der arbeitsmarkt | 02/2009 | Text: J. Claude Rohner

Nachhaltigkeit und Transparenz

Banken, die sich ans klassische Bankengeschäft gehalten haben, stehen nach wie vor gut da.
Der «arbeitsmarkt» hat mit Vertretern von Banken geredet, denen die Krise nicht oder nur wenig zugesetzt hat: der Zürcher Kantonalbank, den Raiffeisenbanken und der Alternativen Bank Olten.

«Sie tanzen immer noch, obwohl die Musik nicht mehr spielt!», kritisiert Sven Thali, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Alternativen Bank Olten (ABS), das Verhalten gewisser Manager in der Diskussion um deren Bonusbezüge. Die Abzocke durch die Spitzen der UBS und anderer in Schieflage geratener Banken steht stellvertretend für die Moral hinter «der Krise».
Die Krise habe keine schweizerischen Ursachen, wehrt sich Willy Hautle, Head Economics and Strategy Research der Zürcher Kantonalbank (ZKB). «Wir haben einen gut funktionierenden Immobilienmarkt, die Vergabe der Hypotheken verläuft seriös und vorsichtig. Die Wirtschaftslage der Schweiz war vor der Krise ausgeglichen und die Geschäfte ohne aussergewöhnliches Risiko. ­Risikoreich handelten nur die international tätigen Banken und Versicherungen.»
Die Schweiz ist von den einbrechenden Exporten betroffen. Durch den Crash hat sich schlechte Stimmung verbreitet. Viele haben Geld verloren, Private und Firmen. Das wirkt sich auf den Konsum aus.
Die Krise sei importiert, hebt auch Gabriele Burn, Mitglied der Geschäftsleitung der Raiffeisenbanken, hervor. Und wie Thali bedauert sie, dass die Krise durch die Politik und die Berichterstattung der Presse noch angefacht werde, statt die Schadensbegrenzung, die der Bundesrat begonnen habe, weiterzuführen.

Es gelang, einen Dominoeffekt zu verhindern

Die Krise wird dadurch erst richtig herbeigeredet: Die Innovationslust wird gehemmt, die Kauflust gedämpft und der Binnenmarkt in seiner Entwicklung gestört. Das verstärkt die Krise, kostet Arbeitsplätze und löst einen Dominoeffekt aus. Die Unterstützung des Staates in der Bankenkrise ist «nicht optimal, die Wirkung ist verpufft», moniert Gabriele Burn. «Die Zinsen sinken immer ­weiter, das bringt weder den Banken noch den Kunden etwas.»
Willy Hautle: «Eine Krise dieses Ausmasses hat es seit den 30er-Jahren noch nie gegeben. Es war richtig, dass die Staaten einge­griffen haben, um eine systemische Krise zu vermeiden.» Der erste Dominostein musste gehalten werden, damit die andern nicht umgestossen werden, erklärt er. «Sonst hätte sich die Bankenkrise in eine grosse Wirtschaftskrise umgewandelt», so Hautle weiter.
Die Gesellschaft, die Wirtschaft muss Geld ausgeben können. Dafür ist das Bankensystem notwendig. Der Kreditfluss muss in grossem Ausmass gesichert sein. Bei der systemischen Banken­krise wird sozusagen der Blutkreislauf des Wirtschaftskörpers gestoppt, der Körper kollabiert. Die Banken sind im Interbankengeschäft vorsichtig geworden. Das führt zu Liquiditätsengpässen in der Wirtschaft. Die Liquidität ist aber ein ganz wichtiger Faktor für das Gedeihen der Firmen. Sie überbrücken damit kurzfristige Geldengpässe, denn es ist für sie nicht sinnvoll, grössere Geld­mengen aufzuheben statt gewinnbringend anzulegen. Angelegte Gelder können aber nicht sofort abgezogen werden, wenn sie ­benötigt werden.

Einfache statt strukturierte Produkte

Was machen die vom «arbeitsmarkt» befragten drei Banken anders? Warum sind sie Gewinner der Krise? Sven Thali von der ABS, die einen deutlichen Kundenzuwachs erlebt hat: «Wir investieren in ‹einfache› Produkte. Das sind Produkte, die den Bedürfnissen der Kunden entsprechen und klar strukturiert sind. Einfache Produkte sind transparent, und das macht sie gut. Das Immobilien­rating kann beispielsweise einfach und klar gestaltet werden. Dann braucht es keine Ratingagenturen, die über die Seriosität und Performance der Produkte Auskunft geben müssen.» Die Geschäftspolitik der ABS ist auf Nachhaltigkeit, Ethik und Transparenz ausgerichtet. Thali: «Das sind Win-win-Werte, die sich jetzt auszahlen.»
Bei den Raiffeisenbanken klingt es ähnlich. Für Gabriele Burn ist die Nähe der rund 1150 Raiffeisenfilialen zu den Kunden ein entscheidender Faktor: «Die Raiffeisenbanken befleissigen sich einer konservativen Risikopolitik. Wir kennen die Objekte und können die Qualität der Risiken gut einschätzen. Die Raiffeisenbanken sind stark im gesunden schweizerischen Hypothekenmarkt engagiert. Zusammen mit den Kantonalbanken bedienen wir 60 Prozent der KMU mit Krediten.» Trotz der Krise erhalten die KMU von den Raiffeisenbanken Geld, damit sie liquid bleiben und ihre Projekte vorantreiben können. Auch jetzt in der Krisenstimmung können die Banken Geld sicher anlegen, denn sowohl im Hypothekarmarkt wie in der Wirtschaft ist genügend Nachfrage für Kapital vorhanden.
Und die ZKB? Sie ist zwar von der Krise betroffen und musste einen Gewinnrückgang hinnehmen. Aber sie hatte keine «toxischen Aktiven», also keine «strukturierten Produkte» aus dem amerikanischen Immobilienmarkt. Dadurch behielt sie ihre Bonität. Ihr Rating ist immer noch AAA, aber sie leidet unter der ­Abschwächung der Börse. Deshalb ist sie an einer schnellen ­Stabilisierung der Wirtschaft interessiert.
UBS und in kleinerem Mass Credit Suisse dagegen liessen sich vom schönen Schein blenden und investierten kräftig in die ­amerikanischen «strukturierten» Produkte, die auf Krediten für Hausbesitzer basierten. Tiefe Zinsen und Hypotheken auch für Risikokunden waren üblich. Die Kredite wurden zu Finanzprodukten umgewandelt und als «strukturierte Produkte» verkauft. Das Geschäft wurde von den amerikanischen Banken in der Erwartung einer ständigen Steigerung der Immobilienwerte völlig unseriös angekurbelt. Als die Blase platzte, waren die Häuser, also die realen Werte und vermeintlichen Sicherheiten hinter dem Hype, bei weitem nicht das wert, was die «strukturierten Produkte» vorspiegelten.

KMU nicht auf dem Trockenen sitzen lassen

Die Krise ist importiert, die Schweizer Wirtschaft hat sie nicht verursacht, aber mancher Banker hat die gleiche Mentalität gepflegt wie die amerikanischen Managements und sich von den vermeintlichen Gewinnchancen blenden lassen. Das hat Folgen für die Schweiz. Die Schweizerische Eidgenossenschaft schreibt in ihrem KMU-Portal: «Die schweizerische Wirtschaft bleibt (2008, die Redaktion) auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig, wie der Jahresbericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) bekannt gibt. Wie bereits 2007 landet die Schweiz auf dem zweiten Platz, hinter den USA. Man wird jedoch die nächste Ausgabe der WEF-Studie abwarten müssen, um die Auswirkungen der internationalen Finanz­krise auf das Ranking gänzlich bewerten zu können.»
Die schweizerischen KMU sind nun durch einen Liquiditäts­engpass bedroht, denn viele ausländische Banken haben ihre ­Kredite gekündigt. Hier springt seit kurzem eine Stiftung in die Bresche, die Liquiditätsengpässe bei Schweizer Unternehmen verhindern will. Die Stiftung «kmufinance», der die Kantonalbanken von Glarus, Nidwalden, Obwalden und Thurgau, Otto Ineichen und BDO Visura als Stifter angehören, versucht, diese Engpässe auszugleichen.
«Überschüssige Liquidität der Kantonal- und Raiffeisenbanken und des übrigen Bankensystems muss dringend zu UBS und CS fliessen, die grossmehrheitlich für die Finanzierung des Export­geschäftes verantwortlich zeichnen. Weiter sind Schweizer KMU umgehend und über alle Branchen hinweg zu günstigen Konditio­nen mit Liquidität zu versorgen.» Dazu will die Stiftung einen Fonds von zehn Milliarden Franken aufstellen. Unterdessen erhält die UBS bereits wieder Geld von anderen Schweizer Banken. Das zeigt, dass das Vertrauen in die Geschäftspolitik der UBS wieder zunimmt.
Auch die ZKB, die Raiffeisenbanken und die ABS sind bestrebt, die KMU nicht auf dem Trockenen sitzen zu lassen. Sven Thali wird auf der Hut bleiben: «Seit den 90er-Jahren wird der Geldmarkt vom Prinzip Gewinnmaximierung angetrieben. Es ist Firmen nur noch erschwert möglich, längerfristige Projekte durchzuziehen.» Denn sie müssen ja vierteljährlich den Aktionären Bescheid über ihre Performance geben. Sinkt der Gewinn in dieser Zeit, fällt der Aktienkurs, und die Geldmittel fliessen ab. Dagegen hilft nur das Prinzip Nachhaltigkeit, auch wenn so die rasch gewonnenen Boni für die Traumtänzer in den Chefetagen ein wenig in die Ferne rücken. Die Musik spielt nicht mehr.

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche