der arbeitsmarkt | 04/2008 | Text: Doris Burkhardt Rohrer

«Ich mache nur ganze Sachen»

Der christlichsoziale Freiburger Nationalrat und Gewerkschaftspräsident Hugo Fasel wird per Anfang Oktober neuer Direktor des Hilfswerks Caritas Schweiz. Im Gespräch erklärt der Vollblutpolitiker und Sozialunternehmer, was ihn antreibt.

Freitagmorgen, zehn Uhr: Im Eilschritt kommt der designierte Caritas-Direktor pünktlich ins Sitzungszimmer des Gewerkschaftsdachverbandes Travail.Suisse. Ein kräftiger Händedruck, danach gilt sein Blick seiner Armbanduhr: «Um elf, Sie wissen, muss ich weg sein.»

Herr Fasel, sind Sie immer so in Eile?
Hugo Fasel: Ich bin halt ein emotionaler Mensch.

Die NZZ hat Sie kürzlich als Gewerkschafter mit einem Schuss Demagogie und Schlitzohrigkeit beschrieben. Sehen Sie sich auch so?
Ich nenne die Dinge beim Namen und lasse mich nicht an der Nase herumführen. Als Gewerkschafter habe ich gelernt, gradlinig zu sein, die Dossiers genau zu kennen, hart zu verhandeln, im richtigen Moment auf die Pauke zu schlagen und dann einen für beide Seiten tragbaren Kompromiss zu finden. Für mich ist das nicht Demagogie, sondern «herausgearbeitete Klarheit».

Sind Sie sicher, dass Sie Ihre Mandate in der Gewerkschaft und Politik an den Nagel hängen wollen?
Sie sind überrascht, dass ich zur Caritas wechsle?

Wir würden leugnen, wenn es nicht so wäre. Aber Sie selbst sprachen immer wieder davon, ihren Traumjob als Gewerkschaftschef und Politiker gefunden zu haben.
Es war auch mein Traumjob. Und er ist es immer noch. Aber wenn sich die Chance für eine neue Herausforderung bietet – wie jetzt –, dann möchte ich sie packen.

Und was hat den Ausschlag zu Gunsten des Hilfswerks gegeben?
Ich trete damit einen neuen Traumjob an. Ich bin glücklich über diese Wahl: Die Caritas ist eines der führenden Hilfswerke in unserem Land und leistet als eigenständige katholische Organisation ausgezeichnete Arbeit. Mich für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Integration der Menschen in die Gesellschaft einzusetzen, entspricht meiner Überzeugung und meiner Grund-haltung. Dafür will ich mich weiter engagieren.

… und opfern dafür das Nationalratsmandat?
Ich mache nur ganze Sachen. Deshalb stand für mich fest, dass es einen klaren Schnitt auch in der Politik braucht, die ich ebenfalls als «ganze Sache» betrieben habe.

Kaum wurde publik, dass Sie als Caritas-Direktor gewählt wurden, meldeten sich erste Kritiker und sprachen von einer «Verpolitisierung des Amtes».
Ach, wissen Sie, das gehört zum Geschäft. Ich lasse mich nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

Dennoch: Wie viel Politik verträgt die Caritas?
Caritas hat ein Leitbild und einen Auftrag. Sie engagiert sich gesellschaftspolitisch im Interesse der sozial Benachteiligten, sowohl im Inland wie in den Entwicklungs-regionen Lateinamerika, Afrika und Asien. Diese Umsetzung ist letztlich immer politisch. Die Herausgabe des viel beachteten Sozialalmanachs der Caritas analysiert die soziale Situation unseres Landes. Auch das kann man als politisch bezeichnen. Doch Parteipolitik will ich keine betreiben. Meine Aufgabe ist vielmehr, den Auftrag der Caritas so umzusetzen, wie diese es von mir erwarten darf – respektvoll und mit grösster Aufmerksamkeit für die anderen.

Das Image der Hilfswerke und der Entwicklungshilfe ist teilweise angekratzt − oft auch wegen ihrer mangelnden Transparenz beim Spendeneinsatz.
Vorweg: Caritas ist ein äusserst transparentes Hilfswerk. Die Zusammenarbeit der Entwicklungshilfe steht national und international in der Diskussion, das ist richtig. Das schafft aber die Möglichkeit, sichtbar zu machen, wie leistungsfähig Hilfswerke wirklich sein können. Debatten scheue ich nicht, erst recht nicht, wenn etwas falsch läuft. Spendeneinsätze müssen offengelegt werden. Nur so kann man das Vertrauen der Spendenden gewinnen. Sie wollen wissen, was mit ihrem Geld geschieht.

Es gab mal eine Zeit, da waren Sie während Ihres Ökonomiestudiums auch hauptamtlicher Hausmann.
Das war für mich die lehrreichste Zeit meines Lebens. Da habe ich gelernt, was es bedeutet, einen Haushalt mit Kindern zu führen. Einen Tag lang Kinder zu begleiten, wenn sie die Welt auf eigene Faust erkunden wollen, ist mindestens so anstrengend wie zwölf Stunden Arbeit im Bundeshaus.

Und wie reagierten Ihre Nachbarn darauf?
Sie hatten dermassen Mitleid mit mir, dass sie mich öfters zum Essen einluden, wenn meine Frau abwesend war.

Heute gibt es Zeiten, da ist der Vater zweier erwachsener Töchter eher selten zu Hause. 2005 war nach seinen Worten sein bisher intensivstes Jahr in der Bundespolitik. Vor allem vor den Abstimmungen war der Gewerkschaftsboss und Sozialpolitiker fast allabendlich unterwegs, um die Basis von einem Ja zur Personenfreizügigkeit und danach von einem Nein zum Sonntagsverkauf an Bahnhöfen und Flughäfen zu überzeugen. Auch kämpft er für eine starke AHV, für mehr Trans-parenz in der beruflichen Vorsorge, für einheitliche und höhere Kinderzulagen – und seit Januar für jährlich sechs Wochen Ferien für alle Angestellten.

Sechs Wochen Ferien für alle, das wird der Wirtschaft wohl kaum gefallen.
Wenn von Wirtschaftsseite auf diese politische Forderung keine Reaktion käme, dann wäre ich enttäuscht. Man muss auch etwas ankicken, um eine Auseinandersetzung in Gang zu setzen, bevor heikle Themen wieder schubladisiert, ja tabuisiert werden. Ich bin davon überzeugt, dass das Bedürfnis nach Ausspannen, Zurücklehnen und Atemholen in der Arbeitswelt sehr gross ist. Die Raststätten an der Berufsautobahn müssen ausgebaut werden.

Zur globalisierten Marktwirtschaft und zum Abbau von Arbeitsplätzen: Von Arbeitnehmenden wird zusehends mehr Flexibilität gefordert.
Flexibilität muss klare Grenzen haben. Wird sie gefordert, muss sie immer für beide Seiten gelten – für die Betriebe und für die Arbeitnehmenden. Alles andere wäre ein Etikettenschwindel. Ich bin als Gewerkschafter und Politiker einigen Fällen begegnet, bei denen Arbeitnehmende vor lauter Flexibilität für Betrieb und Beruf zuerst ihre Familie und dann sich selbst verloren haben.

Was tun Sie, wenn Menschen soziale Probleme beklagen?
Ich bin nicht Gewerkschafter und Politiker geworden, um nur über soziale Probleme zu reden, sondern vor allem auch, um diese zu lösen. Wenn uns die Menschen brauchen, müssen wir konkret handeln und Hand anlegen. Und sie brauchen uns, heute mehr denn je.

Hugo Fasel präsidiert neben seinem gewerkschaftlichen und politischen Engagement vier Projekte für sozial benachteiligte Menschen. Dazu gehört unter anderem das Unternehmen Ritec
in Düdingen, das Fasel im November 2000 als unabhängige Non-Profit-Organisation gegründet hat. Die Ritec bietet Ausgesteuerten und Sozialhilfeempfängern 35 Arbeitsplätze. Jugendliche mit geringer Chance, eine Lehrstelle zu finden, bekommen ihre Ausbildung bei der ebenfalls von Fasel gegründeten «fribap».

Woher schöpfen Sie Ihre Kraft?
Ich bin doppelt beglückt worden: Ich hatte von klein auf immer viel Energie. Und ausserdem habe ich herausragende Mitarbeitende, die mich unterstützen.

Können Sie auch mal abschalten?
Kein Problem. Ich berufe mich dann auf Nietzsche und reklamiere für mich das Recht auf Faulheit. Wir sind alle unterwegs auf der Autobahn, meistens auf der Überholspur. Da muss es doch auch mal eine Raststätte geben, in welcher man sich ausruhen kann.

Und wenn Sie mal am gleichen Abend zwischen drei Terminen auswählen müssen, wie entscheiden Sie sich dann?
Dann entscheide ich mich manchmal für den vierten und bleibe zu Hause.

Als CSP-Nationalrat sind Sie Mitglied der Grünen Fraktion. Sind Sie ein Grüner?
Ich bin ein Christlichsozialer: Unsere Gesellschaft basiert auf den vier Eckpfeilern Solidarität, Partizipation, Ökologie und Ökonomie. Da möchte ich nicht ausschliesslich einem einzigen dieser Werte nachjagen. Natürlich schaue ich beim Einkaufen auf Öko-Labels und auf die Herkunft der Waren. Aber ich gehe vor allem wegen der Menschen gerne einkaufen. Dann kann ich beobachten, wie sie sich verhalten.

Und wie verhalten sie sich?
Einkaufen ist ein Coming-out. Wenn jemand von jedem einzelnen Artikel den Preis studiert, sagt das mehr aus als manche Studie. Das ist für mich Soziologie live.

Und wie kaufen Sie ein?
Typisch männlich: Am Schluss habe ich immer mehr im Wägeli, als ich auf meinem Zettel aufgeschrieben habe.

Längst hatte es vom nahen Kirchturm halb zwölf geschlagen. Dabei wollte Hugo Fasel doch um elf Uhr schon weg sein.

 
 
 

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