der arbeitsmarkt | 04.06.2009 | Text: Doris Braun und Andreas von Bergen

Das Einmaleins im Alltag

ab/db. Mathematik ist im täglichen Leben allgegenwärtig. Laufend wird etwas gezählt, abgewogen oder gemessen. Doch viele Menschen haben damit ihre liebe Mühe.

Das Einmaleins im Alltag
Foto: Simone Gloor

Die erwerbslosen Frauen und Männer brüten über einer kniffligen Aufgabe. Wie viel Zucker benötigen sie, um 3500 Gramm «Rahmtäfeli» herzustellen, wenn der Schneidverlust 4,2 Prozent, der Kochverlust 14,6 Prozent beträgt und der Zucker 42 Prozent der Teigmasse ausmacht? Der Kurs bildet nicht etwa Confiseure aus, sondern soll die mathematischen Kompetenzen der Erwerbslosen im Alltag fördern. Das Projekt des Aargauischen «Amt für Wirtschaft und Arbeit» (AWA) wurde Ende Mai in Bern vorgestellt. Gleichzeitig präsentierten das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) und der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) ein Grundlagenpapier zur Förderung der Alltagsmathematik. In der Schweiz wird die Zahl der Menschen, die mit einfachen Rechenaufgaben Mühe haben, auf 400 000 geschätzt. Die Schwächen im mathematischen Bereich finden im Vergleich zu sprachlichen Defiziten jedoch weniger Beachtung. Bei Alltagsmathematik denken viele zuerst ans Rechnen mit Zahlen. Denn was hat Waschmittel dosieren schon mit Mathematik zu tun?

Unsichtbarkeit der Alltagsmathematik

Nach Aussage von Hansruedi Kaiser vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) und Autor des Konzeptpapiers besteht eine «Unsichtbarkeit der Alltagsmathematik». Die Alltagsmathematik ist in vielen beruflichen und privaten Abläufen nahtlos eingebettet. Ihre Fertigkeiten werden oft nicht bewusst wahrgenommen. Sie zeigt sich auch in Massen, Mengen, Dimensionen, Proportionen, Formen und Mustern.

Der Vielfalt tragen die acht Bildungsmodule im Kanton Aargau Rechnung. Prozentrechnen am Beispiel «Rahmtäfeli» gehört genauso dazu wie Flächenmasse und die optimale Ausnutzung eines Lederstücks beim Herstellen einer Tasche. Lohnausweise, Wohnungspläne und Mietvertrag, Budget, Autokosten mit und ohne Leasingverträge sowie die Steuererklärung bilden weitere praxisbezogene Kurse. Selbst Sudoku, von den Teilnehmenden nachträglich gewünscht, steht auf dem Programm. Ein Bildungsmodul dauert rund einen halben Tag.

Rechnen mit Numeratorinnen

Die Teilnehmenden am Pilot waren alle in einem Programm zur vorübergehenden Beschäftigung in Aarau, Turgi oder Wohlen. Es handelte sich mehrheitlich um gering qualifizierte, schwer vermittelbare Stellensuchende, insgesamt 24 Personen. «Der Pilot war erfolgreich», sagt Lilo Henkel, Projektleiterin des AWA Aargau, «nicht zuletzt wegen der engagierten und motivierten Lerngruppen.» Sie fordert, dass aus dem Pilot ein neues Bildungsmodul «Alltagsmathematik» entwickelt wird als fester Bestandteil aller kantonalen Programme zur vorübergehenden Beschäftigung.

Tony Erb, Leiter Bereich Arbeitsmarktmassnahmen vom SECO, sieht ebenfalls den Bedarf zu handeln, denn «wenn man nicht weiss, wie man etwas berechnet, um eine Arbeit auszuführen, kann das zu einer Kündigung führen.» Mit dem Grundlagenpapier zur Förderung alltagsmathematischer Kompetenz und dem Pilot im Kanton Aargau ist die Diskussion in Gang gesetzt. Der SVEB prüft bereits eine Spezialausbildung für Kursleitende mit dem vorläufigen Titel «Numeratorin».

 
 
 

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