der arbeitsmarkt | 04/2010 | Text: Michael Helbling

«Der Einstieg beginnt mit dem Ausstieg»

Die Psychologin Bettina S. Wiese untersucht, wann und wie der berufliche Wiedereinstieg gelingt. Im Interview erklärt sie, wo die Schwierigkeiten bei der Rückkehr liegen, wie wichtig die Eigenverantwortung ist und was man in der Bewerbungsphase lieber sein lässt.

Frau Wiese, Sie leiten eine Nationalfondsstudie zum beruflichen Wiedereinstieg von Müttern. Kennen Sie den Wiedereinstieg auch aus persönlicher Erfahrung?
Bettina S. Wiese: Ja, ich habe meinen Sohn bekommen, als ich noch promoviert habe. Ich war zwar für ein Jahr beurlaubt, habe aber an meiner Promotion weitergearbeitet. Insofern habe ich ausgesetzt und doch nicht ausgesetzt.  

Welchen Stellenwert hat der berufliche Wiedereinstieg in der heutigen Arbeitswelt?
Es ist ein bedeutsames Thema, denn die meisten Frauen, die Mütter werden, steigen nach einer Familienpause wieder ins Erwerbsleben ein. Auch Männer müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen, wenn ihre Frauen den Wunsch haben, ins Erwerbsleben zurückzukehren. In der eigenen Berufsbiographie hat das Thema für Männer aber bisher keinen nennenswerten Stellenwert, weil in der Schweiz über 90 Prozent Vollzeit arbeiten. Bei Vätern liegt der Prozentsatz sogar noch etwas höher. Für die Frauen ist die Mutterschaft eine deutliche Zäsur in der beruflichen Laufbahn, weil dann immer eine mehr oder weniger lange Auszeit stattfindet. Mehr als die Hälfte der Frauen steigt im ersten halben Jahr nach der Geburt des Kindes wieder in den Beruf ein. Von den Müttern mit Schulkindern arbeiten rund 80 Prozent. Dabei sind erwerbstätige Mütter in der Schweiz wiederum zu über 80 Prozent teilzeitbeschäftigt, und das zum Teil auch nur mit Minimalpensen von 20 oder 30 Prozent, was eine schweizerische Besonderheit ist.

Warum diese Besonderheit in der Schweiz?
Diese Frage könnten Experten aus der Soziologie besser beantworten als ich. Relativ niedrige Pensen entsprechen in der Schweiz dem Wunsch vieler Frauen, und der Arbeitsmarkt hat entsprechende Stellen zu bieten. Für eine verheiratete Frau in der Schweiz ist zudem nicht immer die ökonomische Notwendigkeit da, mehr zu arbeiten. Allerdings ist zu befürchten, dass Minimalpensen die Karriereunterschiede zwischen Männern und Frauen stabilisieren. Dass es mit einer 20-Prozent-Stelle schwierig ist, Karriere zu machen, dürfte wohl jedem klar sein. Dafür ist mit solchen Minimalpensen ein sanfter Wiedereinstieg möglich. Darin liegt auch eine grosse Chance.

In Ihrer aktuellen Studie unter­suchen Sie, wovon eine erfolgreiche Rückkehr in den Beruf abhängt. Was ist wichtig für einen möglichst zufriedenstellenden beruflichen Wiedereinstieg?
Unsere Analysen sind noch nicht abgeschlossen, aber so viel lässt sich schon sagen: Am positivsten für die Zufriedenheit beim Wiedereinstieg ist die Überzeugung, gegenwärtig und zukünftig gut mit beruflichen Herausforderungen umgehen zu können. Je schwächer das diesbezügliche Selbstvertrauen ausgeprägt ist, desto weniger erfolgreich verläuft der Berufsrückkehrprozess in der Wahrnehmung der Frauen. Das hängt auch mit dem eigenen Verhalten am Arbeitsplatz zusammen: Je stärker die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen sind, wie wir das nennen, umso aktiver bringen die Frauen sich ein. Sie beobachten und fragen nach, wie etwas funktioniert. Sie wollen lernen und sind bereit, sich anzustrengen.
 
Welche Strategien setzen Frauen ein, um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können?
Wir haben die Frauen gefragt, was sie in Handlungsfeldern wie Kinderbetreuung, Organisation des Haushalts, Pflege von Partnerschaft und freundschaftlichen Beziehungen, Erholung sowie im Bereich persönliche Freiräume machen. Kinderbetreuung und Haushalt haben sie im Griff. Die Kinder versuchen sie über Kindertagesstätten oder Verwandte zu betreuen, und beim Haushalt haben viele ihre Standards einfach ein bisschen gesenkt. Als schwieriger empfinden sie, genügend Zeit für sich und den Partner zu haben. Und am allerschwierigsten ist das Thema Erholung und persönliche Freiräume.

