HR Today | 1,2/2007 | Text: Peter Stöckling

Flexibles Bildungssystem reagiert auf wirtschaftliche Nachfrage

Ein vielfältiges «Bildungsportfolio» anstelle festgeschriebener Ausbildungen und Abschlüsse: So sieht Professor Philipp Gonon die Zukunft nicht nur für den ersten Berufseinstieg. Das schweizerische Dualsystem mit beruflicher und schulischer Ausbildung bringt für diese Veränderungen gute Voraussetzungen mit.

Flexibles Bildungssystem reagiert auf wirtschaftliche Nachfrage

In der öffentlichen Wahrnehmung besetzen die Probleme rund um Berufslehre und Lehrstellen das Thema «Berufseinstieg» fast exklusiv. Das ist auch nicht erstaunlich, denn «die Berufsbildung ist der mit Abstand wichtigste nachobligatorische Bildungsweg. Zwei Drittel aller Jugendlichen befinden sich in einer beruflichen Grundbildung. Damit hat die Schweiz europaweit den höchsten Anteil an Jugendlichen, die sich über den Weg einer dualen Berufsbildung auf das Erwerbsleben vorbereiten.» Dies stellt der Bundesrat in seiner kürzlich veröffentlichten Antwort auf einen Vorstoss im Parlament fest.

Und es ist nicht etwa so, dass sich die Gewichte verschieben: «Der Anteil der Jugendlichen, die sich für eine Berufslehre entscheiden, hat sich immer leicht erhöht – und das trotz einer Verdoppelung der Maturandenquote. Der Bundesrat interpretiert diese Zahlen als einen Beweis für «die hohe Integrationsfähigkeit der dualen Berufsbildung».
Professor Philipp Gonon, Inhaber des Lehrstuhls für Berufsbildung an der Universität Zürich, stimmt dieser Beurteilung zu: «Das duale Modell bietet effektiv sehr viele Möglichkeiten, besonders auch für leistungsschwächere Jugendliche.» Sie sind denn auch die Gruppe mit den grössten Problemen, wie der Bericht des Bundesrats feststellt: «Schwierigkeiten bei der Suche nach einer Lehrstelle haben Jugendliche aus Schultypen mit tieferem Anforderungsniveau und Jugendliche der letzten Migrationswelle (Afrika, Mazedonien, Serbien-Montenegro und Türkei). Eine angespannte Situation zeigt sich vor allem in den urbanen Zentren Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich.»

Ist das duale System bei all seinen Vorzügen aber nicht gleichzeitig ein weiterer Sonderfall, ein schwer zu vermittelndes Kuriosum? Gonon, der lange im Ausland gelehrt und auch im internationalen Kontext geforscht hat, widerspricht. Es sei zwar nicht immer einfach, unser relativ komplexes System zu erklären. Gleichzeitig aber «erleben wir in verschiedenen Ländern so etwas wie eine Renaissance der Berufslehre. So hat England die Apprenticeship neu belebt, ähnliche Bestrebungen gibt es auch in Spanien und anderen Ländern.» Gonon sieht dafür zwei Gründe: Die Länder mit einem dualen Berufsbildungssystem – neben der Schweiz, Deutschland, Österreich, Dänemark und teilweise den Niederlanden – weisen mit Abstand die tiefste Jugendarbeitslosigkeit aus.

Daneben hat nach Gonon auch die hohe Qualität der Ausbildung namentlich auf der Ebene Facharbeiter zum grossen Prestige der Berufsbildung geführt, was regelmässig an internationalen Konkurrenzen wie der Berufsolympiade ablesbar ist. Gonon erinnert sich an einen Vergleich aus der Autoindustrie: Als Stärke der Deutschen wurde der «Technikstil» im Detail, die so genannte Wertarbeit, ermittelt, während die Japaner in der Kreativität und Innovationsfähigkeit der Ingenieure besser abschnitten.

