HR Today | 12/2005 | Text: Marianne Rupp

Der Bademeister auf Tour mit dem Scheidungsanwalt

Während drei Wochen im Jahr bei Familien und zu Anlässen eingeladen werden, Freude bringen, Kinder und Erwachsene entzücken – diesem Berufsprofil entspricht nur einer: der Samichlaus. In Zürich ist er in der St.Nikolaus-Gesellschaft organisiert – einem KMU, in dem alle Beteiligten freiwillig und unentgeltlich arbeiten.

«Viele Leute glauben, dass wir nur gerade um den 6. Dezember aktiv sind und uns in irgendeiner kleinen Garage ein rotes Gwändli und einen Bart umhängen», sagt Walter Furrer, Präsident der St.Nikolaus-Gesellschaft der Stadt Zürich. Dass dem ganz und gar nicht so ist, beweist schon der grosse Bunker beim Strassenverkehrsamt, der als Einsatzzentrale für die Samichläuse dient. Dort gibt es Aufenthaltsräume, Umziehkabinen, Restaurantbetrieb, Betten zum Ausruhen – und während der rund dreiwöchigen Haupt-Einsatzzeit herrscht reges und buntes Treiben, Türen und Gänge sind weihnachtlich geschmückt, es duftet nach Lebkuchen, und auf allen Tischen liegen haufenweise Guetsli zum Naschen bereit.
Die St.Niklaus-Gesellschaft zählt rund 900 passive und 250 aktive Mitglieder. Von diesen sind 50 Personen als Samichlaus unterwegs, 60 als Schmutzli, und 70 sind Autofahrer. Der Rest – also rund 70 Personen – arbeitet im rückwärtigen Dienst: Sie kochen, bessern die Kostüme aus, nehmen Bestellungen entgegen, machen Einsatzpläne für die Routen der Chläuse. «Es ist ein normaler KMU-Betrieb», sagt der Präsident. «Speziell bei uns ist nur, dass wir alle freiwillig und unentgeltlich arbeiten – und vielleicht mit etwas mehr Herzblut dabei sind.»

Wie in jedem Betrieb ist die Rekrutierung auch bei der St.Niklaus-Gesellschaft ein Thema: Meistens reiche die Mundpropaganda, oftmals melden sich etwa Kollegen von amtierenden Samichläusen oder Söhne, deren Väter schon lange chlausen. Kürzlich hat die Gesellschaft jedoch ein Inserat geschaltet – «nicht, weil wir zu wenig Samichläuse haben, sondern um eine längerfristige Personalplanung sicherzustellen», sagt Furrer. «Zwar haben wir Samichläuse in allen Altersgruppen, die älteren Semester – der älteste Samichlaus ist 85 Jahre – sind jedoch in der Überzahl.» Auf das Inserat haben sich rund 50 Personen beworben, 14 wurden aufgenommen. «Einerseits haben wir nicht Kostüme für 50 zusätzliche Personen», erläutert Furrer die Zahl der Neuaufgenommenen, «und andererseits entspricht nicht jede Person unseren Anforderungen.» Zwar dürfen alle Interessierten bei der St.Nikolaus-Gesellschaft mitmachen, falls Leute benötigt werden, doch Samichlaus kann nur werden, wer gewisse Kriterien erfüllt: «Der Samichlaus muss einen Schweizer Dialekt sprechen und gewisse rhetorische Fähigkeiten mitbringen. Zudem muss er eine anständige Ausdrucksweise haben, gut mit Kindern umgehen können und teamfähig sein. Wer Alkohol- oder Drogenprobleme hat, hat bei uns nichts verloren», sagt Walter Furrer. Es sei schon vorgekommen, dass ein Samichlaus fristlos entlassen werden musste, weil er mit einer Alkoholfahne in einem Kindergarten erschienen sei. Und noch ein Kriterium gibt es: Der Samichlaus muss männlich sein. «Es ist Tradition, dass der Sami-chlaus mit einer männlichen Stimme spricht, ebenso der Schmutzli. Daher können Frauen diese Rollen nicht übernehmen», erklärt Furrer. Dennoch – ohne Frauen könnte die St.Nikolaus-Gesellschaft gar nicht überleben: «Wir haben sehr viele Frauen, die im Hintergrund arbeiten. Im Vorstand sind die Frauen in der Mehrheit, Frauen sind auch die Büro-, die Material- und die Verpflegungschefin.»

Die Vorstellungsgespräche für die Samichlaus-Anwärter führt der Präsident mit zwei Kollegen. Wer aufgenommen wird, muss erst zwei Jahre als Schmutzli mitgehen, ehe er Samichlaus werden kann – wenn er überhaupt will. «Nicht jeder Schmutzli möchte Samichlaus werden. Die beiden haben eine traditionelle Rollenverteilung, die nichts mit Hierarchie zu tun hat», erklärt Furrer. Wer im Vorstellungsgespräch noch nicht ganz zu überzeugen vermag, erhält die Chance, als so genannter Nicker-Schmutzli an Einsätzen teilzunehmen. «Der Nicker-Schmutzli muss nur im richtigen Moment mit dem Kopf nicken. Er redet nicht, sondern schaut zu und lernt. Der Samichlaus und der Schmutzli berichten uns dann, ob der Nicker-Schmutzli geeignet ist oder nicht.» Auch ganz neue und sehr junge Interessierte gehen manchmal als Nicker-Schmutzli mit, damit sie von den anderen beiden lernen.
Neben diesem Lernen on the job gibt es jährlich einen obligatorischen Weiterbildungstag für alle. Es werden pädagogische Grundsätze vermittelt, die Rhetorik geübt oder anhand von Videoaufnahmen des letzten Jahres analysiert, wie sich Samichlaus und Schmutzli verhalten haben, was zu verbessern ist. Es kann auch vorkommen, dass aufgrund eines aktuellen Anlasses ein Gastreferent eingeladen wird, wie etwa im letzten Jahr ein Kinderpsychologe. «Wir mussten unsere Chläuse zum Thema Pädophilie sensibilisieren, da wir vermehrt Reklamationen von Eltern bekamen, die nicht wollten, dass der Samichlaus ihre Kinder auf den Schoss nimmt», sagt Furrer. Zudem gibt es eine jährliche gesamtschweizerische Samichlaus-Instruktion, an der Walter Furrer jeweils auch referiert.

«Der Vater ist Samichlaus, der Sohn Schmutzli und die Mutter Fahrerin – dieses Team geht schon lange erfolgreich auf Touren», erzählt Furrer. «Es gibt auch andere eingespielte Teams, die wünschen, jedes Jahr miteinander eingeteilt zu werden.» Wer die Einsatzpläne macht – bei fast 50 Chlaus-Paaren und rund 900 Besuchen kein leichtes Unterfangen – versucht, auf solche Wünsche Rücksicht zu nehmen. «Junge Schmutzlis sollten jedoch jeden Abend mit einem anderen Samichlaus unterwegs sein, damit sie möglichst viele Arten des Chlausens kennen lernen.» Bei solch zufällig zusammengewürfelten Teams sei es unausweichlich, dass es ab und zu Konflikte gebe. «Einmal hat uns ein Samichlaus noch während seiner Tour angerufen und gesagt, dass er zurückkomme, er brauche einen neuen Schmutzli», erzählt Furrer. «Wir stellten einen Sanitäter bereit, weil wir dachten, der Schmutzli habe gesundheitliche Probleme. Stattdessen kamen die beiden einfach überhaupt nicht miteinander aus.» Wenn es im Team Probleme gebe, sei das vor allem auf die nicht übereinstimmende Chemie zwischen zwei Menschen zurückzuführen und nicht auf ihre unterschiedliche Herkunft, ist Walter Furrer überzeugt. «Unsere Leute kommen aus allen möglichen Branchen und Hierarchiestufen. Beim Chlausen vergisst man seine Herkunft. Ob einer ein einfacher Hilfsarbeiter ist oder Direktor einer Bank, spielt keine Rolle mehr. Wir haben beispielsweise einen Samichlaus, der sonst Bademeister ist und sein Schmutzli Scheidungsanwalt und Gemeindepräsident. Das Team arbeitet seit 15 Jahren problemlos zusammen.»

Die Zeit, die das vorweihnachtliche Paar hat, um sich auf einen Familienbesuch vorzubereiten, ist verschwindend klein: Die Eltern stellen den Sack mit den Nüssen, Manderinli und sonstigen Kleinigkeiten bereit und heften daran einen Zettel. Auf diesem steht das Wichtigste, was der Samichlaus wissen muss. Es sind Hintergrundinformationen, die es dem Samichlaus ermöglichen, dem Kind als authentische Figur zu erscheinen. So sollte er beispielsweise den Namen der Kinder kennen und wissen, wenn ein Kind wegen einer Behinderung nicht gut gehen kann.
 
Die Samichläuse der Stadt Zürich besuchen nicht nur Familien, sie gehen auch zu Grossanlässen: in Altersheime, in Kindergärten, zu Turnvereinen, zu Firmenanlässen. «Ich kenne alle meine Chläuse und weiss, welche Art von Anlass ihnen am besten liegt», sagt Furrer. Er versucht denn auch, sie entsprechend ihrer Fähigkeiten einzuteilen: Wer gegen Mitternacht zu einem Frauenturnverein bestellt wird, von dem wird anderes erwartet als von einem, der am Nachmittag in ein Altersheim geht. Jeder Samichlaus sollte vier bis sechs Themen kennen, über die er gut sprechen kann, etwa die Jahreszeiten oder eine Kerze als Metapher des Lebens. Ideen für verschiedene Themen bekommen die Samichläuse am Weiterbildungstag. «Ich gebe gerne auch meine Themen preis», sagt Furrer, seit 45 Jahren selber Samichlaus. «Jeder soll sich inspirieren lassen können. Wichtig ist jedoch, dass jeder seine Überlegungen selber aufbaut und nicht einfach nachplappert, sonst verfehlt es die Wirkung.» Als Samichlaus hat Walter Furrer das Ziel, dass die Leute am nächsten Tag nicht nur wissen, dass er da war, sondern sich auch erinnern, was er erzählt hat. Je nach Zielgruppe variieren die Themen – von philosophisch bis komisch, von besinnlich bis moralisch. «Gerade bei Anlässen, an denen die Topmanager in ihren gut sitzenden dunklen Anzügen teilnehmen, versuche ich in Erinnerung zu rufen, dass das Leben nicht nur aus Geschäft und Hektik besteht», sagt Samichlaus Furrer. Einmal habe ein Samichlaus vor einer Managergruppe einer seiner vorherigen Besuche bei einer Familie erwähnt, die so arm war, dass die Geschwister in einem Bett schlafen mussten. «Tags darauf konnten wir mehrere Betten abholen und verteilen.»
Der Samichlaus als Wohltäter geht nicht nur zu Familien, die sich ihn leisten können, sondern kümmert sich auch um sozial schlechter Gestellte. «Den Bedürftigen bringen wir Säcke mit Lebensmitteln, etwa Reis, Mehl, Zucker manchmal Honig oder Schoggi», sagt Furrer. Diese Gaben bezahlt die Gesellschaft aus eigener Tasche. «Wir haben uns verpflichtet, unsere Einnahmen aus dem Samichlaus-Geschäft sinnvoll zu investieren.» Dieses Geld erlaubt es den Chläusen, auch unter dem Jahr bei gemeinnützigen Aktionen tätig zu sein, etwa Behinderte auf einen Bauernhof einzuladen und dort den Tag mit ihnen zu verbringen. «Die gemeinnützigen Aktionen sind die Arbeit des Samichlauses während des ganzen Jahres. Wir bringen unbürokratische Soforthilfe, dort, wo es am nötigsten ist.» Die Samichläuse werden ihrerseits unterstützt, vor allem in der Haupteinsatzzeit im Dezember. «Das Restaurant Linde in Weiningen spendiert uns schon seit Jahren rund 1400 Nachtessen, damit sich unsere Leute nach einer Tour stärken oder Energie auftanken können, ehe sie aufbrechen, ohne zu wissen, was sie erwartet.»

Nicht immer sind es strahlende Kinderaugen, eine Familie samt Grosseltern, die den rot gewandeten, bärtigen Mann erwarten. «Zwar ist das unser Wunschszenario», sagt Furrer. «Leider treffen wir aber auch auf zerrüttete Familien, der Vater alkoholisiert, die Kinder frech und respektlos.» Ein Samichlaus muss jeden Besuch, egal, wie sehr er ihn belastet, schnell verarbeiten. Es ist wichtig, dass über belastende Vorkommisse möglichst schon im Auto gesprochen wird, damit sich das Team erholen und unvoreingenommen zu den nächsten Leuten gehen kann. «Wir müssen darauf achten, dass sich unsere Samichläuse nicht verausgaben. Es gibt solche, die während zwölf Tagen im Einsatz sind. Was sie da alles erleben, ist psychisch nicht immer leicht zu ertragen. So müssen sie bei einer Familie auf Kisten sitzen, weil diese kein Geld für Möbel hat und beim nächsten Besuch werden sie am Eisentor vom handschuhtragenden Butler empfangen.»
Es sind diese Vielfältigkeit, die unzähligen positiven und negativen Begegnungen sowie die Möglichkeit, Freude und Hilfeleistungen zu bringen, die Walter Furrer faszinieren. Er schlüpft daher sehr gerne in die Kleider vom Samichlaus und betont: «Sobald ich die Kleider anhabe, spiele ich nicht Samichlaus, ich bin der Samichlaus.» Walter Furrer ist überzeugt: «Wir Samichläuse haben den schönsten Beruf der Welt.»

 
 
 

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