der arbeitsmarkt | 11/2009 | Text: Christian Keller
Verstehen und verstanden werden sind das A und O
Sprachkompetenz ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Integration in den Arbeitsmarkt. Arbeitsmarktorientierte Deutschförderung vermittelt schulungewohnten Stellensuchenden das Rüstzeug für eine erfolgreiche Rückkehr in den Erwerbsprozess.
Im Kursraum der Machbar Quali-GmbH in Aarau dreht sich heute alles um das Thema «Reinigung im Patientenzimmer». Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stehen im Halbkreis um einen Putzwagen herum. Kursleiterin Sarah Leibundgut hält einen Eimer in die Höhe. «Wie heisst das auf Deutsch?» Spontan rufen die Teilnehmenden den Begriff in die Runde. Sarah Leibundgut wartet geduldig, bis sich im Wettstreit der Wortmeldungen die korrekte Aussprache des Wortes herauskristallisiert hat. Dann nimmt die Kursleiterin ein Blatt Papier und einen dicken Stift zur Hand und fragt: «Weiss jemand, wie man das schreibt?» Zögernd erklärt sich ein Teilnehmer zu einem Versuch bereit. «Ai ...» schreibt er, und sogleich kommen Einwände. Angeregt diskutiert die Gruppe die richtige Schreibweise. Schliesslich befestigt die Kursleiterin das Blatt mit der Aufschrift «der Eimer» am dazugehörigen Gegenstand und sagt: «In der Schweiz sagt man dem Eimer auch Kessel.»
Zwar schulungewohnt, aber oft gut qualifiziert
Die Stimmung im Kursraum ist locker, fast fröhlich. Dennoch herrscht eine konzentrierte Atmosphäre. Die Teilnehmenden sind erwerbslos und wurden von ihrem RAV zu diesem Deutschkurs angemeldet. «Deutsch für den Arbeitsmarkt» richtet sich an schulungewohnte Stellensuchende mit geringen oder ganz fehlenden Deutschkenntnissen. Auch für Analphabeten gibt es ein Angebot. «Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Kurse sind zwar schulungewohnt, aber oft gut qualifiziert», sagt Daniel Fischer, Geschäftsleiter der Machbar Quali-GmbH, die im Auftrag des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Aargau Deutschkurse durchführt. «Die meisten haben jahrelang auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gearbeitet. Mit dem Verlust der Stelle wurden die mangelnden Deutschkenntnisse plötzlich zum Problem.»
Die vier Männer und sechs Frauen im Kurs der Erwachsenenbildnerin Sarah Leibundgut gehören verschiedenen Altersgruppen an und haben in verschiedenen Branchen gearbeitet. Schulisches Lernen ist für sie ungewohnt oder überhaupt fremd. Die meisten haben darüber hinaus noch nie in ihrem Leben systematisch eine Sprache erlernt. Unter diesen Umständen versagen herkömmliche Unterrichtsformen, welche Sprache systematisch vermitteln. Bei den Machbar-Kursen steht nicht die Grammatik, sondern das Sprachhandeln im Vordergrund, das sich an den Bedürfnissen der Stellensuchenden und des Arbeitsmarkts orientiert. «Die Teilnehmenden sollen die positive Erfahrung machen, dass ihnen der kommunikative Austausch gelingt», sagt Sarah Leibundgut. «Das stärkt ihr Selbstvertrauen und macht ihnen Hoffnung.»
«Deutsch für den Arbeitsmarkt» baut auf dem Rahmenkonzept für arbeitsmarktorientierte Deutschförderung des Staatssekretariats für Wirtschaft auf, das in der Sprachkompetenz einen Schlüssel zur beruflichen Handlungskompetenz sieht und deshalb arbeitsmarktbezogene Deutschkenntnisse gezielt und systematisch fördern will. Der Ansatz ist nicht defizit-, sondern ressourcenorientiert: Die Kurse sollen die Teilnehmenden befähigen, sich sprachlich in ihr berufliches Umfeld zu integrieren. Das Lernen soll Spass machen und als nutzbringend erlebt werden, indem es Zugänge zum Arbeitsmarkt schafft. Die Sprachförderung ermöglicht den Stellensuchenden, ihre schulischen Lernfähigkeiten zu reaktivieren, und leistet damit einen Beitrag zur Erhöhung der Lernkompetenz, die gerade für die berufliche Neuorientierung wichtig ist.
