der arbeitsmarkt | 25.05.2010 | Text: Sascha Tankerville

Chaos bei Titeln und Diplomen

st. Die höhere Berufsbildung der Schweiz bewährt sich und steht im internationalen Vergleich gut da. Handlungsbedarf besteht bei den Schweizer Berufstiteln, die den internationalen nicht entsprechen.

Chaos bei Titeln und Diplomen
FHNW-Studierende in Basel. Foto: Dejan Jovanovic
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Tagung Höhere Berufsbildung

«Der Saal ist zum ersten Mal ausgebucht. Das ist ein gutes Zeichen», stellte die Direktorin des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT), Ursula Renold, anlässlich der Maitagung im Berner Kursaal erfreut fest. «Die Berufsbildung der Schweiz bewegt sich.» Im Mai treffen sich traditionell die Berufbildungsfachleute des Bundes, der Kantone und verschiedener Organisationen der Arbeitswelt. Heuer fanden sich über 600 Personen zur «Landsgemeinde der Berufsbildung» ein, wie BBT-Vizedirektor Hugo Barmettler die Tagung nannte.

In der Schweiz ist die tertiäre Bildungsstufe zweigeteilt: Auf der einen Seite steht die Hochschulstufe
mit den Universitäten, ETH und Fachhochschulen. Auf der anderen findet sich die höhere Berufsbildung. Sie umfasst zum einen Ausbildungen mit eidgenössischen Berufsprüfungen und eidgenössischen höheren Fachprüfungen. Berufsprüfungen richten sich an Berufsleute, die sich aufgrund ihrer mehrjährigen Berufserfahrungen in ihrem Aufgabengebiet spezialisieren wollen, und werden mit einem eidgenössischen Fachausweis abgeschlossen. Höhere Fachprüfungen sind auf die berufliche Expertise oder die Unternehmensführung in einem KMU ausgerichtet und finden ihren Abschluss mit einem eidgenössischen Diplom. Ebenfalls Teil der höheren Berufsbildung sind Ausbildungen an höheren Fachschulen. Hier schliessen die Studenten die Ausbildung mit einem eidgenössisch anerkannten Diplom mit der Ergänzung HF ab.

Was an der Tagung in den verschiedenen Referaten mehrfach zur Sprache kam: Ein besonderes Merkmal der höheren Berufsbildung der Schweiz ist, dass sie besonders praxisorientiert und auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet ist. Sie verbindet praktische Fähigkeiten mit fundierten theoretischen Kenntnissen und bereitet die Berufsleute auf Führungs- und Fachfunktionen vor.

Steigende Anzahl Abschlüsse

Dass sich dieser Teil der schweizerischen Berufsbildung stark entwickelt, zeigen die Zahlen. Die Abschlüsse in der höheren Berufsbildung nehmen stetig zu, wie einer Broschüre des BBT zu entnehmen ist: Erlangten 1995 rund 20 900 Personen einen Bildungsabschluss der höheren Berufsbildung, waren es 2008 schon 27 600. Kein Wunder, bezeichnet Renold die höhere Berufsbildung als einen Erfolg, der einen festen Platz im Bildungsraum der Schweiz habe.

«Wir brauchen bei der höheren Berufsbildung den Vergleich mit den Hochschulen nicht zu scheuen», strich Hugo Barmettler die Bedeutung der höheren Berufsbildung für die Wirtschaft hervor. Immerhin halten sich bei den erwerbstätigen Personen zwischen 25 und 64 Jahren mit Tertiärabschluss diejenigen mit höherer Berufsbildung und jene mit Hochschulabschluss mit je 17 Prozent die Waage.

Barmettler zeigte auf, dass bei den Arbeitnehmern mit Führungsfunktion jene mit einer höheren Berufsbildung besser vertreten waren als Hochschulabsolventen (22 zu 19%). Eindrücklich ist auch, dass mehr Personen mit höherer Berufsbildung selbständig sind (12 zu 9%) oder im eigenen Betrieb arbeiten (8 zu 5%). In Stellungen ohne Führungsposition standen dafür die Hochschulabsolventen besser da (42 zu 3%), ebenso wie in den Geschäftsleitungspositionen (24 zu 23%). Wie Renold in ihrem Referat darlegte, muss die höhere Berufsbildung jedoch weiterentwickelt werden. «Die Gründung der Fachhochschulen, die Abgrenzung der höheren Berufsbildung von der berufsorientierten Weiterbildung und die Internationalisierung machen eine neue Positionierung unabdingbar.»

Unendliche Vielfalt an Titeln

Zur Sprache kam an der Tagung auch die Sicht der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) auf die Schweizer Tertiärstufe mit der höheren Berufsbildung und der Hochschulstufe. Die Schweiz stehe in den OECD-Länderstudien gut da, sagte Renold. Wie gut, erläuterte OECD-Analystin Kathrin Höckel. Etwas mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung hatte 2007 einen Tertiärabschluss. Die Schweiz liegt damit im Vergleich mit 27 Ländern aus aller Welt im Mittelfeld - Spitzenreiter ist Kanada mit rund 49 Prozent, Schlusslicht ist Italien mit etwa 14 Prozent. Gerade bei einem für die OECD zentralen Kriterium bescheinigte sie dem Schweizerischen Berufsbildungssystem eine hohe Qualität: bei der Arbeitsmarktrelevanz. Sie zeigte aber auch auf, dass es sehr schwierig sei, das schweizerische Bildungssystem und insbesondere seine Abschlüsse und Titel mit anderen Ländern zu vergleichen - und das sei ein echtes Problem.

«Die Profile der einzelnen Formen und Abschlüsse - Fachausweise, Diplome, Diplome höherer Fachschulen - müssen geschärft werden», stellte BBT-Vizedirektor Barmettler in seinem Referat fest.

Dieses Thema nahmen die Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft im Podiumsgespräch auf. «Ich weiss nicht, wie viele Berufe ich in meinen 30 Berufsjahren bereits habe entstehen und wieder verschwinden sehen», sagte beispielsweise Barbara Brühwiler, Direktorin Pflege und HRM des Universitätsspitals Zürich. «Im Pflegebereich gibt es eine unendliche Vielfalt verschiedener Berufe und Abschlüsse. Die Revision ist aber auf einem guten Weg.» Ins gleiche Horn stiess Max Haslebacher, der bei der Berner Kantonalbank für die Ausbildungen zuständig ist: «Die Berufsbildung ist stark in Bewegung, was zwar durchaus positiv ist. Es wird aber etwas viel.» So gäbe es Chefs, die Diplome hätten, die man so gar nicht mehr erlangen könne. Die Abgrenzung zwischen den diversen Diplomen von Fachhochschulen und Hochschulen sei sehr unübersichtlich.

«Wir müssen die Berufskompetenzen kalibrieren, ohne die Ausbildungen zu stark zu vereinheitlichen», mahnte der Neuenburger Nationalrat Jacques-André Maire. Er plädierte für eine minimale Regulierung mit einem bundesweit festgelegten Rahmen. «Erst dann können wir darangehen, dass unsere Titel international anerkannt werden.» Gleichzeitig warnte François Matile, Generalsekretär des Arbeitgeberverbandes der Uhrenindustrie, vor einer Überreglementierung. «Wir haben ein gutes Berufsbildungssystem, aber es funktioniert nur, solange es flexibel genug ist.» Die Diskussion bestätigte was BBT-Direktorin Ursula Renold schon in ihrem Referat gesagt hatte: «Die Einbettung des Schweizerischen Bildungssystem in den internationalen Kontext wird in den nächsten 20 Jahren immer wichtiger.»

 
 
 

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