der arbeitsmarkt | 02/2010 | Text: Miriam Bollhalter

Mehr Tücke als Brücke

In den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl der temporär Arbeitenden fast verdoppelt. Jeder zweite ist Ausländer. Mit einer geringeren Chance auf eine Festanstellung als Einheimische. Und in einer oft prekären Lage.

«Heute geht es mir in der Schweiz sehr gut, aber vor Weihnachten 2008 war ich der  Verzweiflung nahe», resümiert Novica Momcilovic seine Erfahrungen als ausländischer Temporärarbeiter. 2007 verlor er seine Stelle als Mechaniker in Wien, wo er rund 2000 Euro im Monat netto verdiente. Nach neunmonatiger Arbeitslosigkeit blieb dem damals 47-Jährigen nichts als die Jobsuche im Ausland. «Wir hatten nur noch die Invalidenrente meiner Frau - damit kann man nicht leben, und Sozialhilfe ist für mich unwürdig.»
Der Spezialist für Auftragsschweissen bewarb sich im Internet, im Sommer 2008 vermittelte ihm eine Temporärfirma aus dem Rheintal einen Job. Angeblich für drei bis vier Monate, danach, so die Firma, würde er eine feste Anstellung bekommen. Doch das Gastspiel war von kurzer Dauer: «Nach sechs Wochen brauchte mich das Unternehmen nicht mehr.» Sein Lohn waren 33 bis 34 Franken brutto pro Stunde, «dazu verdiente ich zwischendurch - wegen eines Unterbruchs - eine Woche lang gar nichts». Von der versprochenen Dauerstelle wusste der Einsatzbetrieb nichts. «Als ich es erwähnte, kündigte mir das Temporärbüro.» Danach folgten zwei Wochen ohne Job, in denen Miete, Krankenkasse und Lebensmittel bezahlt werden mussten. Irgendwann reichte das Tief-ins-Portemonnaie-Greifen nicht mehr. Statt Geld aus der Schweiz zu erhalten, musste Momcilovics Familie Geld aus Wien überweisen.
Der gelernte Kraftfahrzeugtechniker bewarb sich erneut, eine Firma aus Volketswil ZH vermittelte ihm eine Stelle in Frauenfeld. «Ich musste täglich zweieinhalb Stunden mit dem Zug pendeln, Spesen bekam ich keine vergütet.» Sein Arbeitgeber, die Temporär­firma, habe ihn belehrt, diese seien im Stundenlohn von 32.50 Franken inbegriffen. «‹Sei froh, dass du einen Job hast!›, meinte mein Chef zu meiner Spesenanfrage nur - da hat es mich fast umgehauen.» Weil er weder trinkt noch raucht noch ausgeht, schaffte es Novica Momcilovic trotz allem, etwas Geld auf die Seite zu legen. «Insgesamt konnte ich nach vier Monaten als Temporärer meiner Familie 1200 Franken nach Wien schicken.»

Schlechte Erfahrungen kein Einzelfall

Novica Momcilovic stellt eine auffallende Parallele zwischen den beiden Personalverleihfirmen fest. «Auch die Zürcher Agentur versprach mir eine Festanstellung. Doch als ich danach fragte, kündigte mir die Temporärfirma - obwohl man im Einsatzbetrieb mit meiner Arbeit zufrieden war», erzählt der Spezialist für Schienenunterhalt. Tagelanges Warten auf einen neuen Einsatz. Neue Stelle, wieder Probezeit und so weiter. Frust. «Zum Glück empfahl mir ein ehemaliger Vorgesetzter, mich bei der Sersa Group AG zu bewerben, die Firma gelte als ein sehr guter Arbeitgeber.» Momcilovic erhielt gleich eine Festanstellung. Da er inzwischen wieder temporär arbeitete, kündigte er seiner Temporärfirma telefonisch. «Tags darauf behauptete die Agentur jedoch, ich müsse es schriftlich tun, was ich tat. Dennoch wurde mir eine Konventionalstrafe von 1280 Franken wegen angeblicher Nichteinhaltung der Kündigungsfrist auferlegt, dazu 260 Franken für Wohnungssuche und noch 780 Franken für irgendetwas. Das war elend.» Mit seinen Protesten kam er beim Personalverleiher nicht durch. Schliesslich bekam er gerade mal 380 Franken überwiesen.
Gerettet habe ihn sein neuer Arbeitgeber. «Die Sersa AG gab mir nicht nur einen Anfangslohn von 6200 Franken, sondern auch einen Vorschuss von 4000 Franken, damit ich über Weihnachten nach Hause fahren konnte. Ich konnte es nicht glauben», erinnert sich der Familienvater. Später bezahlte die Firma auch eine Weiterbildung. Diese hat ihm inzwischen eine Lohnerhöhung von 1000 Franken eingebracht. «Ausserdem fühle ich mich bei der Firma wie in einer Familie. Ich bin sehr gut in der Schweiz integriert, die Schweizer sind sehr nett. Man sollte nur nicht erwähnen, wie es sich für einen Wiener anhört, wenn sie anstatt Dienstag Ziistig sagen», beschreibt Novi, wie ihn seine Schweizer Kollegen nennen, seinen Integrationsbeitrag. Er lacht und zeigt mit Stolz die Parkkarten der Sersa Group, die ihm ermöglichen, sein Auto in der ganzen Schweiz zu parkieren. Sein Fazit: «Jeder kann es in der Schweiz schaffen, wenn er will. Aber nicht über eine Temporärfirma.»

