der arbeitsmarkt | 10/2009 | Text: Hans Rechsteiner
Der Soziologe Herbert Ammann über die zunehmende Professionalisierung im Sozial- und Gesundheitsbereich. Die Tendenz sei teilweise gesellschaftlich gewollt, in bestimmten Bereichen werde aber die informelle Freiwilligenarbeit weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Herr Ammann, in unseren Recherchen stellten wir folgende Tendenz fest: Der Zwang zu immer mehr Professionalität in den Organisationen verdrängt die Freiwilligenarbeit. Was halten Sie davon?
Diese Tendenz ist nicht von Gutem. Es steckt im Wesen von allen Institutionen, dass sie meinen, nur sie könnten professionell handeln. Das ist eine Frage des eigenen Selbstverständnisses und der Legitimation. Aus einer latenten Existenzangst entwickeln sie ein gewisses Misstrauen gegenüber Leuten, die sich freiwillig und erst noch gratis engagieren - vor allem dann, wenn vergleichbare Leistungen andernorts durch Freiwillige erbracht werden. Diskussionen über Professionalität werden auch durch neue Organisationen, die sich ihrer eigenen Professionalität noch nicht sicher sind, immer wieder angestossen. Manchmal ist es auch ein Ausdruck von Unsicherheit in den eigenen zentralen Belangen.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Vor 15 Jahren legte sich der damalige Sozialvorstand der Stadt Winterthur als Legislaturziel vor, die Freiwilligenarbeit zu fördern. In der städtischen Sozialarbeit für ältere Menschen sollten neu Dienstleistungen wie Buchhaltung, Steuern, Vermögensverwaltung und so weiter durch Freiwillige durchgeführt werden. Sozialarbeiterinnen hätten in diesem Modell die Freiwilligen betreut. Es fanden sich mehr als genügend hochqualifizierte freiwillige Finanzfachleute. Das Projekt wurde jedoch durch die Sozialarbeiter mit der Frage nach der Professionalität torpediert. Nur, wer war hier professioneller? Wohl eher die freiwilligen Finanzexperten als die Sozialarbeiter.
Ein auffallendes Beispiel ist das Kinderhüten: Früher hüteten Mütter die Nachbarskinder unkompliziert über den Gartenhag, heute geschieht es über professionell organisierte Tagesfamilienvermittlungen. Was sagen Sie dazu?
Das stimmt. Die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE), die vor 12 Jahren durchgeführt wurde, belegt, dass damals ausgerechnet alleinerziehende Mütter am meisten Freiwilligenarbeit leisteten. Ich habe diese Studie analysiert und bin zum Schluss gekommen, dass es sich bei dieser Freiwilligenarbeit um ein einfaches unentgeltliches Tauschverhältnis handelte: Alleinerziehende wechselten sich beim Hüten untereinander ab.
Dieses einfache Tauschverhältnis, wie Sie es nennen, kam ohne professionelle Bürokratie wie Sekretariat, Abrechnungen, Lohn- und Steuerausweise etc. aus. Heute scheint das unmöglich.
Unmöglich nicht, solche Formen gibt es auch heute und wird es immer geben, vielleicht nicht mehr in dem Umfang, dass sie, wie in der SAKE 1997, statistisch signifikant werden. Es liegt in der Natur dieser Tauschverhältnisse, dass sie ohne Organisation auskommen, sie haben aber auch den Nachteil, dass das Kinderhüten nicht gesichert ist, wenn aus irgendwelchen Gründen die direkten Kontakte nicht tragen. Dann wird der Aufwand für die suchende Mutter plötzlich sehr gross.
Stimmt unsere These, dass Professionalität die Freiwilligenarbeit verdränge, also nicht überall?
Sie schildern Beispiele aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich. Das sind stark feminine Branchen. Hier haben sich die Bedingungen in den letzten Jahren stark verändert, auch als Folge der zunehmenden Gleichstellung der Frauen. Das zeigt sich beispielsweise in der Lohnentwicklung, die im Vergleich zu anderen Branchen einen grösseren Schritt nach vorne machte. Aufholbedarf war da. Krankenschwestern verlangen den gleichen Lohn wie Polizistinnen, weil sie gleichwertige Ausbildungen haben. In diesen Bereichen war eine Professionalisierung gesellschaftlich durchaus gewollt. Umgekehrt stellen wir fest, dass gerade in der Hilfe und Pflege für Betagte sehr viel informelle Freiwilligenarbeit geleistet wird. Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass diese Form der informellen Freiwilligenarbeit eher noch zunehmen wird.
Sie sagen, Freiwilligenarbeit schliesse Professionalität nicht aus. Was verstehen Sie unter Freiwilligenarbeit?
Will ein Vater seinen Sechsjährigen als Moskito ins Eishockeytraining schicken, klärt er vorher ab, wie gut, wie professionell also, der Trainer ist, hier bezüglich Eishockey und pädagogischen Geschicks. In der Jugendförderung leisten alle Vereine freiwillige Arbeit. Deswegen ist sie aber nicht weniger professionell - wäre sie das, dann würde besagter Vater seinen Sohn in einen anderen Verein oder zu einer anderen Sportart bringen.
Stichwort Sterbebegleitung durch Freiwillige. Ist das eine Aufgabe, die nur professionell geschulte Personen, Pfarrer etwa, leisten sollen?
Da kenne ich mich zu wenig aus. Wenn ich aber sehe, was die «Dargebotene Hand», alles Freiwillige, aber ausgezeichnet geschult, leistet, ist das beispielhaft. Sie werden nach Absolvieren der professionellen Ausbildung ausgewählt, was für sie und jeden Freiwilligen Anerkennung bedeutet. Man kann emotional anspruchsvollste Arbeiten erledigen, doch gerade diese Freiwilligenarbeit bedingt grosse Professionalität.
Hat freiwillige Arbeit in unserer Gesellschaft auch in Zukunft ihren festen Platz?
Ja - und dazu gibt es ein aktuelles Beispiel: Die Stadt Zürich betreibt eine zielgerichtete Werbepolitik für Freiwilligenarbeit in den Alterszentren. Freiwillige sollen Arbeiten übernehmen, die bei den Angestellten nicht im Pflichtenheft stehen können: jemanden zum Coiffeur bringen, ihm Geschichten erzählen, Fremdsprachen reden, mit jemandem einkaufen oder spazieren gehen - das können nur Freiwillige tun. Zürich lanciert die Trendumkehr. Ich hoffe, dass dieses Beispiel ins Land hinaus ausstrahlt. Fazit: Freiwilligenarbeit hat heute andere Aufgaben als damals. Sie ist aber genauso willkommen.