der arbeitsmarkt | 03/2010 | Text: Andrea Duttwiler
In freier Wildbahn ist jeder auf sich allein gestellt
Die aktuelle Krise trifft vermehrt hochqualifizierte Arbeitnehmende. Bei der Stellensuche durchlaufen sie denselben Prozess wie alle anderen. Wie gut sind die RAV auf ihre Bedürfnisse eingestellt, und was hilft ihnen in der Praxis wirklich?
«SehrgeehrterHerrSchneiderSowieichmichindiesemSchreibenfürdieStelleals
ÜbersetzerininIhrerFirmabewerbe,soarbeiteichauch:schnell,lücken-undpausenlos.»
Diesen kreativen Ansatz für ein Motivationsschreiben schlägt Werbe- und Kommunikationsfachmann Marco Carisi* einer Übersetzerin vor. Die beiden lernen sich im März 2009 im Standort- und Begleitkurs «Navigation» für Stellensuchende kennen, bei dem aktives Mitwirken gefragt ist. Teilnehmer Carisi, der selbst auch schon Mitarbeitende eingestellt hat, weiss, worauf es ankommt: Als Erstes muss man auffallen!
Der sogenannte Stao-Kurs ist Pflicht für alle Erwerbslosen, die sich beim RAV anmelden. Das sind in der aktuellen Krise erstens viele und zweitens vermehrt hochqualifizierte. Deshalb werden auch Kurse speziell für Akademiker durchgeführt. Hier sollen die Teilnehmenden ihre Kompetenzen und Fähigkeiten analysieren, ihre Bewerbungsunterlagen überarbeiten, Strategien für ihren Marktauftritt entwickeln, Interviewsituationen trainieren und netzwerken, um möglichst bald wieder eine Stelle zu finden.
Stao-Kurs Nr. 346855, an dem Werber Carisi teilnahm, vereinte ein illustres Publikum aus Ingenieuren, Designern, Pädagogen, Naturwissenschaftern und Kommunikationsfachleuten. Dass sie sich als Stellensuchende in diesem Kurs wiederfanden, hatte vielfältige Gründe: Opfer von Sparmassnahmen oder Konkurs des Arbeitgebers, Abschluss des Studiums, Ablauf eines befristeten Arbeitsvertrags oder auch Kündigung von eigener Seite.
Von den anfänglich 13 Teilnehmenden beendeten vier den Kurs vorzeitig, um eine Stelle anzutreten. Die übrigen neun wurden im April 2009 mit ihren neuen Erkenntnissen in die freie Wildbahn entlassen.
Winter 2009/10. Zeit für einen Rückblick. Bereits am längsten wieder erwerbstätig ist Tierärztin Silvia Weber*. Auf den Kurs führt sie das aber nicht zurück. Der sei interessant gewesen, habe jedoch mit der Realität nicht viel zu tun. «Es ist zwar schön, wenn man nach seiner Wunschstelle und seinem idealen Leben gefragt wird, doch in der realen Welt sieht es anders aus», sagt die Tierärztin. Sie wird deutlich: «Man muss nehmen, was es hat. Meine jetzige Stelle ist vor allem wegen der schlecht ausgestatteten Praxis eigentlich eine Qual für mich.»
Austausch und Feedback öffnen neue Sichtweisen
Besser sieht es bei Designer Björn Zeller* aus. Nur wenige Wochen nach dem Stao-Kurs klappte es auch für ihn, obwohl ihm eine Kurskollegin wegen seines exotischen Berufs die schlechtesten Chancen einräumte. «Bei meinen Vorstellungsgesprächen profitierte ich vom Videotraining und von den nachgespielten Interviewsituationen», erklärt Zeller. Inspiriert durch den Stao-Kurs, ergänzte er zudem seine Bewerbungsunterlagen mit einem separaten Blatt, auf dem er die Anforderungen des Unternehmens direkt seinen Qualifikationen gegenüberstellte. «An dieser Auflistung nach dem Muster ‹Sie suchen - ich biete› sieht man schnell, ob es passt», sagt der junge Designer. Physiker Michael König* schätzte am Kurs ebenfalls die Gelegenheit, sein Dossier zu optimieren. «Zuhause sitzt man meist alleine vor seinen Unterlagen und hat keine wirkliche Reflexionsmöglichkeit», so seine Erfahrung. «Durch den Stao-Kurs kann man sich an anderen orientieren und erhält Feedback.» Als grosses Plus wertet er das Einzelcoaching, das in seinen Augen aber gern ausführlicher sein dürfte. Wichtig war für ihn die Begegnung mit Leuten, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. «Dass der Austausch so wertvoll ist, hätte ich vorher nicht gedacht», gibt er zu.
Der soziale Nutzen überwiegt den fachlichen
Die Kontakte bezeichnet auch Elektroingenieurin Caroline Klein* als grössten Nutzen des Stao-Kurses. Zum Inhalt meint sie: «Es war ein bisschen von allem. Fachwissen wurde zwar nicht viel vermittelt, insgesamt hat es für mich aber gestimmt.» Bei den Bewerbungen vertraute sie der Strategie von Werber Carisi und verfasste mit ihm Motivationsbriefe, die auffielen. Die Schreiben waren unkonventionell und weckten Emotionen. Caroline Kleins Ausgangslage war schwierig: Als zweifache Mutter und Elektroingenieurin suchte sie ein Teilzeitpensum in einem Männerberuf. Doch die Strategie von Kurskollege Carisi ging auf. Innerhalb weniger Wochen fand die junge Frau dank ihrer ungewöhnlichen Bewerbung eine passende Stelle. «Das wagt natürlich nicht jeder - aus Angst, die Firma könnte ihn nicht für voll nehmen», räumt der Werbefachmann ein.
Er selbst ist weiterhin auf Stellensuche und beurteilt den Kurs wie seine Kollegen primär in einem Punkt positiv: «Er ist sozial wertvoll; ich hab ihn genossen.» Da er oft selbst schon Mitarbeitende eingestellt hat, nahm er aus dem Kurs keine neuen Erkenntnisse mit, wohl aber die Bestätigung, wie man eine Bewerbung am besten macht und dass Vitamin B in der Kommunikations- und Werbebranche entscheidend ist.
Um dem Glück nachzuhelfen, besuchte Marco Carisi im Herbst einen Englisch-Intensivkurs. Die Kosten übernahm das RAV. Die Ausbildung zum Kommunikationsleiter finanziert es hingegen nicht, da sie als
Zweitausbildung gilt. «Das Diplom könnte mir aber die Tür zu extrem vielen Stellen öffnen», sagt Carisi. Oft beurteilten Firmen sein Profil als sehr interessant, verlangten aber das Diplom, das er eben nicht besitze. Eine ausführliche fachliche Beratung erhielt er auf dem RAV bisher nicht. Besprochen würden eher soziale Aspekte wie die Pensionskasse.
Wenn Theorie und Praxis auseinander klaffen
Die fachspezifische Beratung vermissten auch Caroline Klein, Silvia Weber und Michael König. Elektroingenieure, Tierärzte, Physiker und Kommunikationsleiter - Exoten oder einfach zu intellektuell für das RAV? Dem hält Bruno Graf, Leiter des RAV Suhr, entgegen: «Über 80 Prozent unserer Berater besitzen mindestens einen eidgenössischen Fachausweis als Personalberatende und sind im Umgang mit gut, sehr gut oder auch schlecht qualifizierten Personen bestens geschult.» Spezielle Berater für Hochqualifizierte gibt es indes nicht. Meldet sich eine Person neu an, teilt sie das RAV unabhängig von ihrem Bildungsstand einer Fachgruppe zu. Im Aargau unterscheidet man zwischen Bau, Industrie, Dienstleistungen, Verkauf und Verwaltung. Berücksichtigt wird das Bildungsniveau bei den arbeitsmarktlichen Massnahmen. «Gerade für Akademiker gibt es sehr viele nationale Massnahmen, weil es nicht vorgesehen ist, dass sie in ein ‹normales› Beschäftigungsprogramm eintreten», sagt Bruno Graf. Über diese Programme werden die hochqualifizierten Stellensuchenden, wie es scheint, aber unzureichend informiert. Von den Kursteilnehmenden erhielten gerade mal drei entsprechende Hinweise.
Erster Stolperstein auf dem Weg zur individuellen Beratung kann bereits die präzise Berufsbezeichnung sein. Bestimmte Begriffe wie Designer oder Texter existieren im RAV-internen System nicht. Es enthält nur jene Berufsfelder, die offiziell beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) in Bern gemeldet sind oder die der RAV-Berater frei erfasst. Neu kreierte oder englische Bezeichnungen kennt das System nicht. Pech für Designer Zeller.
