der arbeitsmarkt | 12/2009 | Text: Michael Helbling

«Ich könnte jeden Tag neue Leute einstellen»

Hotels und gastronomische Betriebe eignen sich hervorragend, um Menschen mit einer IV-Rente in den freien Arbeitsmarkt einzu­gliedern. So weit die Theorie. Trotz guter Konzepte sieht es in der Praxis aber anders aus – wie ein Besuch im Breite Hotel in Basel zeigt.

Reges Treiben herrscht frühmorgens im Foyer des Breite Hotels in Basel, englische Gesprächsfetzen sind zu hören. Keine Frage, das Breite Hotel ist ein Businesshotel. Wo noch ein Kommen und Gehen um das reichhaltige Frühstücksbuffet war, herrscht kurze Zeit später wieder Ruhe. Die eben noch angeregt diskutierenden Geschäftsleute sind auf dem Weg zum Tagesgeschäft, und die frühe Herbstsonne taucht das Foyer in Licht, während die grosse Glasfront den Lärmteppich aus Auto- und Tramgeräuschen aussen vor lässt - Alltag in einem ganz normalen Businesshotel. Ganz normal? Nicht ganz, im Breite Hotel ist nicht alles so wie in anderen Hotels. Doch man muss schon sehr genau hinschauen. Die Angestellten in Küche und Service sowie in der Hauswirtschaft sind Menschen mit einer vollen IV-Rente, die meisten von ihnen mit einer Lernbehinderung. Sie alle haben einen geschützten Arbeitsplatz, dank dem sie am Arbeitsleben teilnehmen und so eine berufliche wie auch gesellschaftliche Integration erfahren.
Inzwischen ist die Küchencrew bereits mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen beschäftigt. Oliver Bruce, der in der Küche arbeitet, ist schon seit den ersten Tagen des Breite Hotels mit von der Partie. «Ich bin froh, dass ich hier arbeiten kann», sagt er. Er mag die vielseitige Arbeit und die Möglichkeiten, eigene Ideen einzubringen. «Als gelernter Koch schätze ich das.» Man merkt dem 30-Jährigen die Routine und Souveränität an, wenn er von der Arbeit erzählt, die Küche zeigt, in der das sechs- bis siebenköpfige Team auf kaum 20 Quadratmetern Tag für Tag feine Menüs und das jeweils üppige Frühstücksbuffet zubereitet. Wenn Bruce an den freien Arbeitsmarkt denkt, vermisst er die Bereitschaft, Menschen mit einer Lernbehinderung, Menschen wie ihn im Arbeitsmarkt zu integrieren. «Ich finde, es wird zu viel geredet und zu wenig gemacht», bringt er es auf den Punkt.

Wiedereingliederung funktioniert nicht

Derlei Worte könnten geradeso gut von Ueli Genner stammen, dem Direktor des Breite Hotels. Genner führt das Hotel seit der Er­öffnung im Oktober 2005. Er ist von Haus aus weder Sozialarbeiter noch Behindertenbetreuer, sondern blickt auf eine vielseitige Laufbahn in der Gastronomie zurück. Er begann als Koch, ab­solvierte die Hotelfachschule und war in den Folgejahren auch in leitenden Funktionen tätig, bevor er sich auf die Ausbildung spezialisierte. Danach war er rund 15 Jahre lang als selbständiger Coach tätig. Vor seinem Engagement im Breite Hotel arbeitete er schliesslich mehrere Jahre in der Geschäftsleitung einer Innerschweizer Gastrogruppe. «An meiner jetzigen Stelle kann ich meine Fähigkeiten und Erfahrungen aus bisherigen Tätigkeiten optimal verknüpfen», sagt er.  
Das Breite Hotel verfügt über 32 geschützte Arbeitsplätze. ­Coaching und Betreuung erfahren die Mitarbeitenden durch die insgesamt acht Leiterinnen und Leiter der jeweiligen Arbeitsbereiche. Die gesamte produktive Arbeit in Restauration und Hauswirtschaft erledigen aber die Mitarbeitenden. Anders oder speziell ist also nur die Belegschaft, die Arbeit ist die gleiche wie in jedem anderen Hotelleriebetrieb - auf diese Tatsache legt Genner viel Wert. «Wir sind keine Sozialfirma, sondern eine Werkstatt. Und wir führen den Betrieb wie jedes andere Hotel auch», betont er. Im Gespräch mit Ueli Genner zeigt sich schnell, dass hier ein Profi mit unverstelltem Blick und ohne jede Sozialromantik die Geschicke des Breite Hotels lenkt. Ohne um den Brei herumzu­reden,  gibt er zu verstehen, dass eine der ursprünglichen Ideen des Breite Hotels - die Wiedereingliederung von IV-Bezügern im ersten Arbeitsmarkt - nicht funktioniert. «In den vier Jahren, seit es das Breite Hotel gibt, hat eine einzige Person den Weg in den freien Arbeitsmarkt geschafft.» Genner ortet hier ein generelles Problem. «Wer im freien Arbeitsmarkt irgendwie auffällig ist, fliegt entweder raus oder bekommt schon gar keine Stelle», hält er fest. Nicht einmal jeder zehnte Mensch mit einer IV-Rente könne in der Schweiz arbeiten, und am Wollen liege es gewiss nicht. «Ich könnte jeden Tag neue Leute einstellen», so Genner.

Treue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Für die Hauswirtschaft beginnen die Arbeitstage um viertel nach acht, wenn die Leiterinnen und Leiter zusammen mit den Mit­arbeitenden den Tagesablauf und die anfallenden Arbeiten besprechen und planen. Dann spitzt auch Margrith Schweizer die Ohren, ist gespannt, was den ganzen Tag hindurch alles auf sie zukommt. Obwohl das ja eigentlich keine grosse Rolle spiele bei ihr, sei es nun flicken, waschen, bügeln oder was auch immer. «Es gibt eigentlich nichts, das ich nicht gerne mache», sagt sie und lächelt zufrieden dazu. Sie schätzt, was sie hier hat - auch wenn es Dinge gäbe, die sie vielleicht noch ein bisschen lieber machen würde. «Mit Tieren arbeiten zum Beispiel», sagt sie, «ja, auf einem Bauernhof hätte ich eigentlich immer gerne gearbeitet.». Schliesslich sei sie auch rund um Tiere aufgewachsen. Aber es gefällt ihr hier bestens, und etwas Neues, das möchte sie eigentlich auch nicht mehr suchen. «In meinem Alter ist das nicht so leicht.» Auch die 53-jährige Margrith Schweizer ist schon seit der Eröffnung des Hotels dabei, gehört sozusagen zum Inventar.
Überhaupt zeigten sich die meisten Mitarbeitenden des Breite Hotels ihrem Arbeitgeber gegenüber sehr treu, hält auch Ueli Genner fest, was unter anderem auf einen simplen Sachzwang zurückzuführen sei: die wenigen Stellen für Menschen mit einer IV-Rente. Entsprechend hoch ist die Wertschätzung seitens der Mitarbeitenden, was sich besonders in ihrer Freundlichkeit und Gastfreundschaft zeigt. Gastfreundschaft, das ist auch für Martin Moser ein wichtiges Stichwort. Der 22-Jährige arbeitet seit über drei Jahren in der Hauswirtschaft. «Freundlichkeit den Gästen gegenüber ist selbstverständlich.» Oft komme nämlich auch etwas zurück, ein Dankeschön oder ein einfaches Lächeln, und das stelle ihn immer wieder auf. «Als ich begann, war ich noch der einzige Mann in der Hauswirtschaft», erinnert er sich amüsiert, «mittlerweile habe ich Verstärkung erhalten.» Moser ist gelernter Mitarbeiter Grosshaushalt mit Berufsfachschule, ein Mann vom Fach also, und er hat durchaus noch Ambitionen, denkt auch laut darüber nach, irgendwann einmal Gruppenleiterfunktionen zu über­nehmen. «Doch darüber muss ich schon noch ein paar Mal schlafen.» Immerhin müsste er dafür wieder in die Schule, und das erst noch in Interlaken, was ja auch nicht gerade um die Ecke liegt. Bis dahin jedenfalls hat er noch genug zu tun, in der Hauswirtschaft geht die Arbeit nicht so schnell aus. Im Gegensatz zu seiner Kollegin Margrith hat er bei den anfallenden Arbeiten seine Präferenzen. «Die Bodenreinigung mit dem Combimat mache ich am liebsten», sagt er, ohne lang zu überlegen, während er auch ganz gut ohne Treppenhausreinigung leben könnte.
Gefragt ist das Breite Hotel auch als Einsatzort für Zivildienstleis­tende. Vier Stellen werden angeboten für Einsätze, die jeweils sechs Monate dauern und zu einem Teil auch Gruppenleiterfunktionen in Restauration und Hauswirtschaft umfassen. «Die Plätze sind sehr beliebt», so Genner. «Ich bekomme fast täglich Anfragen.» Und schliesslich ist das Breite Hotel auch ein Ausbildungsort: Drei Hotelfachfrauen sind zurzeit in Ausbildung. Vorzug und gleichermassen Herausforderung dieser Ausbildungsstellen sei das Flair eines Familienbetriebs. «Schon früh sind Führungsaufgaben zu übernehmen», beschreibt Genner, «und es ist selbstverständlich, dass man sich gegenseitig aushilft - auch über die jeweiligen Bereiche hinweg.»

