der arbeitsmarkt | 09.02.2010 | Text: Sascha Tankerville

Schweizer Bildung im Fokus

st. In Bern wurde der erste Bildungsbericht vorgestellt. Er zeigt Unterschiede zwischen den Kantonen, den Geschlechtern und den sozialen Schichten auf. Handlungsanweisungen enthält er keine.

Schweizer Bildung im Fokus
Früher Schuleintritt bringt kaum Vorteile für die Bildungskarriere. Foto: Gabi Rosshoff
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Schweizer Bildungsbericht 2010

Ein Kilo schwer, über 300 Seiten lang: Das ist er, der erste nationale Bildungsbericht, der vergangene Woche in Bern vorgestellt wurde. Es ist die erste Gesamtschau über das Schweizerische Bildungssystem. Unter der Federführung von Professor Stefan C. Wolter hat die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) darin das aktuelle Wissen zur Schweiz und ihren Bildungsinstitutionen zusammengetragen. Auftraggeber waren der Bund und die Kantone. Diese sind laut Verfassung seit Mai 2006 dazu verpflichtet, gemeinsam für eine hohe Qualität und Durchlässigkeit des Bildungsraumes Schweiz zu sorgen: Bund und Kantone müssen im Bildungssektor ihre Massnahmen verstärkt koordinieren.

Um dieser Pflicht nachkommen zu können, mussten die Autoren erst eine enorme Menge von Daten zusammentragen. Der Bericht enthält Informationen aus Forschung, Statistik und Verwaltung. Dabei umfasst er Wissen über das ganze Bildungssystem, von der Vorschule über die diversen Schulstufen, bis hin zu den Hochschulen und zur Weiterbildung. Ziel des Bildungsberichtes ist es, Vorteile und Nachteile, Stärken und Schwächen des Schweizerischen Bildungswesens aufzuzeigen. Er ist eine Darstellung des Ist-Zustandes, enthält aber keine Handlungsanweisungen an Bund und Kantone: «Damit wir koherent handeln und gezielter, relevanter auf die Schweizerischen Bildungsgrundlagen eingehen können, müssen wir erst eine Vorstellung von den Verhältnissen haben», sagt Hans Ambühl, der Generalsekretär der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Er nahm den Bericht zum Bildungsmonitoring Schweiz zusammen mit Ursula Renold, der Direktorin des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT), entgegen.

Grosse Unterschiede zwischen den Kantonen

Im Bericht sind 200 bis 300 bildungspolitische Fragen behandelt. «An grossen Überraschungen fehlt es», sagt Stefan Wolter. Denn, wie Hans Ambühl feststellt, handelt es sich bei dem Bericht um eine «systematische Zusammenfassung von bestehendem Wissen». In dem Rapport zeichnen sich indes einige grundsätzliche Erkenntnisse ab.

So gibt die Schweiz im internationalen Vergleich sehr viel Geld für die Schulbildung aus, bietet aber auch eine vergleichsweise hohe Qualität an. Bei den Ausgaben bestehen derweil sehr grosse Unterschiede zwischen den Kantonen. Diese betragen bis zu 50 Prozent. «Ein grosser Teil davon erklärt sich durch die unterschiedliche Finanzkraft der Kantone», so Wolter. Reichere Kantone liessen sich die Bildung mehr kosten. Ob sie jedoch real mehr in die Bildung investieren, oder ob ihre Investitionen einfach teurer seien, könne er nicht abschliessend beurteilen.

Grosse Unterschiede bestehen beispielsweise bei den gymnasialen Maturitätsquoten oder in der durchschnittlichen jährlichen Unterrichtszeit auf der Vorschul- und Primarschulstufe. So variieren die Schulstunden pro Jahr zwischen rund 600 im Kanton Basel-Stadt und nahezu 1000 im Kanton Wallis. «Mehr Geld und mehr Stunden, diese Faktoren alleine reichen nicht aus, um ein besseres oder schlechteres Resultat zu erklären», stellt Wolter fest.

Thematisiert werden des weiteren die Leistungsunterschiede von Mädchen und Jungen in verschiedenen Fächern, sowie die Ungleichheit der Geschlechter, wenn es um die Unterstützung von Weiterbildung geht. So hält der Rapport fest, dass berufstätige Frauen ihre Weiterbildung überwiegend selbst bezahlen. Hingegen kommt nur ein Drittel der Männer dafür selbst auf. Die Autoren vermuten Diskriminierung und Verletzung der Chancengleichheit als Gründe hierfür.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Schuleintritt. So stellen die Autoren fest, dass ein früher Schuleintritt für die weitere schulische Laufbahn kaum Vorteile bringe. Anderseits können Kinder aus bildungsfernen Familien ihre Nachteile durch einen frühen Zugang zu vorschulischen Angeboten ausgleichen. Nicht neu, aber erstmals durch eine Erhebung bestätigt, ist folgende Erkenntnis: Kinder aus sozial gut gestellten Haushalten haben, im Vergleich zu Kindern aus sozial benachteiligten Umfeldern, immer noch viel grössere Chancen, ihre Bildungslaufbahn fortzusetzen.

Prioritäten und Handlungskatalog ausarbeiten

Handlungsanweisung gibt der Bericht keine ab. «Er soll in der kommenden Zeit in allen Bildungskreisen des Bundes und der Kantone diskutiert und ausgewertet werden», erläuterte Ursula Renold. Zu diesem Prozess gehört ein nationales Symposium, das Ende April abgehalten wird. Die Diskussion soll zeigen, welche Themen prioritär zu behandeln sind. «Die Konklusionen daraus werden bis nächstes Jahr gezogen.» Konkret: Die Vernehmlassung wird aufzeigen, in welche Richtung der Bildungsraum Schweiz weiterentwickelt werden soll. Der Bund wird diese Folgerungen dann in seine Botschaft über die Förderung von Bildung, Forschung und Innovation für die Jahre 2013 bis 2016 aufnehmen. Die Kantone nehmen sie in das Tätigkeitesprogramm ihrer Erziehungsdirektionen auf.

Künftig erscheint alle vier Jahre ein neuer Bildungsbericht. Dieser dient der periodischen Standortbestimmung, welche sowohl über das Erreichen der Ziele im Bildungswesen als auch über Wissenslücken Auskunft geben soll.

 
 
 

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