der arbeitsmarkt | 12/2009 | Text: Miriam Bollhalter

Jörg Abderhalden

Mein Tag als Unternehmer und Schwingerkönig

Mein Tag beginnt stets mit meiner Familie. Auch wenn in der Regel noch alle schlafen, wenn ich in der Früh ins Geschäft losfahre, so bin ich bei meiner Frau und unseren drei kleinen Kindern - zumindest in meinen Gedanken. 

Nach einer zehnminütigen Autofahrt beginnt mein Arbeitstag gegen halb sieben in der AAK Holzmanufaktur AG im toggenburgischen Ulisbach. Ungefähr zehn Jahre habe ich im Vollzeitpensum als Schreiner gearbeitet. Vor kurzem - nach meinem dreissigsten Geburtstag - konnte ich meine Weiterbildung mit einer Meisterprüfung abschliessen. Seither übernehme ich in der Firma, an der ich zu einem Drittel beteiligt bin, noch weitere Aufgaben im kaufmännischen Bereich. Obwohl ich eigentlich nicht mehr in der Werkstatt tätig bin, fühle ich genügend Berührungspunkte mit dem Handwerk, schliesslich berate ich unsere Kunden vor Ort auf Baustellen, in Betrieben oder bei uns im Büro. 

Ich bin hauptsächlich für die Gewinnung von Neukunden zuständig. Der Verkauf ist eine harte Arbeit und erfordert viel Fleiss, auch wenn ich im ersten Telefonkontakt von einem gewissen Bonus profitiere. Es kommt vor, dass meine Ansprechpartner, gleich nachdem ich mich vorgestellt habe, wissen, dass es sich um den Schwinger Abderhalden handelt. Dadurch ist relativ schnell eine erste Brücke geschlagen. Doch dann muss auch ich mit der Qualität unserer Produkte überzeugen. Da geben wir uns gleich viel Mühe wie jede andere Unternehmung. Unsere potenziellen Kunden sind alle Bauherren. 

Es ist auch schon vorgekommen, dass ich von einem ehemaligen Sportgegner einen Auftrag bekam - eine besondere Form der Anerkennung. Im Allgemeinen sind Schwinger untereinander sehr kollegial. 

Auf der anderen Seite sind wir gegen die unangenehmen Seiten unseres Jobs nicht gefeit: Auch wir müssen Verhandlungen wegen der Preise und eventueller Reklamationen führen, was ich nicht besonders mag. Schliesslich muss ich drei- bis viermal vorbeigehen, bis ich etwas verkauft habe. Und die Wirtschaftskrise macht auch vor einem Schwingerkönig keinen Halt - leider haben wir einen grösseren Auftrag eines Londoner Architekturbüros nicht erhalten, obwohl wir ganz gut im Rennen lagen. Telefonieren, Baumasse nehmen, Muster zeigen, Farbberatung, Offerten schreiben, Verkauf, Kundenkontakt, Abrechnungen und Arbeit am PC - der Arbeitsvormittag ist vorwiegend mit Büroarbeit gefüllt, vor allem das Erledigen der E-Mails nimmt viel Zeit in Anspruch. 

Mittags fahre ich heim in unser neues Einfamilienhaus an der «Königsstrasse», die ihren Namen erhielt, nachdem ich Schweizer des Jahres 2007 wurde. Endlich erlebe ich alle munter und meistens sehr verspielt. Die Pause darf ich sehr ausgedehnt geniessen und empfinde es als Privileg, dass ich meine Familie auch am Tag erleben darf. Sie ist für mich eine wichtige Erholungsquelle, und wenn meine Kinder auch noch ihren Vater tagsüber erleben können, so ist für mich die Welt in Ordnung. 

Die Mittagspause ist dennoch schnell um. Sie ist für mich nicht nur die Mitte des Tages, sondern markiert auch den Übergang in mein zweites Geschäft. So kann ich mit gutem Gewissen alle Tätigkeiten bezeichnen, die im Zusammenhang mit meiner Sportkarriere stehen. Das Unternehmen «Jörg Abderhalden», juristisch eine Einzelfirma, ist in Wirklichkeit eine Teamarbeit, wie es jeder Leistungssport heute erfordert. Ein Konditionstrainer und zwei Freunde haben Teil an meinem Erfolg, vor allem aber verdanke ich sehr viel meiner Frau. Sie erledigt auch die Fanpost und die vielen Mails. Ohne sie wäre das Ganze gar nicht denkbar. Obwohl ich den ersten Titel als Schwingerkönig bereits 1998 erkämpft hatte, dauerte es bis 2006, bis ich mein Arbeitspensum als Schreiner ohne finanzielle Einbussen reduzieren konnte. Heute bildet das Sponsoring einen Teil unseres Familieneinkommens. 

Mein Trainingspensum beträgt zurzeit sieben bis acht Einheiten pro Woche, die ich über die Werktage relativ gleichmässig verteilen kann, plus eine Einheit am Samstagmorgen. Ich beginne jeweils gegen 14 Uhr mit dem, was ich am wenigsten mag: mit einer Runde Muskeltraining. Ich habe mir in unserem Haus einen Kraftraum eingerichtet, sodass ich für die Familie erreichbar bin. Darin investiere ich ungefähr zwei Stunden, dann folgen ganz unterschiedliche Tätigkeiten, die ein Sportler wahrnehmen muss: Verpflichtungen den Sponsoren gegenüber - Drehen der Werbespots, Referate halten, Autogrammstunden. Das sind alles Dinge, die zum Bekanntsein gehören, zum Glück mache ich das alles sehr gerne. In den letzten zwei Monaten kam noch Physiotherapie wegen einer Knieverletzung dazu. 

Am früheren Abend bin ich jeweils froh, wenn es mir gelingt, zusammen mit meiner Frau die Kinder ins Bett zu bringen. Um 20 Uhr geht es weiter mit dem Training: Ausdauer, Beweglichkeit und Technik stehen auf dem Plan und sind zurzeit Teil der Vorbereitungen auf die Titelverteidigung am Eidgenössischen Schwingfest 2010 in Frauenfeld. Dazu bin ich als Trainer der Aktiven des Schwingclubs Wattwil tätig - ich habe sehr viel vom Sport profitiert und möchte etwas zurückgeben.

Manchmal staune ich selbst, wie wir alles unter einen Hut bringen, aber es ist dank Teamarbeit möglich. Früher bin ich als Hobby noch Töff gefahren - das habe ich aus Verantwortung der Familie gegenüber so gut wie aufgegeben. Stattdessen schnitze ich heute an einem Holzpferd für mein Göttichind zu Weihnachten. 

 
 
 

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