Entsolidarisierung der Gesellschaft problematischer als die IVG-Revision

Die Nachfrage von Menschen mit einer IV-Rente nach Stellen im Breite Hotel war von Anfang an gross und konstant. «Auf meinem Schreibtisch stapelten sich schon vor der Eröffnung die Bewerbungsdossiers», erinnert sich Ueli Genner - noch bevor überhaupt eine Stelle ausgeschrieben war. Schon seit zwei Jahren möchte er eigentlich zehn neue Stellen schaffen, Arbeit gäbe es wahrlich genug. Doch es fehle an Geld.
Die krasse Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage ist ein Thema, auf das Genner immer wieder zurückkommt: «Bei allem Idealismus - in der Praxis muss man in der Regel zurückbuchstabieren.» So würde Genner das Angebot des Breite Hotels sehr gerne um Ausbildungsplätze erweitern, doch es fehle die Infrastruktur. Pläne und Ideen, die wären eigentlich immer da, aber es scheitere letztlich am Geld. «Jammerschade ist das», fasst er die oft fruchtlosen Bemühungen zusammen. Dabei bestehe ein riesiger Bedarf nach Arbeitsplätzen in dieser Art. «Gerade Hotels und Restaurationsbetriebe eignen sich für eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt sehr gut.» Das Problem sei halt, dass durch die intensive Betreuung der Kostenaufwand sehr hoch sei.
Über die anstehende 6. IVG-Revision, die markante Sparmassnahmen gerade auch im Bereich von lernbehinderten Menschen vorsieht und nächstes Jahr ins Parlament gehen dürfte, mag sich Genner noch nicht den Kopf zerbrechen. Überhaupt sieht er auch hier die Probleme in einem grösseren Kontext. «Dass die ganzen Gesetzesrevisionen einschliesslich der 6. IVG-Revision viel bringen, daran glaube ich nicht», sagt er ohne viel Federlesens. «Ich bin da aus eigener Erfahrung sehr ernüchtert.» Problematisch ist für Genner etwas viel Grundsätzlicheres: die Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft. «Einerseits fehlt die Bereitschaft der Politik, den Bürgerinnen und Bürgern zu sagen, wie die Situation wirklich ist», so Genner, «und andererseits fehlt es auch in der Bevölkerung an der Bereitschaft, mehr Geldern zuzustimmen.» Eine Problematik ganz für sich sei zudem, dass Amtsstellen wie die IV oder das Bundesamt für Sozialversicherungen der eigenen Klientel gegenüber nicht selten feindlich eingestellt seien, gibt er zu bedenken.

Zufriedene Gäste als Werbeträger

Davon bekommen die Gäste im Breite Hotel allerdings nicht viel mit. Sie kommen in den Genuss eines tadellosen Service von freundlichem Personal. Entsprechend hoch ist die Zufriedenheit der Gäste, nach den Ergebnissen der regelmässig durchgeführten Evaluationen würde sich manches Hotel die Finger lecken. Der Anteil zufriedener Gäste liegt nahe bei hundert Prozent, die verteilten Noten bewegen sich zwischen 5,8 und 5,9 - «Zahlen, wie man sie sonst nur von Wahlen zwielichtiger Staaten kennt», scherzt Genner und zeigt stolz die ausgewerteten Zahlen der Umfragen aus den letzten Jahren. Diese hohe Zufriedenheit hat den angenehmen Nebeneffekt, dass das Breite Hotel auf Mund-zu-Mund-Propaganda zählen kann - bei einem eher kleinen Werbebudget ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ein Blick ins Gästebuch - übrigens ein Geschenk der Produktionsfirma, die 2006 die Handball-EM in Basel mitrealisiert hatte - zeigt nicht nur, dass die Gäste aus aller Herren Länder kommen, sondern auch und vor allem über alle Massen zufrieden sind. Immer wieder wird das Frühstücksbuffet hervorgehoben und gelobt, und an einer Stelle heisst es gar «Weltrekord zum Thema Gastfreundschaft». 

 
 
 

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