Ratlos in Zürich

Anders als Momcilovic hatte Tibor Bodzar den langen Atem nicht. Der 52-jährige Maurer kam im August 2008 über ein Stelleninserat auf einer slowakischen Internetplattform in die Schweiz. «Meine Berufskollegen waren sehr zufrieden in Deutschland und Österreich. Da nahm ich an, dass es in der Schweiz genauso gut sein würde.» Das Vorstellungsgespräch in seiner Heimat bot keinen Anlass für Zweifel. Er werde als Temporärer anfangen; was genau dies bedeutete, verstand Bodzar nicht ganz, danach aber, nachdem er sich als Maurer bewährt habe, würde er eine Dauerstelle erhalten, sicherte ihm der Chef persönlich zu. Und dann könne er auch eine Wohnung mieten.
Obwohl der Jobanfang auf den Tag nach seiner Einreise versprochen war, wartete der Bauarbeiter eine Woche auf den ersten Einsatz - auf eigene Rechnung. «Ich kam mir vor wie bestellt und nicht abgeholt», erinnert sich Bodzar. Der erste Einsatz begann mit einer Überraschung: Die Belegschaft sprach Portugiesisch, und der Slowake begriff nicht, warum er bei der Anstellung Deutschkenntnisse vorweisen musste. Die Arbeit hier war nach wenigen Tagen zu Ende, es folgten weitere kleine Jobs. Dazwischen musste er jedoch tagelang auf den nächsten Einsatz warten. «Insgesamt habe ich in zwei Monaten mit Unterbrüchen bei fünf verschiedenen Firmen als Hilfsarbeiter gearbeitet», erzählt der gelernte Maurer. Dabei dürfen aus den EU-8-Ländern, zu denen die Slowakei gehört, im Rahmen der hierzulande geltenden Personenfreizügigkeit mit Beschränkungen nur qualifizierte Arbeitskräfte eine Arbeitsbewilligung erhalten.
Wie die Arbeits- war auch Bodzars Wohnsituation miserabel. Die Temporärfirma hatte ihm eine Unterkunft in Embrach organisiert, obwohl er meistens um halb sieben am anderen Ende des Kantons Zürich sein musste. Sein Tag begann so um fünf Uhr früh. 1200 Franken bezahlte er zusammen mit einem Mitbewohner für das Zweierzimmer. Plus 30 Franken Zugspesen täglich. «Was ich verdiente, gab ich für Unterkunft, Zugbillette und Essen wieder aus», sagt Bodzar und staunt: «Wie ist es möglich, dass in einem Land der Arbeitsweg für einen Tag teurer sein kann als das Fleisch für eine ganze Familie zum Abendessen?» Zur Enttäuschung kam die Einsamkeit, und auch der mitgebrachte Groschen schwand. Da er trotz seinem guten Deutsch nicht wusste, wo Rat suchen, entschied sich der Familienvater, in die Heimat zurückzukehren. Was blieb, war unter dem Strich ein Monatslohn, den er auch dort erwirtschaftet hätte, und die Überzeugung: «In die Schweiz will ich nicht einmal mehr als Tourist hin.»

Das Prekariat der Temporärarbeiter ist bekannt

André Kaufmann von der Gewerkschaft Unia weiss um die Probleme von temporär Arbeitenden: «Da ist zuerst die Unsicherheit. Früher war für einen Arbeiter, vor allem auf dem Bau, klar: Ich arbeite vom 1. März bis 30. November. Heute wissen Temporärarbeiter hingegen nicht, wie lange sie hier beschäftigt sein werden.» Weil es den Status des Saisonniers nicht mehr gibt, werde die saisonale Arbeit durch Personalverleih abgedeckt. Die Firmen rekrutierten im Ausland, holten Leute in die Schweiz, denen man laut Arbeitsvertrag mit dem Temporärbüro innert kürzester Zeit kündigen dürfe. «Die Frist beträgt oft nur zwei Tage, das ist eine prekäre Situation», hält Kaufmann fest. Zudem dauerten die Einsätze oft nur sehr kurz. Während der Unterbrüche verdiene ein Temporärer gar nichts. Die Arbeitsverhältnisse selbst sind in der Temporärbranche, ob für Schweizer oder für Ausländer, oft misslich. «Da die ausländischen Arbeiter hierzulande aber weniger etabliert sind, sind sie stärker betroffen. Nicht alle können sich gleichermassen gegen Ungerechtigkeiten wehren.» Und von den rund 272 000 Temporärarbeitskräften, die in der Schweiz jährlich im Einsatz sind, ist jeder zweite ein Ausländer.
So ging es auch Tibor Bodzar. Er wusste nicht, ob der ihm ausbezahlte Lohn angemessen war. Er wusste nicht, was die Abkürzung GAV bedeutet. Und schon gar nicht, ob der Betrieb, in dem er arbeitete, einem Gesamtarbeitsvertrag unterstand. Wie hätte er überprüfen können, ob ihm allenfalls der dem GAV entsprechende Lohn zuteil wurde? Er wusste nicht, dass der Kanton in seinem Fall der Personalverleihfirma eine Arbeitsbewilligung als Maurer ausgestellt hatte. «Er hätte sich an uns wenden können. Wir versuchen, allen weiterzuhelfen», sagt der Unia-Gewerkschafter. Problematisch findet Kaufmann auch, dass manche Temporärfirmen ungerechtfertigte Lohnabzüge geltend machen. «Da werden Vermittlungsgebühren belastet, Kosten der Arbeitsbewilligung und anderes mehr», lässt er in die Trickkiste der Personalvermittler blicken.
Als weiteres Problem erwiesen sich die Vorstellungen der ausländischen Temporärarbeiter über die Kaufkraft des Schweizer Frankens oft schnell als unrealistisch. Ein Ausländer kenne die Lebenshaltungskosten in der Schweiz nicht, «einem Slowenen beispielsweise erscheint der versprochene Lohn hoch», sagt Kaufmann. Zwar haben nicht alle Branchen einen Gesamtarbeitsvertrag mit verbindlichen Mindestlöhnen, aber oft wissen die Arbeiter nicht, dass sie darauf Anrecht hätten. «Die Mindestlöhne werden oft unterschritten. Auch wissen wir, dass Temporäre oft tiefer entlöhnt werden als Festangestellte», sagt Kaufmann. «Die Unternehmen nehmen denjenigen, den sie billiger bekommen. Und das sind Temporäre, vor allem Ausländer.» Um Lohndumping zu vermeiden, führt die Unia täglich Kontrollen durch, vor allem auf dem Bau.
Um die schlechten Verhältnisse der Temporärbranche zu bekämpfen, hat die Gewerkschaft mit dem Verband der Personaldienstleister, Swissstaffing, in den vergangenen zwei Jahren einen Gesamtarbeitsvertrag ausgearbeitet. Dieser soll für den ganzen Temporärsektor für verbindlich erklärt werden. «Damit würden unter anderem Minimallöhne für alle temporär Arbeitenden verbindlich. Auch wären die Arbeiter in Bezug auf ihre berufliche Vorsorge besser gestellt als heute», erklärt der Unia-Mitarbeiter. Das Vorhaben stösst jedoch auf grossen Widerstand: «Mittlerweile sind beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) 260 Einsprachen gegen diese Regelung hängig. Unter anderem hat die gesamte Arbeitgeberschaft der Industrie Einsprache erhoben und damit ihre Versprechen, die sie vor der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit gemacht hatte, gebrochen.» André Kaufmann zeigt sich jedoch entschlossen: «Wir kämpfen weiterhin dafür, dass wir den GAV und somit die Gleichstellung der Temporären mit den in Festanstellung Arbeitenden zusammen mit den Bundesbehörden durchbringen.» Damit Erfahrungen, wie sie Novica Momcilovic und Tibor Bodzar gemacht haben, nicht zum helvetischen Exportartikel werden.

 
 
 

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