der arbeitsmarkt | 10/2009 | Text: Esther Meyer
Mehr Krippen braucht das Land
Wenn Mütter nach der Babypause wieder ins Erwerbsleben einsteigen, ist das auch gut für die Volkswirtschaft. Der «arbeitsmarkt» hat eine Kindertagesstätte in Zürich besucht, wo das Geschäft mit dem professionellen Hütedienst boomt.
Im Treppenhaus wuseln muntere Kleinkinder. Sie sind auf dem Weg in ihre Gruppe. In jedem Stock der Kita «Tandem» an der Müllerstrasse in Zürich befinden sich Wohnungen, die zu kindertauglichen Spielwiesen umfunktioniert wurden. Die Gruppen sind nach Alter unterteilt. In der ersten Gruppe, der «Sonne», sind die Kleinsten. Sie sind drei bis achtzehn Monate alt. Heute sind nur drei der Jüngsten da. Sie singen im «Morgenkreis», sitzen in einem Kreis und stimmen sich singend auf den Morgen ein. Dann schauen sie mit einer Betreuerin eines der vielen Bilderbücher an. Die Räume sind hell und freundlich, die kleinen Gäste guter Laune und erfüllen ihre Wonneproppen-Pflicht. Die Stimmung ist fröhlich und entspannt.
Grosse Nachfrage nach Säuglingsplätzen
Weniger entspannt sind viele Eltern bei der Suche nach freien Krippenplätzen. «Wir haben seit längerem eine Warteliste», sagt Sibylle von Siebenthal, Inhaberin der Kita Tandem GmbH. Sie ist Chefin von insgesamt sieben Krippen in Zürich und Winterthur. «In Zürich ist vor allem die Nachfrage nach Säuglingsplätzen gross», sagt sie. Ende 2008 wurden gemäss Sozialdepartement der Stadt Zürich 40 Prozent aller Säuglinge in einem Hort betreut. Jedes zweite Kind im Vorschulalter geht an einem oder mehreren Tagen pro Woche in eine Kindertagesstätte (Kita). Ende letzten Jahres standen in 210 Kitas in Zürich 5543 Betreuungsplätze zur Verfügung. Das sind 325 Plätze mehr als im Vorjahr. Dennoch: Die Nachfrage nach Krippenplätzen ist ungebrochen und steigt weiterhin an.
Geschäftsführerin von Siebenthal hat im August dann auch gleich zwei neue Tagesstätten eröffnet. Und da die Kita an der Müllerstrasse so erfolgreich ist, sucht sie einen weiteren Standort in der Nachbarschaft. Angefangen hat diese Erfolgsgeschichte als spontane Idee. Im Januar 2007 eröffnete die gelernte Betriebswirtschafterin mit 20 Mitarbeitenden ihre erste Krippe. Nur zwei Jahre später ist Sibylle von Siebenthal Chefin von 120 Angestellten.
Doch nicht nur im Raum Zürich schicken immer mehr Eltern ihre Kinder in eine Kita, auch andernorts wächst die Zahl der Kinderkrippen rapide. Und sie steigt auch dort weiter, wo sie bereits relativ hoch war. Das grösste Wachstum 2008 weist der Kanton Genf mit 7,2 Prozent auf. Auch die Kantone Zürich (+ 5,6 Prozent) und Basel-Stadt (+ 5,8 Prozent) haben stark zugelegt.
Doch die Anzahl der Krippenplätze reicht bei weitem nicht aus, denn die Nachfrage nimmt schneller zu als die Krippengründungen. Der Verband Kindertagesstätten der Schweiz «KITaS» hat eine Studie des Schweizerischen Nationalfonds von 2004 veröffentlicht, wonach 50 000 Krippenplätze für 84 000 Kinder fehlten. Die Zahlen sind nicht unumstritten. Denn Ende 2008 wurden drei Prozent freie Plätze gemeldet. Für Guido Schär von der «KITaS»-Geschäftsstelle ist das kein Widerspruch: «Es kommt vor, dass sich ein freier Platz nicht am Wohnort der Eltern befindet, nicht an den Tagen frei ist, an denen eine ergänzende Betreuung gesucht wird, oder dass schlicht kein subventionierter Platz zur Verfügung steht.» Bezüglich Angebot und Nachfrage gibt es grosse regionale Unterschiede, die auch urbanitätsbedingt sind. In ländlichen Gebieten übernehmen teilweise Spielgruppen die Rolle von Kindertagesstätten.
Steuerliche Erleichterung für Fremdbetreuung ab 2010
In der Kita vom Kreis 4 kommt die erste Gruppe von Kindern von ihrem Ausflug auf den Spielplatz zurück. Von Siebenthals Krippen funktionieren nach dem «Tandem-Modell». Das bedeutet, dass Kleinkinder mit Kindern von zweieinhalb Jahren bis zum Kindergarteneintritt immer wieder zusammentreffen. Dies im Gegensatz zum herkömmlichen Krippenmodell, wo es altersgemischte Gruppen gibt.
