HR Today | 1,2/2006 | Text: Claudia Alban

Wenn das Unternehmen die Familie in den Mittelpunkt stellt

Zu einer modernen Personalarbeit gehört es, dass sie den Mitarbeitenden ermöglicht, Beruf, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Unternehmen, die gewisse Kriterien erfüllen und bereit sind, sich evaluieren zu lassen, können das Zertifikat «familienbewusstes Unternehmen» erlangen. IBM hat es bekommen.

Die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben hat bereits in der Vergangenheit einen Schwerpunkt in der modernen Personalarbeit der IBM eingenommen. Durch den Einsatz innovativer Technologien und einer grossen Bandbreite flexibler Arbeitsmodelle sichert sich das Unternehmen den Erfolg von Work-Life-Balance-Massnahmen. Dazu gehören unter anderem Kostenerstattung für Aus- und Weiterbildung, globale Karriereperspektiven, Freizeit- und Vereinsaktivitäten sowie Beratung bezüglich Haushaltshilfen, Betreuungsmöglichkeiten für betagte Familienangehörige und Kinder. Das Arbeitskonzept erlaubt den Angestellten, dort  zu arbeiten, wo es im Sinne des Unternehmens, des Kunden und für die Mitarbeitenden am effizientesten ist – sei dies im Büro, beim Kunden oder zu Hause.

Die Implementierung und Aufrechterhaltung einer effektiven Work-Life-Balance bedeutet für Unternehmen und Mitarbeitende, bestehende Prozesse ständig zu hinterfragen und die Entwicklung von neuen Leitsätzen, Strategien und Programmen zu fördern. Bei der IBM Schweiz wurde 2003 das Projekt «Flexibility» lanciert, das in einer ersten Phase die Work-Life-Balance-Angebote in den folgenden Bereichen inventarisierte: flexible Arbeitszeit und Arbeitsort, Teilzeitarbeit, unbezahlter Urlaub, Kinderbetreuung und die grundsätzliche Denkhaltung gegenüber der Thematik Work-Life-Balance. Die Resultate dieser Untersuchungen haben gezeigt, dass bei IBM zwar bereits viele Angebote bestehen, die Nutzung und Ausgestaltung dieser Möglichkeiten im Bewusstsein der Mitarbeitenden aber noch zu wenig verankert sind. In Zusammenarbeit mit Franziska Bischof-Jäggi, Leiterin der Familienmanagement GmbH, haben IBM Schweiz und das IBM Forschungslabor den Zertifizierungsprozess zum familienbewussten Unternehmen initiiert, um unter anderem diese Denkhaltung zu beeinflussen.

Während ungefähr eines halben Jahres standen dabei die Information und die Erstberatung zum Thema Einklang von Beruf und Familie im Mittelpunkt. In Workshops für Mitarbeitende und Vorgesetzte wurde über die vielfältigen Modelle zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie informiert, und es wurden gemeinsam Massnahmen erarbeitet. Durch Coachings wurden Vorgesetzten Instrumente näher gebracht, welche die Umsetzung familienbewusster Personalpolitik und deren Verankerung im Unternehmen unterstützen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich die grundsätzliche Einstellung gegenüber Work-Life-Balance-Angeboten bereits in dieser Phase zu ändern beginnt und anfängliche Schwellenängste abgebaut werden können. Durch die fortgesetzte Kommunikation über Inhalt und Ergebnisse der Workshops und das Aufzeigen von Vorbildern während der Informationsveranstaltungen wurden auch Mitarbeitende einbezogen, die nicht aktiv an den Workshops teilnehmen konnten.

Im Rahmen einer Zertifizierung als familienbewusstes Unternehmen beurteilt eine von der Familienmanagement GmbH unabhängige Jury die Prozesse und erteilt das Zertifikat. Diese Jury besteht aus sechs ausgewiesenen HR-Fachleuten. Damit das markenrechtlich geschützte Zertifikat «familienbewusstes Unternehmen» erlangt werden kann, muss ein Rahmenprogramm durchlaufen und ein Gesamtkonzept zum Thema Work-Life-Balance erstellt werden. Dieses Konzept sowie der darin enthaltene Massnahmenkatalog sind von der Geschäftsleitung autorisiert und werden dadurch auf höchster Unternehmensebene mitverantwortet. Die Informationen über Konzept und Massnahmen werden allen Mitarbeitenden kommuniziert und bleiben auch nach der Zertifizierung jederzeit frei zugänglich. Am 21. November 2005 wurde die Zertifizierung der IBM als familienbewusstes Unternehmen mit der feierlichen Übergabe des Zertifikats abgeschlossen. Somit ist das Thema der familienbezogenen Work-Life-Balance im Unternehmen verankert, und die definierten Massnahmen erhalten ihren festen Platz im IBM-Unternehmensalltag. Dadurch bekennt sich IBM sowohl nach innen wie nach aussen zur Verantwortung als familienbewusstes Unternehmen.

Über die Zertifizierung hinaus wird bei der IBM Schweiz und im IBM Forschungslabor kontinuierlich an der Optimierung und Neuentwicklung von Work-Life-Balance-Angeboten und familienfreundlichen Prozessen gearbeitet:
• Regelmässige Qualitätszirkel überprüfen Arbeitsstrukturen, die der Balance von Unternehmens- und Mitarbeiterinteressen dienen; sammeln Inputs, um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess in Gang zu halten und weitere Umsetzungswege zu erarbeiten.
• Das Unternehmen sucht und publiziert intern und extern sozial, sportlich, familiär oder anders engagierte Mitarbeitende aus verschiedenen Hierarchie-Ebenen (so genannte Rolemodels) als Beispiel für einen kreativen Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben.
• Die im Unternehmen angebotenen familienorientierten Massnahmen werden im Intranet vorgestellt und die Voraussetzungen zur Inanspruchnahme erläutert.
• Bei jeder neuen offenen Position wird kritisch hinterfragt, ob Teilzeitarbeit oder Jobsharing möglich ist.
• Ergänzung des Geschäftsreglements mit einem Abschnitt zur Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit.
• Organisation von kostenneutralen Kinderferienlagern oder Ferien-Tagesangeboten.
• Kinderbetreuungsmöglichkeiten für Notfallsituationen.

Ein Jahr nach der Zertifizierung wird mittels einer Kurzevaluation durch die Familienmanagement GmbH beurteilt, ob die beschriebenen Massnahmen umgesetzt wurden und ob der Prozess die Zielsetzungen erreicht hat. Zudem wird evaluiert, ob Themen zweiter Priorität, die bei der Zertifizierung zurückgestellt wurden, wieder aufgenommen werden sollen. Drei Jahre nach der Zertifizierung wird erneut eine Evaluation durchgeführt und überprüft, ob das Work-Life-Balance-Konzept im Unternehmensalltag auf allen Stufen verankert ist und umgesetzt wird. Diese Beurteilungen werden von der Familienmanagement GmbH in Zusammenarbeit mit der Jury und dem zertifizierten Unternehmen durchgeführt. Der Entscheid über eine Rezertifizierung liegt bei der Jury. Mit der Erlangung des Prädikats «familienbewusstes Unternehmen» hat IBM einen wichtigen Schritt zur Umsetzung einer zeitgemässen Personalarbeit getan.

 
 
 

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