der arbeitsmarkt | 02/2010 | Text: Andrea Duttwiler

Die neue Elite kommt aus dem Ausland

Seit die Personenfreizügigkeit mit der EU und der EFTA in Kraft ist, strömen zu Tausenden ausländische Arbeitskräfte in die Schweiz. Das erzeugt neben Wirtschaftswachstum und Wohlstand auch Probleme.

Das Volk sagt Ja zur Minarettinitiative, die SVP fordert die Kündigung der Personenfreizügigkeit und will eine Ausschaffungsinitiative lancieren - im Herbst 2009 dominierte das Thema Ausländer die Schlagzeilen. Die rekordhohe Zuwanderung und die hartnäckige Wirtschaftskrise bilden eine konfliktreiche Konstellation - zumindest auf den ersten Blick. Deshalb lohnt sich ein zweiter Blick, um die reale Situation hinter den Schlagzeilen zu beleuchten.
2008 wanderten so viele Menschen in die Schweiz ein wie nie zuvor in einem Jahr: 99 000. So wuchs die Bevölkerung um 1,4 Prozent auf 7,7 Millionen Personen. Für 2009 ist der Trend zwar rückläufig, doch erreicht die Wanderungsbilanz mit hochgerechnet 74 000 wiederum einen hohen Wert. Möglich machts die Personenfreizügigkeit, genauer die Aufhebung der Ausländerkontingente per 1. Juni 2007. Nicht nur die Zahl der Migranten hat sich spürbar erhöht, bei ihrer Herkunft, Bildung und Motivation ist ebenfalls ein deutlicher Wandel zu beobachten.
Als die Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg boomte, holten Unternehmen gezielt günstige Arbeitskräfte aus dem europäischen Mittelmeerraum ins Land. Sie sollten als Konjunkturpuffer helfen, den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten, und dann wieder nach Hause zurückkehren. Eine Integration war nicht vorgesehen. Anfang der 60er-Jahre liess der Wirtschaftsboom nach, worauf der Bundesrat die Einwanderung von ausländischen Arbeitskräften mittels Kontingenten erstmals beschränkte. In den folgenden 40 Jahren dienten die Migranten weiterhin als Konjunkturpuffer. Zugleich nahm die Schweiz gemäss ihrer humanitären Tradition immer wieder Tausende von Flüchtlingen auf. Dadurch stieg der Anteil der ausländischen Bevölkerung zwischen 1941 und 2001 von 5,2 auf 19,7 Prozent.

Neue gesetzliche Regelung zeigt Wirkung

Die Personenfreizügigkeit mit den EU-Mitgliedstaaten und mit den EFTA-Staaten, die seit 1. Juni 2002 in Kraft ist, setzte einen Strukturwandel in Gang, der sich seit dem Wegfall der Ausländerkontingente am 1. Juni 2007 noch akzentuiert hat. Eine deutliche Veränderung ist bei der Herkunft der Migranten zu erkennen. Seit 2002 sorgen die Deutschen für den stärksten Zustrom an Einwanderern. Sie bilden inzwischen die zweitgrösste ausländische Bevölkerungsgruppe in der Schweiz. Am stärksten vertreten sind nach wie vor die Italiener, obwohl sich ihre Zahl etwas verringert hat. Die Portugiesen konnten ihren dritten Rang dank einem Zuwachs von 40 Prozent verteidigen. Etwas abgeebbt ist indes der Zustrom spanischer und türkischer Einwanderer. Insgesamt stammen die Migranten zu etwa 70 Prozent aus der Europäischen Union, primär aus Regionen, die der Schweiz kulturell und sprachlich nahestehen. Die Einwanderungshürden für Personen aus Drittstaaten wurden dagegen erhöht.
Mit den veränderten Herkunftsgebieten geht ein höherer Bildungsstand der Migranten einher. Von den neuen Zuwanderern besitzen knapp 60 Prozent einen Hochschulabschluss. Das sind doppelt so viele wie unter den Schweizern selbst. Es findet also eine so genannte Überschichtung statt. Der «Brain Gain» macht die Schweiz als Standort attraktiv, was wiederum neue Hochqualifizierte anzieht. Die Unternehmen werben sie gezielt an, um ihre Spitzenpositionen mit international erfahrenen Spezialisten zu besetzen. Diese bilden die neue Elite, die in der Regel aber unter sich bleibt und keinen Integrationsdruck zu spüren bekommt.