Nachdem ausgiebig gespielt worden ist, werden die hungrigen Mäuler gefüttert. Dann folgt natürlich der Mittagsschlaf. Ausgeruht geht es entweder an ein Projekt, wie zum Beispiel «Geräusche der Bauernhof-tiere.» Oder alle gehen raus spazieren. Um 16 Uhr holen die ersten Eltern ihr Kind ab. Die Eltern der Kita Tandem stammen aus allen möglichen Berufen, sagt von Siebenthal. «Es hat Künstler, Banker, Selbstständige.»
Demnächst wird sie zudem zwölf von der Stadt subventionierte Plätze für die Kinder weniger vermögender Eltern erhalten. Zürich subventioniert über 2300 Plätze - rund 40 Prozent des Gesamtangebots. Die Gesamtkosten für einen Krippenplatz belaufen sich im Schnitt auf knapp 30 000 Franken im Jahr, also etwa 120 Franken pro Tag.
Ob und wie stark Eltern, die ihre Kinder in eine Krippe schicken, nebst Subventionen entlastet werden sollten, steht derzeit auf der politischen Agenda: Mitte September hat der Nationalrat einen Steuerabzug für Fremdbetreuung von Kindern bis zum 14. Altersjahr von 10 000 Franken pro Kind beschlossen. Umgesetzt werden soll die Vorlage bereits ab Anfang 2010. Die SVP war zunächst gegen diesen Abzug. Sie wollte einen Steuerabzug für alle Familien mit Kindern, weil sonst «traditionelle Einverdienerfamilien benachteiligt werden». Sie stimmte der Vorlage zwar zu, will aber eine Volksinitiative gegen einen Teil der Vorlage ergreifen.
Krippenplätze zahlen sich volkswirtschaftlich aus
Mit Subventionen und Steuerabzügen ist es für den Verband KITaS jedoch noch nicht getan. Ende August lancierte er zusammen mit dem Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (vpod) eine Petition. Diese fordert, dass jedes Jahr mindestens ein Prozent des Bruttoinlandproduktes für familienergänzende Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt wird - das sind derzeit rund fünf Milliarden Franken. Nicht zur Freude der SVP. «Die SVP ist gegen bundesstaatlich finanzierte, flächendeckende und damit schon bald obligatorische Krippenplätze. Die Erziehung der Kinder ist Sache der Eltern», sagt Silvia Bär, stellvertretende SVP-Generalsekretärin: «Gegen private Krippen hat die SVP nichts. Aber bei staatlichen gäbe es viele Günstlinge, neue Verordnungen und schlussendlich ist es enorm teuer. Der Staat zahlt dann immer, und zwar für uns alle. Das darf nicht sein.»
Unbestritten ist, dass Frauen heutzutage Arbeit und Familie besser vereinbaren können sollen. Tagesstätten für Kinder bieten ihnen einen Anreiz, sich wieder ins Arbeitsleben zu integrieren. Mehr Krippenplätze zahlen sich deshalb volkswirtschaftlich aus. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde durch Kitas verbessert. Der finanzielle Nutzen der öffentlichen Hand steige auch, weil durch zusätzliches Erwerbseinkommen neue Steuergelder generiert würden. Dies fasst die Studie «Familienergänzende Kinderbetreuung aus ökonomischer Sicht» des Bundesamts für Sozialversicherung vom Juli 2009 zusammen.
Vom Verband KITaS veröffentlichte Studien belegten zudem, dass familienergänzende Kinderbetreuung integrierend wirke und die Bildungschancen der Kinder erhöhe. Für von Siebenthal hängt die soziale Entwicklung eines Kindes dagegen nicht davon ab, ob es in der Krippe oder zuhause betreut wird: «Es kommt darauf an, wie gut das Kind jeweils betreut wird.»
Bedarf an gut ausgebildetem Personal
Die Krippeninhaberin hat zurzeit andere Sorgen: Es sei schwierig, gut ausgebildetes Personal zu finden. Deshalb greift sie oft auf Zugewanderte aus Deutschland zurück. «Viele Frauen, die in der Kita arbeiten, haben nur einen Realschulabschluss», sagt Sibylle von Siebenthal. «Ich vermute, dass der Beruf der Erzieherin ein schlechtes Ansehen hat. Und das, obwohl es ein anspruchsvoller Beruf ist. Man wird mit Realschulabschluss entweder Coiffeuse, Verkäuferin oder eben Erzieherin.» Dabei stünden Erzieherinnen viele zusätzliche Möglichkeiten offen, betont die Krippeninhaberin. «Man kann sich zum Beispiel zur Sozialpädagogin oder Sozialarbeiterin weiterbilden. Oder die Berufsmittelschule besuchen. Nur wissen das die meisten Lehrstellensuchenden nicht.»
Um 19 Uhr schliesst die Kita «Tandem» an der Müllerstrasse ihre Tore. Krippenchefin von Siebenthal kann auch endlich eine Pause einlegen: Sie holt ihre wohlverdienten Ferien nach - die ersten seit zwei Jahren.