der arbeitsmarkt | 10/2009 | Text: Davide Mirabile

Sich einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt verschaffen

Das Führen und Motivieren von Menschen ist ein zentraler Erfolgsfaktor – in der Wirtschaft wie auch im Militär. Die Schweizer Armee ermöglicht seit 2004 jungen Unteroffizieren und Offizieren den Erwerb wichtiger Bausteine eines in der zivilen Welt anerkannten Führungszertifikats.

Fünfzehnte Woche der Sommerrekrutenschule während eines Marsches in der Nähe von Bière: Gruppenführer Marius Schnell befiehlt seiner zehnköpfigen Gruppe von Übermittlungssoldaten, während des ­30 Kilometer langen Leistungsmarsches im dichten Laubwald zu biwakieren. Die Soldaten sind todmüde. Sie wollen endlich die schwere Ausrüstung niederlegen und in den Schlafsack kriechen. Sie tragen nasse Kleider und haben den ganzen Tag kein warmes Essen bekommen. Nachdem im Lager Ruhe ein­gekehrt ist, kommt es zu einem lautstarken Streit zwischen zwei Soldaten. Die beiden haben den Auftrag, die mit Munition be­ladenen Fahrzeuge zu bewachen. Weil ­keiner die erste Wachtschicht übernehmen will, sind sie sich in die Haare geraten.

Erkennen von persönlichen Stärken und Schwächen

Am nächsten Tag reflektiert Schnell, was schiefgelaufen ist. In seinem Lerntagebuch notiert er sich die Ereignisse des Vortags. ­Zuerst beschreibt er die Situation und die Ereignisse im Wald. Dann notiert er die erteilten Befehle und die daraus entstandenen Konsequenzen. Schnell kommt zum Schluss, dass der Auftrag unklar war und dass keiner der beiden Soldaten wusste, um welche Zeit seine Wache begann. Der Wachtdienst ver­ursachte ein aggressives Verhalten der übermüdeten Soldaten. Die Situation eskalierte zu einem heftigen Streit.
Der 22-jährige Kaufmann Marius Schnell hat in Bière die Unteroffiziersschule ab­solviert. Nach dem anschliessenden Abverdienen in der Rekrutenschule wurde er zum Wachtmeister befördert. Marius Schnell musste in der Unteroffiziersschule je 42 Stunden Theorie und Praxis in den Ausbildungsmodulen «Selbstkenntnis», «Persönliche Arbeitstechnik» und «Führung der Gruppe» absolvieren. Im Modul «Selbstkenntnis» musste Schnell seine persönlichen Stärken und Schwächen erkennen und sich über unterschiedliche Verhaltensweisen und deren Wirkung bewusst werden. Im Modul «Persönliche Arbeitstechnik» hat er gelernt, seine persönlichen Störfaktoren und Zeitfallen zu erkennen und Verbesserungsmöglichkeiten abzuleiten. Im Modul «Führung der Gruppe» musste sich Schnell mit Fragen beschäftigen wie: Welches Menschenbild habe ich? Welche Art, Einfluss zu nehmen, liegt mir am besten? Ist mein Führungsstil zielgerichtet? Welche Verhaltensweisen und Massnahmen versprechen den grössten Erfolg?
Die Module sind Teil der obligatorischen Führungsausbildung in der Unteroffiziersschule und entsprechen den gleichnamigen Modulen der zivilen Ausbildung zum Führungsfachmann mit eidgenössischem Fachausweis. Die Ausbildung ist sowohl in der Armee wie auch in den zivilen Businessschulen modular aufgebaut - eine Voraussetzung, um den militärischen Führungskursen auch zur zivilen Anerkennung zu verhelfen.

