HR Today | 1,2/2008 | Text: François Höpflinger

Für die Jugendlichen wird es immer schwieriger, eine eigenständige Jugendkultur zu entwickeln

Für die Jugendlichen wird es immer schwieriger, eine eigenständige Jugendkultur zu entwickeln

In einer demografisch alternden Gesellschaft ist die Stellung der Jugend und junger Erwachsener zweideutig. Einerseits wird Jugend immer stärker zur gesuchten Minderheit. Vor allem nach dem Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben dürften sich die wirtschaftlichen Chancen junger Erwachsener verbessern. In diesem Rahmen werden (vermeintliche) Probleme der Jugend immer mehr auch als Bedrohung des Wohlstands der älteren Generationen erfahren. Auf der anderen Seite ergeben sich höhere sozialpolitische Belastungen für jüngere Generationen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins Alter kommen. Aufgrund des wachsenden Stimmgewichts älterer Stimmbürger und Stimmbürgerinnen sind Jugendliche und junge Erwachsene zudem oft von der politischen Macht ausgeschlossen. Dies wird durch die Tatsache verstärkt, dass ein wesentlicher Teil der jungen Generationen – weil ausländischer Nationalität – kein Stimmrecht besitzt. Selbst im neuen eidgenössischen Parlament sind weniger als zehn Prozent der Parlamentarier und Parlamentarierinnen jünger als 40. Die Jugend wird zwar politisch als Zukunft der Schweiz definiert, aber die Meinungen von Jugendlichen interessieren faktisch wenig.

Obwohl die Jugend selbst immer mehr zu einer demografischen Minderheit und politischen Randgruppe wird, hat sich umgekehrt Jugendlichkeit als allgemeine Verhaltensnorm voll durchgesetzt. In diesem Rahmen erfuhr auch das jugendnahe Erwachsenenalter (selbständiges Leben vor Familiengründung) eine Ausdehnung. Jung zu bleiben und sich jung zu verhalten wird für Erwachsene bis weit ins Rentenalter zunehmend zur sozialen Norm, die in Zukunft durch die Anti-aging-Bewegung eine zusätzliche Dynamik erfahren kann. Die eigentliche Jugend wird dabei immer stärker durch jugendlich bleibende Erwachsene verdrängt, was sich etwa in einer Überschichtung von Jugendkulturen durch zwangsweise jung gebliebene Marketingfachleute ausdrückt. Entsprechend wird es für Jugendliche immer schwieriger, eine eigenständige Jugendkultur zu entwickeln, und auch intergenerationelle Projekte werden heute stark von den älteren Generationen bestimmt.

Der Trend zu Jugendlichkeit – ohne biologische Jugend – wird durch eine weitere Entwicklung gestützt: Postmoderne Gesellschaften haben durch die Etablierung von Forschung, Wissenschaft und wirtschaftlichem Wettbewerb einen permanenten Wandel und ständige Innovationen institutionalisiert. Zudem ist im Gegensatz zu früheren Gesellschaften eine postmoderne Gesellschaft nicht mehr auf (biologische) Jugendliche angewiesen, um innovativ zu verbleiben. Alt und innovativ wird immer mehr zum zentralen Lebensprogramm der Gesellschaft und Innovativität hat sich sozusagen von der Jugend dissoziiert. «Echte Jugend» ist für Fortschritt und Innovation immer weniger wichtig, was durch den Trend zur «Container-Jugend» (Jugend in Wartestellung, Jugendphase als Moratorium) verstärkt wird.

Dennoch verbleiben Jugendliche und junge Erwachsene in einer demografisch alternden, aber soziokulturell verjüngten Erwachsenengesellschaft weiterhin ein wichtiger Bezugs- und Orientierungsrahmen für Lebensstil- und Konsum-Innovationen. Oder plakativer formuliert: Selbst der Seniorenmarkt orientiert sich – implizit – am Jugendmarkt. Wandern mit Stöcken (Nordic Walking genannt) wurde bei Senioren erst richtig populär, als auch Jugendliche diese Sportart ausübten.

 
 
 

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