Steht diese grundsätzlich positive Beurteilung nicht im Kontrast zu den aktuellen Diskussionen in der Schweiz? Dazu nochmals der Bundesrat: «Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Lehrstellensituation nach wie vor angespannt ist. Die Zahl der angebotenen Lehrstellen hat zugenommen, aber auch die demografisch bedingte Nachfrage wird immer noch grösser.» Ein Problem, das sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen wird, wie auch der Bundesrat feststellt: «Dem steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften wird ein Rückgang der jungen Bevölkerung gegenüberstehen.» Philipp Gonon warnt jedoch vor übertriebener Panik – und das nicht nur, weil «der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Diskussion über die Zukunft der Berufsbildung schon seit Jahrzehnten andauert».

Der Grund, warum Gonon – «gerade auch aus der Distanz der internationalen Optik», wie er betont – relativ optimistisch ist, liegt in der Anpassungsfähigkeit und Flexibilität des schweizerischen Bildungssystems. Damit sind wir bei den prägenden Stichworten für die aktuellen Entwicklungen: «Wie die gesamte Wirtschaft ist auch das Bildungssystem aus verschiedenen Gründen unter einen starken Flexibilisierungsdruck geraten. Dieser wirkt sich selbstverständlich auch auf die Berufseinsteiger aus.» Entscheidend ist nun, wie die «Angebotsseite» Ausbildung auf die veränderten Formen der Nachfrage reagieren kann. Dazu einige Beispiele aus den verschiedensten Bildungsniveaus:

•Leistungsschwache, häufig nicht nur schulmüde, sondern geradezu «schulfrustrierte» Jugendliche, die zudem häufig noch mit dem Handicap der Fremdsprachigkeit belastet sind, tun sich mit dem Einstieg in die Berufswelt besonders schwer. Mit der abgekürzten Attestlehre (frühere Anlehre), mit verschiedenen Passarellenangeboten und Sonderaktionen wie «Riesco», der Lehre für Flüchtlinge im Gastgewerbe, versucht die offizielle Berufsbildung hier Türen zu öffnen. Daneben taucht in zahlreichen Varianten immer häufiger das «Praktikum» als Alternative auf. Die Kontroverse um den entsprechenden Vorstoss des Grossverteilers Coop hat gezeigt, dass hier ein gewisses Friktionspotenzial besteht. Im KV- oder im Gastrobereich hat sich die Aufteilung in Praktikums- und in Schulblöcke dagegen stillschweigend etabliert.

•Am «oberen Ende» der Skala der Berufsbildung finden wir die Banken: Sie bieten seit einiger Zeit qualifizierte Einsteigerausbildungen für Maturandinnen und Maturanden an. Damit reagieren sie auf die Qualifikationsverschiebungen, die die steigende Maturitätsquote nach sich zieht. Auch ausserhalb dieser spezifischen Angebote absorbiert die Berufsbildung einen Teil der zusätzlichen Maturandinnen und Maturanden, die entweder in eine Lehre einsteigen oder sich für eine Fachhochschule entscheiden.

•Die nachhaltigste Veränderung im schweizerischen Bildungssystem war zweifellos die Einführung zuerst der Berufsmaturität und anschliessend der Fachhochschulen. Bildungspolitisch liegt ihre Bedeutung darin, dass sie die Chancen innerhalb des dualen Systems wesentlich verbessern, indem sie den leistungsstarken Jugendlichen ohne Mittelschulabschluss den Zugang zum Hochschulstudium geöffnet haben. Gleichzeitig waren sie aber auch eine Antwort auf die steigende Nachfrage der Wirtschaft nach hoch qualifizierten Fachleuten mit Abschlüssen, denen ein praxisnahes Profil zugrunde liegt. Dass dieses Angebot genau richtig lag, belegt der Umstand, dass FH-Ingenieure sehr rasch zu gleichen oder gar höheren Einstiegslöhnen angestellt wurden als Bewerber mit Uni- oder ETH-Abschlüssen. Professor Gonon geht allerdings davon aus, dass die beiden Hochschultypen ihren unterschiedlichen Charakter zwar behalten, sich mit der Zeit aber dennoch annähern werden. Die Erfahrungen aus Deutschland, wo die beiden Hochschultypen schon länger nebeneinander bestehen, sprechen hier eine deutliche Sprache.

