der arbeitsmarkt | 04/2010 | Text: Anita Schuler
Am Morgen zeitig aufstehen, regelmässig essen, sich sinnvoll beschäftigen sowie einfache Regeln des Zusammenlebens einhalten – das müssen die 23 drogenkranken Bewohner vom Ur-Dörfli von Grund auf neu lernen. In dieser stationären Einrichtung können sie dies dank der 24-Stunden-Betreuung von Nacht- und Wochenendbetreuern, Sozialarbeitern und Arbeitsagogen.
Was für die meisten selbstverständlich ist, eignen sich die Bewohner des Ur-Dörfli wieder an: am Abend schlafen gehen und am Morgen aufstehen zum Beispiel. Wer hier lebt, tut dies freiwillig, um den Alltag meistern zu können. Trotz und mit ihrer Sucht. Denn die Auffangeinrichtung von Pfarrer Ernst Sieber ist keine Entzugsklinik, sondern ein grosses Haus, in dem die 23 Bewohner das Zusammenleben neu lernen. Dazu gehören regelmässige Mahlzeiten genauso wie Regeln einhalten und Verantwortung übernehmen. Dabei werden sie von ihrer persönlichen Bezugsperson unterstützt – einer Sozialarbeiterin oder einem Arbeitsagogen.
Das Ur-Dörfli in Pfäffikon ZH ist ein von Sieber geschaffenes Hilfswerk, in dem drogenabhängige Menschen leben. Die 1993 gegründete Auffangeinrichtung stand ursprünglich in Urdorf, bis der Mietvertrag ablief und die Institution im ehemaligen Bahnhofhotel in Pfäffikon einen neuen Platz fand. In dieser niederschwelligen, stationären Suchthilfeeinrichtung können die Bewohner ihre Lebenssituation verbessern, dank sozialer und gesundheitlicher Stabilisierung. Ein Leben mit der Sucht.
Es ist kurz nach sieben Uhr. Das Nachtteam informiert über die vergangenen Stunden und was an diesem Tag ansteht: Ein Bewohner hat nicht im Ur-Dörfli übernachtet und wurde anscheinend von seinem Zimmernachbarn zu den Eltern nach Aarau begleitet. Ein Neueintritt ist für zehn Uhr angemeldet. Bei diesem Gespräch wird er bekräftigen, im Ur-Dörfli leben und sich an die Tagesstrukturen halten zu wollen. Wer hier lebt, tut dies freiwillig und so lange, wie er oder sie will. Weiter wurde der Arzttermin eines Bewohners verschoben, dafür sollte er unbedingt die verschriebenen Fussbäder nehmen, welche die Pflegefachfrau Josiane Grandjean im Haus vornehmen wird. Drei der Suchtkranken schliesslich müssen zur ärztlichen Untersuchung ins stiftungseigene Akutspital Sune-Egge. Erst nach dieser frühmorgendlichen Besprechung wecken Sozialarbeiterin Hanna Schmeitz und ein Teamkollege die 23 Bewohner.
Viertel vor acht – ein neuer Tag für die Bewohner beginnt. Zwei Betreuer schellen mit der grossen, urtümlichen Ur-Dörfli-Glocke die Bewohner aus den Betten und klopfen an jede Zimmertüre. Sonja und Urs – das einzige Pärchen im Haus – sind wach und rufen ein «Guete Morge» aus dem gemeinsamen Zimmer. Wer nicht antwortet, dem wird die Türe aufgeschlossen. Innert der vorgeschriebenen halben Stunde sind alle im Speisesaal versammelt. Die Regeln sind rigoros: Wer zu spät kommt, muss ein Ämtli übernehmen. Heute haben alle Bewohner rechtzeitig an einem der vier grossen Esstische Platz genommen. An diesem Tag werden die Aufgaben – Küchendienst, Wäsche, Reinigung der beiden Wohnstockwerke – regulär nach Einsatzplan ausgeführt. Das achtköpfige Team inklusive Betriebsleiter hat sich am grossen Tisch stirnseitig platziert. Hanna Schmeitz führt die Morgenbesprechung, an der die wichtigsten administrativen Angelegenheiten des Tages geklärt werden. Sie dauert nur wenige Minuten, gehört aber zur täglichen Routine – wie das Frühstück: Wer mag, bedient sich mit Kaffee und Tee, es hat Früchte auf den Tischen, zwei Schälchen Konfitüre stehen am Buffet parat, dazu etwas Butter, zwei Stück Käse. Das sieht nach Frühstück für eine Familie aus – nicht für eine Gruppe von knapp 30 Personen. Sonja, 39 Jahre alt, heroinsüchtig und aidskrank, begnügt sich mit einem Kaffee und einem Joghurt. Manchmal isst sie eine Frucht, mehr mag sie nicht. Drogenkranke haben wenig Appetit.
«Wir sind das niederschwelligste Programm, das es gibt», sagt Sonja, die seit vier Jahren im Ur-Dörfli wohnt. Sie ist freiwillig mit ihrem Partner Urs, auch er drogenabhängig, hier, damit sie trotz Sucht ein würdiges Leben führen können. Beide nehmen aktiv am gemeinschaftlichen Leben teil, bemühen sich um anständige Umgangsformen und übernehmen Aufgaben. So hat sich Sonja bereit erklärt, auf ihrem Stockwerk täglich die Toiletten und die Böden im Flur zu reinigen. Heute geht es ihr gut, ihre Putzarbeit erledigt sie tadellos und bereits am Vormittag. Doch morgen kann es wieder ganz anders sein.
Ordnung zu halten, ist schwierig für die Bewohner. Ihr etwa zwölf Quadratmeter grosses Zimmer ist Privatbereich, trotzdem gibt es zweimal wöchentlich Zimmerkontrollen. Wer seinen Wohnraum nicht einigermassen aufgeräumt hat, bekommt keine «Nebenkosten», also Taschengeld, ausbezahlt, um damit persönliche Kleinigkeiten wie Bier, Zigaretten oder Kosmetika zu kaufen. Ein bisschen Zwang muss sein, denn ganz ohne Druck können die Bewohner wegen ihres instabilen Verhaltens nicht völlig selbstverantwortlich agieren. Das weiss auch Sonja: «Ich finde es gut, auch wenn ich es nicht gern habe.» Sie befürwortet auch, dass ihr Geld, das sie von der Sozialhilfe erhält, von der Betriebsleitung verwaltet wird.
Zwischen zehn und elf Uhr hält Pflegefachfrau Josiane Grandjean Sprechstunde und gibt die Medikamente ab. Jeder Bewohner betritt einzeln den Praxisraum, wird kurz auf die Befindlichkeit befragt und nimmt seine Pharmaration ein, was alle mit ihrer Unterschrift auf der Liste zu bestätigen haben. Sonja erhält ihr Methadon und spült den Tablettencocktail mit Sirup hinunter. Am Nachmittag wird sie – da sie eine ausserkantonale Bewohnerin ist – ins Kantonsspital Aarau fahren. Mittels Blutkontrolle wird hier der Verlauf ihrer Aidskrankheit beobachtet, denn dafür ist der Praxisraum im Ur-Dörfli nicht eingerichtet, ein Labor fehlt hier. Im Ur-Dörfli misst Josiane Grandjean Fieber, legt Verbände an und setzt wenn nötig Spritzen. Daniela schluckt ihre tägliche Methadondosis und lässt sich die Hand neu verbinden. «Deine Haut ist ganz hart, wie Leder», schimpft die Pflegefachfrau, als sie ihr die Spritze zur Blutverdünnung ansetzt. Manchmal erhält einer der hier lebenden Drogenabhängigen Antidepressiva oder Beruhigungsmittel – in geringer werdenden Dosen, damit er von seiner Pillensucht loskommt, auch wenn dies nicht das primäre Ziel des Ur-Dörfli ist.
Zwei «Ur-Dörfler» haben sich bereit erklärt, mit der Arbeitsagogin Judith Küttel die Wand im Atelier zu streichen. Doch die beiden erscheinen nicht, Judith Küttel wird sie aus dem Zimmer holen müssen. Bestandteil des Betreuungskonzepts ist, dass die Bewohner aktiv am Alltag teilnehmen. Dazu werden sie dreimal täglich aus ihrem Zimmer geholt: nach der Tagwache noch zwei Mal zur Beschäftigung, jeweils am Vormittag und Nachmittag. Ganz nach Neigung und Tagesverfassung können sich die Bewohner in der Werkstatt, beim Unterhalt des Hauses, in der Küche oder im Atelier betätigen. Sie zeichnen und malen unter Anleitung der Arbeitsagogin, töpfern Figuren oder Vasen, basteln aus Tetrapackungen Luftbefeuchter für Heizkörper. Daniela ist fit und zeichnet mit Bleistift an ihrem Wolf weiter. Am Nachmittag wird sie wahrscheinlich wieder zu müde dazu sein.
