HR Today | 12/2006 | Text: Michael Auer
Soziale Verantwortung gegenüber Arbeitnehmenden wahrnehmen bedeutet mehr als die Einhaltung von Gesetzen und ethischen Grundprinzipien. Soziale Verantwortung wahrnehmen heisst investieren in das Humankapital. In fortschrittlichen Unternehmen spiegeln sich diese Investitionen in einer stattlichen Zahl von Instrumenten, wie Entlöhnungs- und Anreizsystemen, mitarbeiterindividuellen Arbeitszeitmodellen, breiten Aus- und Weiterbildungsangeboten sowie in Massnahmen zur Arbeitssicherheit und zum Gesundheitsschutz. Hinzu kamen in den letzten Jahren Konzepte zur Förderung der Vielfalt und Chancengleichheit und Massnahmen zur Gleichstellung von Frau und Mann. Die Unternehmungen tätigen diese Investitionen vor dem Hintergrund, mit der optimalen Nutzung und Weiterentwicklung der Humanressourcen die entscheidenden Voraussetzungen für Wachstum und Innovationsfähigkeit zu schaffen.
Einige Instrumente bewähren sich bei Raiffeisen Schweiz bereits seit Jahren und werden laufend weiterentwickelt. Andere, wie das Diversity Management oder das Management Development, sind im Aufbau und werden mit Elan vorangetrieben. Wir sind aber überzeugt, dass es noch mehr braucht als
diese Instrumente und Konzepte. Für uns bedeutet soziale Verantwortung gegenüber dem Mitarbeitenden mehr, als ihn fair, gerecht und gleich zu behandeln, mehr, als ihn beschäftigungsfähig, ja arbeitsmarktfähig zu halten. Wir möchten unseren Mitarbeitenden Aufgaben und Funktionen bieten, in denen sie ihre Talente und Leidenschaften einsetzen können. Dies aus der Überzeugung, dass langfristig nur glücklich und damit leistungsfähig ist, wer Sinn und Freude in seiner Arbeit findet.
Deshalb betrachten wir es als eine der bedeutendsten Führungsaufgaben unserer Kader, die Talente und Leidenschaften ihrer Mitarbeitenden zu erkennen und ihnen Aufgaben zu geben, bei denen sie diese einsetzen können. Es gehört zur Verantwortung der Führungskräfte, ihre wichtigste Ressource Mensch unter den bestmöglichen Voraussetzungen zum Einsatz zu bringen. Nach unserer Auffassung wird der Vorgesetzte seiner Verantwortung nicht gerecht, wenn er seine Mitarbeitenden nicht auf diesen optimalen Einsatz ausrichtet. Er setzt sich damit der Gefahr aus, dass Mitarbeitende still und langsam ausbrennen. Damit entsteht Schaden für das Unternehmen und noch viel grösserer für den Menschen. Es ist nicht einfach, immer und vollumfänglich Aufgaben so zu bündeln, dass sie das Feuer und die Leidenschaft des Mitarbeitenden zu entfachen vermögen. Jede Stelle umfasst eine Anzahl von beliebten und weniger beliebten Aufgaben. Dies darf uns als Führungskräfte aber nicht daran hindern, die Situation immer wieder zu hinterfragen und zu optimieren versuchen. Es ist unsere soziale Verantwortung, unseren Mitarbeitenden in ihrer Arbeit Sinn zu geben und Erfolge zu ermöglichen, indem sie ihre Talente und Leidenschaften gezielt einsetzen und verwirklichen können. Oder wie es Antoine de Saint-Exupéry sinngemäss einmal gesagt hat: Wir wecken die Sehnsucht nach dem Meer, statt die Prozessanleitungen für den Schiffsbau abzugeben.
Führungskräfte stehen also in der permanenten Herausforderung, den Einsatz ihrer Unterstellten zu hinterfragen, Abweichungen frühzeitig zu erkennen und laufend noch besser geeignete Einsatzmöglichkeiten auszuloten, damit ihre Mitarbeitenden nicht in eine Sackgasse fahren. Menschen, denen wir diese Voraussetzung nicht, oder nicht mehr, bieten können, zeigen wir Alternativen ausserhalb unseres Unternehmens auf. Dass diese Aufgabe keine leichte ist und dabei nicht nur Lorbeeren zu ernten sind, muss den Führungskräften bewusst sein. Wenn wir bei Raiffeisen den letzten Schritt zu einer Trennung nicht mehr verhindern können, soll diese Trennung offen, fair und unter sozialen Gesichtspunkten erfolgen. Dann heisst es für uns, auch in dieser unangenehmen Situation soziale Verantwortung wahrzunehmen. Wir sind überzeugt, damit dem Mitarbeiter langfristig gesehen die besseren Chancen bieten zu können.