der arbeitsmarkt | 04/2010 | Text: Michael Helbling

«Ich musste erst wieder lernen zu lernen»

16 Jahre lang war Kathrin Kobel beruflich weg vom Fenster. Mit viel Elan und Schritt für Schritt hat sie vor rund sieben Jahren ihren beruflichen Wiedereinstieg aufgegleist. Seit bald fünf Jahren
arbeitet sie wieder als kaufmännische Angestellte – und kann von Weiterbildungen fast nicht genug kriegen.

Kathrin Kobels beruflicher Wiedereinstieg erfolgte nach einer für heutige Verhältnisse unüblich langen Zeit: 16 Jahre sind nicht nur eine Babypause, sondern eine Kinder- und Heranwachsendenpause. Und danach ging es für Kobel nicht Schlag auf Schlag, sondern Schritt für Schritt. Seit viereinhalb Jahren arbeitet sie bei der Maler- und Gipsergenossenschaft in Biel als kaufmännische Angestellte – also auf dem Beruf, den sie gelernt hat – und ist doch weiter als je zuvor.
Gelernt hat Kathrin Kobel das Kaufmännische in einem Metall verarbeitenden Betrieb in Täuffelen bei Biel. Zwei Jahre nach Abschluss ihrer Lehre nahm sie eine Stelle als Abteilungssekretärin bei der Erziehungsdirektion in Bern an. «In dieser Zeit habe ich mich während eines Jahres zur Sekretärin mit eidgenössischem Fachausweis weitergebildet», erinnert sich Kobel. Es war die erste Weiterbildung in ihrer beruflichen Laufbahn - und es sollte nicht die letzte gewesen sein.
Nach ein paar Jahren Erwerbstätigkeit nahm Kobels Privatleben zunächst die gängige Wende, «alte Schule», wie sie selbst sagt: Sie heiratete und wurde Mutter zweier Söhne, und in den nun folgenden 16 Jahren spielte die Familie die Hauptrolle in ihrem Leben. «In meiner neuen Rolle als Hausfrau und Mutter ging ich voll auf», erzählt Kobel. Durch die Karriere ihres damaligen Mannes war für sie die Familie ein Vollzeitengagement. «Gefehlt hat mir der Beruf in dieser Zeit gar nie. Dafür fehlte schlicht die Zeit.»
Als die Söhne selbständiger wurden, fand Kobel immer mehr Gefallen am Gedanken, sich auch ausserhalb der eigenen vier Wände zu engagieren. In ihrer damaligen Wohngemeinde hatte sie schon den Elternrat der Schule mitbegründet. Nun war die Zeit reif, auch den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu wagen.
Um dafür fit zu sein, entschloss sie sich, an der damaligen Kaufmännischen Berufsschule in Biel, heute «Bildung Formation Biel/Bienne» (BFB), den Lehrgang «Frauen wollen zurück in den Beruf» zu besuchen. Doch so einfach war das alles nicht. Denn 16  Jahre sind eine lange Zeit, und in dieser Zeit hat sich viel verändert. «Gegen Ende meiner Zeit bei der Erziehungsdirektion war ich ein erstes Mal mit dem Computer als Arbeitsinstrument in Berührung gekommen», erinnert sich Kobel. Mittlerweile sind Computer im Büro das Arbeitsmittel schlechthin, und entsprechend seien für den Lehrgang auch PC-Vorkenntnisse nötig gewesen. Also begann ihr beruflicher Wiedereinstieg mit dem Kurs «Einstieg in die PC-Welt».

