der arbeitsmarkt | 05/2009 | Text: Rolf Weidmann
Mein Tag als «Schrottbuur»
Bevor es tagt, feure ich den Ofen an. Mein altes Bauernhaus in Mohren im Appenzeller Vorderland wird mit Holz aus dem nahen Wald geheizt. Mein Sohn Janos und meine Frau Karin lieben es, vor dem Frühstück den Flammen zuzusehen und sich auf den Tag einzustimmen. Im Hühnerstall sammle ich die Frühstückseier ein, denn vieles von dem, was wir essen, stammt vom eigenen Hof. Nun packt mich die Arbeitswut, die Tiere müssen versorgt werden: Die Esel, der Hund, die Ziegen und Pfaue haben Hunger. Dafür nehme ich mir Zeit, denn mit Tieren muss man reden. Besonders die Esel geniessen das morgendliche Zwiegespräch. Dann gehts zum Atelier, das ans Wohnhaus anstösst. Überall im Atelier liegen verstreut alte Schrottteile herum, die ich während zwanzig Jahren als Eisenplastiker bei der Altmetallabfuhr und auf Schrottplätzen zusammengeklaubt habe. Dies ist auch der Grund, weshalb ich mich selbst als «Schrottbuur» bezeichne. Meine Lehre als Schlosser hat mir geholfen, ein Handwerk mit Kunst zu verbinden. Mit Feuer, Amboss und Hammer lasse ich die tote Materie Schrott wieder aufleben, forme Weggeworfenes zu etwas Neuem.
Zuvor setze ich mich aber intensiv mit der Realisation meiner Idee auseinander. Dieses Jahr jährt sich der Geburtstag von Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, zum 200. Mal. Da kam mir die Idee, einen Archaeopterix, also den Urvogel, der zur Gattung der Archosaurier gehört, aus Schrott zu kreieren. Körper und Schwanz setzte ich aus einem alten Töfflitank, aus Kreuzgelenken und Schaufeln, die Bauern vor geraumer Zeit benutzten, aus verrosteten Schmiedezangen, einer alten Pflugschere, einem Mähmesser und alten «Gabelzinggen» zusammen. Als richtiges Glanzstück für meinen Urvogel fand ich einen 200 Jahre alten, handgeschmiedeten Stiegenlaufknauf, den ich beim alten Altstätter Frauenhofareal ergatterte, bevor dieses Gebäude abgebrochen wurde. Mit Freude schweisste ich den Knauf an den alten Töfflitank. So hat jede meiner Figuren eine Riesengeschichte, die ich gerne allen erzähle, die Interesse für spannende Geschichten haben.
Als ich den Kopf des Archaeopterix schmiedete, stellte sich heraus, dass er viel zu schwer war, einfach zu wenig beweglich. Gott sei Dank hat man gute Freunde, denn ein Kollege hat mir einen Fund aus dem Indischen Ozean mitgebracht, einen Delphinschädel. Der lange Schädel mit seinen Zähnen ähnelt dem Schädel des Urvogels so verblüffend, dass es eine wahre Freude ist.
Der Archaeopterix hat viel mit der Darwin'schen Evolutionstheorie zu tun, denn aus dem Urvogel sind die Vögel entstanden, die heute unsere Wälder und Wiesen beleben. Somit ist eigentlich klar, dass nichts ewig ist. Jede Hochkultur ist zum Sterben verurteilt, und auch mein Schrott-Urvogel wird in tausend Jahren nicht mehr auf der Erde sein. Dies ist der Gang der Zeit, kein Grund zum Bedauern. Doch wenn nur einmal im Tag jemand über meinen Urvogel lachen kann, dann finde ich, dass das Kunstwerk sicher mehr wert ist als der aktuelle Kilopreis des Schrotts. Der Preis für ein Kunstwerk ist für mich nämlich erst gerechtfertigt, wenn ihn auch jemand zahlt. Da ich Vollblutidealist bin, soll meine Kunst auch ehrlich sein: offen, klar und wahr. Deshalb ist jede meiner Skulpturen ein Unikat, mit nichts vergleichbar und auch nicht nachahmbar. Man entdeckt in ihnen das Spiel mit den Gegensätzen, denn Beweglichkeit hat für mich den gleichen Reiz wie Starrheit.
Plötzlich schrecke von meiner Arbeit auf, draussen vollführt ein Pfau einen Höllenlärm. Rasch aus dem Atelier gerannt, sehe ich, was passiert ist: Der Pfau hat sich mit einem Fuchs angelegt. Schwer verletzt schleppt sich der Vogel in Richtung Hof. Ganze Fleischstücke hat ihm der Fuchs aus dem Körper gerissen, die hübschen Federn sind blutüberströmt und zerzaust. Eine Kralle hat der Fuchs angebissen. Ich verarzte das arme Tier, schiene die Kralle und lege den Pfau an einen geschützten Ort, wo er vor Wildtieren sicher ist. Der Fuchs hat sicher auch sein Fett abbekommen - falls er überhaupt noch lebt. Es wird sich weisen, ob der Pfau durchkommt. Ich lebe mit der Natur und sehe es nicht als brutal an, eines meiner Tiere zu essen. Diese Selbstversorgung, das Bewusstsein, nicht auf die Grossverteiler angewiesen zu sein, macht mich glücklich. Karins grüner Daumen sorgt dafür, dass unser Garten uns erhält. Sogar das Wasser gewinne ich aus eigener Quelle. Da ich abseits wohne, bin ich es gewohnt, ohne fremde Hilfe auszukommen. So verstehe ich mich auch als Macher, denn ich probiere Dinge nicht, ich mache sie einfach. Ich kann Leute gar nicht verstehen, die ständig jammern. Sie wissen eigentlich gar nicht, wie gut es ihnen geht.
Am späten Nachmittag läutet das Handy, und es meldet sich jemand, der an meinem «Art-Hotel» interessiert ist. Das ist eines meiner Projekte. Mit viel Aufwand habe ich einen Teil meines Bauernhauses umgebaut, in dem nun bis zu 40 Personen künstlerische Ferien machen können. Der Kunde will Auskünfte über das Appenzeller Vorderland. Plastisch schildere ich ihm die urtümliche Natur, ein Kraftort mit einzigartiger Ausstrahlung. Gespannt lauscht der zukünftige Feriengast, wie er bei mir und meiner Frau Karin in einem Workshop kreativ wirken und neue Bereiche künstlerischen Schaffens kennenlernen kann. Mit mir kann er Skulpturen schweissen. Der Zeichner, Maler und Illustrator Daniel Stiefel bringt ihm das Malen bei, und der Bildhauer Gregor Weder lehrt ihn die Feinheiten der Bildhauerei. Natürlich kann der Feriengast auch einfach abschalten, ein Bad im eigenen Naturweiher nehmen oder die Wälder zu Fuss durchstreifen. Beliebt sind auch die Eseltrekkings mit meiner Frau Karin, bei denen vor allem Kinder ihren Spass haben. Der Interessent ist hell begeistert, die Buchung ist unter Dach und Fach. Ich freue mich, so neue Freunde zu gewinnen, mit denen ich über ihre Entdeckungen philosophieren kann. Dann lege ich das Schweissgerät zur Seite, denn das Abendessen ruft, und auch die Tiere haben schon wieder Hunger.