der arbeitsmarkt | 05/2010 | Text: Annamaria Ress-Karl
Die Privatschule Effi-zient im zürcherischen Effretikon gibt Schulverweigerern, Schulausgeschlossenen und Jugendlichen ohne Anschlusslösung eine letzte Chance. Voraussetzung ist, dass sie bereit sind, sie bewusst wahrzunehmen und sich persönlich stark einzusetzen.
«Bei uns gilt Nulltoleranz. Der Schultag beginnt um 8.30 Uhr und nicht fünf Sekunden später. Im Berufsleben interessiert schliesslich auch niemanden, ob man fünf Sekunden oder eine Viertelstunde zu spät ist», sagt Stefan Huber, Sekundarlehrer und Schulleiter der Privatschule Effi-zient. Und ergänzt sarkastisch: «Ich bin manchmal der ‹bad guy› unserer Schule.» Die Bezeichnung will nicht recht zu ihm passen. Stefan Huber lebt seinen Schülern Werte vor, die im Berufsleben wichtig sind - Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit. «Werte», so Huber, «deren Einhaltung unabdingbar ist und die ein gewisses Mass an Selbstdisziplin voraussetzen.»
Die Privatschule Effi-zient wurde vor zwei Jahren gegründet. Derzeit werden hier sechs Jugendliche auf das Leben vorbereitet, in Zweiergruppen oder im Einzelunterricht. Die Tagesstrukturen machen es möglich, ihnen auch Dinge wie den Umgang mit Geld oder Ordnung beizubringen. Zum Beispiel, wenn sie nach drei Stunden Unterricht für das Mittagessen einkaufen, das sie dann im Zweierteam kochen. Selbstverständlich gehört auch das Aufräumen und Sauber-machen nach dem Essen dazu, bevor am Nachmittag wieder Schulstoff vermittelt wird. Jeder Teilnehmer hat hier seinen eigenen Stundenplan, auf ihn persönlich abgestimmt, um Lücken im Schulwissen zu füllen oder Erlerntes zu vertiefen.
Effi-zient ist ein Wortspiel und steht einerseits für den Standort der Schule, die Stadt Effretikon, die im Volksmund «Effi» genannt wird. Andererseits soll damit auch der egriff «effizient», also besonders wirksam und leistungsfähig, betont werden. «Wirkungsvoll, weil manchmal schon wenig ehrliche Aufmerksamkeit reicht, um etwas zu bewegen», wirbt die Homepage der Schule für ihr Anliegen. Die Frage nach einem Leitbild drängt sich auf. Stefan Huber verweist auf die Geschichte vom angeketteten Elefanten von Jorge Bucay. Sie erzählt von einem Elefanten, der über Jahre angekettet in einem Zoo lebt und sich erst dann von seinen Fesseln zu befreien versucht, als er von seiner eigenen Kraft überzeugt werden kann. Die Geschichte erläutert anschaulich, dass erlernte Werte oder Erfahrungen häufig zu einem Gefühl des Versagens führen. Dieses gelte es zu durchbrechen, was jedoch auch Zeit benötige. In der Schule Effi-zient wird den Jugendlichen beigebracht, dass ihr «Ich kann nicht»-Gefühl ins Gegenteil gekehrt werden kann. Allein diese Erfahrung bringt etliche von ihnen bereits weiter.
Den Erfolg zu messen, ist jedoch schwierig. Sicher, ein Lehrstellenantritt ist ein klar messbarer Erfolg. Doch Huber relativiert: «Wir sehen es schon als Erfolg, wenn die Schüler regelmässig pünktlich zum Unterricht erscheinen. Schliesslich haben die meis-ten dieser Jugendlichen eine steile Schulschwänzerkarriere hinter sich», sagt er. Ein «Ich kann das nicht!» dürfe es nicht geben. Immer wieder werde deshalb die Sinnfrage gestellt: «Nicht können, weil ich nicht will» oder «Nicht wollen, weil ich nicht kann», erklärt Huber. «Vielleicht kann ein Teilnehmer etwas noch nicht oder noch nicht so gut, wie er das gerne möchte. Dann sehen wir unsere Aufgabe darin, ihn beim ‹Wie mache ich Fortschritte› zu unterstützen und damit sein Selbstvertrauen zu fördern.»
