der arbeitsmarkt | 16.12.2009 | Text: Esther Meyer
Tankstellen im Kanton Zürich bieten auch zwischen 1 und 5 Uhr Lebensmittel an. Dies will das SECO definitiv verbieten. Die «arbeitsmarkt»-Reportage über Nachtkäufer und Nachtverkäufer.
Um es gleich vornweg zu nehmen: Überfälle gab es keine in dieser Mittwochnacht zwischen 1 und 5 Uhr im BP-Tankstellenshop an der Seebahnstrasse in Zürich. Dafür ein reges Kommen und Gehen.
1 Uhr: Franz Weibel, 54, betritt den Laden. Der Zeitungs-Auslieferer aus Dänikon (ZH) kommt direkt von der Arbeit. Er füllt an einem der Stehtische Lieferscheine aus. Danach hat er Feierabend. Michael Hadad, 30, betritt wenig später den Shop. Er kommt soeben aus dem Ausgang und kauft drei Pack Salat. Der Nachtarbeiter Weibel ersteht seine Lebensmittel zwangsläufig im Tankstellenladen, weil alle anderen Läden um diese Uhrzeit geschlossen sind. Der Nachtschwärmer Hadad kauft oft zu später Stunde ein, da der 24-Stunden-Shop in der Nähe seiner Wohnung liegt und er tagsüber keine Zeit für Einkäufe hat.
Bis Ende Jahr können die beiden nachts an der Tankstelle weiterhin Lebensmittel einkaufen. Ob sie das im 2010 noch dürfen, ist hingegen ungewiss. Im Dezember 2008 hatte das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) beschlossen, Tankstellenshops in der Nacht zwischen 1 und 5 Uhr zu schliessen. Der Grund: Das SECO will die Verkäufer mit dem Nachtarbeitsverbot schützen.
Schweizweit gibt es einzelne Stationen auf den Autobahnen, die zum Teil während der Hauptsaison ihren Shop rund um die Uhr betreiben. Nur im Kanton Zürich hatten 7 Tankstellen an Hauptverkehrsachsen bis anhin durchwegs 24 Stunden offen. Mittlerweile haben die Stationen von Shell und Esso zwischen 1 und 5 Uhr ihren Laden dicht gemacht. Die BP-Stationen zogen das Urteil ans Bundesgericht in Lausanne weiter und erhielten im Dezember eine Fristverlängerung, bis das Verfahren abgeschlossen ist
Die BP-Tankstellenbetreiberin Susanna Gubelmann, 52, räumt Milch und Käse ins Gestellt. Die Zürcherin ist mit einem pensionierten Tankstellenbesitzer verheiratet, der ab und zu im Shop aushilft. Sie selbst ist trotz der Uhrzeit voller Energie, gut gelaunt und der Typ Macherin. Sie bezeichnet sich selbst als nachtaktiv und hat keinerlei Probleme, nachts zu arbeiten, da sie mit wenig Schlaf auskomme. «Ausserdem habe ich so den ganzen Tag zur freien Verfügung.»
Die Tankstelle wurde 1988 eröffnet. Seit 1997 ist der Shop 24 Stunden offen und die Ladenfläche heute auf 100 Quadratmeter vergrössert. Es finden sich darin ein Bistro, zwei Stehtische, Regale mit Esswaren, eine Kühltheke, Blumen, Auto-Duftbäumchen, Frauenmagazine, Männermagazine und die zwei Verkäufer Mohamed Ouard, 41, und Driton Spahiu, 27. Für sie ist die Nachtschicht kein Problem. Man organisiere sich und so komme das Familienleben dem Job nicht in die Quere.
