der arbeitsmarkt | 02/2010 | Text: Hans Rechsteiner
Seit acht Monaten arbeiten die arbeitsmarktlichen Behörden mit dem neuen elektronischen Informationssystem für die Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarktstatistik (AVAM). Es soll die regionalen Arbeitsvermittlungsstellen in ihrer Vollzugsarbeit unterstützen. Die Reaktionen der Anwendenden auf einen Artikel im «arbeitsmarkt» waren unverhohlen negativ. Florian Imstepf vom SECO nimmt dezidiert Stellung.
Herr Imstepf, bei den Recherchen zum neuen AVAM sind wir auf grosse Zurückhaltung gestossen. Nur wenige RAV-Beratende fanden den Mut, offen zu reden. Auch einige Leserzuschriften verlangen Diskretion. Woher kommt das?
Florian Imstepf: Wir vom SECO haben niemandem einen Maulkorb verpasst. Im Gegenteil. Jede Kritik am System ist uns willkommen - am liebsten aber direkt, nicht über die Medien.
Wird die Kritik der Anwender auch gehört?
Wir sind nahe am Puls der AVAM-Benutzer. Über unsere Hotline haben wir eine sehr hohe Zahl an Anliegen und Wünschen bekommen. Das neue AVAM wurde von Beginn weg in enger Zusammenarbeit mit Vertretern der Kantone spezifiziert, realisiert und getestet. Die Reaktionen geben uns nicht das Gefühl, das Ziel, nämlich ein taugliches IT-System einzuführen, verfehlt zu haben.
Sind Korrekturen schwierig zu realisieren?
Es kann nur ein einziges AVAM für die ganze Schweiz geben. Separatwünsche einzelner Benutzer oder Kantone können nicht einfach so umgesetzt werden. Vielmehr sind Änderungswünsche bezüglich Machbarkeit und Priorität zu prüfen. Die AVAM-Benutzer sind gehalten, ihre Anliegen zuerst ihrem Anwendungsverantwortlichen im Kanton zu unterbreiten. Dieser geht zum User Change Board (UCB). Entschieden wird im Informatiklenkungsausschuss. In allen Gremien sind die Kantone gut vertreten. In einem IT-System muss Ordnung herrschen.
Martin Uebelhart, kürzlich pensionierter RAV-Berater aus dem Kanton Zürich, sagt, das neue Computerprogramm sei ein Controllinginstrument. Man wolle dem einzelnen Berater auf die Tastatur schauen und so seine Leistung messen. Hat er recht?
Ganz klar: nein. Jedenfalls ist es nicht als solches konzipiert worden. Vielmehr stand am Anfang der Projektbearbeitung eine sehr intensive Analysephase der AVIG-Vollzugsprozesse. Im Übrigen misst das SECO bei der Steuerung der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren, der Logistik arbeitsmarktlicher Massnahmen (LAM) und der kantonalen Amtsstellen bewusst nicht normierte Leistungen. Seit dem Jahr 2000 steuern wir ausschliesslich über vereinbarte Wirkungsziele, und zwar nicht übers AVAM, sondern mit Hilfe der Bezügerdaten der Arbeitslosenkassen. Das SECO interessiert die Wirkung auf Ebene der Kantone und keinesfalls jene des einzelnen RAV-Personalberaters. Die Führung von RAV und LAM ist allerdings Sache der Kantone. Inwieweit diese Leistungsdaten aus dem AVAM verwenden, entscheidet jeder Kanton selber.
Als gröbste direkte Mängel des neuen IT-Systems nannten die Anwendenden den Kontrast der Bildschirmoberfläche, die Farbe und das zu kleine Schriftbild. Augenschmerzen und Kopfweh seien die Folgen. Haben Sie da schon etwas korrigiert?
Mir tut es leid, wenn Benutzer das Handling als negativ empfinden. Die Gestaltung der grafischen Oberfläche des neuen AVAM wurde von einem externen Ergonomen begleitet. Bildschirmgestaltung und Farbgebung waren dabei besondere Aspekte, die zusammen mit den am Projekt beteiligten Kantonsvertretern studiert wurden. Wir nehmen die Anliegen sehr ernst. Wenn jetzt trotzdem Probleme auftreten, wäre jedoch auch die Qualität der Hard- und Softwareinstallation am Arbeitsplatz der betreffenden Benutzer zu prüfen.
Heisst das, dass jeder Arbeitsplatz individuell angepasst werden muss?
Es könnte durchaus sein, dass der PC oder die peripheren Geräte schon älter oder falsch eingestellt sind oder dass der Mitarbeiter ein Augenproblem hat. Selbstverständlich sind wir an einer Lösung der Probleme sehr interessiert. Am besten funktionieren Korrekturen direkt an der Basis.
Fehlte es an der Schulung der Anwender, die in eine ohnehin arbeitsintensive Zeit fiel? Oder liegt ein Abwehrreflex gegen alles Neue vor? Das würde heissen, die RAV-Beratenden seien begriffsstutzig.
Nein, Begriffsstutzigkeit würde ich ausschliessen. Unserer Ansicht nach war der verfügbare Zeitraum für die Schulung ausreichend. Ab Februar 2009 stand eine Schulungsumgebung bereit, die eine Ausbildung der AVAM-Benutzer ermöglichte. Sie steht online jederzeit zur Verfügung. Doch die elektronische Dossierführung mit dem neuen Dokumenten-Management-System (DMS) erfordert ein verändertes Arbeiten. Das ist neu und braucht Zeit. Die Projektleitung rechnete in ihrer Wirtschaftlichkeitsrechnung mit einer Dauer von zwei Jahren, bis man den Nutzen dieser IT-Unterstützung einfahren kann.
Sie anerkennen also, dass der Zeitpunkt der Einführung nicht gerade ideal war?
Wir hätten uns auch eine günstigere Zeit gewünscht. Angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise begann sich der Arbeitsmarkt in der Schweiz ab Herbst 2008 zu verschlechtern. Die steigende Arbeitslosigkeit führte in den RAV zu entsprechend grosser Mehrarbeit. Die Kantone mussten neues Personal rekrutieren und ausbilden. Den geeigneten Zeitpunkt gibt es wahrscheinlich nie. Ein weiteres Zuwarten wäre keine gute Alternative gewesen. Denn es muss damit gerechnet werden, dass die Arbeitslosigkeit in unserem Land und damit die Arbeitslast in den RAV eher noch steigen könnte.
Das AVAM'93 war effektiv besser, wird gerühmt. Ist das neue System wirklich benutzerfreundlicher?
Alle verfolgten und verfolgen ein Ziel: Die IT-Unterstützung des AVAM soll die Effizienz des Aufgabenvollzuges unterstützen und nicht hemmen. Das AVAM'93 wurde mit der IT-Technologie der 80er-Jahre entwickelt. Es war ein sogenanntes «Expertensystem» mit zeichenorientierter Benutzeroberfläche. Während der Voranalyse zum neuen AVAM wurden alle Kantone befragt, ob diese Technologie weitergeführt werden soll. Das Verdikt war eindeutig: «Das AVAM'93 ist nicht mehr zeitgemäss und muss von Grund auf neu gestaltet werden.» Wollte man das AVAM'93 dem neuen System gleichstellen, würde man Äpfel mit Birnen vergleichen.
Es wurde moniert, ein Drittel der Arbeitszeit gehe am Computer verloren und fehle für die Hauptaufgabe, die Beratung der Stellensuchenden.
Gute 80 Prozent der Benutzenden beurteilen das neue System mit der grafischen Benutzerschnittstelle als zeitgemässes Instrument. Allerdings sagen uns dieselben Kantonsvertreter auch, dass die am Computer verbrachte Zeit im Vergleich zum AVAM'93 noch grösser ist. Dies bedeutet: Das neue System muss auf Optimierungsmöglichkeiten hin überprüft werden. Dieser Prozess via UCB läuft. Aber auch der einzelne Benutzer hat die Aufgabe, das System in seinem Arbeitsalltag besser in den Griff zu bekommen. Das neue AVAM wurde prozessorientiert gebaut. Deshalb muss in den Kantonen überprüft werden, ob der dem neuen System unterlegte Standardprozess mit dem Vollzugsalltag «kompatibel» ist. Die Funktionalität des neuen AVAM wurde einiges komplexer, und mit der elektronischen Dossierführung im DMS ist eine völlig neue Dimension dazugekommen. Auch eine Office-Integration kannte das AVAM'93 nicht.
Das AVAM stiehlt den Beratenden also nicht die Arbeitszeit?
Ich kann als AVAM-Benutzer direkt oder auf Umwegen zum Ziel kommen. Insofern sind auch die Vermittlungsprozesse, das sogenannte «Matching», im UCB ein Thema. Wir sind noch nicht am Ende. Wenn man ein System von Grund auf neu konzipiert, also nicht ab Stange kauft, und alle wären sofort zufrieden - das gibt es nicht. Grundsätzlich soll aber das AVAM den Leuten nicht die Zeit stehlen, sondern sie in ihrer Hauptaufgabe, der Beratung und Stellenvermittlung, unterstützen.
Haben Sie seit der Einführung des neuen Programms auch positive Reaktionen erhalten?
Ja, sicher. Vorausgesetzt, der zentrale technische Betrieb des AVAM funktioniert einwandfrei, erhalten wir immer wieder sowohl von Benutzern selber als auch von den Chefs der kantonalen Amtsstellen positive Rückmeldungen. Die technische Verfügbarkeit ist denn auch unsere Hauptsorge. Insbesondere wird bestätigt, dass es gelungen ist, ein zeitgemässes IT-Instrument zur Verfügung zu stellen. Aber es gibt noch Mängel.
Wie geht es aus Ihrer Sicht weiter?
Das AVAM muss primär als stabiles, zuverlässiges und leistungsfähiges System betrieben werden. Der Benutzer soll sich nicht mit IT-Fragen herumschlagen. Es gilt, Kinderkrankheiten, wie sie meines Wissens jedes neu produzierte IT-System eine Zeit lang aufweist, möglichst rasch zu beheben. Hier haben wir zusammen mit den AVAM-Benutzern in den Kantonen noch eine grosse und dringliche Arbeit vor uns. Den Informationsfluss innerhalb des Systems finden wir hingegen ausreichend. Jeder Benutzer erhält alle Informationen direkt. Via Hotline holt er sich Hilfe. Online steht ihm das Benutzerhandbuch zur Verfügung. Alle Mitteilungen gehen auch ins Intranet (TCNet). Dort führen wir sogar eine Liste der Wünsche, eine Fehlerliste, und wir berichten über den Stand der Korrekturen.
Wird sich das allgemeine Umfeld im Arbeitslosenbereich zum Besseren verändern? Als Walliser müssten Sie doch eher ein Optimist sein.
Ob sich das Umfeld im Arbeitslosenbereich zum Besseren verändern wird, fragen Sie besser die Prognostiker. Zum Glück hat die Schweiz im internationalen Vergleich eine tiefe Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaft ist für einen Aufschwung gut aufgestellt. So gesehen, darf man durchaus zuversichtlich in die Zukunft blicken. Als Bergler weiss ich: Nach jedem Abstieg folgt ein Aufstieg zu neuen Höhen!