Tägliche Konfrontation ­mit Führungssituationen

Heute brauchen Führungskräfte eine solide Ausbildung, damit sie schwierige Situationen im Alltag meistern können. Dies gilt sowohl in der Privatwirtschaft als auch in der Armee. In den Kaderschulen der Schweizer Armee werden Menschen für die Führung von Menschen theoretisch, aber vor allem auch praktisch ausgebildet. Die Auf­gaben, die eine Person in einer Führungs­position lösen muss, sind in der Armee und in der Wirtschaft sehr ähnlich. Auch in einem Unternehmen müssen die Vorgesetzten ihre Mitarbeitenden motivieren und zielgerichtet führen.
Marius Schnell hat in der Unteroffiziersschule neben drei Handbüchern zu den Themen Selbstkenntnis, Arbeitstechnik und Gruppenführung auch ein Lerntagebuch erhalten, in das er regelmässig seine persönlichen Erfahrungen notiert. Bei der Führung des Lerntagebuchs geht Schnell strukturiert vor. Zuerst hält er die Situation fest. So erfährt er mehr über die Hintergründe, Zusammenhänge und Umstände, die die nachfolgenden Ereignisse beeinflussen. Anschliessend beschreibt er seine Aktion. Der Fokus liegt auf dem präzisen und detaillierten Vorgehen. Zuletzt überprüft er das Resultat: Ist es klar und verifiziert? Ist es ­positiv, negativ oder neutral? Es ergibt sich ein Lerndreieck, bestehend aus den drei ­Elementen Situation, Aktion und Resultat, das Schnell Aufschluss über den individuell gemachten Lernschritt gibt.
Weil an der mündlichen Prüfung, die das Modul «Führung der Gruppe» abschliesst, das Lerntagebuch das einzige erlaubte Hilfsmittel ist, bemüht sich Schnell, alle seine Erlebnisse als Gruppenführer zu notieren: seine Erfahrungen, die bewältigten Probleme, aber auch sein Verständnis und seine Einsichten. Auch die Ereignisse während des Biwaks im Wald hat Schnell so festgehalten. Nach der Analyse des Erlebten kommt er zu einem klaren Ergebnis: Die Umstände hatten es nicht ermöglicht, die Biwakierung vorgängig zu organisieren. Schnell konnte nur noch improvisieren. In sein Lerntagebuch notiert er die Konsequenzen, die er aus dem Ereignis zieht: Das nächste Mal wird er trockene Kleider als Sackbefehl kommandieren und die Wache für die Soldaten vor dem Marsch für jeden Soldaten klar einteilen.
Jeder Unteroffizier und jeder Offizier der Schweizer Armee ist täglich mit vielfältigen Führungssituationen konfrontiert und kann somit die theoretisch erworbenen Kenntnisse in der Praxis anwenden. Im Jahre 1997 forderte der damalige Nationalrat Samuel Schmid mit einem Postulat, dass die Zertifizierung verschiedener militärischer Ausbildungssegmente geprüft werden soll, um die zivile Nutzungsmöglichkeit dieser Ausbildung deutlich zu machen und so den Absolventen von militärischen Kaderaus­bildungen einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt zu verschaffen. In der Folge wurde die Führungsausbildung, nicht zuletzt aus Synergiegründen, in enger Zusammenarbeit mit zivilen Ausbildungsinstitutionen entwickelt. Verantwortlich zeichnet die Schweizerische Vereinigung für Führungsausbildung SVF-ASFC, der über fünfzig private und öffentliche Ausbildungsstätten angeschlossen sind. Auch die Module der militärischen Führungsausbildung können seit dem Jahr 2004 mit einer mündlichen Prüfung abgeschlossen werden, wenn die Mindest­anforderungen in der Ausbildung erfüllt sind. Die mündlichen Modulabschluss­prüfungen werden von der Schweizerischen Ver­einigung für Führungsausbildung mit einem im Zivilen anerkannten Dokument bescheinigt.

Militärische Weiterbildung ­wird «nicht speziell forciert»

Weil Marius Schnell nach der Unteroffiziersschule eine Führungskarriere in einem ­Betrieb einschlagen möchte, hat er sich entschlossen, an den Modulbescheinigungs­prüfungen teilzunehmen. Die Prüfungs­experten, Björn Kunz und Beat Kunz, denen er im Zentrum Führungsausbildung in Riedbach bei Bern gegenübersitzt, wurden von der Armee ausgebildet. Sie sind Berufsunteroffiziere und prüfen sowohl junge Miliz­kader als auch Kandidaten aus der Privatwirtschaft. Sie machen es Schnell nicht einfach, die Fragen gehen sehr ins Detail. Nach der Zeit als Gruppenführer will er die begonnene Ausbildung im Zivilen fortsetzen und an einer privaten oder einer öffentlichen Businessschule die übrigen Module absolvieren, um den eidgenössischen Fachausweis zu erwerben.
Eine militärische Laufbahn war bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts ­
der Königsweg in die Führungsetagen von Schweizer Unternehmen. Das hat sich gründlich geändert. Bei der Credit Suisse etwa ist man von den jungen Offizieren wenig ­begeistert. Zwar unterstütze man allgemein gesellschaftliche, militärische und politische Engagements der Mitarbeitenden, ­erklärt Mediensprecher Thomas Baer auf Anfrage und ergänzt diplomatisch: «Eine militärische Weiterbildung wird aber nicht speziell forciert.» Sie müsse mit den betrieblichen Rahmenbedingungen vereinbar sein und mit dem direkten Vorgesetzten ab­gesprochen werden. Wenn alle anderen Kriterien wie Ausbildung, Fachwissen, Berufserfahrung oder soziale Kompetenz den
An­forderungen entsprechen, könne ein militärischer Rang zusätzlich nützlich sein. «Er ist aber kein entscheidendes Kriterium für das berufliche Weiterkommen.» Auch bei der UBS ist der Dienstgrad in der Armee kein Selektionskriterium mehr. «Heute ist eine Militärkarriere nicht mehr Voraus­setzung für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn», erklärt Mediensprecher Andreas Kern. Etwas Positives kann er einer militärischen Laufbahn dennoch abgewinnen: «Während der Führungsausbildung in der Schweizer Armee müssen junge Menschen viel Verantwortung übernehmen und ­lernen, mit Druck umzugehen. Diese Er­fahrungen sind im beruflichen Umfeld ­sicherlich wertvoll.»

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche