der arbeitsmarkt | 05.11.2009 | Text: Davide Mirabile
dm. Findige Unternehmer gaben am KMU-Tag Tipps für erfolgreiches Handeln in einem schwierigen Wirtschaftsumfeld. Die aktuelle KMU-Studie zeigte, dass es Krisengewinner gibt.
Die «swiss smile»-Gründerinnen Haleh und Golnar Abivardi und Moderator Rainer Maria Salzgeber im Gespräch. Foto: zvg.
«Die Lage ist und bleibt ernst - auch 2010. Doch wir kämpfen, sind nahe beim Kunden und zuversichtlich dank unseren Fähigkeiten», sagte Urs Fueglistaller, Direktor des Schweizerischen Instituts für Klein- und Mittelunternehmen an der Universität St. Gallen (KMU-HSG) am Schweizer KMU-Tag. Dieser fand Ende Oktober in St. Gallen statt unter dem Motto «KMU in fragilen Zeiten - vom Reagieren zum Agieren». Fueglistaller präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage über die Markt- und Branchensituation von KMU, die sein Institut bei 394 Unternehmern und Unternehmerinnen sowie Führungskräften durchgeführt hatte.
Die Umfrage des KMU-HSG ergab, dass das heutige Wirtschaftsumfeld instabil, unsicher und herausfordernd ist. Trotzdem gibt es eindeutige «Krisengewinner», obwohl sich die Schweiz seit dem dritten Quartal 2008 in einer Weltwirtschaftskrise befindet und sich die Umsätze und Gewinne der KMU im Vergleich zum letzten Jahr nicht verändert haben. Krisengewinner sind KMU im Bereich Nahrung, Getränke, Tabak, die deutlich verbesserte Umsätze aufweisen. Zudem verhalten sich einige Unternehmen trotz Krise wagemutig. Jede vierte KMU überlegt sich, dank des billigen Geldes, eine Firmenübernahme zu tätigen, obwohl die Auftragslage unvorhersehbar und die aktuelle Situation auf dem Markt enorm schwierig ist.
Vom billigen Geld profitieren zum Beispiel die Zahnärztinnen Haleh und Golnar Abivardi, die «swiss smile» Gründerinnen, die als Referentinnen auf dem Podium sassen. Sie hatten für ihre Dentalklinik im Hauptbahnhof Zürich nur ein Startkapital von 100 000 Franken, den Hauptanteil nahmen sie als Fremdkapital auf. Doch nicht nur Geld, auch Innovation führten zum Erfolg. Die Zahnärztinnen erzählten den Teilnehmenden des KMU-Tags, wie sich ihr Unternehmen dank einzigartigen Geschäftsideen in einem schwierigen, hart umkämpften Markt durchsetzen konnte.
Die Schwestern Abivardi wollten sich nach dem Zahnarzt-Studium an der Universität Zürich selbständig machen. Weil die Stadt Zürich die höchste Zahnarztdichte weltweit hat, eröffneten sie ihre Dentalklinik in Kreuzlingen, an bester Lage, mitten in einem Einkaufszentrum. Das Konzept «walk in and smile» war einzigartig. Die Patienten konnten ohne Voranmeldung die Dentalklinik aufsuchen, um ihre Zähne von Spezialisten behandeln zu lassen. Geöffnet war die Zahnarztpraxis an 365 Tagen von 7 bis 21 Uhr. Die Abivardis pendelten dafür zehn Jahre lang von Zürich in den Thurgau, jeden Tag hatten sie drei Stunden Reisezeit.
Das Zahnärztinnen-Duo träumte unterdessen von einer Wellness-Dentalklinik im Untergeschoss des Hauptbahnhofs Zürich. Als die Schwestern eine passende Liegenschaft fanden, verkauften sie die Zahnarztklinik im Thurgau. Doch die Stadt Zürich legte den beiden Frauen einen 20-jährigen Mietvertrag vor, um der Bevölkerung eine langfristige Dienstleistung zu garantieren. Da sich die Liegenschaft, eine Bohrinsel, im Hauptbahnhof Zürich befindet und deshalb eine hohe Kundenfrequenz garantiert, gingen die Jungunternehmerinnen das Risiko ein.
«Das unternehmerische Risiko gehört zum Geschäft», sagten Haleh und Golnar Abivardi: Zwei Wochen vor der Eröffnung waren die Baukosten überschritten und die Zahnärztinnen hatten bereits zwanzig Festangestellte. Die Liquidität des Unternehmens war nicht mehr gewährleistet. Die zwei jungen Zahnärztinnen mussten nun agieren. Haleh Abivardi sagt: «Die rettende Idee hiess cash for care.» Die Kunden mussten nach der Behandlung sofort bezahlen.
Die Bohrinsel im Hauptbahnhof hatte nach drei Jahren bereits 100 Mitarbeiter, über 25 000 Patienten, einen Umsatz von 10 Millionen und einen Gewinn von 1 500 000 Franken erwirtschaftet.
Der Direktor des KMU-HSG präsentierte an der Tagung einen weiteren interessanten Befund der Umfrage. Die KMU befinden sich in einer Hyperventilierungssituation: Sie müssen sich ständig einer neuen Markt- und Branchensituation anpassen. Diese defensive Haltung ist langfristig schlecht für die Konjunktur, da Investitionspläne vertagt und somit keine neuen Stellen geschaffen werden. Deshalb ermunterten die Referenten der Tagung zum Handeln.
Auch Medienpionier und Journalist Roger Schawinski schilderte den Teilnehmenden sein Erfolgsrezept. Er hatte mit seinen einzigartigen Geschäftsideen eine ähnliche steile Karriere wie die zwei Zahnärztinnen. «Der Pioniergeist ist enorm wichtig», sagte Schawinski. Der findige Medienunternehmer konnte den in der Schweiz dominierenden Medienkonzernen mit überzeugenden Geschäftsideen Paroli bieten. Er gründete die bis heute erfolgreichste Sendung im Schweizer Fernsehen, das Konsumentenmagazin «Kassensturz», das erste Schweizer Privatradio «Radio 24» und das erste nationale Privatfernsehen «Tele24». Heute ist er Geschäftsführer des Privatsenders «Radio 1».
Roman Tschäppeler zeichnete am KMU-Tag an einer Wandtafel Lehrbuch-Geschäftsmodelle und versuchte so den Geschäftsführern aufzuzeigen, dass viele sakrosankte Modelle nicht mehr der heutigen Realität entsprechen. Tschäppeler ist Gründer des Kommunikationskioskes guzo, mit dem er Kochbücher für Ivo Adam und Werbekampagnen entwickelt. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich seit der globalen Vernetzung stark verändert. «Im digitalen Zeitalter verliert der Massenmarkt immer mehr an Bedeutung», sagte der Referent. Die KMU mit ihren Nischenprodukten sind auf Erfolgskurs, da durch das Internet die Produktpräsentation, Reichweite und Lagerhaltung weniger kosten.