
Heute bietet Hansruedi Keller Mal-Workshops an, in denen die Teilnehmenden lernen, ihre Problemstellungen von einer kreativen Seite her zu betrachten.

Visualisierung von Problemen hilft sie besser zu verstehen

Der leichte, angenehme Farbgeruch und die grosse Fensterfront fallen zuerst auf. Dann ziehen die vielen Stehpulte die Aufmerksamkeit auf sich. Auf ihnen liegen fertig gemalte Bilder, Pinsel, Blätter mit Skizzen und eingetrocknete Farbreste auf Papptellern. Bilder hängen an den Wänden und mannshohe bemalte Säulen stehen im grossen Raum. Das Malatelier ist das Reich von Hansruedi Keller. Die Kulisse stimmt, trotzdem bezeichnet er sich selber als Berater und nicht als Künstler, «das ist ein zu hoher Begriff».
Seit vier Jahren führt Keller Workshops für Unternehmen durch, die auf einem farbenfrohen und kreativen Weg ihr Leitbild, ihre Strategien oder ihren Teamgeist visualisieren wollen. «Ich biete den Leuten etwas an, das ihnen einen Mehrwert gibt und sie nachhaltig beeinflusst.» Keller weiss, dass bei vielen Workshops oft nur ein gutes Essen, ein schönes Hotel oder eine Schifffahrt bleibende Eindrücke hinterlassen. «Wenn es aber um die Inhalte geht, müssen die Leute zuerst ihre Unterlagen in den Schubladen suchen», sagt Keller aus Erfahrung. Er war während zehn Jahren Personalverantwortlicher bei der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft und arbeitete später über ein Jahrzehnt als HR-Leiter bei der in der Sicherheitsindustrie tätigen Kaba. Während dieser Zeit hat er erlebt und erfahren, dass viele Seminare kaum nachhaltig wirken. Seine Passion, das Malen, betrieb er damals als Hobby, konnte jedoch immer wieder Bilder oder Skulpturen für Firmen anfertigten.

Keller vereinigt auf optimale Weise das Wissen des Fachmanns und die Kreativität des Künstlers. Das schätzt auch seine Kundschaft. So sagt Stephan Bühlmann, Director and Member of the Executive Board der UBS Factoring AG: «Bei den Vorbereitungssitzungen unserer GL war auch Hansruedi Keller dabei. Er lieferte wertvolle Inputs und machte uns auf wichtige Punkte aufmerksam, als wir 2002 wegen einer Reorganisation einen Anlass in seinem Atelier planten.» Nicht immer wird Keller so früh involviert, er richtet sich nach den Wünschen des Auftraggebers. Manchmal übernimmt er die Rolle des Coachs, manchmal die des Moderators. Immer aber ist er der Fachmann, wenn es um die Einführung in die Maltechnik mit Acrylfarben geht – und darum, den Leuten die Hemmungen vor der Arbeit mit dem Pinsel zu nehmen. «Häufig meinen Teilnehmende, dass sie kein Talent fürs Malen hätten», erzählt Keller. «Die erste Hemmschwelle sinkt jedoch schnell. Die Angst, sich vor den anderen zu blamieren, verschwindet.» Sind die Grundkenntnisse in der Farbenlehre vermittelt, die Zweier- oder Dreierteams gebildet, ist eine erste Skizze als Vorlage gemacht und liegt der Pinsel gut in der Hand – dann vergessen die Leute ihre Bedenken und widmen sich mit Hingabe und Spass ihrer Aufgabe.
Eine Aufgabe kann beispielsweise sein, das Eigen- und das Fremdbild darzustellen, so wie es die zehn Naturwissenschaftler und Ingenieure unter der Leitung von Reto Schneider, Leiter Haftpflicht Risk Engineering bei Swiss Re, taten. «Jeder musste auf der Vorderseite einer mannshohen Holzfigur sich selber, sein Wesen und seine Fähigkeiten abstrakt mit Farben darstellen», erklärt Schneider. Die Rückseite wurde
von einem Kollegen bemalt, der so das Fremdbild visualisierte. «Anschliessend erklärte jeder, wieso er welche Farben benutzte und was sie für ihn persönlich bedeuten. Diese Arbeitsweise und der Umgang mit den Farben haben es ungemein erleichtert, über seine Kollegen und sich selber zu sprechen.» Bei der Besprechung war es entscheidend, dass keiner Farbe eine feste Bedeutung zugesprochen wurde. Keller legt Wert auf die Feststellung, dass er nicht farbpsychologisch oder therapeutisch tätig ist. Die Figuren stehen nun als nicht zu übersehende Erinnerung an den Workshop und seine Resultate in den Büros der Swiss-Re-Mitarbeitenden – und wenn jemand sein Büro zügelt, werden die Figuren liebevoll mitgenommen, wie Schneider sagt.
Eine ähnliche Funktion erfüllen auch die Bilder, die die Kadermitglieder des Kongresshauses Zürich zum Thema «Wir und das Kongresshaus in Zukunft» gemalt haben. Sie hängen im Korridor und «können nicht wie ein Blatt Papier einfach in der Schublade verschwinden und vergessen werden», wie Norbert Bolinger, Direktor des Kongresshauses, erklärt.

«Wir haben keine Zeit zum möölele» (Zürichdeutsch für «planlos malen», Anmerkung der Redaktion). Diesen Satz hört Keller immer wieder bei Akquisitionsgesprächen. «Beim Malen geht es nicht um puren Spass und auch nicht darum, innerhalb von zwei oder drei Stunden Kunstwerke zu schaffen. Ich will das Bewusstsein fördern, dass ein Thema auch anders angegangen werden kann, nämlich kreativ», sagt Hansruedi Keller. «Im Alltag wird zu stark mit der linken Hirnhälfte gearbeitet – sie ist der Sitz des analytischen und logischen Denkens. Malen fordert die rechte Hemisphäre, wo die Kreativität, die Fantasie und die Emotionen angesiedelt sind.» Zudem treten beim Malen Konflikte ans Tageslicht, die im Alltag nur undeutlich zu erkennen sind. Keller erinnert sich an sieben Unternehmensleitungsmitglieder, die ihr Leitbild visualisieren wollten. «Sie haben etwa anderthalb Stunden diskutiert, wie sie aus ihren sieben Entwürfen ein einheitliches Bild machen wollen.
Dabei zeigte sich klar, wer das Alphatier war. Es ging aber darum, dass jeder seine Idee einbringen konnte: Das Bild sollte ein Teamwork sein und nicht die Ansicht des Leitwolfs widerspiegeln.»
Ob die Teilnehmenden den Kreativ-Workshop mit einem Catering-Nachtessen im Atelier abschliessen oder die Erkenntnisse weiter vertiefen, bleibt ihnen überlassen.
Zuerst malen, dann die Ergebnisse intellektuell reflektieren, danach Ziele formulieren und Massnahmen ableiten – nach diesem Prinzip handelt François Gibel, Leiter Mitarbeiter- und Führungskräfte-Entwicklung der Zürcher Kantonalbank. Rund fünf Mal führte er letztes und vorletztes Jahr einen Workshop im Atelier Keller durch, jeweils mit vier bis 22 Mitarbeitenden. Dabei ging es um Themen wie die Führungskultur, die Gestaltung der Zusammenarbeit im Team oder die Werte, die gepflegt werden sollen. Für Gibel ist das Malatelier ein «wichtiger Ausgangspunkt, weil es ein anderer, bunter, kreativer und fantasievoller Weg ist, Ideen, Leitbilder oder Visionen bildhaft darzustellen. Es gehört unabdingbar dazu, dass die Teilnehmenden nach dem Erstellen ihrer Werke sowohl ihre persönlichen Ziele als auch diejenigen des ganzen Teams formulieren.» Nach drei Monaten fasst Gibel nach: Was wurde umgesetzt? Wo ist man noch nicht am Ziel? Auch für Gibel ist wichtig, dass die Bilder ausgehängt werden: «So erinnern sich nicht nur die Malenden an ihre Vorsätze, sondern sie müssen auch abteilungsfremden Mitarbeitenden und Kunden erklären können, was es mit den Bildern auf sich hat.»

 
 
 

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