Die Schweiz profitiert von der Überschichtung

Die Migrationsmotive haben sich ebenfalls gewandelt. 2008/09 reisten 41 Prozent der Einwanderer als Erwerbstätige in die Schweiz ein. 1998 waren es erst 20 Prozent, während der Grossteil auf den Familiennachzug entfiel. Der höhere Wert ist dem Strukturwandel im hiesigen Arbeitsmarkt zu verdanken - hin zu qualifizierten Tätigkeiten mit hoher Wertschöpfung. Einfachere Arbeiten werden heute mit dem Etikett Globalisierung versehen gerne ins Ausland verlagert. Der Aufschwung der letzten Jahre ist nicht zuletzt der Öffnung der Märkte und der Zuwanderung zu verdanken.
Da die Schweiz mit der neuen Zuwanderung hauptsächlich Know-how importiert, schafft sie aus volkswirtschaftlicher Sicht Wohlstand. Entgegen allgemeinen Befürchtungen verdrängen die Zuwanderer die Schweizer gesamthaft betrachtet nicht aus dem Arbeitsmarkt. Das zeigt die Arbeitslosenquote. Sie stieg bei den Schweizern von 1,1 Prozent im Oktober 2008 auf 2,9 Prozent im Oktober 2009. Bei den Ausländern erhöhte sich der Wert im gleichen Zeitraum von 2,7 auf 7,6 Prozent. Der Grund liegt auf der Hand: Ein Grossteil der Migranten ist in Branchen wie dem Gastgewerbe, dem Baugewerbe oder der Industrie tätig, die von der Krise besonders betroffen sind. Eine gewisse Verdrängung von Schweizern durch ausländische Arbeitnehmer findet allenfalls beim Mittelstand statt. Hochqualifizierte Migranten besetzen oft Spitzenpositionen, die Schweizer nicht ausfüllen können, und niedrigqualifizierte verrichten Tätigkeiten, die Schweizer nicht übernehmen wollen. Unbegründet sind auch die Ängste vor Lohndumping, wie die Lohnstrukturerhebung 2008 des Bundesamts für Statistik zeigt. Gemäss dieser Erhebung hat die Nachfrage nach hochqualifizierten ausländischen Arbeitskräften die Löhne für Stellen mit höchstem Anforderungsniveau gar nach oben getrieben. In dieser Kategorie verdienen Schweizer Arbeitnehmer zwar etwas weniger als ihre ausländischen Konkurrenten. Bei Stellen mit niedrigem Anforderungsniveau hingegen sind normalerweise Schweizer besser bezahlt. Insgesamt leisten Ausländer heute 27 Prozent aller Arbeitsstunden. Gemäss dem Basler Ökonomieprofessor George Sheldon waren zwischen 1995 und 2000 die zugewanderten Hochqualifizierten für fast die gesamte Produktivitätssteigerung der Schweizer Wirtschaft verantwortlich. Durch den «Brain Gain» der letzten Jahre dürfte sich der Produktivitätseffekt noch verstärkt haben.

