HR Today | 1,2/2005 | Text: Barbara Honegger
Networking oder auf gut Deutsch «Netzwerken» ist in. Ein funktionierendes Netzwerk gilt heute als A und O für das berufliche – und private – Fortkommen. Es gibt Leute, welche die Kunst des Netzwerkens besser beherrschen als andere. Netzwerke, wohl so alt wie die Menschheit selbst, haben Hochkonjunktur.
Dem Begriff «Netzwerk» wird heutzutage schon fast eine magische Bedeutung zugeschrieben: Gute Netzwerker sind anderen eine Nasenlänge voraus, da sie (als Erste) an wichtige Informationen herankommen. Eine Tatsache, die sich vor allem auf die eigene berufliche Laufbahn entscheidend auswirken kann. Wer nun Handlungsbedarf im Hinblick auf die eigenen Fähigkeiten des Networking erkennt, stellt sich vorab mit Recht die Frage, was eigentlich als Netzwerk bezeichnet werden kann. Sehr treffend ist die Definition des Autors Robert K.Mueller: «Ein Netzwerk ist ein Beziehungsgefüge aus selbständigen Einheiten, die durch gemeinsame Werte verbunden sind. Netzwerke bestehen aus selbstbewussten Menschen und unabhängigen Unternehmen. Der Begriff Netzwerk bezieht sich auf eine Anzahl von Personen (oder andere Einheiten), die nach einem festgelegten Muster in beständiger Interaktion miteinander stehen.» Networking ist also eine systematische Form des Beziehungsaufbaus und der Beziehungspflege mit verschiedenen Kontaktgruppen wie beispielsweise Freunde, Bekannte, Inspirierer, Geschäftspartner oder Förderer.
Netzwerke gibt es schon lange: Die Zünfte, die verschiedenen Business-Netzwerke wie Rotary und Lions Club, die Freimaurer oder das Netzwerk der Kirche sind nur einige Beispiele. In den letzten Jahren rückte der Begriff allerdings stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, da klar wurde, wie wichtig es ist, persönliche Netzwerke bewusst zu gestalten. Gerade im Zeitalter der schnellen elektronischen Kommunikation (SMS, E-Mail, MMS) ist der persönliche Austausch zwischen Menschen von unschätzbarem Wert. Schliesslich ist der Mensch ein soziales Wesen, Kontakte und Beziehungen sind für ihn lebenswichtig.
Wesentlich ist die Unterscheidung in private und berufliche, von der Form her in formelle und informelle Netzwerke. Formelle Netzwerke verfügen über ein Vorstandsorgan, und ihre Mitglieder treffen sich regelmässig. Informelle Netzwerke entstehen eher zufällig und werden vor allem dann genutzt, wenn Bedarf vorhanden ist. In offene Netzwerke können alle Personen frei beitreten, geschlossene Netzwerke sind auf eine bestimmte Zielgruppe beschränkt. Bei einigen braucht es beispielsweise einen Patenonkel, um aufgenommen zu werden, oder es sind nur Frauen beziehungsweise Männer zugelassen.
Eine ganz besondere Art von Netzwerk, die hier doch noch erwähnt sein soll, stellt die so genannte Seilschaft dar: Der Begriff weist auf Verbindungen unter Menschen hin – beruflich sind sie häufig in ganz verschiedenen Positionen tätig –, die nur dem eigenen Vorteil, den eigenen Interessen dienen. Die Seilschaft ist also von der Begrifflichkeit her eher ich-orientiert, während das Netzwerk wir-orientiert ist.
Ein Netzwerk ist für das ganze Leben wichtig. Damit es funktioniert und die Verbindung erhalten bleibt, gilt der Grundsatz von Geben und Nehmen, so dass alle in den Genuss der Vorteile kommen: Wer andere beim Lösen von Problemen unterstützt, wertvolle Informationen teilt oder Empfehlungen abgibt, kann umgekehrt wieder auf die Ressourcen des Netzwerks zurückgreifen und etwa Kontakte zu Personen aufbauen, die noch nicht zum Bekanntenkreis gehörten.
Ob ein Netzwerk existiert – oder eben nicht –, wird meistens offensichtlich, wenn es dringend benötigt wird. Der Aufbau und die Pflege eines Netzwerks braucht viel Zeit. Die vielen wertvollen Beziehungen, aus denen sich ein Netzwerk zusammensetzt, entstehen nicht einfach von heute auf morgen. Eine Spinne braucht schliesslich auch sehr lange, bis sie ihr Netz angefertigt hat. Und sie muss es fast täglich erneuern, da sonst die Fäden austrocknen. Ähnlich ist es um die menschlichen Netzwerke bestellt: Sie müssen sorgfältig aufgebaut und gepflegt werden, sonst trocknen die Kontakte ebenfalls aus. Einmalige Begegnungen mit vielen Menschen helfen noch nicht, ein starkes Netzwerk zu gestalten, da sie Kontakte viel zu wenig «kitten» und zu wenig stabil sind. Es braucht verschiedene Kontakte, Interaktionen oder gemeinsame Erlebnisse, um diese Verbindungen zu festigen. Deshalb macht es Sinn, sich sein Netz sorgfältig auszuwählen und aufzubauen, jedoch auch immer wieder zu überprüfen. Die Fäden im Spinnennetz sind sehr stark, ebenso bedeutend sind die Beziehungen unter Menschen.
Netzwerken kann grundsätzlich jeder. Für extravertierte Personen ist es sicher einfacher, neue Kontakte aufzubauen. Was eine introvertierte Persönlichkeit allerdings häufig besser beherrscht, ist die Beziehungspflege. Wenn der Kontakt einmal besteht, fällt es diesen Typen einfach, ihn zu pflegen. Ungeübte können Networking übrigens erlernen, da es für das systematische Netzwerken viele Instrumente und Methoden gibt (etwa Networking-Strategiepapier, Mindmaps zur Darstellung der gewünschten Networking-Struktur, Kontaktplanung mit Eintrag in Agenda und Reminder, gute Adressdatenbank mit Infos zu den verschiedenen Kontaktpartnern), die sich gezielt einsetzen lassen. Voraussetzung ist selbstverständlich eine positive Einstellung dem Networken gegenüber.
Wer ein Netzwerk erfolgreich aufbauen will, sollte sich selbst und seine Wirkungsweise auf andere jedenfalls gut kennen. Dann gilt es, Orte oder Plattformen auszuwählen, wo sich verschiedene Menschen treffen. Der Netzwerkaufbau ist so zu planen, dass man selbst regelmässig an Veranstaltungen, Schulungen oder Messen teilnehmen und an diesen Anlässen systematisch «kontakten» kann. Ist der Einstieg gelungen, beginnt die wirkliche Pflege der Kontakte: Dazu gehören interessante Gespräche mit mehreren Personen und das Sammeln von Visitenkarten. Es empfiehlt sich, darauf zu notieren, wo und wann man die entsprechende Person getroffen hat. Hilfreich ist auch eine Datenbank – im Outlook oder als Excel-Tabelle –, die regelmässig nachgeführt wird: Wen hat man wo getroffen, worüber wurde gesprochen, welche Gemeinsamkeiten gibt es allenfalls und wann ist der nächste Kontakt geplant? Möglichkeiten, den Faden wieder aufzunehmen, gibt es viele: eine E-Mail verschicken mit interessanten Informationen zu einem Thema, über das gesprochen wurde. Oder sich telefonisch zum Essen verabreden oder jemanden an eine weitere Veranstaltung einladen.
Wer netzwerkt, trifft die verschiedensten Menschen, und nicht alle Bekanntschaften sind willkommen. Die folgende Typologie von Netzwerkern mag helfen, Kontakte etwas zielgerichteter zu planen (oder zu unterbrechen):
Der «Visitenkarten-Jäger» Dieser Typ Netzwerker möchte gerne professionelles Networking betreiben, beschränkt seine Tätigkeit jedoch rein auf das Visitenkarten-Sammeln. Geben Sie dieser Person Ihre Visitenkarte, sie wird sich darüber freuen, doch rechnen Sie nicht mit einer weiteren Begegnung.
Der «Parasiten-Networker» Dieser Person geht es beim Networken nur um ihren eigenen Nutzen. Zu Beginn funktioniert dies auch, da sie andere häufig blendet und einen guten ersten Eindruck hinterlässt. Sie ist clever und versteht es, ihre Mitmenschen zu manipulieren. Die Beziehung beschränkt sich aber auf das Nehmen. Ein Tipp: Halten Sie sich fern oder trennen Sie sich von diesem Typ, wenn Sie bereits in «sein» Netzwerk eingebunden sind.
Der «Profi-Networker» Dieser Typ geht systematisch vor, hegt und pflegt seine Kontakte, sondert unerwünschte Bekanntschaften aber auch wieder aus. Er kann Prioritäten setzen, ist ein guter Kommunikator und wird von seinen Mitmenschen sehr geschätzt. Alleine schon durch seine Ausstrahlung zieht er Menschen an. Er achtet auf ein Geben und Nehmen und wirft Ihnen gerne auch einen Stein in den Garten. Pflegen Sie diesen Kontakt besonders gut.
Der «Anti-Networker» Hier geht es um eine Person, die nicht gerne netzwerkt und es auch nicht lernen möchte. Sie spüren ihre negative Reaktion schon beim ersten Kontakt. Tipp: Nehmen Sie dies einfach zur Kenntnis. «Leben und leben lassen» sollte hier Ihr Motto sein. Vielleicht können Sie diesen Typ umstimmen. Ein Versuch lohnt sich, denn dieser Mensch kann sehr interessant sein.