der arbeitsmarkt | 02/2010 | Text: Antje Hentschel
Mehrere hundert Menschen unterschiedlichster Religionszugehörigkeit sowie Konfessionslose besuchen jeden Tag die Kapelle im Zürcher Hauptbahnhof. Eine Annäherung an das Erfolgsgeheimnis der Bahnhofkirche in Zeiten zunehmender Kirchenaustritte.
Eine weisse Kirche auf blauem Grund – das Piktogramm in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs weist den Weg zur Bahnhofkirche im Untergrund. Sie liegt auf der mittleren Ebene, direkt unter dem Reisebüro der SBB. Über einen kleinen Flur betritt man die Kapelle, in der gut zwanzig Personen Platz finden. Kerzen brennen. Sie zeugen von den vielen Menschen, die den sakralen Raum nutzen, um zu beten, zu meditieren oder um ganz einfach für ein paar Minuten Ruhe im Alltag zu finden. Dreihundert bis fünfhundert Besucherinnen und Besucher verzeichnet die Kirche im Zürcher Hauptbahnhof Tag für Tag. Auffällig ist, dass rund die Hälfte davon sonst keinen besonderen Bezug zur Kirche hat, aus dieser ausgetreten ist oder sich sogar als konfessionslos bezeichnet. In der Bahnhofkirche ist jeder willkommen. Hier existieren alle Religionen friedlich neben- und miteinander. Und: Sie steht auch Menschen offen, die sich in der institutionalisierten Kirche nicht aufgehoben fühlen. «Wir bekommen viele Komplimente für den ökumenischen Raum und dafür, dass wir für alle da sind», sagt Toni Zimmermann, Seelsorger und Mitgestalter der Bahnhofkirche.
Schon lange bevor Toni Zimmermann das Angebot zusammen mit seinem reformierten Kollegen startete, existierte die Idee zu einem solchen Ort der Begegnung. Vorbilder waren unter anderem Lyon und Paris, wo es ähnliche interreligiöse Einrichtungen bereits seit geraumer Zeit gibt. Seit Pfingsten 2001 haben endlich auch Reisende in Zürich die Möglichkeit, der Hektik des Bahnhofs auszuweichen. Neben der Bibel in verschiedenen Sprachen stehen den Besucherinnen und Besuchern auch Schriften anderer Religionen zur Verfügung. Die Kapelle bietet zudem einen nach Mekka ausgerichteten Gebetsplatz für Muslime. «Wir erhalten dafür viele positive Rückmeldungen. Die meisten freuen sich, dass hier Menschen unterschiedlicher Religionen wie selbstverständlich zusammen im selben Raum beten können», sagt Toni Zimmermann. «Negative Erfahrungen in Bezug auf diese Vielfalt machen wir praktisch keine. Nur der Gebetsteppich wurde uns schon ein- oder zweimal gestohlen», ergänzt er humorvoll. Ab und zu gebe es halt Leute, denen das Konzept nicht gefällt, was aber sehr selten vorkomme. Die Mitarbeitenden der Bahnhofkirche achten jede Person in ihren Grundüberzeugungen und missionieren nicht.
Im Gegensatz zu konventionellen Kirchen, die meistens nur an den Wochenenden Gottesdienste anbieten, hat die Bahnhofkirche als «Alltagskirche» die Chance, die Menschen direkt in ihrem täglichen Leben zu erreichen. «Ich bin Pendlerin und schätze die zwanglose Atmosphäre hier, um mich zu besinnen», sagt Greta Gerber, die die Kapelle regelmässig besucht. Der Tag in der Bahnhofkirche beginnt mit dem Weg-Wort, das von Montag bis Freitag im Laufe des Morgens viermal in der Kapelle vorgetragen wird. Eine immer neu ausgewählte kleine Geschichte, die als spiritueller Impuls für den bevorstehenden Tag gedacht ist. Das Weg-Wort liegt ebenfalls in gedruckter Form zum Mitnehmen auf oder ist auf der Homepage der Bahnhofkirche abrufbar. Zusätzlich bietet das Online-Archiv die Möglichkeit, auch zurückliegende Texte für sich zu entdecken.
Toni Zimmermann war schon als Ministrant während der Primarschule von der Kirche beeindruckt und davon, anderen im direkten Kontakt zu helfen. Während des Theologiestudiums reifte die Vorstellung von einer beruflichen Tätigkeit im kirchlichen Bereich immer mehr. «Meine Mutter war von meinem Berufswunsch allerdings nicht begeistert. Da ich aus einer Briefträgerfamilie komme, hatte sie sich wohl etwas anderes vorgestellt.» Der Bezug zum Wohl der Menschen und ein starker Gerechtigkeitssinn waren für Toni Zimmermann aber so elementar, dass er sich durchsetzte. Eigenschaften, die ihn für diese verantwortungsvolle Aufgabe qualifizieren – obwohl er keine Priesterweihe empfangen hat, denn eine klassische Pfarrerkarriere kam für ihn nicht in Frage. Auf Familie und Partnerschaft wollte er nicht verzichten. «Daher entschied ich mich, Laientheologe zu werden», erklärt der Seelsorger.
