der arbeitsmarkt | 11/2009 | Text: Christian Keller
Lokal statt global
Die Bahnhofsuhr fürs Handgelenk ist ein Verkaufshit. Das zeitlose Design des Schweizer Grafikers Hans Hilfiker stammt aus dem Jahr 1944 und steht für Werte, mit denen wir Schweizerinnen und Schweizer uns gerne schmücken: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Präzision. Selbstverständlich enthält das schöne Stück mit dem Logo der SBB ein Schweizer Präzisionsuhrwerk. Die Herkunft bürgt für Qualität, und die hat durchaus ihren Preis.
Im umfangreichen Bahnhofsuhrensortiment von Mondaine finden sich aber auch Modelle, die zwar vom Swissness-Bonus profitieren, aber gar keine Schweizer Produkte sind, darunter ein eleganter Reisewecker mit Stahlgehäuse aus China und Uhrwerk aus Taiwan. Aus der Schweiz stammen lediglich das Design und der Preis: Stolze zweihundert Franken kostet die Bahnhofsuhr für den Nachttisch. Die Qualität hingegen ist typisch Fernost: Auf seiner ersten, knapp dreistündigen Bahnreise hat der Wecker satte 45 Minuten verloren.
Wer biologische Produkte kauft, tut dies oft nicht nur seiner Gesundheit zuliebe, sondern auch aus ökologischen Überlegungen. Die Sorge um die Umwelt ist inzwischen so gross, dass sie zum Problem geworden ist. Die steigende Nachfrage nach biologisch produziertem Fleisch kann nämlich kaum befriedigt werden, weil die inländische Bio-Futtermittelproduktion nicht ausreicht, um all unsere glücklichen Rinder, Schweine und Hühner zu ernähren. Also wird nach Bio-Suisse-Standards angebautes Kraftfutter aus aller Welt in die Schweiz gekarrt, wie der «Kassensturz» unlängst
publik machte. «Naturschutz» mit Futtermitteln aus Brasilien, womöglich gar mit Soja aus dem Amazonasgebiet - der Mehrheit der Bio-Konsumentinnen und -Konsumenten dürfte da der Appetit vergehen.
Beispiele wie diese, jedes für sich ein Skandal, erregen heute kaum mehr Aufsehen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns die Produkte, die man uns verkaufen will, von ihrer schönsten Seite gezeigt werden. Doch das Vertrauen ist aufgebraucht, das Mass scheint voll. Immer mehr Menschen suchen wieder das Unverfälschte, Echte, nicht nur beim täglichen Brot.
Und das finden sie immer öfter in der Region, in der sie leben. Ich kaufe mein Bio-Rindfleisch aus Weidehaltung bei Hans-Peter Meier im aargauischen Full-Reuenthal. Anlässlich einer Hofbesichtigung habe ich mich persönlich davon überzeugt, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Den chinesischen Wecker von Mondaine bringe ich zurück.