der arbeitsmarkt | 03/2010 | Text: Esther Meyer

Botschafterin zwischen zwei Welten

Wer geht zu Wahrsagern? Ein Tabuthema unserer Gesellschaft. Niemand redet drüber. Doch viele konsultieren bei schwerwiegenden Entscheidungen Hellseher. Zum Beispiel das Zürcher Medium Nadine Reuter. Sie kann in die Zukunft sehen, mit Hilfe ihrer Intuition, von Karten und Engeln. Zu Besuch bei einer sympathischen, jungen Frau mit einem speziellen Beruf.

Zürich Wiedikon. Ich habe einen Termin bei der Seherin Nadine Reuter. Verkörpert sie das Klischee der Jahrmarkt-Wahrsagerin mit Turban und Glaskugel? Wird mir Räucherstäbchen-Dunst entgegenschlagen? Ich klingle und bin gespannt, was ich erleben werde. Im obersten Stock steht Nadine Reuter schon in der Türe und begrüsst mich. Sie ist normal gekleidet, hübsch, schwanger. Die Maisonette-Wohnung ist dekoriert mit Engeln, Kerzen, Kristallen und getrockneten Blumen. Katze Häxli streicht durch den Raum. Dadurch entsteht eine Wohlfühl-Atmosphäre, wie sie nicht einmal der Möbel Pfister-Katalog verbreitet.

*   *   *

Schon mit vier Jahren wurde sichtbar, dass Nadine Reuter Hellsehen kann. Sie war ein Kind, das viel beobachtet hat. Sie nahm Gefühle und Gedanken in Formen und Farben wahr. Sie hatte Kontakt zu Engeln und Geistern und konnte mit deren Hilfe ihre Gspänli beraten. Anfangs erzählte sie auch allen davon, später nicht mehr. Ihr Umfeld hatte diese Erscheinungen nicht in derselben Form erlebt, und Nadine Reuter wollte Familie und Freunde nicht beunruhigen. Engel waren ihr überall erschienen. Während der Schulzeit bat sie diese mit einem Gebet um Unterstützung, wenn sie bei einer Aufgabe nicht weiterkam. Dass sie die Kraft finden möge, um für ein Fach zu lernen, sich besser zu konzentrieren. Hatte sie deshalb bessere Noten? «Nein, dafür ist diese Hilfe nicht da. Dort, wo Unterstützung nötig war, habe ich mir diese geholt, wie ein Nachhilfeunterricht. Einfach mit Engeln» sagt sie lachend. Ihre Eltern haben das wahrgenommen und als Teil von ihr akzeptiert, aber nicht immer ganz verstanden. Nach der Schule hat Nadine Reuter gejobbt und sich zur Energietherapeutin ausgebildet. Seit sie Anfang 20 ist, arbeitet sie selbständig und macht mediale Lebensberatung. Lebensberatung durch ein Medium.
Die Praxis der gebürtigen Schaffhauserin befindet sich im oberen Geschoss der Maisonette-Wohnung. Nadine Reuter arbeitet mit Kipperkarten, die schon abgenutzt sind. Kipperkarten bestehen aus 36 nummerierten Karten, auf denen jeweils eine Person oder ein Ereignis abgebildet ist. Sie stellen Charaktereigenschaften des Menschen oder Alltags-Situationen dar. Sie prägt sich alles in Bildern ein, nicht in Worten. Darum sind Karten ein gutes Hilfsmittel, um in Bildern auszudrücken, was sie wahrnimmt. Das würde mit einem Pendel nicht funktionieren. Die Kunden haben es auch lieber, wenn sie Bilder anschauen und das Genannte so verinnerlichen können. Die Hellseherin ist, wie sie es ausdrückt, die ganze Zeit «online», mit der geistigen Welt verbunden. Hauptsächlich arbeitet sie mit ihrer inneren Intuition. Damit sie ihre Eingebungen aber richtig versteht, unterstützen sie ihre geistigen Helfer, die Engel. Diese sind 24 Stunden anwesend.
Das Wort «Wahrsagerin» mag die 33-Jährige nicht. Es sei negativ behaftet. Unter «Wahrsagerin» stelle man sich jemanden mit einer Kugel vor. «Seher» sei neutral. «Ich möchte lieber Seherin oder Medium genannt werden. Das ist mir wichtig. Ich helfe und unterstütze Menschen. Meine Fähigkeiten sind nicht dazu da, Ratespiele zu machen.» Für sie ist es ein Talent, wie andere ein Talent zum Musizieren oder Tanzen haben. Die Reaktionen bezüglich ihrer Tätigkeit sind sehr positiv. «Es ist ein aussergewöhnlicher Beruf. Viele stellen sich unter einem Medium vor, dass es Gedanken lesen kann. Dabei ist ein Seher ein Mensch, der Dinge intuitiv wahrnimmt. Das wiederum ist nichts Aussergewöhnliches, sondern ein natürlicher Zustand, den ich mir bewahren konnte und der von anderen Menschen ein wenig in Vergessenheit geraten ist.»
Menschen aller Berufe verkehren bei dem Medium. Lehrer, Psychologen, Therapeuten, Büroangestellte, Mütter. Erstaunlicherweise gibt es viele, die eine Führungsposition innehaben. Die wollen eine Beleuchtung, für das, was sie denken. Eine andere Sichtweise hören. Jeder, der Nadine Reuter kontaktiert, tut das aus diesen Gründen. Die werdende Mutter hatte auch schon enttäuschte Kunden. Weil sie ihnen nicht das sagte, was sie hören wollten. Oder die Menschen, die sie um Rat fragten, zu grosse Erwartungen hatten. Sie dachten, Nadine Reuter könne ihnen ganze Schritte voraussagen oder ihnen Verantwortung abnehmen. Oder aber auch, weil eine Prognose nicht eintraf. Das passierte anfangs öfter, heute kaum noch. Es ist ihr wichtig, dass sie den Leuten Eigenständigkeit zurückgibt, damit diese Verantwortung für sich selber übernehmen.
Es kommt oft vor, dass Menschen mit der Hilfe der Seherin eine neue Liebe oder einen neuen Job finden. Sein Geld hat noch nie jemand zurückverlangt. Es macht ihr nichts aus, dass sie täglich dieselben Fragen hört. Denn diese beschäftigen die Menschen nun einmal. «Ich nehme die Lebensprobleme nicht persönlich. Da ich mir viel Raum ausserhalb des Jobs suche. Ich habe Phasen, in denen ich die Sorgen loslassen kann.» Wie vermittelt sie jemandem schlechte Nachrichten? «Für mich gibt es kein Gut oder Schlecht. Auch eine Krankheit kann positiv sein. Ich versuche es so auszudrücken, dass ein Mensch etwas Positives daraus machen kann. Dass es ihm etwas bringt. Aber ich bin nicht nur dafür da, nur Positives zu sagen.»
Vor wenigen Monaten ist ein 17 Jahre altes Mädchen zu ihr in die Praxis gekommen. Die Kundin klagte über ihr Gewicht und sagte, sie möchte unbedingt 15 Kilo abnehmen, doch schaffe es nicht. Sie habe schon alles versucht und denke auch jeden Tag positiv. Die Seherin hat ihr erklärt, dass die Zellen ihr das positive Denken nicht abnehmen, sondern verwirrt seien und nicht mehr wissen, was sie machen sollen. Denn die Zellen nahmen war, dass das Mädchen ihnen nicht die Wahrheit sagte. «Ich habe ihr gesagt, sie soll ehrlich mit den Zellen sein und ihrem Körper sagen, dass sie das Übergewicht stört und sie gerne dünner wäre. Sie soll aber trotzdem, während sie das zu ihrem Körper sagt, ihn vom Herzen aus anstrahlen. Vom Ego her dem Körper die Meinung sagen, diesen auf der geistigen Ebene nicht ablehnen und ihm eine Berechtigung geben, da zu sein.» Das Mädchen hat sich später gemeldet und mitgeteilt, dass sie acht Kilo abgenommen habe und sehr glücklich sei.

*   *   *

Wenn ich schon bei einer Hellseherin bin, muss ich auch die Chance nutzen und persönliche Fragen stellen. Mich interessiert, wie sie meine Beziehung sieht und wann ich einen neuen Job bekomme. Wie sie meine Beziehung beschrieb, verrate ich hier nicht, nur soviel: Es stimmte alles und machte durchaus Sinn. Ausserdem stehen die Prognosen gut, dass ich demnächst eine passende Stelle finden werde.

*   *   *

Nadine Reuter legt selten Karten für sich. «Weil es schwierig ist, bei sich selber objektiv zu bleiben», erklärt sie. Manchmal macht sie es, wenn sie nicht weiter weiss, oder sie fragt eine andere Person um Rat. «Das kann aber meine Katze oder ein Baum sein. Wenn ich um Bäume bin, dann geht es mir einfach gut.» So schaltet sie auch ab. In der Natur. Oder bei guter Musik, beim Tanzen und vor der Schwangerschaft beim Reiten. Wäre sie nicht Seherin und Medium geworden, dann Sängerin. Schon als Kind sang sie gern.
Heute nimmt sie Gesangsstunden, singt aber nur für sich. Nadine Reuter pflegt auch keinen Kontakt zu anderen Hellsehern, nur zu einem anderen Medium. Eher zählen Musiker zu ihrem Freundeskreis.
Der Seherin fehlt es schwer einzuschätzen, wie viele telefonische und persönliche Beratungen sie pro Tag oder Woche hat.
Dies sei unterschiedlich. Es gebe Phasen, in denen mehr oder weniger laufe. An Fest­tagen verzeichnet sie keinen besonderen Zulauf. Die Hellseherin macht keine genauen Zeitangaben: «Die Zukunft ist für mich unbestimmt, ich kann nur Tendenzen heraussehen. Ich kann mich quasi in einen Informationsstrom einklinken. Wenn aber bei einem Kunden ein Schicksalsschlag eintrifft, dann kann das die Zukunft wieder verändern. Der Mensch hat einen freien Willen und kann selber mitbestimmen. Der Kunde kann selber entscheiden, welchen Weg er gehen will. Ob er meinen Rat annimmt oder nicht. Darum können gewisse Prognosen dann auch nicht stimmen. Ich sage nie definitiv «Ja» oder «Nein», es gibt kein Schwarz oder Weiss. Ich sage «Es geht in diese oder diese Richtung, ich gebe Richtlinien, Tendenzen.»
Nadine Reuter gibt auch Tagesseminare für Firmen namens «Vertrauen in die eigene Intuition». Diese werden vermehrt gebucht. «Es passt in unsere Zeit, weil wir nur mit unserer Ratio nicht weiterkommen. Der Verstand alleine reicht nicht mehr, man muss zusätzlich auf sein Gefühl vertrauen. Zusammenhalt und Intuition sind gefragt.» Noch nicht alle Firmen seien soweit, sich für diese Themen zu öffnen, aber immer mehr. Unterschiedliche Firmen buchen solche Seminare, jüngst eine Stadtverwaltung aus der Ostschweiz. Der Chef war sehr zufrieden und die Verwaltung will nochmals mit dem Medium zusammenarbeiten, um auf das Vorherige aufzubauen.
Besucher lernen in den Seminaren, wie man Intuition im täglichen Arbeitsleben integrieren kann. «Indem man sich bewusst wird, dass wir alle geistige Wesen sind. Wir haben drei Werkzeuge bekommen: Ego, Gefühl und Körper. Das Ego hilft uns, Unterschiede zu erkennen, ohne das könnten wir hier nicht überleben. Das Ego hat aber immer eine Meinung. Dabei sollten wir auf unsere Eingebungen vertrauen, anstatt auf diesen «Plapperli», diese innere Ego-Stimme, zu hören. Er lenkt uns von unserer Intuition ab und wir hören nicht auf unser Gefühl.» Männer sind bekanntlich weniger empfänglich für esoterische Themen. Dazu Nadine Reuter: «Die Stimmung am Firmenseminar war sehr gut. Trotz freiwilliger Teilnahme erschien jeder einzelne Mitarbeiter der Firma. Das fand ich sehr schön. Das zeigte mir auch, dass jeder Mensch an die Intuition erinnert werden will. Auch Männer haben das in sich, nur haben sie es sehr lange unterdrückt, weil sie dachten, die weibliche Kraft in ihnen sei etwas Negatives. Es kommen auch immer mehr Männer in meine Beratung.» Früher waren zwischen 10 und 20 Prozent männlich, heute sei der Anteil an Männern und Frauen fast ausgeglichen. Seit der Finanzkrise hat Nadine Reuter nicht mehr Kunden. Die Fragen drehen sich aber vermehrt um Arbeitslosigkeit. Viele Leute wollen wissen, wie es weitergeht, ob sie ihren Job behalten werden. Banker haben nach gewinnbringenden Investitionen gefragt. Schon vor der Krise.
Nadine Reuter kann auch mit Verstorbenen kommunizieren. Dafür muss sie sich in keinen besonderen Zustand versetzen. Sie stellt sich einfach auf das «Gespräch» ein und erhält dann aus dem Jenseits schwarz- weisse Bild-Botschaften von den Toten.
Warum die Bilder nicht farbig erscheinen, würde die Seherin auch gern wissen.

