HR Today | 03/2006 | Text: Guy Lang
Kinderkrippen sind ein Dauerthema. Eine – bei weitem nicht repräsentative – kleine Umfrage bei verschiedenen Institutionen und Firmen ergab, dass zwar zahlreiche Plätze für Kinder arbeitender Frauen existieren, diese aber selten firmeneigen unterhalten werden – und dass einheitliche Patentrezepte eine Illusion sind.
«Familien- und schulergänzende Kinderbetreuung ist eine wichtige Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine zentrale familienpolitische Forderung. Die ausserfamiliäre Betreuung dient zudem der sozialen Integration, insbesondere von Einzelkindern und ausländischen Familien. Ein gutes und ausreichendes Betreuungsangebot gehört in einer Grossstadt wie Zürich zu den wichtigen Standortvorteilen.» Diese einleitenden Sätze stehen im Internet auf der Seite des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Und so subventionierte die Stadt 2004 1784 Betreuungsplätze mit 31,5 Millionen Franken. Eltern beteiligten sich je nach Berücksichtigung ihres steuerbaren Einkommens und Vermögens mit daran. Die Stadtverwaltung selber hingegen führt keine Krippe für die Mitarbeitenden, wie Christina Stücheli erklärt. Sie ist im Sozialamt tätig, das den Krippenmarkt Zürichs für die gesamte Bevölkerung steuert. Marcel Strebel, Chef der Informationsabteilung der Kantonspolizei Zürich, schreibt Ähnliches: «Die Kantonspolizei hat keine Krippenplätze. Der Wunsch wurde bis anhin noch nie an uns herangetragen. Wir stehen aber grundsätzlich positiv dazu. Dabei wäre aber zu berücksichtigen, dass die Kantonspolizei ein Teil der gesamten kantonalen Verwaltung ist.»
Die meisten Kinderkrippen werden privat betrieben, wie eine kleine Umfrage zeigte. «Für Berufstätige mit mittleren und höheren Einkommen gehört es heute zum guten Ruf, ihre Kinder an einem guten Ort betreuen zu lassen», weiss Priska Gehring-Hefti, die sich im Vorstand des Schweizerischen Krippenverbands engagiert, aus Erfahrung. Die ehemalige Bankerin fand nach der Geburt des eigenen Kindes keinen Krippenplatz und gründete 1997 kurzerhand selber «Alexis Kinderkrippe GmbH» in Zürich. Inzwischen hat sie expandiert. Und: «Wenn ich im Zürcher Kreis 2 eine kinderfreundliche Liegenschaft zu einem vernünftigen Preis finde, eröffne ich eine weitere.» Ihre Warteliste weist 100 Namen von Leuten aus, die für rund 100 Franken am Tag ihren Nachwuchs professionell betreuen lassen wollen. Priska Gehring versteht nicht, warum die Firmen nicht vermehrt bereit sind, Geld für Krippen auszugeben. Sie ist überzeugt, dass die Investitionen zurückkommen würden. Das beschreibt auch ein Artikel in der «HandelsZeitung» vom 23. November 2005 – Krippen können Gewinn bringen. Zitiert wird eine Erhebung, «welche die Prognos AG bei Konzernen wie Novartis, Post, Nestlé, Migros, Victorinox und Ikea erstmals betriebswirtschaftlich durchgeführt hat». Fazit der Studie: «Die Kosten-Nutzen Differenz von rund 19000 Franken pro Jahr kann als 8-prozentige Rendite auf die Investition in Familienfreundlichkeit interpretiert werden.»
Firmeneigene Betreuungsstätten scheinen dennoch nicht die Regel zu sein. Dies ergab die Nachfrage bei einigen subjektiv ausgewählten Personalstellen. «Es ist ein logistisches Problem», sagt etwa Eva-Maria Bauder, Leiterin Unternehmenskommunikation der Denner AG. «Die meisten Leute arbeiten bei uns im Verkauf, und die Läden sind schweizweit verteilt.» Das Thema Krippen würde immer wieder mal andiskutiert, «aber in nächster Zukunft wird es nichts geben». Ähnlich tönt es bei Sprüngli. Weil viele Frauen Teilzeit arbeiteten, stellte sich die Frage gar nicht. Auch bei Coca-Cola Beverages AG besteht keine Nachfrage nach Krippenplätzen. Sie seien vereinzelt zwar ein Thema, «eine Entscheidung steht jedoch in unmittelbarer Zeit nicht an», schreibt Communications Manager Thomas Jeiziner auf Anfrage. Diejenigen unter den rund 1100 Mitarbeitenden, bei denen ein Bedarf bestehe, organisierten sich auf privater Basis. Selbstverantwortlich agieren auch die Mit-arbeitenden bei sunrise, wie Fulvio Federi, Chef Human Resources & Organization des Mobilnetzanbieters, bestätigt. Bei den relativ wenigen Anfragen nach Krippen – «zirka ein- bis zweimal jährlich» – wird auch nicht darüber diskutiert. Zudem: «Im Rekrutierungsprozess von potenziellen Kandidatinnen gab es bis anhin keine Absagen wegen fehlender Krippen.» Globus führt keine Kinderkrippe. Die Frage sei aber im Hauptsitz in Spreitenbach ernsthaft diskutiert worden, formuliert Ernst Pfenninger, Leiter Corporate Communications/Pressesprecher der Globus-Gruppe. «Mitarbeitende fanden jedoch, dass Kinder in einer Firmen-Kinderkrippe aus dem gewohnten sozialen Umfeld gelöst werden. Das Projekt einer Firmen-Kinderkrippe wurde nicht weitergeführt.» Jörg Birnstiel, Pressesprecher von Coop, kann auch nicht von eigenen Krippen berichten. Es liegt in der Kompetenz der Geschäftsführer, für das Team Lösungen zu finden, dezentral und individuell. Gezielte finanzielle Unterstützung erhalten die Beschäftigten für die Krippen nicht. Generell gibt es 20 Prozent Rabatt beim Einkauf von Lebensmitteln und 10 Prozent bei Nonfood-Artikeln. Auch andere Benefits wie etwa fünffache Punktzahl bei den Superpunkten kennt man. So weit einige Beispiele aus dem Detailhandel.
Swisscom unterhält keine eigenen Krippen mehr. Wie Chief Personel Officer Günter
Pfeiffer schreibt, hat der Informationsriese 2005 von der Objektförderung – also der Förderung von Krippen – auf die Subjektförderung (Eltern) umgestellt. Swisscom unterstützt «finanziell jede Art von familienergänzender Kinderbetreuung. Damit erreichen wir eine grössere Zahl von Eltern und ermöglichen individuelle Lösungen.» Ein besonderes Anliegen sei die Förderung von Kaderfrauen. Zudem bietet Swisscom schweizweit externe Beratung und Betreuungsvermittlung durch den Familienservice. Am Hauptsitz besteht eine besondere Vereinbarung mit einer privaten Kinderkrippe. Auch keine eigene Krippe findet sich bei Kuoni. Der Reisemulti verfügt hingegen ebenfalls über eine Zusammenarbeit mit einer privaten Institution. Dort erhalten Mitarbeitende eine Garantie, dass ihre Kinder aufgenommen werden. Von den rund 1500 Beschäftigten – davon 75 Prozent Frauen – sind etwa 50 Personen an einem Platz interessiert. Kuoni verspricht sich durch dieses Angebot, dass die Attraktivität eines Arbeitsplatzes gesteigert wird. Kommunikationsleiter Peter Brun: «Auch haben wir so die Möglichkeit, mit gut qualifizierten Mitarbeitenden zusammenzuarbeiten, und unterstützen eine aktive Familienpolitik.» Die Arbeitnehmenden erhalten mehr Flexibilität bei der Wahl der Arbeitsstelle. Durch die finanzielle Unterstützung – Mitarbeitenden, die bei 100 Prozent weniger als 6000 Franken pro Monat verdienen, wird mit 20 Franken pro Krippentag geholfen – nimmt der Kostendruck ab. Das Unternehmen profitiert von flexiblen, motivierten Mitarbeitenden, die eine professionelle und zuverlässige Betreuung ihrer Kinder schätzen. Dass Mitarbeitende sich besser auf die Arbeit konzentrieren können, wenn sie ihren Nachwuchs gut aufgehoben wissen, unterstützt auch Andrea Hertach vom Familienservice zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Für die Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz, Astrid van Haegen, ist klar, dass es ganz wenige firmeneigene Krippen gibt, dass Firmen aber Beiträge leisten und vor allem die Unterstützung durch Grossfirmen immer besser wird. Das mache auch Sinn, denn die Frauen geben ihre Kinder lieber am Wohnort ab, als sie noch zum – oft entfernten – Arbeitsort zu kutschieren. Zudem spreche die schweizerische Mentalität eher dagegen, betriebseigene Krippen zu benützen. Die Frauen sind befangen, weil sie nicht unbedingt wollen, dass Kolleginnen, Kollegen oder Arbeitgeber in die Familie sehen. Also lieber anonym bleiben und einen unterstützenden Beitrag von der Firma annehmen. Dass die Kinderbetreuung respektive Nichtbetreuung einen Einfluss auf die Karriere von Frauen haben könnte, glaubt Astrid van Haegen nicht. Frauen in hohen Positionen hätten meist Kinder, alles lasse sich organisieren, wenn ein Wille vorhanden sei. Damit sei die Kinderproblematik in der Schweiz – hier seien die skandinavischen Ländern sensationell vorbildlich – zwar noch nicht gelöst. Es werde aber zunehmend besser, auch dank der Förderprogramme des Bundes. Einen guten Ansatz sieht die Wirtschaftsfrau auch in Tagesfamilien. Und vor allem wichtig sei die Sensibilisierung für das Problem. Je mehr Frauen in einem Beruf Karriere machen, desto besser werden die Voraussetzungen.
Ein erstaunliches Ergebnis zeigte die Anfrage beim Bundesamt für Statistik (BFS) zur Anzahl der Kinderkrippen und Horte. Die aktuellsten Zahlen stammen von der Betriebszählung schon aus dem Jahr 2001. Damals waren es in der ganzen Schweiz 1084 Arbeitsstätten mit 8636 Beschäftigten. An der Spitze stand der Kanton Zürich, gefolgt von Genf und Basel-Stadt. Schlusslicht war der Kanton Appenzell Innerrhoden, wo es weder eine Arbeitsstätte noch eine beschäftige Person gab.
Dass Betreuungsplätze jeglicher Art ein grosses Bedürfnis sind, zeigt das Beispiel von Gaby Larson-Ziegler. Die Mutter zweier Kinder organisiert in einem Quartier der Stadt Zürich zusammen mit einer Kollegin zweimal in der Woche einen Mittagstisch für Kinder, deren Eltern arbeiten. Es kommen jeweils etwa fünfzehn Hungrige, essen und machen Aufgaben. Der Erfolg ist enorm, Lehrerinnen, Eltern und auch das Sozialamt sind äusserst froh über die Privatinitiative aus Idealismus. «Wir wissen, dass die Kinder nicht auf der Strasse herumlungern und Junkfood reinstopfen», sagt die Initiantin. Der Mangel an Krippen, Betreuungsplätzen, Horten und ähnlichen Einrichtungen ist in unserer Gesellschaft ein Problem, dessen Wichtigkeit zwar alle erkannt haben, dessen Finanzierung und Organisation allerdings noch eine grosse Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Private darstellt. Denn mehr und mehr Frauen wollen Familie, Kinder und Karriere unter einen Hut bringen.