der arbeitsmarkt | 06/2009 | Text: Sven Rosemann
Die unsichtbaren Dritten
Jede Filmcrew braucht für Beleuchtung und Dreh Ausrüstung, die so teuer ist, dass sie keine Produktionsfirma einfach so auf Lager hat. Dafür gibt es spezialisierte Verleiher.
Leuchtturm ist eine Verleihfirma in Zürich-Altstettens Industriequatier. Sie hat nichts mit Nautik zu tun, sondern verleiht von A bis Z alles, was ein Beleuchter an Ausrüstung benötigt, um auf dem Filmset eine «Leuchte» zu sein in seinem Beruf.
Das Gebäude selbst ist hässlich, aber typisch für die Gegend. Überraschenderweise beherbergt es eine zweite Firma, die exakt dasselbe tut wie Leuchtturm: das Filmtechnikerkollektiv (FTK). Leuchtturm arbeitet hauptsächlich für Werbe- und Imagefilme, während das FTK nur Spielfilme bedient. So kommen sich die beiden Unternehmen nicht ins Gehege, sondern helfen einander sogar aus. «Konkurrenzdenken ist hier fehl am Platz», sagt Sepp von Arx (47), dem Leuchtturm seit 14 Jahren gehört. Die Branche sei klein, und alle sässen im gleichen Boot. Eine der Firmen allein könne den Markt nicht befriedigen.
Beim FTK treffen wir Roman Brändli an, der mit seinen Gehilfen Dju und Dzigit,
zwei Gelegenheitsarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien, einen Lieferwagen belädt. Brändli ist selbständiger Beleuchter. Sein Job wird im Filmabspann mit dem englischen Begriff «Gaffer» genannt, was den Oberbeleuchter bezeichnet. «Manchmal werde ich als Oberbeleuchter engagiert und habe dann ein ganzes Beleuchterteam zu führen, aber bei kleinen Produktionen für Low-Budget-Werbespots oder -Kurzfilme ritze ich den Licht- und Schattenjob alleine.» Dzigit arbeitet für Brändli als Beleuchtungsassistent und Dju als Maschinist fürs Grip. Unter dem Grip versteht man in der Filmtechnik die Einrichtungen zur Kameraführung wie Kräne, Schienen, Stative, Brücken, Klemmen, Klammern sowie Dollys; dies wiederum sind schwere, stabile Schiebewagen mit hydraulischem Lift, auf dem die Kamera samt Kameramann ganz ruhig fährt, oft auf Schienen. Brändli sucht mit seinen zwei Helfern Scheinwerfer, Stative, Kabel, Reflektoren und das Grip für die Kamera zusammen. Dabei wird viel geschleppt: Die grossen 18-Kilowatt-Scheinwerfer können 70 Kilo schwer sein. Von der Firma Leuchtturm mietet er zudem einen Dolly. «Dieser Dolly war ursprünglich auf einem amerikanischen Flugzeugträger im Einsatz, um die Jets mit zentnerschweren Bomben zu bewaffnen. Ausrangierte Modelle landen oft im Filmgeschäft», erzählt Sepp von Arx.
Von Arx ist gelernter Schreiner und arbeitete früher als Dekorbauer. So kam er über einen Auftrag zum Film. Vor zwanzig Jahren machte er Bekanntschaft mit dem Beleuchterjob. Er arbeitete sich nach und nach in dieses Metier ein. Später war er dann freischaffender Beleuchter und kam 1995 auf die Idee, eigenes Material zu kaufen. Damals war er schon mit seiner heutigen Ehefrau Susanne Frei liiert und lebte mit ihr im Kanton Aargau. Die langen Fahrten vor und nach den Drehs, um das Lichtequipment von und nach Zürich zu bringen, wo er es mietete, waren ihm zu mühsam geworden. So fing er an, nebst seiner Beleuchtertätigkeit selbst seine Ausrüstungen zu vermieten. Seine Frau Susanne kümmert sich um Geschäftsführung und Administration. «Es war eigentlich nicht so, dass ich unbedingt in diese Branche wollte, aber Sepps Geschäft wuchs stetig, und das grosse Lager musste auch bewirtschaftet werden, ohne dass er immer zugegen war», erinnert sich die 51-jährige gelernte Kinderkrankenschwester.
Beleuchter wird man heute nur noch durch Learning by Doing
«Momentan arbeiten wir zu dritt. Und manchmal kommt uns ein Praktikant zugeflogen, der den Beruf des Beleuchters erlernen will. Das geht heute nur noch mittels Learning by Doing - leider», so Susanne Frei weiter. Diese Praktika dauern in der Regel rund drei Monate, und die Absolventen kommen oft von der Fachrichtung Film der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), um ihr technisches Know-how in der Praxis zu festigen. Andere kommen, bevor sie sich für so eine Ausbildung anmelden, um sozusagen «Filmluft» zu schnuppern. «Einmal kam sogar ein Lehrer für ein halbes Jahr zu uns, weil er sich eine Auszeit von seinem Beruf gönnte, um neue Eindrücke in sein Leben zu lassen», erinnert sich Frei. Früher haben grosse Filmproduktionsfirmen wie Condor oder Turnus Beleuchter ausgebildet. Das sei schon seit einigen Jahren vorbei. Und an der ZHdK kann man Beleuchter als Beruf nicht erlernen. Die meisten Beleuchter seien ältere Semester, junge kämen nur langsam nach. Deshalb hält Sepp von Arx daran fest, junge Praktikanten auszubilden. «Leider springen immer wieder einige ab und wollen doch lieber Kameramann werden. Das enttäuscht mich immer wieder», sagt von Arx, Beleuchter mit Leib und Seele. Erst seit wenigen Tagen arbeitet Mathias Meier neu bei Leuchtturm. Der 32-Jährige ist gelernter Elektriker und voller Tatendrang: «Das Filmset als Arbeitsplatz reizt mich. Ich kann mir gut vorstellen, mich später als Beleuchter einzubringen.» Von Arx hofft, dass er das schafft und ihn tatkräftig in seinem Laden unterstützen wird.
Das Geschäft läuft dieses Jahr harziger, denn Leuchtturm bedient hauptsächlich Werbefilme. Dieser Markt ist ziemlich eingeknickt, denn er ist schnelllebig: Werbeproduktionen dauern in der Regel ein bis zwei Tage, vielleicht eine Woche, Spielfilme hingegen bis zu acht Wochen. «Bei uns läuft die Auftragsakquisition nur selten weiter als auf vier Wochen hinaus. Das ist zwar normal, aber deshalb können wir nur schlecht voraussehen, wie sich dieses Geschäftsjahr entwickeln wird», meint Susanne Frei. Über Geld, Finanzierung und Umsätze will das Paar nicht sprechen.
Genossenschafter im Dienste unabhängiger Produktionen
Zum Verleihmaterial kommt ein Fuhrpark von neun Lieferwagen mit teils mehr als 3,5 Tonnen Ladekapazität, welche die Kunden gleich mitmieten können. Ein Fahrzeug ist ein fahrender Stromgenerator, der mit Diesel betrieben wird und im Freien den Strom für Beleuchtungsanlagen liefert. Dieses Fahrzeug kostet rund 100 000 Euro - kein Pappenstiel.
Roman Brändli ist ein wichtiger Mittelsmann für die Verleiher am Platz Zürich, wie eben Leuchtturm und FTK. Denn Brändli bringt diesen Firmen Aufträge ins Haus. Genauso wie Filmproduzenten oder Produktionsfirmen ihm seine Aufträge zuschanzen. Vereinfacht laufe das folgendermassen ab: «Ein Produzent plant einen Filmdreh und sucht sich einen Kameramann und mich als Beleuchter. Im Team legen wir dann die technischen und künstlerischen Parameter fest. Darauf aufbauend entscheide ich, welche Ausrüstung es für die passende Beleuchtung braucht», erklärt Brändli. Der Kameramann kümmert sich derweil um die Miete der Kamera, je nachdem filmt man klassisch mit 16- oder 35-Millimeter-Filmkameras oder im Videoformat oder gleich digital in High Definition.
Das FTK ist eine Genossenschaft, 1980 gegründet. Genossenschafter gibt es zehn, ein jeder aus der Filmtechnikerszene: «Das hat sich so entwickelt, denn wir finden, dass man vom Fach sein muss», erläutert André Simmen, einer der vier Festangestellten vom FTK, die zusammen knapp 300 Stellenprozente belegen. Alle sind Beleuchter oder Maschinisten, auch Bühnenleute genannt. Die anderen Genossenschafter sind Freelancer, die ihren Filmtechnikerjobs nachgehen. Der 58-jährige Simmen ist Gründungsmitglied und seit 33 Jahren im Geschäft, früher als Beleuchter und Kameraassistent: «Ich hatte leider nicht die Kreativität, die ein Kameramann benötigt», sagt er heute, ohne dabei unglücklich zu wirken. Chef ist beim Kollektiv niemand. Alles, was das FTK betrifft, wird demokratisch entschieden. Die soziale Idee des FTK war und ist, weniger solventen Filmemachern Filmproduktionen ermöglichen zu können. So versteht sich das FTK schon fast als Institution, die besorgt ist, die unabhängige, kreative Vielfalt der Filmemacherei in der Schweiz am Leben zu erhalten.
