der arbeitsmarkt | 19.01.2010 | Text: Anita Schuler

Arme reiche Schweiz

as. Am Forum 2010 der Caritas Schweiz diskutierten Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie eine Betroffene, wie Armut entsteht und welche Strategien zur Armutsbekämpfung erfolgreich sind.

Arme reiche Schweiz
Jeder 10. Schweizer lebt unter dem Existenzminimum. Foto: Simone Gloor
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Caritas-Kampagne gegen Armut

Von den Dielen hängen schwere Kronleuchter, die Wände sind üppig mit Stuckatur und Blattgold verziert, die grossen Sessel weich gepolstert. Ausgerechnet im Casino Bern findet das Forum der Caritas zum Thema Armut in der Schweiz statt. Gibt es denn Arme in der reichen Schweiz? Ist es Schicksal oder Selbstverschulden, das zur Armut führt? Wo sind sie, die 700 000 bis 900 000 Betroffenen? Ein Versuch, sie an der Caritas-Tagung sichtbar zu machen, sind die zwischen den Referaten eingestreuten Einzelschicksale, die ab Lautsprecher zu hören sind. An der Leinwand ist zum Beispiel die Schrift «Frau B., 49» zu lesen, während ein weisses Tuch den Schatten einer Person andeutet. Den Tagungsteilnehmern wird so bildlich gemacht, dass Armut jeden treffen kann.

Warum es Arme in der Schweiz gibt

Arm ist, wer in einem Haushalt lebt, dessen Einkommen unter der Armutsgrenze liegt. Caritas Schweiz schätzt, dass hierzulande zwischen 700 000 bis 900 000 Menschen arm sind, weil ihnen der Monatslohn, die Vermögenserträge, Renten, Stipendien, Alimente oder Bevorschussung nicht genügen, um die lebensnotwendigen Kosten für den persönlichen Grundbedarf sowie Miete und Krankenkasse zu decken. Personen, die in einem solchen Haushalt leben, «kommen nicht mehr aus eigener Kraft aus dieser Situation heraus und sind auf die Sozialhilfe angewiesen», sagt Carlo Knöpfel, Leiter des Bereichs Inland und Caritas-Netz. «Es ist ein Teufelskreis ohne Ende», gibt er zu bedenken.

Besonders armutsgefährdet sind Personen, die Schwierigkeiten bei der Arbeit haben, deren Gesundheit angeschlagen ist und die lediglich über knappe finanzielle Mittel verfügen. Einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt, sind Menschen mit niedriger oder gar keiner Ausbildung, Familien mit mehr als zwei Kindern, Geschiedene, Langzeit-Arbeitslose und Kranke.

Wer arbeitet, lebt gesünder

«Nichts macht so krank, wie keine Arbeit zu haben», mahnt Ilona Kickbusch, Professorin am Graduate Institute of International and Development Studies, Genf. Bereits die psychische Bedrohung, arm zu werden, belaste eine Familie. Und das sei der Anfang der Armutsspirale: aus der Angst wird Krankheit, darauf folgt der Verlust der Arbeit, das Einkommen fehlt und somit fällt auch die soziale Integration weg - und der Boden unter den Füssen geht gänzlich verloren. Darum sei Armutspolitik unter anderem auch Gesundheitspolitik.

Armutspolitik ist auch Genderpolitik, sagt Annemarie Sancar, Genderbeauftragte der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Denn eine der Armutsfallen sei die geschlechtliche Hierarchie und die Rolle der Frau in der Familie. Es sei hauptsächlich die Frau, welche die (unbezahlte) Sorge- und Pflegearbeit innerhalb einer Familie erledige - unter enormen Druck und zulasten der psychischen Stabilität. Zeitknappheit sei eine weitere Falle: Wer viel Zeit für intensive, personenbezogene Arbeiten wie die Zubereitung gesunder Nahrung sowie Zuwendung oder Bildungsunterstützung für die Kinder aufwenden müsse, habe weniger Möglichkeiten, ausserhäusliche und somit bezahlte Arbeit anzunehmen. Deswegen könne «Armut nur bekämpft werden, wenn Geschlechtergleichheit besteht», ist Annemarie Sancar überzeugt.

Armut verhindern und bekämpfen

Wer weiss, wie Armut entsteht, kann etwas dagegen tun. Obwohl: «Beste Armutsbekämpfung ist, wenn sie gar nicht entsteht», sagt Ludwig Gärtner, Vizedirektor des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV). Seine Vorschläge zur Prävention gegen Mittellosigkeit setzen bei der Bildung an: Frühförderung und Qualifizierung der Jugendlichen mittels Ausbildung und Begleitung der Lehrabgänger. Sinnvoll seien zudem Massnahmen zur Unterstützung von Familien wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible Arbeitszeiten, familienergänzende Kinderbetreuung und finanzielle Leistungen.

Arbeit ist der wichtigste Faktor in der Bekämpfung der Armut, argumentiert Christoph Dunand, Sozialunternehmer. «Man muss arbeiten, um existieren zu können.» Institutionen, die Erwerbslosen eine echte Arbeit anbieten und reelle Produkte an wirkliche Kunden verkaufen, weisen eine hohe Wiedereingliederungsrate der Teilnehmer in den primären Arbeitsmarkt auf. Diesen Integrationsfirmen sind jedoch Grenzen gesetzt, denn für Behinderte und IV-Bezüger könnten nicht dieselben arbeitsmarktlichen Massstäbe gelten wie für Arbeitslose. Dennoch: «Jeder kann arbeiten, wenn man den Platz dem Potenzial der Person anpasst.»

Dekade der Armutsbekämpfung

Auch politisch seien Änderungen notwendig, um die Armut in der Schweiz bis 2020 zu halbieren, meint Fulvio Caccia, Präsident Caritas Schweiz. «Es ist ein nationales Rahmengesetz notwendig.» Er bemängelt, dass «der Flickenteppich der Sozialämter und das föderalistische Mosaik» es schwierig mache, Armut zu bekämpfen. Das sieht Ludwig Gärtner, Vizedirektor des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) anders: «Politisch bestehen keine offensichtlichen Lücken oder Mängel.» Seiner Meinung nach wäre nicht die Schaffung eines nationalen Rahmengesetzes notwendig, sondern eine bessere Zusammenarbeit von Bund, Kantonen, Gemeinden und den Hilfswerken.

Die Betroffene Avji Sirmoglu, die an der Podiumsdiskussion teilnahm, setzt sich vehement für die Schaffung eines nationalen Rahmengesetzes ein, «um nicht weiter der Willkür meines Betreuers der Sozialhilfe ausgeliefert zu sein.» Die Leiterin des Internetcafé «Planet 13» - ein Selbsthilfeprojekt für Armutsbetroffene - hat am eigenen Leib erlebt, wovon die Referenten lediglich aus Studien zu berichten wissen. Darauf stöhnte die in der Podiumsrunde anwesende Ständerätin Anita Fetz: «Das dauert mindestens fünfzehn Jahre, bis ein solches Gesetz lanciert ist.» Trotzdem kündigt sie an, sie wolle im Parlament das Referendum gegen die Reduzierung der Leistungen für Arbeitslose durchsetzen. Denn: «Es kann heute jeden treffen. Armut passiert durch Sachen, die man nicht beeinflussen kann.»

 
 
 

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