Jederzeit und ohne Anmeldung kann das Gespräch gesucht werden. Um die Klientinnen und Klienten möglichst umfassend beraten und unterstützen zu können, be steht das Team der Bahnhofkirche aus zwei hauptamtlichen Seelsorgern, einer Seelsorgerin und einem Seelsorger in Teilzeit sowie rund 25 freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für den Empfang. Die Beratungsgespräche sind unentgeltlich, und die Privatsphäre ist durch das Seelsorgegeheimnis gewahrt. Die Gespräche finden auf einer neutralen Ebene statt, die Religionszugehörigkeit der Seelsorgenden spielt daher in der Regel keine Rolle. Toni Zimmermann: «Ist dies doch einmal der Fall, überweisen wirdie Person an eine Stelle der entsprechenden Glaubensgemeinschaft.» Da die Gespräche ausserdem anonym sind, beruhen alle statistischen Angaben über die Konfession auf Rückmeldungen der Hilfesuchenden. Gleiches gilt für die Besucherinnen und Besucher der Kapelle.
Eine wesentliche Verschiebung der Anliegen in den Zeiten der Wirtschaftskrise stellen die Seelsorgenden nicht fest. Aber: «Die Leute kommen generell häufiger, und die Themen sind komplexer. Oft werden auch mehrere Sorgen oder Ängste gleichzeitig geäussert», sagt Toni Zimmermann. Krisenbedingt gehe es in den Gesprächen natürlich auch immer wieder um Fragen zu Arbeitslosigkeit, Stellenwechsel und beruflicher Neuorientierung. Die Hilfesuchenden kommen aus allen Branchen und Positionen. Ob Verkäuferin, Polizist oder Banker, allen geht es um ihren ganz persönlichen Platz in der Berufswelt. Toni Zimmermann und sein Team stehen den Klientinnen und Klienten nach Möglichkeit mit Beratung zur Seite oder vermitteln die Person an eine geeignete Fachstelle.
Ein besonderer Anlass der Bahnhofkirche sind die jährlich stattfindenden «Weihnachtsgeschichten» im Hauptbahnhof, bei denen eine prominente Persönlichkeit über den Tag verteilt ihre Lieblingsgeschichte zum Fest vorträgt. «In den letzten Jahren waren dies unter anderem der ehemalige Stadtpräsident Elmar Ledergerber, ShowmasterBeni Thurnherr oder die Fernsehmoderatorin Monika Schärer», erzählt Toni Zimmermann. Details für die nächste Lesung werden vor dem 24. Dezember aber keine bekannt gegeben – wie bei einem eingepackten Weihnachtsgeschenk darf man sich überraschen lassen. Zu diesem Ereignis kommen jedes Jahr siebenhundert bis tausend Leute in die Bahnhofkirche. Viele, vor allem einsame Menschen, die sonst keine sozialen Kontakte haben, bleiben den ganzen Abend. Für das leibliche Wohl wird ebenfalls gesorgt. Im angrenzenden Gruppenraum der Kirche, dem ehemaligen SBB-Wartesaal, gibt es für die Hungrigen ein Buffet mit Suppe, Kaffee, Tee und Lebensmitteln, die von umliegenden Geschäften gespendet werden. Als Anlaufstelle im Hauptbahnhof wird die Bahnhofkirche auch mit weltlichen Dingen konfrontiert. «Wenn jemand ein Pflaster benötigt, wird er ein paar Meter weiter zur Bahnhofhilfe geschickt», sagt Toni Zimmermann. «Umgekehrt kommen auch Menschen zu uns, die sich zunächst an die Bahnhofhilfe gewandt haben.» Psychologen und Personalchefs empfehlen ihren Klienten und Mitarbeitenden bei Bedarf ebenfalls ein Seelsorgegespräch in der Bahnhofkirche. Die meisten Menschen finden aber von sich aus den Weg hierher.
Berührende Momente erlebt Toni Zimmermann bei seiner Tätigkeit als Seelsorger immer wieder. Zum Beispiel die Geschichte von einer jungen Frau, die zwei Stunden auf der Strasse sass, bevor sie von einer Passantin zur Bahnhofkirche gebracht wurde. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie wegen persönlicher Probleme daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Die Beratung half ihr, mit ihrer Last umzugehen, die Dinge mit einer gewissen Distanz zu betrachten und einen Neuanfang zu wagen. Oft kommen auch Menschen, um sich für ein schon länger zurückliegendes Beratungsgespräch und die Kraft, die sie daraus mitnehmen konnten, zu bedanken. Diese Dankbarkeit und die vielen positiven Rückmeldungen bestärken die Mitarbeitenden der Bahnhofkirche täglich in ihrer Arbeit.
Mit Besorgnis beobachtet Toni Zimmermann die Abwanderung vieler in esoterische Kreise. Dies, obwohl es verschiedenste kirchliche Angebote gibt – von denen die Menschen aber zu wenig oder keine Kenntnis haben. Ein konkretes Projekt ist denn auch sein Anliegen, die ganzen Angebote zu bündeln und an einer zentralen Stelle den Interessierten zugänglich zu machen. In der heutigen Zeit fehle es vielen Menschen auch oft an einem guten Gottesbild. Er werde bei den Christen häufig noch immer als strenger, moralischer Gott gesehen. Toni Zimmermann: «Ich wünsche mir, dass sich die Menschen auf einen Gott der Liebe besinnen.» Die verschiedenen Religionen haben viel mehr gemeinsam, als vielleicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Das am Eingang erhältliche Merkblatt informiert über die «goldene Regel» der fünf Weltreligionen Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. Die Kernaussage ist bei allen dieselbe: Behandle andere stets so, wie du auch selbst behandelt werden möchtest. ❚