Der jährliche Umsatz beläuft sich auf rund 650 000 Franken. Gar nicht so viel. Jedoch bleibt zu berücksichtigen, dass die Kosten des FTK hauptsächlich aus Lohn- sowie Wartungskosten für das Verleihequipment bestehen. Der Einkaufsaufwand ist gering. Anders als in der Event- und Showbranche verhält sich bei der Filmbeleuchtung der technische Fortschritt sehr konservativ. «Die grossen Anschaffungen sind längst getätigt, unser Material funktioniert und muss nur peu à peu erneuert werden. Abgesehen vom Verbrauchsmaterial wie etwa den Kabeln», erklärt Simmen.
100 000 Franken Startkapital für den eigenen Kameraverleih
Gerade ist eine aktuelle Inventarliste erstellt worden: 872 Artikel liegen an Lager. Rund 100 davon sind Farbfolien für verschiedenste Leuchten: von Spots mit 7 Watt Leistung bis hin zu den 12- und 18-Kilowatt-Scheinwerfern, die auf 40 Meter Entfernung locker eine Szenerie adäquat ausleuchten. Sie dienen als künstliche Sonnen, wenn die echte nur unzulänglich scheint. Der Verkehrswert des gesamten Lagers beträgt schätzungsweise gut eine Million Franken, Neuwert zirka 1,8 Millionen.
Ob man die Wirtschaftskrise spüre? «Das FTK bedient die Spielfilmszene. Das ist per se ein unsteter Markt. Und da der Markt jener Firmen, die für kommerzielle Produktionen arbeiten, trudelt, grasen die jetzt auf unseren Weiden. Das spüren wir», umschreibt Simmen die Situation. Matchentscheidend im wirtschaftlichen Sinne sei auch, dass das FTK gemässigte Löhne zwischen 5500 und 6500 Franken zahlt, abhängig von der Erfahrung, den Fachkenntnissen und der Funktion, die man innehat.
Nicht zum Verleihmaterial von Leuchtturm und FTK gehören die Filmkameras.
Das ist im Verleihgeschäft eine Abteilung für sich: hier in Altstetten drei Stockwerke höher im selben Gebäude. Oliver Eberle (28) ist gelernter Kaufmann und Buchhalter sowie Inhaber von Eberle Filmequipment.
Er vermietet seit gut zehn Jahren Filmkameras. «Eigentlich bin ich ein gescheiterter Kameramann. Denn das zu sein, war eigentlich mein Traum. Aber ich habe die Aufnahmeprüfung an die damalige Zürcher Filmhochschule nicht bestanden, wo ich mich ausbilden lassen wollte.» Eine teure Schule in den USA zu besuchen, war ihm zu vage, wenn er an die Erfolgsaussichten dachte. So kam er schliesslich mit den Kameravermietern von FGV Schmidle in München in Kontakt und kaufte von ihnen seine erste Profikamera, gebraucht, samt Zubehör und Objektivset, mit der Idee, das Gleiche hier in der Schweiz zu tun. «Die Konditionen waren super. Das Ganze kostete gegen 100 000 Franken. Ein hübscher Batzen zwar, aber im Preis inbegriffen war auch eine technische Schulung», erinnert sich Eberle. Die Deutschen hätten ihm bereitwillig und freundschaftlich zum Einstieg ins Geschäft verholfen.
Wer vor den Reflektoren steht, trägt mit Vorteil Sonnencrème
Neu kostet ein Kameragehäuse ohne Zubehör und Optik zwischen 200 000 und 300 000 Franken, die dazugehörigen Objektivsets nochmals 100 000 bis 300 000 Franken. So gesehen fühlt man sich versucht, Eberles erste Kameraanschaffung als Schnäppchen zu taxieren. Diese Zahlen lassen vermuten, wie unrentabel eigene Kameras für eine Filmproduktionsfirma wären. Oliver Eberles Geschäft läuft nun seit drei, vier Jahren anständig. Er ist im Netzwerk der Filmemacher angekommen, und man kennt und schätzt ihn als seriösen und kompetenten Partner. In seine Firma muss er laufend investieren, will das aber auf sicherem Wege tun, möglichst mit Eigenkapital. «Noch kann ich nur von meinem Kameraverleih nicht leben und arbeite nebenher als Buchhalter», so Eberle. Als Buchhalter könnte er einen gutbezahlten Job haben. Davon will er aber nichts wissen. In der Filmbranche fühlt er sich pudelwohl und am rechten Platz. Auch er spürt die Krise: «Noch ist es nicht dramatisch, aber es wird entschieden budgetbewusster produziert; da muss ich eben mithalten können.» Der Gesamtwert seiner Ausrüstung betrug einst in Neupreisen rund 1,5 Millionen, abgeschrieben seien es höchstens noch 200 000 Franken.
In der Deutschschweiz ist Megarent aus dem Dorf Gockhausen zwischen Dübendorf und Zürich der grosse Konkurrent der Verleiher in Altstetten. Megarent vermietet alles, was es an Filmtechnik braucht, im grossen Stil, auch Kameras. Sepp von Arx meint, dass Megarent wohl eher Leuchtturm und FTK als Konkurrenz spüre als umgekehrt. Ohne Megarent wären die Altstetter womöglich überfordert. Megarent gibt es seit 1990. Die Firma hat zehn Angestellte, alles Profis aus Licht-, Kamera- und Bühnentechnik. Hans Steinmann, Chef von Megarent, hält sich bedeckt, was Fakten und Zahlen betrifft. «Die Krise spüren wir im Bereich des Commercialfilms, dennoch laufen die grossen Kisten in diesem Bereich nach wie vor», erklärt Steinmann seine Wirtschaftslage.
Beleuchter Roman Brändli schaut gerade bei Oliver Eberle rein, als dort Jonas Jäggy (27), der Kameraassistent für die Produktion, für die sie beide aktuell arbeiten, eine 16-Millimeter-Filmkamera einrichtet. Jäggy ist selbst Kameramann und seit vier Jahren Freiberufler. Wo er denn schon mitgearbeitet habe? «Zuletzt war ich als Kameraassi beim ‹Sennentuntschi› engagiert. Aber bekanntlich ist dieser Produktion das Geld ausgegangen, ergo habe ich für diesen Job noch keinen Rappen gesehen.» Ärgerlich, aber das gehört zum Berufsrisiko der Filmschaffenden. Das Geld ging aus, weil ausländische Investoren aufgrund der Finanzkrise ihre Beiträge nicht bezahltn, nicht, weil unseriös gewirtschaftet wurde. So heisst es jedenfalls offiziell und war es in den Medien zu lesen. Momentan laufen die Bemühungen, das Projekt zu retten, auf Hochtouren. Und eigentlich, so spürt man beim Rumhorchen, scheint die gesamte Schweizer Filmszene auf einen glücklichen Ausgang für alle Parteien zu hoffen. Jäggy verlor den Lohn für zehn Tage Arbeit.
Bei Roman Brändli und Jonas Jäggy auf dem Filmset in Zürich-Oerlikon läuft alles nach Plan. Man käme als Laie kaum darauf, was es alles an Logistik und technischem Material bedarf für so eine Produktion. Es wird im Freien gedreht. Die Sonne spendet Licht im Überfluss. «Die grossen Scheinwerfer mussten wir gar nicht aufbauen mit so viel Sonnenlicht, das spart mir einiges an Arbeit», konstatiert Roman Brändli nicht unfroh darüber und reibt sich das Gesicht mit Sonnencrème ein. Was alle tun, die sich im erhöhten Lichtschein der Reflektoren bewegen, weil erhöhte Sonnenbrandgefahr besteht. Die grossen Reflektoren lassen die Szenerie in einer für das natürliche Auge unwirklich erscheinenden Helligkeit erstrahlen. Teils reflektieren sie das Licht von unten, teils von oben auf das Set: Von unten sei eher amerikanisch, von oben eher europäisch. Brändli hat auf seinen Stages in Amerika und on the job in Europa beide Philosophien kennengelernt und vermischt sie nun gerne zu seiner eigenen. Aber eines scheint sonnenklar: Licht machen erfordert Fingerspitzengefühl.