HR Today | 06/2006 | Text: Ingrid Pohl-Eckerstorfer
Eine Untersuchung der Universität Zürich stellt ein ethisch heikles Thema in den Vordergrund: Sollen Firmen ihre Mitarbeitenden mittels Gentests untersuchen lassen? Erkrankungen könnten frühzeitig therapiert werden, Unternehmen könnten durch Gesundheitsförderung Kosten sparen. Die Befragten sind mehrheitlich dagegen.
Krankheit am Arbeitsplatz beeinflusst sowohl das Arbeitspensum als auch die Qualität der
Arbeit negativ. Krankheitsbedingte Fehlzeiten, nach Ausfalltagen berechnet, verursachen in den betroffenen Unternehmen jährlich Kosten in Millionenhöhe. In diesen Schätzungen noch nicht berücksichtigt sind Kosten vom so genannten Präsentismus, der verminderten krankheitsbedingten Produktivität bei Anwesenheit am Arbeitsplatz. Das «Journal of the American Medical Association» beziffert die Kosten von Präsentismus sogar annähernd dreimal so hoch wie den Produktivitätsverlust durch Fehltage.
Gesundheitsförderung statt Heilung: Der kranke Mensch selber ist nicht nur mit den finanziellen Belastungen durch die Krankheit konfrontiert, sondern muss zudem mit den Auswirkungen auf Status oder Image fertig werden. Das Gefühl, den allgemeinen gesellschaftlichen Normen oder dem Bild eines guten Mitarbeitenden nicht entsprechen zu können, führt nicht selten dazu, dass Mitarbeitende oft jahrelang im Stillen an ihrer Erkrankung leiden, gegenüber dem Arbeitgeber aber vorgeben, gesund zu sein – auch dann, wenn die Beeinträchtigung der Arbeitskraft durch die Krankheit ein erhebliches Ausmass angenommen hat.
Massnahmen zur Verbesserung der Gesundheit erhöhen also nicht nur die Lebensqualität der Mitarbeitenden, sondern senken zugleich für die Unternehmen die krankheitsbedingten Ausfälle und die Zeiten eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Gesundheitsförderung greift besonders gut, wenn einer Erkrankung bereits vor ihrem Ausbruch gezielt vorgebeugt werden kann. Unter anderem eröffnen Gentests diese Chance.
Betriebliche Gentests – ein heikles Thema: Durch einen Gentest kann beispielsweise der
Ausbruch der Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose verhindert werden. Im Frühstadium dieser Krankheit ist die Behandlung noch einfach. Wird die Krankheit zu spät erkannt, droht eine Organtransplantation von Leber oder Niere. Hämochromatose lässt sich durch einen Gentest nicht nur besser behandeln, sondern kann unter Umständen sogar komplett verhindert werden. Vergleichbares gilt auch für Zivilisationskrankheiten wie koronare Herzkrankheit, Diabetes oder Krebs. Das Thema Gesundheitsförderung auf der Basis eines Genbefundes ist zwischen Arbeitgeber und Mitarbeitendem allerdings sehr heikel. Dies zeigt eine Untersuchung der Universität Zürich.
Befragung zu Gentests im Unternehmen: Unternehmen scheuen die Möglichkeit der Gesundheitsvorsorge durch Abklärung der genetischen Anlagen ihrer Mitarbeitenden. 188 befragte Personalverantwortliche von unterschiedlicher Branche und Mitarbeiterzahl im Raum Zürich lehnen es im Wesentlichen ab, ihrer Belegschaft genetische Tests zur Verbesserung ihrer Gesundheit zu offerieren. Selbst wenn Mitarbeitende freiwillig zustimmen und nur sie selber Einblick in die Ergebnisse erhalten sollten, sind die Unternehmen der Meinung, dass eine solche Art der Gesundheitsvorsorge weniger Nutzen als Risiken mit sich bringt.
