der arbeitsmarkt | 03.03.2010 | Text: Bianka Hubert
bh. Staatliche Reglementierung und Konkurrenzdruck aus dem Ausland bedrohen die Freiberufler in der Schweiz. Sie reagieren mit Kollektivierung und Spezialisierung.
Wie frei sind die freien Berufe heute noch? Der Staat greift zunehmend regulierend in die tägliche Arbeit von Ärzten, Chiropraktoren und Apothekern, Architekten oder Notaren ein. Seit die bilateralen Abkommen mit der EU in Kraft getreten sind, stehen die freien Berufe zudem stärker in Konkurrenz zu Anbietern aus den Nachbarländern. Der Schweizerische Verband freier Berufe (SVFB) sieht den guten Ruf seiner Mitglieder durch die teilweise mangelhafte Dienstleistungsqualität der ausländischen Konkurrenz gefährdet. Auf der Medienkonferenz Ende Februar anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens zeigte die Dachorganisation der selbständigen Freiberufler auf, wie sie den neuen Marktbedingungen begegnet.
Ständerat und Präsident des SVFB Urs Schwaller hat seiner Organisation für die kommenden Jahre zwei Hauptanliegen auf die Agenda gesetzt. Gemeinsam will man sich der staatlichen Regulierung sowie den Veränderungen durch die Öffnung der Grenzen stellen. Vor allem in nicht reglementierten Branchen könnten die Qualität und die Sicherheit der erbrachten Leistungen sinken, wenn ausländische Kolleginnen und Kollegen mit tieferen Qualifikationen ihre Dienstleistungen im Inland anbieten, heisst es in der heute erschienenen Jubiläumsschrift des SVFB. Bei medizinischen Dienstleistungen, wie sie Chiropraktoren oder Psychologen anbieten, fehle es besonders an Transparenz in punkto Qualifikation durch Aus- und Weiterbildung.
Neben den gemeinsamen Anliegen haben die einzelnen Branchen auch gegensätzliche Wünsche. Die teilweise widersprüchlichen Interessen der einzelnen Verbände sind nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen. Während der Apothekerverband Pharmasuisse die Medikamentenabgabe in der Arztpraxis bekämpft, begrüsst die FMH als Interessenvertretung der Ärztinnen und Ärzte dieses Zubrot der Praxen.
Historisch wurzeln die freien Berufe in den freien Künsten der Antike. Nur «freie Männer» konnten sich den schönen Künsten widmen, da sie im Gegensatz zu den Unfreien ihren Lebensunterhalt nicht mit Erwerbsarbeit verdienen mussten. Im Mittelalter prägten diese auf technische und musische Allgemeinbildung ausgerichteten Fächer dann die Studienrichtungen der ersten Universitäten. Die Studierenden erwarben hier erstmals Kenntnisse, um einen technischen, medizinischen oder juristischen Beruf auszuüben. Das Examen in der Tasche, sind Ärzte, Anwälte oder Architekten seither zum Wohle der Allgemeinheit tätig.
Ihre gesellschaftliche Funktion als Scharnier zwischen Staat und Bevölkerung bedingt Vertrauen. Um dieses Vertrauen zu verdienen und es zu sichern, halten sich die Freiberufler an einen selbst definierten Ehrencodex. Die Einhaltung der Berufs- und Standesregeln werden von den Freien und ihren Verbänden überwacht.
Im Mittelpunkt der vertrauensbildenden Massnahmen stehen Eigenverantwortung, Unabhängigkeit, Qualifikation, Sicherheit und persönlicher Charakter der erbrachten Leistungen. Eine zumeist universitäre Fachausbildung sichert die Qualifikation. Stetige Weiterbildung hilft zusätzlich die Qualität der Leistungen zu sichern. Daneben verlangt ihre Tätigkeit den Freiberuflern auch eine gefestigte Persönlichkeit ab. Nur wem es gelingt, die eigene Unabhängigkeit im Denken und Handeln zu bewahren, kann langfristig verantwortungsvoll nach Recht und Gesetz im Sinne der Patientinnen oder Klienten handeln.
Seit dem Mittelalter sind innerhalb der traditionellen Berufsgruppen weitere freie Berufe entstanden. Heute arbeiten nicht nur Allgemein- und Spezialmediziner, Anwälte und Architekten freiberuflich. Auch Veterinäre, Chiropraktoren, Apotheker, Psychologen und Psychotherapeuten, Notare, Treuhänder und Ingenieure sowie Privatbankiers und Vermögensverwalter zählen zu dieser Berufsgruppe.
In den letzten zwanzig Jahren sind die Bildungschancen der Frauen massiv gestiegen. Immer mehr Frauen ergreifen denn auch die prestigeträchtigen, traditionell Männern vorbehaltenen freien Berufe und sind als Ärztinnen oder Anwältinnen tätig. Heute sind bereits 34,6 Prozent der Humanmediziner weiblich. Mit der Feminisierung des Berufes setzte auch der Trend zur Teilzeitarbeit ein. Der Fachverband FMH beobachtet, dass am «weiblichen» Arbeitsmodell unterdessen auch die männlichen Kollegen Gefallen finden.
Vor dem Hintergrund der hohen Teilzeittätigkeit in der Humanmedizin ist die im internationalen Vergleich hohe Ärztedichte in der Schweiz von 3,9 Ärztinnen und Ärzten pro tausend Einwohner relativierend zu beurteilen. Die Ansprechbarkeit der Ärztinnen und Ärzte und damit die tatsächliche Ärztedichte sinken mit einem hohen Anteil von Teilzeitpraxen.
Die zunehmende Reglementierung und die Massnahmen zur Qualitätssicherung im Gesundheitswesen haben den Administrationsaufwand der Praxen stark erhöht. Mit dem wachsenden Papierkram kämpfen Ärztinnen und Ärzte gleichermassen. Sie verbringen heute mehr Zeit am Computer als im Gespräch mit Patienten.
Im Zeitalter des Internets kommen zahlreiche Patienten zudem gut informiert zum Arzt und fordern neben der korrekten Diagnose verstärkt Beratung und Information.
Steigende Ansprüche seitens der Kundschaft beobachten nahezu alle freien Berufe. Besonders die traditionellen Berufsgruppen, also die Ärzte und Anwälte, aber auch die Treuhänder spezialisieren sich deshalb auf Teilgebiete ihres Faches und schliessen sich zu grösseren Kanzleien zusammen.
In solchen betrieblich als Aktiengesellschaft oder Gesellschaft mit beschränkter Haftung organisierten Anwaltskanzleien sind heute bereits 30'000 Mitarbeitende tätig. Längst streben auch nicht mehr alle Juristen das Anwaltspatent an. Neben den Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, die vor Gericht für die Klientel kämpfen, sind immer mehr juristische Beraterinnen und Berater im Hintergrund tätig. Diese juristischen Fachpersonen bieten ihren Rat schon im Vorfeld an. «Heute geht man zum Anwalt, um die Dinge richtig einzuspulen, damit es erst gar nicht zum Streit kommt», erklärt Brenno Brunoni, Präsident des Schweizerischen Anwaltverbandes (SAV), das Anliegen von Firmen- und Privatkunden.
Die Apotheker setzten dagegen eher auf losere Formen der Zusammenarbeit. Sie bündeln ihre Ressourcen in Marketing und Werbung, um den erstarkenden Apotheken-Ketten Paroli zu bieten. Mit Sorge betrachtet Pharmasuisse die beginnende Abkehr der Apotheker von der Selbständigkeit. In den Filialen der Ketten und in nicht inhabergeführten Apotheken arbeiten die Pharmazeuten zunehmend im Angestelltenverhältnis. Dies beeinflusst das Vertrauensverhältnis zur Kundschaft und ihre persönliche Verantwortung massgeblich. Diese Apotheker können kaum mehr als Freiberufler bezeichnet werden.
Die Psychologen sehen ihre Profession von einem schleichenden Qualitätsverlust bedroht. Mit der Anerkennung der europäischen Aus- und Weiterbildungen drängen Anbieter auf den Schweizer Markt, die keinen Hochschulabschluss vorweisen. Mit einem Auszug aus dem Internet belegt Daniel Habegger, politischer Sekretär der Förderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), dass immer mehr selbst ernannte Psychologen ihre Dienste inserieren. Dadurch sänken die Qualität und die Sicherheit der Behandlungen. Es mangele vor allem an gesetzlich verpflichtender Transparenz. «Bei der Suche nach einem Psychologen können wir nicht auf unsere Alltagserfahrung vertrauen, wie zum Beispiel beim Kauf eines Brotes.» Deshalb braucht es Transparenz im Angebot der Psychologen und Psychiater. «Ohne eine klare Deklaration der Ausbildung hat der Patient in einer psychologischen Ausnahmesituation keine Möglichkeit das richtige Angebot zu finden», versichert Habegger.
Auch die Chiropraktoren hadern mit dem drohenden Qualitäts- und Imageverlust aufgrund unzureichender Behandlungen durch ausländische Kolleginnen und Kollegen mit geringerer Ausbildung. Die Chiropraktoren der Schweiz geniessen ein Privileg, dass die Physiotherapeuten anderer Länder nicht kennen: Ihre Patienten können direkt zu ihnen in die Praxis kommen, ohne vorher einen Arzt konsultieren zu müssen. Diese Sonderstellung haben sie aufgrund ihrer vergleichsweise hohen universitären Ausbildung. In Europa ist eine solche eher unüblich, weil die Physiotherapeuten nicht diagnostisch arbeiten, sondern ärztlich verordnete Therapien durchführen.
In vielen freien Berufen arbeiten Fachleute ohne eine klar definierte, geschützte Berufbezeichnung. Heute kann sich jeder Psychologe oder Architekt nennen. Neben den Psychologen und Chiropraktoren streben auch die Architekten und die Treuhänder nach einer offiziellen Form der Anerkennung und Dokumentation ihrer Qualifikationen. Die einzelnen Branchen wollen dazu detaillierte Berufsregister anlegen. Vereinzelt fordern die Brachenvertreter auch gesetzliche Grundlagen. Am nächsten ist diesem Ziel die FSP mit dem Bundesgesetz über die Psychologieberufe, welches der Ständerat derzeit diskutiert. Dieses soll erstmals anerkannte Berufsbezeichnungen für Psychologen und Therapeuten definieren.