•Der zweite grosse bildungspolitische Eingriff, die «Bologna-Reform», hat ebenfalls flexibilisierende Effekte: Durch die Umstellung auf das Bachelor-Master-System stehen der Wirtschaft Hochschulabgänger mit unterschiedlichem Qualifikationsniveau zur Verfügung. Diese ihrerseits profitieren davon, dass ihr Abschluss nach oben anschlussfähig bleibt.

•Ebenfalls als Ausdruck der Flexibilisierung lässt sich die «vorgezogene Rekrutierung» interpretieren, die immer mehr Unternehmen bei der Anstellung von akademischem Nachwuchs betreiben. Urs Frei von ABB Schweiz sagte es am Zürcher Absolventenkongress stellvertretend für viele Firmen: «Wir kennen praktisch alle Akademiker, die wir anstellen, schon von einer früheren Zusammenarbeit, sei das nun ein Praktikum oder eine wissenschaftliche Arbeit, die mit ABB im Zusammenhang stand.»

•Eine Gruppe, die im Zusammenhang mit dem Berufseinstieg erst seit kurzem thematisiert wird, sind die «High Potentials», jene Studienabgänger, die schon früh für höhere Führungspositionen rekrutiert werden. Auch wenn es um die Trainee-Programme etwas ruhiger geworden ist – als Rekrutierungsinstrument namentlich für Grossunternehmen spielen sie nach wie vor eine Rolle.

Parallel zur Flexibilisierung des Berufseinstiegs ortet Philipp Gonon einen starken Trend zur Modularisierung der Ausbildungen: «Die Zeit der ‹Abschlüsse fürs ganze Leben› ist endgültig vorbei. Das einzelne Diplom oder der qualifizierende Titel wird abgelöst durch ein eigentliches Aus- und Weiterbildungsportfolio, in dem sowohl fachspezifische Fähigkeiten wie auch soziale Kompetenzen, Sprachkenntnisse oder Führungserfahrungen aufgelistet sind.»
Ein Bild mag diese Entwicklung veranschaulichen: Noch vor wenigen Jahren dominierte in vielen Arztpraxen der goldgerahmte akademische Abschluss das Wartezimmer, heute zeigt ein Patchwork von Weiterbildungsbescheinigungen, dass sich der Mediziner à jour hält. Das Stich- und Schlagwort dazu heisst «lebenslanges Lernen». Dieses findet zunehmend auch im Betrieb und am Arbeitsplatz statt: «Die Grenzen zwischen Arbeiten und Lernen werden fliessend», stellt Professor Philipp Gonon fest. Für die Arbeitgeber bedeute das einerseits, dass sie bei der Rekrutierung immer mehr auf Leute achten, die ein vielseitiges Portfolio vorweisen können. Gleichzeitig gewinne die betriebliche Weiterbildung entscheidend an Bedeutung. Lange sei Weiterbildung zu einseitig als Instrument zur Vermittlung von Qualifikationen gesehen worden, während «die Tatsache, dass Weiterbildung auch in hohem Mass Loyalität stiftet, eher vernachlässigt wurde».

Diesem Zusammenhang entspricht auch das veränderte Verhalten der Berufseinsteiger: «Die Lernhaltigkeit des Arbeitsplatzes ist heute ein entscheidender Faktor, als interessant gilt eine Stelle dann, wenn sie neben der beruflichen Befriedigung auch Möglichkeiten bietet, sich weiterzuqualifizieren. Betriebliches Lernen wird zu einem integrierenden Bestandteil der Arbeit.»

In dieser Optik verliert auch der Berufseinstieg seine Bedeutung als Weichenstellung, die über ein ganzes Berufsleben entscheidet: Das Modell ist nicht mehr die Lebensstelle, sondern eine Folge von Wechseln, von denen jeder Elemente des «Einstiegs» enthält. Und der Einzelne wird zunehmend zu dem, was die deutschen Soziologen Voss und Pongratz als «Arbeitskraftunternehmer» bezeichnen: zum Individuum, das nicht nur beim Berufseinstieg, sondern ein Berufsleben lang für den Wert der eigenen Arbeitskraft selber die Verantwortung trägt.

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche