HR Today | 1,2/2006 | Text: Marianne Rupp

Ältere Verwaltungskader – loslassen ab 50 fällt schwer


Alle Kader der Bundesverwaltung können ab 50 Jahren beim Eidgenössischen Personalamt an einem Standortbestimmungskurs teilnehmen. Dort sollen sie erkennen lernen, wie sie ihre Ressourcen optimaler nutzen können, in welchen Bereichen sie sich weiterentfalten und welches neue Perspektiven sein können.

Das Ziel der «Standortbestimmung – Kader 50plus» ist es, dass sich die Teilnehmenden kritisch mit ihrer Zukunft auseinander setzen. «Sie sollen sich bewusst überlegen, ob sie die bisherige Belastung weitere zehn oder fünfzehn Jahre tragen möchten», sagt Jean-Claude Grossrieder, Leiter Ressort Ausbildung beim Eidgenössischen Personalamt (EPA). Der Kurs richte sich nur an Kadermitarbeitende, weil die Verantwortung einer Führungsperson die gleiche bleibe, selbst wenn sie sich entscheiden, die Arbeitszeit zu reduzieren. «Wir möchten den Kadern 50plus aufzeigen, wie sie ihre Ressourcen nicht nur erhalten, sondern sie im Sinne der Work-Life-Balance auch weiterentwickeln können.» Der Kurs, den das EPA allen Kadermitarbeitenden ab 50 Jahren der Bundesverwaltung seit drei Jahren anbietet, stösst auf grosses Interesse. «Wir haben eine Warteliste, weil wir für das zweitägige Seminar nur je rund 16 Leute aufnehmen. Denn nur in Kleingruppen können wir wirklich intensiv diskutieren.» Die Kursverantwortlichen, Jean-Claude Grossrieder und die Arbeits- und Organisationspsychologin FSP Bennina Orendi, helfen den Kadern, ihr persönliches Potenzial klarer zu erkennen. Dafür müssen sie ihre Kompetenzen wie auch ihre Schwächen in Worte fassen können, und sie sollen bilanzieren, was sie bisher erreicht haben. Der Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmenden wie auch persönliche Gespräche mit den Leitenden spielen dabei eine wichtige Rolle.

«Viele fühlen sich sehr verunsichert», weiss Grossrieder. «Einerseits werden Stellen gestrichen, andererseits haben Budgetkürzungen oft einen direkten Einfluss auf den Aufgabenbereich, der sich ändert. Einige zweifeln dann daran, ob sie den neuen Anforderungen gewachsen sind, ob sie gegenüber jüngeren Führungskräften noch eine Chance haben – oder ob sie überhaupt noch gefragt sind.» Der Kurs fördert die bewusste Auseinandersetzung mit solchen Fragen und zeigt Möglichkeiten auf, andere, neue Wege zu gehen. Wer an der Standortbestimmung teilnimmt, steht daher Veränderungen positiv gegenüber – obwohl genau das für Leute ab einem gewissen Alter schwierig sei. «Das Loslassen ist für ältere Arbeitnehmende oft ein Problem», sagt Grossrieder. «Sie klammern sich zu sehr an das, was einmal gut funktioniert hat, weil es ihnen Sicherheit gibt. Das bringt jedoch nichts, weil sich die Zeiten ändern. Nur wer loslassen kann, macht auch Platz für Neues.» Dieses Neue können beispielsweise andere Funktionen wie Coach, Mentor oder Senior Consultant sein oder veränderte Arbeitszeitmodelle wie Jahresarbeitszeit oder Teilzeit.

«Früher konnte ich mir nicht vorstellen, als Kadermitglied Teilzeit zu arbeiten», erzählt Kurt Infanger, Sektionschef Grundlagen beim Bundesamt für Raumentwicklung und ehemaliger Seminarteilnehmer. «Heute überlege ich mir, meine Arbeitszeit um 10 oder 20 Prozent zu reduzieren, um mir so mehr Zeit und Raum für andere Dinge zu schaffen.» Der 54-Jährige hat am Standortbestimmungskurs des EPA teilgenommen, weil er sich bewusst werden wollte, «was ich kann und was ich will». Zudem wollte er für die letzten zehn Jahre im Job eine klare Berufsperspektive. Dank dem Kurs habe er sich unter anderem daran erinnert, dass er in jüngeren Jahren gut und sehr gerne gemalt habe. «Diese Fähigkeit habe ich in den letzten dreissig Jahren zugunsten des Berufs völlig vernachlässigt. Ich war überzeugt, immer zu 100 Prozent oder mehr für den Job da sein zu müssen.» Mit dieser Auffassung ist Infanger nicht allein, denn für viele Arbeitnehmende hat der Beruf einen sehr hohen Stellenwert. Die Work-Life-Balance spielt daher bei der Standortbestimmung eine grosse Rolle. «Dem beruflichen Ausgleich habe ich früher nicht viel Beachtung geschenkt», sagt Infanger. Er brachte zwar Familie und Beruf unter einen Hut, als jedoch gesundheitliche Beschwerden auftauchten, merkte er, dass es bei der Work-Life-Balance um mehr geht. «Arbeit und Familie, aber auch Gesundheit, Fitness und vor allem auch Selbstverwirklichung sollten zu einer ausgewogenen Lebensplanung gehören.» Das sei ihm mit 40 Jahren noch zu wenig bewusst gewesen. «Ich würde Jüngeren empfehlen, das Leben nicht zu stark auf einzelne Aspekte einzuschränken, sondern sich gesamtheitlich weiterzubilden», fasst er eine seiner Erfahrungen zusammen. «Auch für Leute unter 50 kann ein Standortbestimmungskurs helfen, dass sie sich über ihre beruflichen Perspektiven und ihre Work-Life-Balance bewusster Gedanken machen.»

Ein weiterer Aspekt, der im Kurs behandelt wird, sind die Bewerbungen, denn in den zehn oder fünfzehn Jahren bis zur Pensionierung sind noch ein oder zwei Stellenwechsel wahrscheinlich. «Wer sich beispielsweise seit zehn Jahren nicht mehr bewerben musste, weiss nicht, was heute Standard ist. Wir zeigen den Teilnehmenden, welches die modernen Anforderungen an eine Bewerbung sind», sagt Grossrieder.

Die Kursverantwortlichen überprüfen zwar nicht, ob die Teilnehmenden ihre Ziele, die sie sich im Kurs gesteckt haben, auch wirklich erreichen. Sie geben jedoch den Teilnehmenden den Tipp, sich gegenseitig in die Pflicht zu nehmen. So hat beispielsweise Kurt Infanger einem Kollegen ein verschlossenes Couvert überreicht, das dieser ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt schicken soll – als Kontrolle, ob er seine Vorsätze verwirklichen konnte: «Es ist mein Ziel, die in dem Kurs erarbeiteten Zukunftspläne innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre zu verwirklichen.» Eine neue Berufsperspektive konnte sich Kurt Infanger nicht nur dank der Standortbestimmung, sondern auch dank dem «Seitenwechsel» erarbeiten. Der «Seitenwechsel» ist eine besondere Art der Weiterbildung und Persönlichkeitsschulung, bei dem Führungsverantwortlichen eine Woche in einer sozialen Institution arbeiten. «Das war ein entscheidendes Erlebnis in meinem Leben», sagt Infanger. Er hat mit schwerstbehinderten Menschen gearbeitet und erkannt, wie gut er mit Menschen umgehen kann, wie gern er seine Sozialkompetenz nutzt und sie weiterentwickelt. Das hat ihn in seinem Entschluss bestärkt: «Ich möchte weiterhin am Arbeitsplatz meine fachlichen Fähigkeiten als Ingenieur einsetzen, allerdings kann ich mir vorstellen, ein zweites Standbein aufzubauen – und nebenberuflich eine Ausbildung in Richtung Kunsttherapie zu machen.»
   

 
 
 

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