Migranten sind mehr als Konjunkturpuffer

Obwohl die aktuelle Wirtschaftskrise ausländische Arbeitnehmer härter trifft als Schweizer Erwerbstätige, kehren weniger als erwartet in ihre Heimat zurück. Im Jahr 2008 entfielen auf 1000 Einwanderungen 361 Rückwanderungen. Durch die Personenfreizügigkeit sind ihre Bleibe- und Unterstützungsrechte geregelt. Sie werden nicht mehr als Konjunkturpuffer behandelt. Wegen des anhaltenden Zustroms von Migranten sahen sich Bundesrätin Micheline Calmy-Rey und der Leiter der Sektion Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), Serge Gaillard, im November 2009 veranlasst, an Schweizer Unternehmen zu appellieren, wieder vermehrt Arbeitnehmer im Inland zu rekrutieren. Die hochqualifizierte Elite soll auch hier eine Sonderstellung geniessen: Ausländern mit einem Schweizer Hochschulabschluss will die Staatspolitische Kommission des Nationalrats den Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt gar erleichtern, um Forderungen aus der Wissenschaft nachzukommen.
Wie bei der Migration zeichnen sich bei der Integration neue Muster ab. Sie wird zwar reihum gefordert, doch geht es auch ohne. Wird gegenüber früheren Zuwanderern oft der Vorwurf laut, sie bemühten sich zu wenig um Integration, scheint es akzeptabel, dass die ausländische Wirtschaftselite unter sich bleibt. Sie schliesst sich zu eigenen Communities zusammen und schickt ihren Nachwuchs in internationale Schulen. Von ihnen wird nicht erwartet, dass sie Deutsch lernen. Mehr noch, es gilt als chic, sich auf Englisch zu verständigen. Wer nicht zur Elite gehört und unter das Ausländergesetz fällt, kann dagegen gar per Gesetz zu Deutschkursen verdonnert werden. Denn die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Trotzdem sind beispielsweise Italiener, die seit dreissig Jahren in der Schweiz leben und kaum Deutsch sprechen, besser integriert als etwa hier geborene Muslime. Das bedeutet, dass noch andere Kriterien über die Integration entscheiden.
Ein zentraler Aspekt neben der Sprache ist die soziale Stellung - je höher, desto kleiner die Integrationsprobleme. Ausgeklammert von diesem Grundsatz ist wiederum die Elite, die in ihrer Parallelwelt verbleibt und sich nicht im klassischen Sinn integriert. Prinzipiell gilt: Gut situierte Ausländer verdienen ihr eigenes Geld, verfügen über genügend Wohnraum, belasten die Sozial­werke nicht und verursachen daher kaum Probleme. Sie können aber von der Schweizer Mittelschicht als Bedrohung empfunden werden. Ein zuverlässiges Mass für die Integration einer Ausländergruppe sind binationale Ehen. Mischen sich Ausländer mit Einheimischen, ist die Zeit des ängstlichen Distanzhaltens offensichtlich vorbei. Hoch im Kurs bei Schweizerinnen und Schweizern stehen Partner aus Italien, Deutschland, Brasilien, Serbien, Thailand und Frankreich. Symbolisch bedeutsam ist die politische Integration. Durch sie bewegt sich ein Mensch unter seinesgleichen und kann alle Möglichkeiten der Gesellschaft zu seinem Wohlergehen nutzen. Der Weg dahin führt aber fast immer über Konflikte, wie die Geschichte zeigt.

Der Verdauungsprozess ist im Gang

Den Spannungen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Integration zum Trotz nimmt die Skepsis gegenüber Ausländern ab. Dies besagt eine Studie der Umweltorganisation Ecopop. Obwohl der Ausländeranteil von 1998 bis 2009 von 19 auf 22 Prozent gestiegen ist, erachteten ihn im November 2009 nur noch 46 Prozent der Bevölkerung als zu hoch. Vor elf Jahren waren es noch über 50 Prozent. Der Meinungsumschwung lässt sich unter anderem damit erklären, dass die multikulturelle Gesellschaft für viele Menschen zur Selbstverständlichkeit geworden ist und dass die Migranten einen höheren Bildungsstand aufweisen.
Der Paradigmenwechsel in der Migrationspolitik - striktere Ausländer- und Asylgesetze bei einer gleichzeitigen Liberalisierung der Zuwanderung aus den EU- und EFTA-Staaten - hat einen Strukturwandel bewirkt. Am Wirtschaftsstandort Schweiz sind Wissen und Ideen gefragt. Durch die Zuwanderung hat das Land eine Leistungsfähigkeit erreicht, wie sie mit dem einheimischen Humankapital allein nicht möglich gewesen wäre. Indem sie das Personenfreizügigkeitsabkommen unterzeichnete, hat die Schweiz zwar Möglichkeiten zur Steuerung der Migration aufgegeben. Doch orientiert sich die Zuwanderung heute viel direkter an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts. Davon profitiert letztlich die Bevölkerung als Ganzes.

 
 
 

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