Die meisten Jugendlichen, die die Privatschule Effi-zient besuchen, sind in ihrem Leben bereits mehrfach gestolpert, im privaten Bereich oder auch im Schulalltag. Oft erhalten sie von ihren Eltern keine Unterstützung, keine Hilfe bei der Lösung von Problemen. Auch Kriminalität ist häufig ein Thema. Nicht zuletzt deshalb werden auch Jugendliche von Jugendanwaltschaften an Effi-zient überwiesen. «Wir sind keine Institution, die den Jugendlichen nur über den Kopf streichelt und sie tröstet», präzisiert Stefan Huber. «Es gilt, die Chancen zu sehen und wahrzunehmen, sich anzustrengen, damit ein Ausbildungsplatz respektive eine Lehrstelle gefunden werden kann.» Im Schnitt bleiben die Schüler sechs bis zwölf Monate bei Effi-zient. Dann ist in der Regel die gesetzlich vorgeschriebene Schulzeit abgeschlossen, und sie treten im Idealfall in eine Lehre über.
Viele der Jugendlichen bei Effi-zient haben den Glauben verloren, dass sie ihre persönlichen Ziele noch erreichen können. Wozu also sich noch einsetzen, wofür noch etwas lernen? Und doch ist den jungen Leuten bewusst, dass die Chancen auf einen Ausbildungsplatz ohne Schulabschluss schlecht stehen. Um dieses Hauptproblem zu lösen, steht ihnen das Lehrerteam von Effi-zient zur Seite. Es unterstützt sie beim Schreiben von Bewerbungen, übt Vorstellungsgespräche mit ihnen und arbeitet immer wieder an der Selbstsicherheit jedes Einzelnen. Huber scheut sich nicht, die Bewerbungen seiner Schüler genau zu prüfen und immer wieder zu hinterfragen. «Es sollen keine 08/15-Bewerbungen sein. Sie müssen sich von der grossen Masse abheben», sagt er. Bekommt ein Teilnehmer die Möglichkeit für eine Schnupperlehre, ist bereits eine rste Hürde geschafft. Im besten Fall wird ihm danach sogar eine Ausbildungsstelle angeboten. «Erhält einer unserer Schüler nach einer Schnupperlehre die Zusage für eine Lehrstelle, ist das Problem allerdings noch nicht gelöst. Denn die Lehrzeit verlangt viel, und durch die muss er ohne unsere Hilfe durch», sagt Stefan Huber. Diese Aussage macht er bewusst, denn häufig fehle diesen Jugendlichen auch die nötige Unterstützung durch die Eltern.
Der 17-jährige Andreas Schneider hat den wichtigen Schritt geschafft. Die Vorfreude auf die bevorstehende Lehrzeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. «Endlich hat es geklappt! Ein zehntes Schuljahr habe ich ereits absolviert, ich stehe jetzt sozusagen im elften und bin damit schon ein wenig ein Ausnahmefall auf der Suche nach einer Anschlusslösung. Nun kann ich mich als Bäckerei-Fachverkäufer ausbilden lassen», sagt er und betont: «Ich wollte mich auf keinen Fall beim RAV anmelden.» Andreas ist überzeugt, dass die Zeit bei Effi-zient ihn weitergebracht hat. «Ich bekam einen klar strukturierten Tagesablauf. Das ist wichtig, damit man nicht zum absoluten Faulpelz mit einem verschobenen Zeitrahmen wird. Sonst wird es erst recht schwierig.»