Lerninhalte sind auf bestimmte Branchen zugeschnitten
Die Machbar Quali-GmbH setzt im Unterricht kein herkömmliches Lehrmittel ein, sondern hat sämtliche Inhalte selbst entwickelt. «Teamwork ist uns sehr wichtig», sagt Daniel Fischer und erklärt: «Die Unterrichtsmittel, die unsere Kursleitenden erarbeiten, kommen in einen gemeinsamen Pool, der allen zur Verfügung steht. Sie werden laufend weiterentwickelt.» Die Schwerpunkte liegen auf den Themen Stellensuche und Bewerbung sowie branchenspezifischer Wortschatz. Um die Kurse möglichst arbeitsmarktnah zu gestalten, hat Machbar unter möglichen Arbeitgebern eine Sprachbedarfserhebung durchgeführt, bei der abgeklärt wurde, was Stellensuchende sprachlich können müssen, um eine Stelle zu erhalten. Die Lerninhalte des Kurses sind auf die Bedürfnisse jener Branchen zugeschnitten, in denen Zugewanderte mit geringen Deutschkenntnissen Arbeit finden können: Gastronomie, Reinigung, industrielle Produktion und Lager geniessen folgerichtig besonderen Stellenwert. Doch auch branchenübergreifende Inhalte wie Umgangsformen am Arbeitsplatz, Telefonieren oder das Ausfüllen von Formularen gehören zum Programm. «Die Kursteilnehmenden sollen befähigt werden, Anweisungen entgegenzunehmen und zu verstehen. Heute müssen sie auch immer öfter in der Lage sein, nach Erledigung eines Auftrags zu rapportieren», erklärt Fischer.
Know-how wird gezielt in den Unterricht einbezogen
Zum Konzept gehört auch, dass die Kurse nicht branchenspezifisch geführt werden. «Dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Branchen kommen, ist eine Bereicherung», sagt Fischer und erklärt: «Die Durchmischung der Gruppen gibt unseren Kursleiterinnen Gelegenheit, das fachliche Wissen der Teilnehmenden in den Unterricht einzubeziehen. Sie sind im Rahmen des Curriculums frei in der Unterrichtsgestaltung und können die Berufserfahrung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Unterricht gezielt als Ressource einsetzen.» Sarah Leibundgut bittet eine Teilnehmerin, die früher in der Spitalreinigung gearbeitet hat, den anderen zu erklären, wofür ein Desinfektionsspray da ist und wie man ihn richtig anwendet. «Frau Gashi weiss über ihr Fachgebiet bestens Bescheid, und ich beziehe ihr Know-how gezielt in den Unterricht mit ein», erklärt Leibundgut. Davon profitieren letztlich alle: Die Teilnehmenden erfahren Hintergründiges zur Hygiene in Spitälern, und Sene Gashi hat Gelegenheit, ihr Fachvokabular anzuwenden. «Frau Gashi ist Expertin auf ihrem Gebiet. Wenn sie ihr Wissen weitergeben kann, stärkt das ihr Selbstwertgefühl und ihre Motivation.»
Im Kurs werden alltägliche Situationen geübt, die für die Stellensuchenden von unmittelbarem Nutzen sind. Das Lernen soll möglichst realitätsnah sein. Will heissen: Wortschatz und Verhaltensweisen werden auch einmal bei einem Stadtrundgang oder anlässlich eines Besuchs bei möglichen Arbeitgebern vermittelt, oder die Teilnehmer werden mit einer Aufgabe auf die Strasse geschickt, die sie nur lösen können, wenn sie sich durchfragen. So wird die Eigenständigkeit gefördert. Es werden scheinbar einfache Dinge wie das Telefonieren oder das Interpretieren von Tabellen geübt. Der Besuch beim Personalvermittlungsbüro wird im geschützten Kursrahmen intensiv vorbereitet, bevor die Teilnehmenden ins kalte Wasser springen und das Gelernte in der Realität erproben müssen.
Das Rahmenkonzept für arbeitsmarktorientierte Deutschförderung hat Ernst Maurer vom Büro Sprache und Integration in Zürich im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft entwickelt (siehe «der arbeitsmarkt» 10 / 2006). Nach einem Pilotversuch wurde es 2007 veröffentlicht; inzwischen ist es in mehreren Kantonen erfolgreich umgesetzt worden. In der Direktion für Arbeit des SECO ist Tindaro Ferraro, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ressort Arbeitsmarktmassnahmen, für das Dossier Sprachförderung zuständig. «Wir haben das Rahmenkonzept ausarbeiten lassen, um die Sprachkurse stärker auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes auszurichten und qualitative Impulse zu geben. Immerhin ist die Arbeitslosenversicherung der grösste Auftraggeber bei subventionierten Sprachkursen.» Laut Ferraro sind die Erfahrungen mit dem Rahmenkonzept durchwegs positiv. «Das Rahmenkonzept wird sehr gut akzeptiert. Das zeigen die Rückmeldungen aus den Kantonen, die damit arbeiten.» Bisher gebe es erst qualitative Feedbacks zur Gesamtwirkung der Sprachkurse, doch man arbeite an einer Verbesserung der Fortschrittsmessung, um den Erfolg auch quantitativ beschreiben zu können und daraus Hinweise zur Verbesserung der Sprachförderung zu gewinnen, erklärt Ferraro. «Wir erarbeiten zurzeit einen Leitfaden zur Einführung von arbeitsmarktorientierten Einstufungstests, weil die Sprachstandsmessung mit herkömmlichen Tests bei schulungewohnten Personen nur unzureichend funktioniert. Zudem wird der Arbeitsmarkt in gängigen Tests aus unserer Sicht nur unzureichend berücksichtigt.»
Rahmenkonzept auch in der Westschweiz anwenden
In den Kantonen Zürich, Bern, Luzern und Aargau bildet das Rahmenkonzept heute die Grundlage für die Ausschreibung von Deutschkursen, die von der Arbeitslosenversicherung finanziert werden; weitere Kantone hätten Interesse am Modell bekundet. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen sei das Rahmenkonzept in diesem Jahr überarbeitet worden, so Ferraro. Anfang 2010 wird es im Klett-Verlag als Buch erscheinen. Nach den positiven Erfahrungen in der Deutschschweiz soll das Konzept künftig auch den kantonalen Arbeitsmarktbehörden der Westschweiz zur Verfügung stehen. Die notwendigen Anpassungen für den französischen Sprachraum sind derzeit in Arbeit.
Ruth Zubler von der Logistik arbeitsmarktliche Massnahmen des Kantons Aargau hat die Umsetzung des Rahmenkonzepts in ihrem Kanton angestossen und eng begleitet. «Wir haben das Konzept im Aargau gut umgesetzt», sagt Zubler bestimmt. «Wir machen sehr gute Erfahrungen damit. Die Stellensuchenden erleben die Kurse als positiv und unterstützend.» Sie seien motiviert und zuversichtlich, dank den erworbenen Deutschkenntnissen aus dem Bewerbungstraining und dem Deutschunterricht bald eine neue Stelle zu finden. «Die Rückmeldungen der Personalberatenden auf den RAV zeigen, dass die Kurse etwas bringen. Immer wieder wird uns berichtet, dass die Leute nach dem Kurs mutiger seien und mehr reden», sagt Zubler und weist noch auf eine weitere Beobachtung hin: «Die Personalberatenden erleben die Absolventinnen und Absolventen als selbstbewusster, insbesondere die Frauen. Sie gewinnen durch den Sprachkurs an Autonomie, sie werden unabhängiger von ihren Männern. Und das ist gut für die Integration.»
Hauptsache, man spricht und wird verstanden
Bei der Wirkungsmessung geht der Kanton Aargau eigene Wege. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit hat für den Einstufungstest eine eigene Bewertungsskala entwickelt, mit der die Sprachkenntnisse in zehn Stufen von AA (Primäranalphabeten) bis I (entspricht der Stufe C2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen) beurteilt werden. «Wir führen nach dem Kurs erneut eine Sprachstandsmessung durch und erhalten so messbare Resultate», erklärt Ruth Zubler. «Die feine Abstufung erlaubt es, auch geringe Fortschritte zu messen. Das ist für das Selbstwertgefühl der Betroffenen von grosser Bedeutung.»
Das Selbstwertgefühl der Stellensuchenden kann auch im Kurs von Sarah Leibundgut wachsen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligen sich lebhaft am Unterricht und haben sichtlich Spass an der Sache; von Hemmungen, sich in der fremden Sprache auszudrücken, ist wenig zu spüren. Die Stellensuchenden haben gelernt, dass es nicht schlimm ist, Fehler zu machen. Hauptsache, man spricht und wird verstanden. Oder wie es Sarah Leibundgut sagt: «Es geht um die Verständlichkeit, nicht um die grammatische Korrektheit.»