der arbeitsmarkt | 23.02.2010 | Text: Miriam Bollhalter
mb. Die Erschöpfung an der Arbeit. So definiert die Wissenschaft die Diagnose Burnout. Arbeitnehmer können und Arbeitgeber müssen den Zustand des Ausgebranntseins verhindern.
Zwar handelt es sich beim Burnout nicht um eine klar definierte Krankheit, sondern - aus der Sicht der Krankenkassen - nur um eine Zusatzdiagnose. Doch dieser Status des verbreiteten Phänomens hinderte die Organisatoren des Ende Januar durchgeführten Gesundheitssymposiums in St. Gallen nicht daran, den «Zustand der Erschöpfung an der Arbeit» zum Schwerpunktthema zu machen.
Was geläufig unter Burnout verstanden wird, ist ein Zustand des Ausgebranntseins. Dieser ergibt sich als Folge von Belastungen, welche die betreffende Person nicht mehr bewältigen kann, also vom so genannten Distress.
Die Wissenschaft grenzt hingegen den Begriff Burnout ein, sagte der Referent Torsten Berghändler, Chefarzt Psychosomatik an der Klinik Gais. Sie versteht darunter einen Prozess, der streng auf die Berufstätigkeit bezogen ist: die Erschöpfung an der Arbeit. Die Leistungsfähigkeit des Betroffenen ist stark reduziert, seine Person der Arbeit gegenüber entfremdet. Kraft- und Energiemangel wie auch Kopf- und Rückenschmerzen, häufig auch Schlafstörungen gehören zu den typischen Begleitern.
Wichtig ist die Erkenntnis, dass «der Leidende ausserhalb des Arbeitsbereichs möglicherweise symptomfrei ist», sagte Torsten Berghändler. Dadurch, dass sich ein Mensch in der Freizeit fröhlich geben und Freude haben kann, unterscheidet sich nämlich Burnout von Depression. Diese liegt erst dann vor, «wenn die Symptome die ganze Person und Zeit erfasst haben. Wenn sie auch das Wochenende dominieren.»
«Hausfrauen können kein Burnout haben.» Erst dieser Satz sorgte im Publikum, das sich in der Olma Halle versammelt hatte, für Unruhe: Vom Schmunzeln bis zum ablehnenden Kopfschütteln war jede Reaktion zu sehen. Auch der Chefarzt für Psychosomatik lächelte über seinen Satz, aber nur kurz. Frauen, die sich um ihre Familien kümmern und sich «ausgebrannt fühlen», leiden in der Regel an einer Depression, erklärte Berghändler ernst. Da eine Mutter und Hausfrau auch am Abend und am Wochenende überbelastet ist, falle sie nicht mehr unter die wissenschaftliche Definition des Burnout.
Der Zusammenhang zwischen Burnout und Depression sei trotzdem wichtig: «Es ist nicht dasselbe. Der Übergang zwischen den beiden ist indes fliessend. Gefährlicher ist die Depression, weil sie viel schwieriger zu behandeln ist», sagte Berghändler. Sie kann die Folge einer Überbelastung am Arbeitsplatz sein, die «nur die guten Mitarbeiter kriegen, denn die Faulen machen immer eine Pause, wenn sie es wollen.»
Grundsätzlich sollten sowohl die Prävention als auch die Therapie an zwei Seiten den Hebel ansetzen, sagt Berghändler. Einerseits wirken folgende Schutzfaktoren im Privatleben und in der Persönlichkeit gegen das Ausbrennen: angemessene Erwartungen an sich selber, keine Unersetzlichkeitsphantasien, Hilfe holen und annehmen können, Erfolg selber wahr- und annehmen. Es gibt ein Leben ausserhalb der Arbeit. Deshalb soziale Kontakte pflegen und sportlich aktiv sein. Mehrfachbelastungen erkennen und lösen.
Andererseits ist die Arbeitgeberseite gefordert. Denn der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht, die er oft nicht wahrnimmt und zur Überbelastung ausgerechnet der besten Mitarbeiter führt. Daher soll der Chef folgende Punkte stets im Auge behalten: angemessene Arbeitsmenge und Aufgaben, klare Verantwortungsbereiche, Erwartungen besprechen und Spannungen lösen, positive Rückmeldungen und Wertschätzung, wenig Konkurrenzdruck und Belastungen im Team transparent machen.
Ob Burnout zur Depression wird, wie und ob diese behandelt wird - vor allem muss der Einzelne sich selbst Sorge tragen und auf seinen Lebensstil achten. Denn eine allfällige «Psychotherapie ist nichts anderes als Leben lernen», sagte Berghändler zum Abschluss seines Vortrags.