Kosta Radosavljevic ist bereits das zweite Jahr an der Effretiker Schule. Der 16-Jährige stand nach einem Schulausschluss vor der Wahl, entweder in die Massnahme einzutreten oder ohne Schulabschluss dazustehen. Er kritisiert einzig den langen Anreiseweg und dass die Klassen viel kleiner sind als in der Volksschule. «Ich war kein braver Junge in meiner ehemaligen Schule», sagt er fast entschuldigend. In Effretikon habe sich seine Leistung jedoch stark verbessert, ist Kosta überzeugt. Auch wenn ihm der schulische Einzelunterricht manchmal schwerfalle, habe er davon profitieren können. «Die Schulzeiten sind optimal, und auch der Schulstoff entspricht mir. Es ist klar, putzen will hier eigentlich niemand von uns. Aber es gehört halt dazu, und wir lernen wieder etwas, was später in Beruf und Alltag wichtig ist.» Kosta wünscht sich eine Lehrstelle als Koch. Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Weshalb er so viele Absagen erhalten hat, ist ihm nicht ganz klar. Immerhin habe er schon im Beruf schnuppern können und sei jetzt intensiv auf Lehrstellensuche, erzählt er.
Bisher sind nur Burschen bei Effi-zient eingetreten. «Wir schliessen die Teilnahme von Mädchen nicht aus, doch hat es sich bisher nicht ergeben. Wenn Mädchen negativ auffallen, werden sie von den Behörden eher in ein Heim überwiesen», erklärt Stefan Huber. «Die Chancen auf eine Ausbildungsstelle für Mädchen sind aus diesen Institu-tionen weitaus realistischer. Ausserdem gibt es nicht viele junge Frauen, die in das Schulprojekt von Effi-zient passen.»
Ausser Stefan Huber sind Thomas Boller, ebenfalls Lehrer und Besitzer der 8-Zimmer-Schulliegenschaft, sowie Myriam Lüthi, die vor kurzem ihre Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule abgeschlossen hat, an der Schule tätig. Myriam Lüthi strahlt eine besonnene Ruhe aus. Sie habe sich schon früh für die Ausbildung von Schülern der Stufe Sekundarschule C entschieden, die in aller Regel als Kleinklassen geführt werden. «Ich möchte nicht eine riesige Klasse vor mir haben, denn ich arbeite gerne intensiv mit weniger Schülern. Das kommt mir hier entgegen. Ich kann so auch eine persönliche Beziehung zu ihnen aufbauen.»
Hausbesitzer Thomas Boller ist zwar ebenfalls als Teilzeitlehrer für Effi-zient tätig, doch zieht er eher die Fäden im Hintergrund. Dies ist Teil der Projektgeschichte. Boller ist zuständig für alles Finanzielle und damit sozusagen Liegenschaftsbesitzer und Verwaltungsrat in einer Person. Das Wohnhaus, in dem sich die Schulräume befinden, hat Thomas Boller von seinen Eltern geerbt. So ergab sich die Gelegenheit, die Privatschule zu gründen. «Es stimmte einfach gerade mit dem Wunsch von Stefan Huber und mir überein, eine Schule für jene anzu-bieten, die im offiziellen Schulsystem keine Chance mehr bekommen», erzählt er.
Bollers Haus wurde also für den Schul-betrieb bereitgemacht. Nach der Abnahme durch die Bildungsdirektion Zürich war das Projekt «Privatschule Effi-zient» geboren. «Früher wurde für jede Auffälligkeit innerhalb eines Schulhauses eine Sonderklasse gebildet», erinnert sich der Sekundarlehrer. Inzwischen sei das Schulsystem davon weggekommen. Sonderklassen gelten als Ghettos» und seien nicht mehr erwünscht. Im Moment sei wieder ein Trend zur Umkehr spürbar, sagt Boller. «Dabei benötigen sogenannte auffällige Schüler in erster Linie mehr Zuwendung und mehr Zeit von den Lehrpersonen für die Vermittlung fehlender Schulkenntnisse. Das können wir bei Effi-zient bieten.» So wiederholt sich täglich die Geschichte vom angeketteten Elefanten, der sich erst nach vielen Versuchen aus Überzeugung befreien konnte.