Warum ist es so schwierig, Strategien ausgerechnet für die persönliche Erholung zu finden?
Beanspruchung im Beruf an sich ist nicht schlecht, solange man sich auch wieder erholen kann. Mit der wachsenden Beanspruchung wird auch das Bedürfnis nach Erholung wieder stärker. Funktioniert das nicht, braucht man immer mehr Zeit, um sich zu erholen, und findet immer weniger Zeit dafür. Zudem geben einige Frauen an, dass es mit dem schlechten Gewissen zu tun hat: Wenn man schon so viel ausser Haus ist, dann fühlt man sich verpflichtet, die übrige Zeit mit der Familie zu verbringen.

Wie sieht es mit der Unterstützung durch den Partner aus?
Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich Unterstützung durch den Partner im Regelfall positiv auf das allgemeine Wohlbefinden auswirkt. Allerdings konnten wir nicht feststellen, dass die Unterstützung durch den Partner darüber hinaus positive Wirkungen entfaltet. Für die Frage, wie zufrieden die Frauen mit ihrer Erwerbstätigkeit sind oder ob sie womöglich schon kurze Zeit nach dem Wiedereinstieg mit Rückzugsgedanken spielen beziehungsweise wie schnell sie sich einarbeiten und als vollwertiges Mitglied der Erwerbswelt erleben, erwies sich die Unterstützung durch den Partner nicht als bedeutsam.

Welche Art der Unterstützung wünschen sich die Frauen denn von ihrem Partner?
Es geht vor allem um Hilfe im Haushalt und mit den Kindern. Sie wünschen sich aber häufig auch mehr emotionale Unterstützung: zuhören oder Zeit für Gespräche haben. Immer wichtiger wird im Verlauf des ersten halben Jahres nach dem Wiedereinstieg, was wir Companionship nennen. Da geht es etwa darum, für angenehme Freizeit zu sorgen: zu zweit ausgehen, ein gemeinsamer Kinobesuch und solche Dinge. Das passt auch mit dem Befund zusammen, dass die Frauen mehr Erholung brauchen. Eher zurückhalten sollten sich Männer mit beruflichen Ratschlägen, die kommen bei den Frauen gar nicht gut an.

Werden die Wiedereinsteigerinnen auch von ihrem beruflichen Umfeld unterstützt?
Ja, obgleich sich manche mehr Unterstützung von den Kollegen und Vorgesetzten wünschen. Wie unsere Erhebungen zeigen, ist es aber kein Zufall, wer wann unterstützt wird. Zeigt man eine deutliche Lernbereitschaft, sind die Arbeitskollegen sehr viel stärker bereit, Unterstützung zu geben. Und es gibt einen weiteren wichtigen Befund: Wenn Wiedereinsteigerinnen nur Unterstützung erleben, ohne andere zu unterstützen, wirkt sich das nach einiger Zeit negativ auf die bereits erwähnten Selbstwirksamkeitsüberzeugungen aus. Das heisst, es muss eine Gegenseitigkeit geben. Wenn man daraus etwas für das Arbeitsumfeld ableiten will, kann man sagen: Gib der Wiedereinsteigerin auch Gelegenheit, anderen etwas zu zeigen und andere zu unterstützen.

Aus der Studie sollen Empfehlungen für Mütter abgeleitet werden ...
Für den Einzelfall können Empfehlungen nur abgeleitet werden, wenn wir den Lebenskontext und die persönliche Situation kennen. Was ich aber allgemein sagen kann: Ganz wichtig ist, die eigene Verantwortung zu sehen. Wenn wir alle möglichen Prädiktoren wie Geschlechterrolleneinstellungen, Unterstützung aus dem privaten Umfeld oder die eigene Lernbereitschaft und das aktive Verhalten am Arbeitsplatz betrachten, dann sehen wir, dass insbesondere das, was die Frau selbst tut, von grösster Bedeutung ist.

In der Studie haben Sie entdeckt, dass sich die expliziten Einstellungen von den impliziten unterscheiden. Was heisst das genau?
In der Einstellungsforschung unterscheiden wir zwischen einer expliziten und einer impliziten Einstellungsebene. Bei der expliziten Ebene können wir Leute fragen, was sie von diesem oder jenem halten. Die Personen antworten dann sehr bewusst und gegebenenfalls auch sozial erwünscht. Die implizite Ebene ist unserem Bewusstsein nicht so zugänglich und kann auch nicht so gut kontrolliert werden. Diese Einstellungsebene lässt sich zum Beispiel mit Computeraufgaben erheben, die Reaktionszeiten auf bestimmte Bild-Wort-Kombinationen erfassen.

Wie sind die Resultate zu den Geschlechterrolleneinstellungen ausgefallen?
Auf der impliziten Ebene scheint das traditionelle Bild, dass es positiver ist, wenn eine Frau zu Hause ist, statt ausser Haus zu arbeiten, noch stärker präsent zu sein als auf der Ebene des bewussten Selbstberichts.

Was bedeutet das für die Frauen konkret?
Wir finden Hinweise darauf, dass Frauen mit starken Diskrepanzen zwischen diesen beiden Einstellungsebenen von mehr psychosomatischen Symptomen berichten. Diese Symptome bewegen sich aber auf sehr niedrigem Niveau und machen noch niemanden handlungsunfähig im Beruf.

Lassen sich aus der Untersuchung auch Empfehlungen für die Länge der Auszeit ableiten?
Die Länge der Auszeit ist eine sehr persönliche Entscheidung. Auf der einen Seite ist mit kleinen Kindern die Betreuungsfrage schwieriger zu lösen als mit grösseren. Auf der anderen Seite zeigt unsere Studie, dass mit der Dauer der Auszeit das Ausmass wächst, in dem die Frauen berichten, dass ihnen wichtiges berufliches Know-how fehlt und die Einbindung in beruflich wichtige soziale Netzwerke. Je länger die Auszeit war, desto mehr Zeit benötigen die Frauen dann für den Prozess der beruflichen Wiedereingliederung.

Und aus Sicht der Arbeitgeber?
In früheren Studien, die ich durchgeführt habe, ging es darum herauszufinden, wie Frauen von ihrem Arbeitsumfeld wahrgenommen werden, nachdem sie mehr oder weniger lange ausgesetzt haben. Es zeigte sich: Je länger die Auszeit ist, desto grösser die Gefahr, als weniger motiviert wahrgenommen zu werden.

Was bedeutet das für den Wiedereinstieg nach längerer Auszeit?
Frauen müssen diesem Bild etwas entgegensetzen können, was den Wiedereinstieg ja auch nicht gerade einfacher macht. Es gibt allerdings Fälle, in denen Frauen, die beruflich länger ausgesetzt haben, schon in den Bewerbungsschreiben betonen, dass sie während dieser Zeit nicht einfach Kinder hatten, sondern beispielsweise Familienmanagerinnen waren und mit den Kindern ihre sozialen Kompetenzen erweitert hätten. Dann nehmen Kinder und Familie aber leicht mehr Raum im Anschreiben ein als der berufliche Bereich. Hier besteht die Kunst darin, familien­bezogene Informationen geschickt zu dosieren.

Das klingt, als würden sich viele Frauen bei der Bewerbung für ihre Zeit als Hausfrau und Mutter rechtfertigen ...
Es ist tatsächlich eine unnötige Rechtfertigung, die sich dann auch noch in einem allfälligen Vorstellungsgespräch fortsetzen kann. Wenn man zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, heisst das ja, dass man eine qualifizierte Bewerberin ist. Selbstverständlich muss man auf Fragen vorbereitet sein, bei denen es darum geht, wie die Kinderbetreuung geregelt ist. Aber man muss nicht von sich aus das Gespräch auf die Kinder lenken. Auch wenn man nach den eigenen Stärken gefragt wird, soll man nicht nur Beispiele aus dem Familienleben bringen. Man kann sich so – ich sage das bewusst ein bisschen provokativ – auch selbst in die Mutti-Ecke stellen.

Imagepflege scheint sehr wichtig zu sein ...
Man darf sie zumindest nicht unterbewerten. Es ist toll, Familie zu haben! Ganz sicher lernen wir während der Familienphase auch vieles, was wir später wieder ins Berufsleben einbringen können. Das sollten sich die Frauen auch bewusst machen, denn damit stärken sie ihr Selbstvertrauen. Wenn diese Erkenntnis dann in ein selbstbewusstes Auftreten einfliesst, umso besser, denn das zeigt sich dann ja auch nach aussen.

Gibt es denn schon Pläne, wo und in welcher Art Ihre all­gemeinen Empfehlungen publiziert werden?
Ich schreibe derzeit tatsächlich auch einen Ratgeber zum Thema, der im August 2010 erscheinen wird. Mein Credo ist: Der Einstieg beginnt mit dem Ausstieg. Es geht also um die Frage, wie ich den Wiedereinstieg angehe, noch bevor ich ausgestiegen bin. Man kann sich zum Beispiel von vornherein für Ferienvertretungen anbieten. Sehr wichtig ist auch, in der Auszeit beruflich vernetzt zu bleiben. Der berufliche Wiedereinstieg ist aber auch eine Chance, noch einmal beruflich etwas Neues zu machen, an das sich eine Frau ohne Familienpause gar nicht herangetraut hätte. Insofern ist der berufliche Wiedereinstieg für alle Beteiligten eine spannende Zeit. 

 
 
 

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