Spahiu arbeitet seit sechseinhalb Jahren in der Tankstelle in Zürich. Er wohnt im Aargau, ist verheiratet und hat ein Kind. Er arbeitet nicht nur nachts, er übernimmt auch Morgen- und Tagesschichten. So wie Ouard. Auch er ist verheiratet, kinderlos und wohnt am linken Zürichseeufer. Der Lohn ist nachts jeweils zehn Prozent höher. Die Schichten sind: von 6 Uhr bis 14 Uhr, 14 Uhr bis 22 Uhr, 22 Uhr bis 6 Uhr. Die Angestellten arbeiten jeweils 7 Tage am Stück und haben dann 5 Tage frei. Insgesamt beschäftigt Gubelmann 14 Mitarbeiter, die Vollzeit arbeiten. Drei davon sind Aushilfen.
Die Tankstellenbetreiberin begreift den Entscheid des SECO nicht: «Das hat schlussendlich nichts mit dem Arbeitnehmerschutz zu tun, sondern mit dem Warenangebot.» Die Tankstellen dürfen bei einem Nachtverbot zwischen 1 und 5 Uhr weder Teigwaren noch Tiefgefrorenes anbieten, aber weiterhin ohne Probleme den Bistrobereich bedienen und alles rund ums Auto sowie das Kiosksortiment verkaufen. Nachts macht die Tankstellenbesitzerin 35 Prozent des Umsatzes mit Treibstoff und 65 Prozent mit Shop und Bistro. Doch das Bundesverwaltungsgericht stellte in seinem Entscheid vom Oktober kein besonderes Konsumbedürfnis für Nachteinkäufe fest und will Tür und Tor für Nachahmer schliessen. Das letzte Wort hat nun das Bundesgericht.
Nachts wird an der Tankstelle an der Seebahnstrasse allerdings mehr eingekauft als tagsüber. Das liegt daran, dass der Shop an einer exponierten Lage ist, in einem Quartier mit vielen Single-Haushalten, Studenten und Nachtschwärmern, deren Verkaufsverhalten sich in den letzten Jahren extrem geändert hat. So erklärt sich die Tankstellenbetreiberin den Run auf die Shops. «Früher haben die Leute in der Migros für die nächsten Tage im Voraus eingekauft, heute ist das nicht mehr nötig, weil sie schnell im Tankstellenshop vorbeigehen können.» Kunde Hadad findet es «typisch Schweiz», dass der Staat das Sortiment nachts verringern will. Würde das Verbot tatsächlich in Kraft treten, müsste er sich besser organisieren.
1. 26 Uhr: Ein älteres Ehepaar kommt vorbei, sie trinken je eine Schale. Chefin Gubelmann plaudert mit Ihnen über das Wetter und aktuelle Themen wie das Nachtarbeitsverbot.
1. 43 Uhr: Ein Deutscher im Trainer kauft Chips und Guetzli. Er will von Mohamed Ouard wissen, ob die Gipfeli frisch sind. «Das fragst Du jedesmal. Ja, sie sind frisch.» Der Deutsche kauft daraufhin eins. Er ist wie viele andere ein Stammkunde. Susanna Gubelmann kannte viele Shop-Besucher schon als Kinder. Sie schäkert, witzelt und diskutiert mit allen Kunden, ob neue oder alteingesessene. Die Konsumenten stammen aus allen Gruppen: Polizisten, Einsame, Junkies, Taxifahrer, Alkoholiker, Durchreisende.
Auch Promis schauen ab und zu an der Seebahnstrasse vorbei. Murat Yakin kommt oft an einem Sonntagabend zu Besuch. Er kauft von Joghurt über Salat bis zu Getränken alles. Der frühere Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber ist auch kein Unbekannter.
1. 59 Uhr: Zwei junge Secondas kaufen Dosen-Pfirsiche, eine grosse Flasche Cola, Guetzli und einen Deo.
Die Produkte, die nachts am besten verkauft werden sind Tiefkühlprodukte, Alkohol, Brot, Wurstwaren. Gegen den Morgen hin sind Gipfeli der Verkaufsschlager. Auch Blumensträusse werden nachts verkauft. Der wahre Hit sind aber Glaces, auch im Winter. Zwei Mal pro Woche muss nachbestellt werden.
2. 13 Uhr: Ein Mann kauft sein Frühstück ein: Kellogg's, Kakaopulver, Joghurt. Der «BLICK» wird geliefert.
Heute ist laut Gubelmann eine ruhige Nacht. Das liegt auch daran, dass eine Baustelle die Zufahrt zur Tankstelle erschwert. Von der ruhigen Nacht merkt man aber wenig: Der Shop ist eine Goldgrube. Andauernd spaziert ein neuer Kunde in das Geschäft. Es wird viel Alkohol gekauft, sowie Zigaretten. Männer machen den Hauptanteil der Kundschaft aus. Ist für einmal niemand im Laden, füllen die Verkäufer Regale auf oder bereiten neue Sandwiches zu. Von jedem Sandwich werden nur vier angeboten. Was sich nicht verkaufen lässt, wird alle vier Stunden entsorgt.
Jeder einzelne befragte Kunde ist gegen das Nachtverbot. Eine junge Frau die mit ihrer Freundin von einer Bar kommt und Alkohol kauft, findet es widersprüchlich, dass man in der Stadt über verlängerte Ladenöffnungszeiten diskutiert, aber Tankstellenshops, die rege genutzt werden, nachts schliessen will. Viele wüssten nicht, wann sie ihre Einkäufe tätigen sollen.
Familienbetriebe dürfen nachts hingegen alles verkaufen. «Muss ich denn meine Angestellten adoptieren, damit ich nachts den Laden offen halten kann?», ereifert sich Chefin Gubelmann. Sollte das Verbot tatsächlich in Kraft treten, muss sie den Shop von 23 bis 6 Uhr schliessen und Angestellte entlassen. Oder das Sortiment verkleinern, beziehungsweise den Einkaufs- und Bistrobereich räumlich voneinander trennen. Falls Frau Gubelmann doch jemanden entlassen müsste, wüsste sie nicht wen. Das Team ist gut eingespielt, man versteht sich untereinander. Das Klima ist angenehm, es fällt hie und da ein Witz, die Atmosphäre ist kollegial. Verkäufer Mohamed Ouard und Driton Spahiu lassen sich durch keinen noch so schrägen Gast beirren, sind freundlich und aufgestellt.
3. 18 Uhr: Zwei junge Mädchen kaufen eine Tiefkühlpizza.
Kürzlich hat die BP-Tankstellen-Besitzerin im «Tages Anzeiger» ein Job-Inserat aufgegeben. Über 200 Bewerbungen sind eingetroffen. Auch von Bankern, die seit der Finanzkrise arbeitslos sind oder Leuten, die aus völlig anderen Branchen kommen. Bewerber denken oft, der Job in der Tankstelle sei ein Klacks; man stehe hinter der Theke und bediene die Leute. Es kam deshalb schon oft vor, dass Arbeitnehmer die Stelle nach kurzer Zeit wieder gekündigt haben, da es zu anstrengend war, Regale aufzufüllen, im Schichtbetrieb zu arbeiten und Gäste zu bedienen.
3. 49 Uhr: Eine Frau kauft 2 Päckchen Fruchtgummis, einen Most und eine Ovi.
4. 15 Uhr: Zwei junge Typen betreten das Geschäft. Ihr Einkauf: 1.5 Literflasche Eistee, eine kleine Ovomaltine. Sie sprechen Spanisch.
Noch ein paar Worte zu den Überfällen. Fünf waren es in den letzten 20 Jahren. Drei davon fanden tagsüber statt. Das letzte Mal diesen Oktober. Erwischt wurde der Täter nicht. Aus diesem Grund ist immer wenig Geld in der Kasse. An der Tankstelle Hohlstrasse in Zürich arbeitet nachts nur ein Mitarbeiter. Dieser ist aus Sicherheitsgründen hinter Plastikfenstern abgeschirmt.
5 Uhr: Die «arbeitsmarkt»-Reporterin kauft vor Beendigung ihrer Schicht noch ein Brot. Wenn sie schon mal da ist.