Minimierung des Risikos: Die Antworten zeigen, dass betriebliche Entscheidungen bezüglich Gentests im Hinblick auf die erwarteten Risiken getroffen werden. Den Befragten geht es nicht um die Maximierung der Chancen, sondern um die Minimierung der Risiken. Interessanterweise steht bei den Unternehmen die Angst, durch die Verwendung eines Gentests das Unternehmensimage negativ zu beeinflussen, im Vordergrund. Obwohl durch den Einsatz von Gentests, die primär der Gesundheitsförderung von Mitarbeitenden dienen sollen, eigentlich eine Imageverbesserung zu erwarten wäre, spielen die Vorzüge einer besseren Gesundheit im Vergleich zu einem möglichen Negativimage nur eine Nebenrolle. Die Angst, der Aspekt der Gesundheitsförderung könnte unter den Mitarbeitenden oder in der Öffentlichkeit nicht als solcher anerkannt werden, was zu einem negativen Image führen würde, ist enorm. Betriebliche Gentests sind demnach mit einem Imageproblem behaftet. Da die Medien bei der Diskussion um Gentests am Arbeitsplatz meistens die Risikoaspekte und die Möglichkeit der Diskriminierung in den Vordergrund stellen, ist nicht auszuschliessen, dass dieses Imageproblem auf einer einseitigen Wahrnehmung beruht. Dies deshalb, weil der Aspekt der gezielten Gesundheitsförderung aufgrund der eher negativen Publicity von Gentests allgemein oft nicht beachtet oder erkannt wird.
Stellenwert der Gesundheit: Die Antworten zeigen zudem, dass Unternehmen die Gesundheit der Mitarbeitenden als wichtiges betriebliches Produktivitätsmittel anerkennen. Die betriebliche Produktivität ist eng mit der Gesundheit der Mitarbeitenden verbunden. Für die befragten Unternehmen klingt es vorerst verlockend, dass die Mitarbeitenden ihre zukünftigen Erkrankungsrisiken kennen könnten, um gezielte Förderung ihrer Gesundheit zu betreiben. Entsprechend verwunderlich erscheint es aber, dass sie dann ein Instrument ablehnen, das genau diese Informationen liefert, die sich für sie zuerst so verlockend anhörten – den Gentest. Gewiss, den Unternehmen missfallen die mit einem
Genbefund einhergehenden Einschränkungen wie ein Mangel an Aussage über den genauen Zeitpunkt des Ausbruchs oder Aussagen über die Ausprägung der getesteten Erkrankung. Da sich jedoch bei der statistischen Auswertung der Antworten keine Beeinflussung durch die negative Assoziation mit dem Begriff Gen-Anlage nachweisen lässt, ist nicht davon auszugehen, dass das Interesse an zukünftigen
Gesundheitsinformationen alleinig durch das Instrument Gentest verringert wird. Vielmehr scheinen die Befragten vermehrt der Auffassung zu sein, das Thema Gesundheit liege im alleinigen Verantwortungsbereich des Mitarbeitenden. Demzufolge dürften die Befragten auch den
Stellenwert der betrieblichen Gesundheitsförderung generell als gering einstufen. Dies wäre nicht einmal verwunderlich, gibt es doch keine Sicherheiten dafür, dass die Förderung der Gesundheit tatsächlich zwingend zu einer Verzögerung oder Verhinderung einer Erkrankung führt. Diese Auffassung wäre jedoch vor dem Hintergrund, dass die Gesundheit der Mitarbeitenden eine betriebliche Ressource darzustellen vermag, die für den Erfolg eines Unternehmens entscheidend ist, wenig logisch. Schliesslich würde mit dieser Sichtweise die Möglichkeit vergeben, durch gezielte Gesundheitsförderung die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeitenden aufrechtzuerhalten, die mit Krankheit verbundenen betrieblichen Kosten zu reduzieren, die Produktivität zu optimieren und das mit Krankheit assoziierte Leid zu minimieren.