Jeden Tag hilft Martin fleissig in der Küche mit. Zusammen mit Koch und Arbeitsgruppenleiter Andi Jäggi kocht er das Mittagessen. Heute haben die beiden Peperonisuppe, Currypoulet, Kartoffelstock und gedämpftes Gemüse zubereitet, dazu gibt es verschiedene Salate. Es ist laut im Speisesaal, ab und zu fällt laut krachend ein Stuhl zu Boden. Geraucht wird zur Essenszeit nicht – eine der Regeln, die alle strikte einhalten müssen. Für die einen ist es ein mühsames Lernen von rudimentären Anstandsregeln, für die anderen eine Selbstverständlichkeit.
Vor- und nachmittags patrouillieren Hanna Schmeitz und ein Kollege rund ums Ur-Dörfli. Der Weg führt zum Bahnhof sowie zwei Strassen um den Block des ehemaligen Bahnhofhotels. In ihren orangen Sicherheitswesten, beschriftet mit «Ur-Dörfli», markieren die Teammitglieder Präsenz auf den Strassen. Sie versuchen so, Bewohner am Betteln zu hindern, holen wenn nötig
herumstreifende «Ur-Dörfler» herein oder schicken suspekte Fremde aus dem Milieu weg. Das beruhigt die Bevölkerung, die der Einrichtung Ur-Dörfli noch immer mit Skepsis begegnet. Die Bewohner sind für die nächsten fünf Jahre in Pfäffikon lediglich geduldet – Drogenkranke sind keine gern gesehenen Gäste.
Schutz und Sicherheit sind wichtig – für die Bewohner genauso wie für die Bevölkerung. Das Ur-Dörfli schützt die Süchtigen vor sich selbst: Durch diese Auffangeinrichtung werden sie vor Prostitution, Suizid und Kriminalität bewahrt. Gleichzeitig wird die Gesellschaft vor ihnen und vor allem vor ihrem Suchtverhalten geschützt: Weg von der Strasse begehen sie keine Einbrüche, und Belästigungen werden unterbunden. Sonja und Urs sind so von der Strasse weggekommen, haben einen Ort gefunden, wo sie würdig leben können. Eines Tages wollen sie wieder in der Gesellschaft integriert sein, via begleitetes Wohnen soll dieser Schritt einmal möglich werden. Sonja und Urs werden selbst den Zeitpunkt bestimmen, an dem sie so weit sind.
Sonja telefoniert mit ihrer Mutter und bereut, dass sie nicht zum vereinbarten Termin gegangen ist: «Ich hatte einen Absturz, sorry, Mami, habe ein schlechtes Gewissen, tut mir mega leid.» In diesem Augenblick meint sie es wirklich so, sie ist ehrlich. Aber morgen wird sie ihre Beteuerungen wahrscheinlich bereits vergessen haben. Ihr Verhalten kann sie wegen der Sucht fast nicht ändern. Sonjas Betreuerin Hanna Schmeitz probiert trotzdem jeden Tag aufs Neue, mit ihrem Schützling den Alltag so gut wie möglich zu meistern. Sie mahnt Sonja zum Beispiel, ein Bahnbillett zu kaufen statt eine Busse wegen Schwarzfahrens zu riskieren. Die würde sie dann nicht bezahlen und unter Umständen im Gefängnis absitzen müssen. Sonjas Rechnung ist eine andere: Muss sie von ihrem Taschengeld eine Fahrkarte bezahlen, bleibt ihr weniger für Zigaretten und Bier übrig. Trotzdem, das sind die gesellschaftlichen Regeln, welche die Sozialpädagogin ihr ständig von Neuem beizubringen versucht.
Wer sich für ein Leben im Ur-Dörfli entscheidet, tut dies aus freien Stücken. Einen Entzug zu machen, ist dabei nicht das oberste Ziel. «Das Ur-Dörfli ist nicht abstinenzorientiert. Unser Ziel ist, Stabilisation der Bewohner durch Struktur herzustellen», sagt Betriebsleiter George Angehrn. Etwa ein Drittel der Bewohner kehrt in die Gesellschaft zurück und entscheidet sich für eine Entzugstherapie, für begleitetes oder sogar selbständiges Wohnen. Ebenso viele aber brechen ihren Aufenthalt im Ur-Dörfli ab – weil sie mit den Regeln und Strukturen nicht klarkommen. Auch ein Ausschluss ist möglich, da ist George Angehrn streng: «Wer im Ur-Dörfli dealt oder gewalttätig wird, muss gehen.»