der arbeitsmarkt | 04/2009 | Text: Sven Rosemann

MS-Spot, die Erste, Kamera läuft!

Die jungen Filmemacher von «Cheese and Chocolate» haben klein angefangen und sind heute gross im Geschäft: Die Quereinsteiger aus verschiedenen Berufen produzieren Werbespots, ­Dokumentar- und Schulungsfilme. Der «arbeitsmarkt» war an einem Drehtag dabei.

Ein Samstagmorgen im Februar. Es ist acht Uhr, auf dem Küchentisch der FWB Werbe­agentur am Kreuzplatz in Zürich bügelt Swea Sardone Hemden für die Schauspieler. In ihren Räumlichkeiten dreht die Zürcher Filmproduktionsfirma «Cheese and Chocolate» einen zweisprachigen Werbespot für die Schweizerische Multiple-Sklerose-Gesellschaft. Der Spot, der um Spendengelder ­werben soll, wird den simplen ­Titel «Danke» tragen.
Das ganze Set wurde schon am Vortag aufgebaut. Die 29-jährige Sardone hatte in den letzten Tagen alle Hände voll zu tun. Vergangenes Jahr gelang ihr mit einem Praktikum als Schnitttechnikerin bei «Cheese and Chocolate» der Einstieg ins Filmgeschäft, jetzt leistet sie ihren ersten Einsatz als Produktionsassistentin. Sie ist für einen grossen Teil der Organisation verantwortlich: von der Buchung aller Mitarbeitenden bis zur Beschaffung der Requisiten, frischer Tulpen etwa oder des richtigen Briefpapiers. «Da es ein kleines Set ist, gehen wir in diesem Projekt etwas unorthodox vor», erklärt Sardone. Sie übernimmt verschiedene Aufgaben selbst, die sich bei grösseren Drehs normalerweise eine Produktions- und Aufnahmeassistentin, eine Ausstatterin und eine Stylis­tin teilen. Das Beschaffen der Requisiten sei der grösste Stress gewesen. Sardone war dafür tagelang in der Stadt unterwegs und hat in Geschäften angefragt. Die meisten Dinge seien gratis zur Verfügung gestellt worden. Für den guten Zweck machten die meisten Angefragten mit, was Produktionskosten einspart. Im Gegenzug verpflichtet sich die MS-Gesellschaft, die Geber als Sponsoren auf ihrer Website zu erwähnen. Als Non-­Profit-Organisation verfügt sie nur über ein bescheidenes Werbebudget.

Das Team besteht aus ­Selbständigerwerbenden

Der 33-jährige Daniel Kunz ist einer der drei Inhaber von «Cheese and Chocolate» und hat die Produktion ausgehandelt. Zusammen mit Frank Bienenfeld, dem Chef der Werbeagentur, hat er das kreative Konzept erstellt. Dabei musste es eine Lösung sein, die budgetgerecht ist. Normalerweise würde so ein Spot rund 100 000 Franken kosten, den MS-Spot produziert man für die Hälfte. Kunz erklärt: «Mit einem derart reduzierten Budget funktioniert eine Produktion nur, wenn bei der Preisgestaltung die ganze Crew mitzieht. Und natürlich frage ich in so einem Fall nur Leute an, die ich gut kenne.» Die Crew setzt sich aus einzelnen Selbständig­erwerbenden zusammen, wie beispielsweise dem Beleuchter, dem Kameramann oder der Maskenbildnerin, die bei dieser Produktion dabei sind. So funktioniert das in der Film­szene generell. Dass die Werbeagentur den Drehort selbst zur Verfügung stellt, wirkt als weitere Kostenbremse.

In einem Tag werden zwei Szenen abgedreht

Um neben anderen Spotproduktionen, für die mehr Geld da sei, bestehen zu können, müsse man sich einiges überlegen, sagt Kunz. Es brauche ein Konzept mit einfachen, guten Ideen, das entsprechend umsetzbar ist. Bei dieser Produktion verzichtet man ­bewusst auf Tonaufnahmen, vertont wird im Nachhinein: nur mit Musik und einer Stimme aus dem «Off», die übrigens kein ­Geringerer als der deutsche Schauspieler Sky du Mont sprechen wird. Auch er macht diesen Job für ein Ei und ein Butterbrot, sieht es als guten Zweck. Bienenfeld hat das eingefädelt, er kennt du Mont persönlich. Ebenso hat er seinen Grafiker, den 28-jähri­gen Patrick Boito, dazu gebracht, unentgeltlich eine der beiden Rollen zu übernehmen.
Der Spot besteht aus zwei Szenen: Ein MS-Patient schreibt zitternd und unter grosser Anstrengung ein Dankesschreiben an seinen Arzt, das dieser in der zweiten Szene am Schreibtisch öffnet und nachdenklich liest. Die Kamera soll dabei den Brief dem Zuschauer lesbar zeigen. Beide Szenen müssen an diesem Samstag im Kasten sein.
Nach und nach trudelt der Rest der Crew ein: Roman Brändli, 29, Meister über Licht und Schatten, macht sich nach einer Tasse Kaffee ans Werk, schattiert hier eine Lampe und richtet dort einen Spot aus, bis die Lichtverhältnisse stimmen. Nach ihm kreuzt ­Rachel Strebel auf. Die 32-jährige Maskenbildnerin richtet in einem separaten Zimmer ihren Make-up- und Frisiersalon für die beiden Schauspieler ein: Alles zaubert sie aus einem riesigen Koffer, der sich hochkant aufstellen lässt, der innen mit Spiegeln und Lampen ausgestattet ist und ein Arsenal an Schmink- und Frisierutensilien beherbergt. Die quirlige Frau macht beide Schauspieler für den Dreh zurecht.
Da es auf dem Set recht eng ist, benötigt man einen Kameramann wie Brian Goff, 40, der eine «Steadycam» führen kann. Er hat die professionelle digitale Filmkamera an einer speziellen Vorrichtung umgehängt und kann so auch im Gehen ruckfrei filmen. Das bedarf einiger Übung und erfordert eine gute körperliche Konstitution, denn die ganze Gerätschaft wiegt rund 30 Kilo. Goff ist ein Crack auf seinem Gebiet. Er hat beispiels­weise für die Schweizer Spielfilmproduktion «Marmorera» von Markus Fischer alle Steadycam-Einstellungen gefilmt. Kaum eingetroffen, montieren er und sein Bruder, der als Kameraassistent dabei ist, die Spezialkamera zusammen und testen sie.

Quereinsteiger auf dem Weg nach oben

Alle Freelancer, die auf diesem Set mitarbeiten, haben ursprünglich ganz andere Berufe ausgeübt. Alexis Lieber ist 26 Jahre alt und wäre lieber vor der Kamera. Aber auf diesem Set ist er als «Runner» engagiert: Er muss loswetzen, wenn etwas fehlt. An diesem Nachmittag ist es das Briefpapier für die eine Szene. Der junge Enthusiast träumt von einer Schauspielerkarriere und will sich nächstens an der Schauspielschule in Zürich anmelden, denn einige Erfahrungen als Komparse hat er schon gemacht. Nicht ganz so viele allerdings wie Tom Runda Kenney, der 58-jährige Vater des Regisseurs auf diesem Set. Er tritt als Arzt auf im Spot, was man ihm in seinem weissen Kittel gleich abnimmt. Schon über zwölf Jahre arbeitet er nebenher als Fotomodell für Werbeaufnahmen oder als Nebendarsteller in Filmen und Werbespots. Wie das denn sei, wenn sein Sohnemann Regie führe? «Ein klassischer Rollenwechsel: Früher sagte ich, wo es langgeht, jetzt ist er es», schmunzelt Tom Runda Kenney mit Schalk und Charme.
Sein Sohn Sebastian ist 28 Jahre alt. Er hat zusammen mit Daniel Kunz 2002 «Cheese and Chocolate» gegründet. Kenney und Kunz arbeiten vor allem konzeptionell an ihren Filmproduktionen, wobei Kenney mehr in Richtung Regie tendiert, während Kunz als Kameramann und Techniker wirkt und gegen aussen als Geschäftsleiter auftritt. An den Drehbüchern und Skripts arbeiten sie oft beide. Fabio Müller, 26, stieg 2005 ein und spezialisierte sich auf Schnitt und Animation am Computer. Doch alle drei können sie filmen und schneiden, was das Team sehr flexibel macht. Auch sie sind Quereinsteiger in ihrem Beruf. «Wir haben uns alle drei über die Skateboard-Szene kennen gelernt und fingen dort an zu filmen», erzählt Sebastian Kenney. So entstand zuerst ein Film über Skateboarder und später die Filmproduktionsfirma, die heute von kommerziellen Aufträgen wie Werbespots, Doku­streifen, Image- und Schulungsfilmen lebt. So gehört beispielsweise das Zentrum elektronische Medien, der frühere Schweizerische Armeefilmdienst, zu ihren Kunden; es zählt zu den grössten Auftraggebern
für kommerzielle Filmproduktionen in der Schweiz.
Frank Meyenberg, 34, ist Leiter Öffentlichkeitsarbeit bei der MS-Gesellschaft. Er hat den Auftrag für diese Spotproduktion an «Cheese and Chocolate» vergeben. «Bei unserem Budget sind wir auf kreative Idealisten angewiesen, die uns mit dem Preis entgegenkommen», sagt er. Frank Bienenfeld kannte die Filmproduzenten und holte sie ins Boot, weil er ihre Arbeit schätzte, vor allem den Umgang mit Non-Profit-Organisationen, wenn das Geld knapp ist. Das inhaltliche Briefing gab Meyenberg ab, Kunz und Bienenfeld entwickelten nach dieser Vorgabe das Skript. Für Meyenberg war es die erste Spotproduktion. «Vom Skript der beiden war ich sofort überzeugt. Zudem freute mich die effiziente, engagierte Herangehensweise ­aller Beteiligten.» Der Spot werde so breit wie möglich gestreut, im Fernsehen, im Kino oder auf den Riesenbildschirmen, wie es im Hauptbahnhof Zürich welche gibt. Einen Mediaplan gebe es zurzeit noch nicht. Die MS-Gesellschaft ist von der Schweizerischen Zertifizierungsstelle für gemeinnützige spendensammelnde Organisationen (ZEWO) zertifiziert. Dadurch erhält sie 30 bis 50 Prozent Rabatt auf Medialeistungen. Wenn der Spot unter 25 Sekunden lang wird, besteht eine erhöhte Chance, auch als Füller gratis gesendet zu werden. Deshalb soll der Spot keinesfalls länger werden.
Der Dreh verläuft reibungslos. Es fällt auf, dass nie jemand laut wird oder Unstimmigkeiten aufkommen. Im Gegenteil: Alle arbeiten konzentriert und mit bester Laune. Und alles ist stets im Griff, sauber durchge­plant. Jede Szene benötigt über 40 Versuche. Ein jeder beginnt nach eingeblendeter Klappe mit Sebastian Kenneys Kommando: «Bitte ... Kamera ... bitte!» Für Kameramann Goff ­bedeutet das Schwerarbeit, er benötigt deswegen öfter mal eine Pause.
Gegen fünf Uhr nachmittags ist es so weit: Ende der zweiten Drehszene. Regisseur Kenney findet nach Absprache mit Kunz und Meyenberg: «Danke, das war's!»

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche