der arbeitsmarkt | 07.04.2010 | Text: Michael Helbling und Antje Hentschel
mh/ahe. Die diesjährige SGKM-Jahrestagung richtete ihren Fokus auf die Online-Kommunikation. In über zwanzig Panels gaben Fachexperten einen Einblick in ihre Erkenntnisse.
«Die Öffentlichkeit erwartet von der Wissenschaftsgemeinde Antworten auf die Fragen rund um die Online-Kommunikation.» Vinzenz Wyss, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikation und Marketing (SGKM), verwies in seiner Begrüssungsansprache auf die Relevanz der SGKM-Tagung in Luzern. Während zweier Tage setzten sich Experten in über zwanzig Panels auf unterschiedlichste Weise mit den aktuellen Tendenzen und Dynamiken der Online-Kommunikation auseinander. Eines war indes sämtlichen Veranstaltungen eigen: Sie fanden alle real und offline statt, wie Bettina Durrer betonte, Leiterin des Instituts für Marketing und Kommunikation an der Hochschule für Wirtschaft in Luzern, in deren Räumlichkeiten die Tagung stattfand.
Den Auftakt machte Christoph Neuberger von der Universität Münster mit einer Keynote unter dem Titel «Aus den Augen verloren? Die Kommunikationswissenschaft und das Internet». Neuberger forderte unter anderem eine Neuausrichtung der Kommunikationswissenschaft, weil «die Brisanz des Medienwandels in ihrer Tragweite noch nicht erfasst» ist. Lange habe die einzige Annäherung an das Medium Internet in der Kritik bestanden. Weil das Internet interaktiv sei, so Neuberger, müsse der Begriff des Massenmediums neu gefasst werden. Dieses interaktive Moment verlange neue Muster der Deutung und Beobachtung, weil Öffentlichkeit durch Öffentlichkeit beobachtet und gedeutet werde. Die Kommunikationswissenschaft müsse zudem als Fach verstanden werden, das sich zwischen den verschiedenen Disziplinen bewegt.
Unter dem Titel «Kommunizierst Du noch oder facebookst Du schon?» geht die junge Soziologin Bernadette Kneidinger in ihrer Dissertation der Frage nach dem Mehrwert für die Nutzerin und den Nutzer in sozialen Online-Netzwerken wie Facebook nach. Ausgangslage ist die These, dass durch die Verwendung ebensolcher Netzwerke Kommunikation, Information und Selbstpräsentation vermischt wird. Um diese These zu überprüfen, hat Daten von vierzig Facebook-Usern ermittelt und ausgewertet. Dabei hat sich gezeigt, dass die Selbstdarstellung nicht - wie vermutet - das primäre Nutzungsmotiv solcher Netzwerke ist, sondern die Kommunikation an sich. Nichtsdestoweniger spielt die Selbstdarstellung eine wichtige, wenn auch nur implizite Rolle, weil sie einerseits selbst und andererseits durch andere Nutzer konstruiert werde. Und weil das Selbstbild in interaktiv-kommunikativer Weise konstruiert werde, so schloss die Referentin, sei Facebook eben mehr als «nur» Kommunikation.
Die Technische Universität Dortmund hat Weblogs mit traditioneller Tagespresse verglichen. Blogs bieten durch ihre Abkehr von gängiger Berichterstattung und ihre Hinwendung zu Internetthemen einen wichtigen Gegenpol zur Tagespresse. Sie haben die Möglichkeit und damit den Vorteil, sich ganz einem Thema zu widmen, ohne dabei einseitig zu erscheinen. Der Anspruch an eine vielseitige Herangehensweise wird vor allem an die Printmedien gestellt.
Um die klassische Art des Journalismus zu verdrängen, fehlt es den Blogs jedoch an Kontinuität in der Berichterstattung, sowie an eigenständiger Recherche. Blogs sind daher zwar als Ergänzung der Medienlandschaft zu sehen, stellen aber keine Konkurrenz zum herkömmlichen Journalismus dar.
Liegt die Wahrheit im Auge des Betrachters? Laut einer Studie der Universität Lugano, die vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wurde, beträgt die Fehlerquote in Schweizerischen Zeitungen rund 60 Prozent. Die entdeckten Makel reichen dabei von falsch geschriebenen Namen über fehlerhafte Orts- oder Datumsangaben bis hin zu Zitaten, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, und so eine völlig andere – falsche – Bedeutung erhalten.
Ist ein Fehler erst einmal im Umlauf, verbreitet er sich und ist praktisch nicht mehr aufzuhalten. Innert weniger Stunden oder Tage manifestiert er sich in weiteren Printmedien, weil viele Redaktoren und Redaktorinnen die Informationen einfach vorbehaltlos übernehmen. Im Internet ist die Problematik durch den Aktualisierungszwang nochmals ungleich höher. Die Ursachen für Fehler sind gemäss der Studie hauptsächlich im nicht vorhandenen Verständnis für die Thematik des Artikels, im Zeitdruck und in mangelnder Recherche der Autoren und Autorinnen zu suchen. Die Fehleranfälligkeit des Journalismus wird durch die heutigen zahlreichen Publikations- und Kopiermöglichkeiten noch erhöht.
Interessanterweise haben jedoch Schweizerinnen und Schweizer ein besonderes Vertrauensverhältnis zu «ihren» Printmedien, so dass Fehler verziehen und die Konsumentinnen und Konsumenten die Zeitungen auch weiterhin kaufen und lesen. Trotzdem täuscht diese Sympathie nicht darüber hinweg, dass eine hohe Fehlerquote mit einer tieferen Glaubwürdigkeit einhergeht, was zumindest längerfristig einen Verlust von Leserinnen und Lesern der betroffenen Zeitungen zur Folge haben könnte.
Internetplattformen von Unternehmen basieren auf der Kooperationsbereitschaft der Teilnehmenden. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung der Universität St. Gallen. Faktoren zum Aufbau von Vertrauen sind Reziprozität, also die Wechselseitigkeit zwischen Unternehmen und Kunden, Nutzerkontrolle, pro-aktive Kommunikation, die Marke, so genannte Third-Party-Endorsements (Empfehlungen Dritter), das Design der Homepage, die Technik und der Kundenservice.
Trotz aller internetrelevanten Faktoren, spielt der Realweltbezug im Cyberspace eine sehr wichtige Rolle. Ein Unternehmen kann nur glaubwürdig und vertrauenswürdig erscheinen, wenn dies bei der Unternehmensstrategie des Internetauftritts berücksichtigt wird, zum Beispiel mit Mitarbeiterfotos, die auf der Homepage des Unternehmens zu sehen sind. Die Medienöffentlichkeit wird kritischer, die Reputation der Firma immer häufiger hinterfragt. Für eine virtuelle Welt ohne emotionale Bezugspunkte ist der Mensch eben nicht gemacht.