Doch er nimmt es gelassen. «Das RAV hat mir insofern geholfen, als es mich in den Stao-Kurs schickte», lautet sein Fazit. Ebenfalls nüchtern sieht es der promovierte Physiker Michael König: «Mit meiner Berufsrichtung und auf dem Level ging ich ohnehin nicht mit der Erwartung zum Berater, dass er von sich aus eine Stelle für mich findet.» Er schätzte aber die Besprechung von Kursmöglichkeiten, und auf seinen aus- bzw. nachdrücklichen Wunsch gewährte ihm das RAV ein Einzelcoaching. Elektroingenieurin Klein sagt rückblickend: «Mich motivierte vor allem die moralische Unterstützung meiner Beraterin, doch hätte ich mir häufigere Gespräche gewünscht.» Bei Tierärztin Silvia Weber klingt es ähnlich: «Ich hatte einen guten Berater.» Doch wo Tierarztstellen ausgeschrieben seien, habe er beispielsweise nicht gewusst.
Manchmal reicht der beste Wille nicht
In der «freien Wildbahn» herrschen eigene Gesetze. Hier ist jeder Stellensuchende auf sich allein gestellt. Nun zeigt sich, ob RAV-Beratung und Begleitmassnahmen wie Stao-Kurs wirken. Gewisse Hindernisse lassen sich durch Eigeninitiative aus dem Weg räumen. Ein tadelloses Bewerbungsdossier etwa, wie es die Teilnehmenden im Stao-Kurs erarbeiten, erhöht die Chancen auf eine Einladung zum Gespräch. Ein unkonventionelles Motivationsschreiben schadet ebenfalls nicht, wie das Beispiel von Elektroingenieurin Klein zeigt. «Für mich war es sehr wichtig, in die erste Runde zu kommen», meint sie. Die Bewerbungsgespräche selbst verlieren dank des Interview- und Videotrainings im Stao-Kurs etwas von ihrem Schrecken. Auch Selbstdisziplin verbessert die Chancen bei der Stellensuche. Designer Zeller: «Dranbleiben ist wichtig. Als ich ernsthaft zu suchen anfing, klappte es schnell, obwohl der Arbeitsmarkt in meiner Branche klein ist.» Für ihn war es entscheidend, klare Prioritäten zu setzen und anhand des Dokuments «Sie suchen - ich biete» sein Profil gezielt mit den Stellenanforderungen zu vergleichen. Disziplin benötigt auch Michael König. Er bewirbt sich international, häufig via Online-Stellenportale. «Das ist sehr zeitintensiv, weil man viel ausfüllen muss», sagt er. Eine echte Hürde sei das aber nicht.
Gewisse Gegebenheiten lassen sich nicht beeinflussen, etwa die Wirtschaftslage. Sowohl Physiker König als auch Werbeprofi Carisi erklären sich die harzige Stellensuche mit der schwachen Konjunktur. «Die Werbung ist der Spiegel der Wirtschaft», sagt Branchenkenner Carisi. «Zieht die Konjunktur an, geht es maximal drei Monate später auch mit der Werbung aufwärts.»
Er ist zuversichtlich, dann eine Stelle zu finden. Bis dahin macht er das Beste aus der Situation. «Bei Absagen frage ich manchmal zurück und aktualisiere anhand der Antworten meine Unterlagen.»
Ob sie bereits einen neuen Vertrag unterzeichnet haben oder noch über die Stellenportale surfen - alle Teilnehmenden haben in den letzten Monaten neue Erkenntnisse gewonnen und Strategien entwickelt. Während Physiker König empfiehlt, nicht den Mut zu verlieren oder nicht ständig an sich zu zweifeln, sagt Designer Zeller: «Man soll auch mal etwas wagen und darf sich nicht von Inseraten abschrecken lassen, denn darin wird häufig übertrieben.» Werber Carisi nutzt neben Inseraten zusätzliche Quellen. Er besucht möglichst jeden Anlass in seiner Branche - und hält dabei die Ohren weit offen: «Wenn ich höre, dass eine Agentur ein Budget gewonnen hat, schreibe ich sie an.» Bis die konjunkturellen Zeichen wieder auf Grün stehen, heisst es für ihn und die anderen Stellensuchenden weiterhin: Als Erstes muss man auffallen.