*   *   *

Ich nutze die Gelegenheit und lasse eine Gross­tante «rufen». Das Medium bittet mich, fest an das Familienmitglied zu denken und schon ist der Kontakt aufgebaut. Die Seherin beschreibt zuerst die äusserliche Erscheinung der Verwandten. Dann wiedergibt sie deren Botschaften. Dies alles in einem normalen Gesprächston. Nicht wie in Film und Fernsehen, wo ein Medium in einer anderen Stimme spricht. Meine Grosstante lässt mir durch Nadine Reuter sagen, dass sie stolz auf mich sei. Und sie erwähnt weitere Dinge, die sie schon zu Lebzeiten über mich sagte. Zudem sieht die Hellseherin, dass der Grossvater väterlicherseits durch einen Unfall sein Leben verlor. Ich bin verblüfft. Ich habe zuvor nichts von dem Vorfall erwähnt, nur den Vornamen des Grossvaters genannt.

*   *   *
 
Zweifler will Nadine Reuter nicht bekehren. Es sei in Ordnung, wenn jemand nicht an Hellseherei glaube. «Jeder denkt, was er will, das ist sein Recht.» Natürlich diskutiere sie eher mit Leuten, die esoterische Themen verstehen. Für sie sei alles Spiritualität. Sei dies Kochen oder Musik machen. Den Vorwurf, Wahrsagerei sei Scharlatanerie und Abzocke kann sie nicht ernst nehmen. Jeder mache das, was er gut kann und versuche, damit Geld zu verdienen. Wie ein Bäcker mit seinen Brötchen. Jeder Beruf sei gleichwertig. Und jeder bekommt Geld für etwas, das er gut macht. Es gebe aber immer Menschen, die etwas ablehnen.
«Ich spüre, dass wir grundsätzlich alle gleich sind. Dass jeder ein Licht ist. Die Menschen an das Licht in sich zu erinnern, ihre innere Kraft, den Funken in ihren Augen zu sehen. Deswegen übe ich diesen Beruf aus.» Es gibt nichts, was Nadine Reuter nicht gerne macht. Ihre Erfolgsquote messe sie daran, dass die Leute immer wieder zu ihr kommen. Daraus schliesst sie, dass die Kunden zufrieden sind mit ihr. «Es ist auch eine Erfolgsgeschichte, dass ich von diesem Beruf leben kann. Von dem, was ich am liebsten mache. Es geht nicht ums Geld. Ich hoffe, dass ich das bis ans Ende meines Lebens machen darf. Es ist eine Lebensaufgabe für mich. Meine Arbeit ist wie mein Kind.»
Nachts träumt sie von der Zukunft und hat globale Zukunftsvisionen, wie die Welt aussehen wird. «Ich sehe eine neue Gesellschaft, die wieder mehr Herz entwickeln wird. Das Jahr 2012 ist kein Jahr des Untergangs, sondern ein Untergang des alten Bewusstseins. Wir haben in den letzten 50 Jahren alles aus unserer Erde heraus­geholt. Das wird nun nicht mehr gehen. Mir werden Träume von einer Welt gezeigt, in der wir alle viel friedlicher miteinander leben.» Auch die Weltwirtschaft werde in den nächsten zwei bis drei Jahren an einem ganz anderen, einem besseren Ort stehen. Dass die Menschen es besser machen werden. Es werde aber nicht einfach besser, es brauche mehr Herz und Zusammenhalt. Auch für den «arbeitsmarkt» sehe es gut aus: «Das Fachmagazin hat Zukunft, es wird weiterhin bestehen. Wichtig ist, dass man Menschen über verschiedene Ebenen aufklärt. Dass man Rationales und Intuitives auf so einer Plattform zusammenbringt.» Dass man einer Person wie ihr die Möglichkeit gebe, in dieser Zeitschrift aufzutreten, findet sie toll. Der «arbeitsmarkt» habe das Potenzial, auch solche Themen anzusprechen.
Pläne für ihre eigene Zukunft hat die Hellseherin natürlich auch: Zuerst einmal wird sie Mutter sein. Ihr Kind sei eine extreme Freude und Herausforderung. Sie habe auch gesehen, dass sie schwanger werde. «Die Seele hat mit mir schon vorher Kontakt aufgenommen und mir gesagt, dass sie bald zu mir kommt.» Sie möchte auch gerne mehr für und mit Kindern machen. Sie gibt schon Schutzengel-Seminare für Kinder. Ebenfalls würde sie gerne vermehrt mit Anwälten, Ärzten und der Polizei zusammenarbeiten. Um Fälle aufzulösen und Menschen helfen zu können. 

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche