der arbeitsmarkt | 07/2009 | Text: Doris Braun und Andreas von Bergen
Einmaleins für Erwachsene
Mathematik ist im Alltag omnipräsent: Laufend wird gezählt, abgewogen oder gemessen. Doch nicht wenige Menschen haben damit Mühe. In PvB im Aargau üben Erwerbslose den Umgang mit Zahlen.
Die erwerbslosen Frauen und Männer brüten über einer kniffligen Aufgabe: Wie viel Zucker benötigen sie, um 3500 Gramm «Rahmtäfeli» herzustellen, wenn der Schneidverlust 4,2 Prozent, der Backverlust 14,6 Prozent beträgt und der Zucker 42 Prozent der Teigmasse ausmacht? Die Teilnehmenden des Kurses werden nicht etwa zu Confiseuren ausgebildet, sie sollen ihre mathematischen Kompetenzen im Alltag fördern. Eine andere Gruppe von Frauen und Männern vergleicht Wohnungsgrundrisse und Mietverträge, Steuererklärungen und Leasingverträge für Autos. Es wird eifrig gerechnet und diskutiert. Auch hier geht es darum, mathematische Kompetenzen zu fördern. Die Teilnehmenden dieser Pilotkurse sind mehrheitlich gering qualifizierte, schwer vermittelbare Stellensuchende aus dem Kanton Aargau, die an einem Programm zur vorübergehenden Beschäftigung (PvB)
in Aarau, Turgi oder Wohlen teilnehmen.
Die Anwendung von Wissen und Können im Umgang mit Zahlen, Grössen und Mengen im täglichen Leben wird als Alltagsmathematik beschrieben. Neben Lesen und Schreiben und dem Umgang mit dem Computer gehört Alltagsmathematik zu den im Berufsleben geforderten Grundfähigkeiten. Das Projekt des Aargauischen Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA) mit dem Thema «Förderung von Kompetenzen in Alltagsmathematik» wurde Ende Mai in Bern vorgestellt. «Das Pilotprojekt war erfolgreich, nicht zuletzt wegen der engagierten und motivierten Lerngruppen», sagt Lilo Henkel vom AWA Aargau, die das Projekt geleitet hat. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) und der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) präsentierten an der Veranstaltung ein Grundlagenpapier zur Förderung der Alltagsmathematik. In der Schweiz wird die Zahl der Menschen, die mit einfachen Rechenaufgaben Mühe haben, auf 400 000 geschätzt.
Alltagsmathematik wird nicht bewusst wahrgenommen
Hansruedi Kaiser vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), der Autor des Konzeptpapiers, spricht von einer «Unsichtbarkeit der Alltagsmathematik». Alltagsmathematik sei in viele berufliche und private Abläufe nahtlos eingebettet und werde oft nicht bewusst wahrgenommen. Sie zeige sich auch in Massen, Mengen, Dimensionen, Proportionen, Formen und Mustern.
Dieser Vielfalt tragen die acht praxisbezogenen Bildungsmodule des Aargauer Pilotprojekts Rechnung. Prozentrechnen am Beispiel «Rahmtäfeli» gehört genauso dazu wie das Rechnen mit Flächenmassen und die optimale Ausnutzung eines Lederstücks beim Herstellen einer Tasche. Lohnausweise, Wohnungspläne und Mietverträge, Budget, Autokosten mit und ohne Leasingvertrag sowie die Steuererklärung sind die Themen weiterer Kurse. Auf Wunsch der Teilnehmenden stehen auch Sudokus auf dem Programm. Ein Bildungsmodul dauert rund einen halben Tag.
Lilo Henkel fordert, dass nach dem erfolgreichen Pilotprojekt ein neues Bildungsmodul «Alltagsmathematik» entwickelt und als fester Bestandteil in alle kantonalen Programme zur vorübergehenden Beschäftigung integriert wird. Nachdem ähnliche Kurse auch in Tramelan im Berner Jura und in Lausanne durchgeführt wurden, ist bei den Kursanbietern die nötige Erfahrung vorhanden. Die Einführung eines Bildungsmoduls «Alltagsmathematik» nach Aargauer Vorbild in allen Kantonen hängt von mehreren Faktoren ab. Wer finanziert die flächendeckenden Kurse in den nächsten Jahren? Welche Modulanbieter bewerben sich bei den Kantonen um Finanzierungen? Im Aargau werden die beiden Organisationen Stollenwerkstatt und HEKS Lernwerk im Jahr 2010 weitere Kurse zum Thema Alltagsmathematik anbieten.
Laut Tony Erb, dem Leiter des Bereichs Arbeitsmarktmassnahmen im SECO, will man mit der Veranstaltung in Bern und der Herausgabe der Broschüre «Bausteine für ein Konzept zur Förderung alltagsmathematischer Kompetenz» allen Kantonen Anreize zur Einführung solcher Modulkurse geben. Die Broschüre informiert über die praktischen Erfahrungen im Kanton Aargau. Die Finanzierung kann auf Anfrage von regionalen Projektgruppen oder Organisationen beim Kanton über den Plafond zur Förderung arbeitsmarktlicher Massnahmen erfolgen. Die Kantone sind autonom und frei, ob sie sich an solchen Modulen organisatorisch und finanziell beteiligen. Der SVEB prüft derzeit eine Ausbildung für Kursleitende. Tony Erb erklärt, das Ziel bestehe darin, die arbeitsmarktlichen Massnahmen zu verbessern, im Interesse einer schnelleren Wiedereingliederung der Kursteilnehmenden ins Berufsleben.