Finanzielle Investitionen: Sollten finanzielle Anreize nötig werden, um die Mitarbeitenden zur freiwilligen Teilnahme an einem Gentest zu motivieren, verlieren Aspekte wie gezielte Gesundheitsvorsorge oder Schutz am Arbeitsplatz an Relevanz. Unternehmen sind demnach nicht bereit, finanzielle Mittel aufzubringen, um die Mitarbeitenden beim Kennenlernen ihres persönlichen Genstatus zu unterstützen. Diese Antworten erscheinen sonderbar, gehen doch Unternehmen grundsätzlich davon aus, dass Mitarbeitende, die über ihren Genstatus informiert sind, auch gezielt und eigenständig ihre Gesundheit fördern würden. Demnach entsteht der Eindruck, eine gezielte Gesundheitsvorsorge werde sekundär, wenn finanzielle Investitionen in die Gesundheit zu tätigen sind. Neue Wege zur Reduzierung krankheitsbedingter Kosten bedürfen jedoch meist vorerst finanzieller Investitionen. Da sich diese nach einer gewissen Zeit amortisieren und sich danach vorteilhaft auf die betriebliche Produktivität auswirken, dürfte die Frage nach den Kosten und Nutzen solcher Gentests für die Unternehmen noch zu wenig geklärt sein. Dies erscheint wenig verwunderlich, ist es zum jetzigen Zeitpunkt doch äusserst schwierig, wenn nicht fast unmöglich, eine aussagekräftige Gegenüberstellung der Gentest-Investitionskosten mit dem Return on Investment zu tätigen.
Freiwilligkeit und Daten-Selbstbestimmung: Die Befragten lassen zudem durchblicken, dass sie der Meinung sind, eine freiwillige Zustimmung zum Gentest durch den Mitarbeitenden reicht nicht aus, um eine Nichtdiskriminierung zu garantieren. Es ist nicht völlig auszuschliessen, dass beispielsweise von unterschiedlichen Unternehmen oder vom sozialen Umfeld implizit Druck aufgebaut wird, den Genbefund preiszugeben. Genau darin liegt die Crux. Müssen Mitarbeitende befürchten, dass die Freiwilligkeit und die Daten-Selbstbestimmung nur ein Deckmantel sind, der keine Glaubwürdigkeit besitzt, wird es nicht möglich sein, sie zu motivieren, ihre persönlichen Gesundheitsrisiken kennen zu lernen. Eine latente Aufforderung, den Genbefund preiszugeben, würde genau das Gegenteil bewirken, nämlich die Schürung von Angst und Unsicherheit, beispielsweise bei Nichtnachkommen des latenten Edikts, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Auswirkungen wären fatal. Es würde die allgemeine Ablehnung und Skepsis gegenüber betrieblichen Gentests noch verstärken. Im Zusammenhang mit der Verwendung von Gentests zum gesundheitlichen Schutz beziehungsweise zur Förderung der Gesundheit bedarf es also eines «code of conduct», an den sich alle halten. Den befragten Unternehmen dürfte dies schwer realisierbar erscheinen, was auch die grundsätzlich ablehnende Haltung erklären würde.
Empfehlungen: Das betriebliche Wissen über Gentests zur gezielten Gesundheitsförderung ist nach wie vor sehr gering. Durch Trainings und Weiterbildungen lässt sich das erforderliche Fachwissen über Gentests und die damit verbundenen Chancen einer Gesundheitsförderung vermitteln. Objektivere Informationen führen möglicherweise zur Verringerung dieser Skepsis.
Eine gezielte Förderung der Gesundheit stellt keine Garantie dar, Krankheit zu verhindern. Sicher ist jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeitende länger gesund und produktiv bleiben, durch eine gezielte Gesundheitsförderung sicherlich höher ist als gänzlich ohne. Es ist ins Auge zu fassen, dass Gentests zwar keine allumfassende Prognose über zukünftige Erkrankungen liefern, dass sie jedoch – im Gegensatz zu herkömmlichen Diagnosemöglichkeiten – verbesserte Aussagen im Hinblick auf eine gezielte Gesundheitsförderung liefern können. Nur eine geschaffene Vertrauensbasis zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden über die Eigenbestimmung der persönlichen Daten ermöglicht es beiden, von den Vorteilen eines Gentests zu profitieren. Dem Unternehmen von verringerten krankheitsbedingten Absenzen und dem Mitarbeitenden von einer verbesserten Lebensqualität.
Insbesondere ist nicht zu vergessen, dass Gentests kein Allheilmittel sind, die das bestehende Gesundheitsmanagement zu ersetzen vermögen. Vielmehr sind sie als ein Instrument wahrzunehmen, das sich in Verbindung mit anderen gesundheitsfördernden Massnahmen zur Ergänzung oder Unterstützung des herkömmlichen betrieblichen Gesundheitsmanagements einsetzen lässt.