Bewerbungsgespräche auch dank Diplom

Mindestens so wertvoll wie die fachliche Wiederauffrischung sei für sie das zwischenmenschliche Moment im achtmonatigen Lehrgang gewesen. «Wir waren lauter Gesinnungsgenossinnen», sagt sie, es seien alle Frauen etwa im gleichen Alter und in der gleichen Situation gewesen. «Es war allerdings auch kein Zuckerschlecken. Nach 16 Jahren musste ich erst wieder lernen zu lernen.» Nach acht Monaten und dem erfolgreichen Abschluss des Lehrgangs hatte sie noch keinen neuen Job - was aber auch nicht der Plan gewesen sei, schliesslich habe sie während des Kurses auch nicht nach einer Stelle gesucht.
Was ein bisschen nach «Eile mit Weile» klingt, hat im Fall von Kathrin Kobel durchaus seine Richtigkeit. «Ich wollte zunächst das Rüstzeug für den Job wiedererlangen, und zwar Schritt für Schritt», sagt sie. Es verging erneut einige Zeit, ehe sie sich auf dem Stellenmarkt umsah. «Mein Wunschziel war damals eine 20- oder 30-Prozent-Stelle», so Kobel. Weil sie und ihr damaliger Mann sich zu dieser Zeit trennten, musste sie sich von diesem Gedanken aber verabschieden und eine Halbtagsstelle ins Auge fassen, um finanziell über die Runden zu kommen. Sie begann sich zu bewerben, wurde mehrfach zu Gesprächen eingeladen, was sie heute auch auf das Diplom zurückführt, das ihr im Anschluss an den Lehrgang ausgestellt wurde. Noch klappte aber nichts, was Kobel aber nicht weiter schlimm fand, und es verging ein weiteres Jahr.
«Eines Tages kam eine Kollegin auf mich zu und fragte, ob ich immer noch eine Stelle suche», erinnert sie sich. Es war die Stelle bei der Maler- und Gipsergenossenschaft, dort, wo sie heute noch ist. 60 Prozent seien zwar etwas mehr, als sie sich eigentlich gewünscht hatte, dafür hat es von Beginn weg gepasst. Und auch der tatsächliche Wiedereinstieg ins Berufsleben, der im September 2005 stattfand, erfolgte Schritt für Schritt. «Der Einstieg verlief für mich optimal», sagt Kobel. «Ich konnte mit zehn Prozent beginnen und dann jeden weiteren Monat zehn Prozent mehr arbeiten.» Dank der flexiblen Arbeitszeiten konnte sie auch das Familien­leben bestens managen – denn noch lebten ihre beiden Söhne bei ihr.
Aus ihrem Umfeld seien eigentlich nur positive Reaktionen gekommen, als Kathrin Kobel wieder in die Berufswelt einstieg. «Bei einigen Frauen aus meinem Bekanntenkreis habe ich sogar Bewunderung gespürt – auch dafür, dass ich diesen Lehrgang absolviert habe. Ich habe es aber auch mit Elan gemacht.»

Bereits im Herbst der nächste Lehrgang

Auch wenn sie heute gerne von einem optimalen Wiedereinstieg redet, so verlief doch nicht alles so reibungslos und einfach. «Ich kam zwar damals in ein sehr gut eingespieltes Team», erinnert sie sich. «Bisweilen kam ich mir aber vor wie ein Stift – und das mit 45 Jahren!» Weil die Aufgaben im Büro aufgeteilt wurden, hatte sie mit Buchhaltung zunächst nichts zu tun. «Zahlen sind nicht meine Welt.»
PC-Kurs, Lehrgang, Wiedereinstieg - war's das? Nein, bei weitem nicht. Kathrin Kobel hat die Weiterbildung für sich entdeckt, brachte nach dem Berufseinstieg erst einmal ihr Französisch auf Vordermann. Doch das war erst der Anfang. «Ich wollte noch etwas anpacken», sagt sie. «Also habe ich den zehnmonatigen Lehrgang zur Personalassistentin gemacht.» Und was sie macht, das macht sie richtig – die Diplomnote von 5,3 spricht für sich. Es war plötzlich ein Fieber, das sie gepackt hatte; durch die Weiterbildungen merkte sie erst, wie viel sie noch lernen möchte.
«Irgendwann wollte ich wissen, ob ich wirklich zu dumm für die Buchhaltung bin», sagt sie und schmunzelt. Sie habe sich dann für einen einjährigen Lehrgang «Doppelte Buchhaltung» einge­schrieben. «Und siehe da, ich hab's begriffen!»
Damit ist sie eine gemachte Frau, sollte man meinen. Doch Kobel hat schon wieder Lust, Neues anzupacken. Allerdings sei sie sich noch nicht sicher, in welche Richtung und ob es mehr in die Breite oder eher in die Tiefe gehen solle. «Human Resources würde mich ebenso interessieren wie Immobilienbewirtschaftung oder Vertiefung in Informatik als SIZ-Anwender», sagt sie. Wahrscheinlich werde sie im kommenden Herbst einen neuen Lehrgang in Angriff nehmen. Weitermache sie in jedem Fall, so viel ist klar.
Den beruflichen Wiedereinstieg würde Kobel jeder Frau empfehlen – unbedingt. Der Grund dafür ist einfach: «Man macht es für sich selbst.» Das nach einer Zeit, in der man als Mutter vor allem für andere da gewesen sei. Der Lohn ist nicht mit Geld aufzuwiegen: Selbstwertgefühl, Abwechslung, Verantwortung ausserhalb des Hauses. «Man darf einfach nicht zu viel wollen, muss bescheiden bleiben, eins nach dem anderen nehmen. Schritt für Schritt eben. Man hat ja Zeit.» Und sie würde es wieder so machen, es sei das Zweitbeste, was sie in ihrem Leben gemacht habe. «Das Beste sind meine Söhne.»

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche