der arbeitsmarkt | 05/2010 | Text: Stefan Böker
Vor 20 Jahren gab es kaum Berufstätowierer in der Schweiz. Mittlerweile sind es über fünfhundert. Regeln über den Einstieg in den Beruf oder dessen Ausübung sind aber erst am Entstehen, Qualitätskontrollen sind freiwillig.
«Ich will Tätowierer werden!», schallt es über den Esstisch von Familie Mustermann. Das Gespräch verstummt. Ein Räuspern. Dann wird das Thema gewechselt. Tätowierer ist doch kein wirklicher Beruf - zu exotisch, zu unsicher, eigentlich immer noch stigmatisiert. Jedenfalls «nichts Richtiges». Schon gar nicht für den eigenen Nachwuchs - daran ändern auch Reality-TV-Serien wie «Miami Ink» oder Farbpigmente auf Michelle Hunzikers Oberarm nichts. Ausserdem: Das kann man doch nicht lernen. Das ist man irgendwie.
Auf dem offiziellen Internetportal der Schweizerischen Berufsberatung ist jedoch unter dem Feld «Schönheit, Sport» die oder der «Berufstätowierer / in» zu finden. Die Anforderungen: «Handwerkliches Geschick, gutes Vorstellungsvermögen, Kontaktfreude, Hygienebewusstsein» sowie, ganz wichtig, «künstlerische Fähigkeiten». In den nmerkungen der Hinweis auf «überdurchschnittliches Interesse und Durchhaltevermögen» als Voraussetzung Nummer eins, um überhaupt einen (inoffiziellen) Ausbildungsplatz zu finden. Das bedeutet im Klartext: Wer nicht absolut angefressen ist und mit ausserordentlicher Begabung zeichnet, sollte besser einen anderen Berufswunsch verfolgen. Eine geregelte Ausbildung
existiert nicht.
Es gibt jedoch Tätowierer, die ausbilden. In Muttenz bei Basel führt Orlando, mit bürgerlichem Namen Roland Altersmatt, seit 1991 sein eigenes, international renommiertes Studio. Seit fünf Jahren bietet er die Ausbildung zum Tätowierer oder zur Tätowiererin an. Niemand genügte seinen Ansprüchen bisher. «Unser Job leidet ein bisschen am Rock-'n'-Roll-Image», sagt er, «er zieht viele Leute an, die es einfach cool finden.» Die Basis für eine Zusammenarbeit ist für ihn ganz klar zeichnerisches Talent. Und die Bereitschaft, dieses Talent weiterzuentwickeln - durch harte Arbeit. Dringend zu empfehlen sei der Besuch eines Vorkurses an einer Kunsthochschule, um Grundlagenkenntnisse hinsichtlich Perspektive, Licht und Schatten und gegenständlichen Zeichnens zu erlangen. «Unser Anspruch an die Kandidaten ist hoch», sagt Orlando, sei aber im internationalen Vergleich, oder im Vergleich mit anderen Berufsgruppen, keineswegs übertrieben. Wer dies so empfinde, der sei zu weich, zu schlapp, zu faul oder schlicht ohne Ehrgeiz.
Harte Worte für einen, der seinen Ursprung in der aufkeimenden Schweizer Punkrockszene der späten 70er-Jahre hat. Sollte man meinen. Aber an Orlandos Vita lässt sich eben auch ablesen, wie viel Arbeit auf dem Weg zum Berufstätowierer wartet und wie viel Leidenschaft investiert werden muss. Schon als Kind zeichnete er gerne. Mitte der 70er-Jahre besuchte er den Vorkurs der Kunstgewerbeschule in Basel, lernte dann aber zunächst Steinmetz. In diesem Beruf arbeitete er acht Jahre lang. In seiner Freizeit fuhr er fort, Plakate, Plattencover, Punkrock- und Firmenlogos, Geburtstagskarten, T-Shirt-Designs und
natürlich zahlreiche Illustrationen zu entwerfen. Orlando sagt von sich selber: «Ich zeichnete wie ein Besessener - über zehn Jahre hinweg jeden Tag drei Stunden lang.» Tätowieren lernte er schliesslich, indem er sich bei ausgewählten Hautkünstlern unter die Nadel legte.
Orlando kam als Autodidakt in den Beruf - «so, wie es eigentlich nicht sein sollte». Heute ist er Präsident des Verbandes Schweizerischer Berufstätowierer (VST) und setzt sich ein für Standards hinsicht-lich Hygiene und Qualität. Während Ideen zur Qualitätssicherung noch in den Kinderschuhen stecken, konnten auf dem Gebiet der Hygiene Fortschritte gemacht werden.
In Zusammenarbeit mit der Firma Eyeco führt der Verband Kontrollen durch. Diese fundieren auf der Grundlage der vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) erarbeiteten «Richtlinien für eine gute Arbeitspraxis». Über die Zertifizierung durch Eyeco kann so die Qualitätsauszeichnung «Q-Label» erteilt werden. Dabei handelt es sich um den einzigen Nachweis, der in der Schweiz punkto Hygiene in Tattoostudios existiert.
Vera Fischer, Vizepräsidentin des VST, ist stolz auf die Errungenschaft Q-Label. Sie betreibt zusammen mit ihrem Partner Alexander Nyaguy in Kreuzlingen am Bodensee das Blue Dragon Tattoostudio. Weder durch den Bund noch durch die meisten Kantone würden in der Schweiz Hygienekontrollen in Tattoostudios durchgeführt, sagt die gelernte technische Sterilisationsassistentin. Um Standards zu gewährleisten, sei es am besten, wenn es eine staatlich anerkannte, obligatorische Prüfung durch Eyeco gebe. Momentan sind die Kontrollen freiwillig und kostenpflichtig. Daneben bietet der Verband Hygienekurse an. Ob es auch eine Prüfung über das Nadelhandwerk geben sollte?
Vera Fischer und ihr Partner lachen. «Meine erste Prüfung habe ich auf einem Krustenbraten gehabt, die zweite auf mir selber und die dritte auf Vera», erzählt Alexander Nyaguy. Er war der bisher einzige Auszubildende, den die sympathische Tätowiererin hatte. Die vielen Bewerbungsmappen, die sie erhalte, enthielten Zeichnungen auf eher niedrigem Niveau. «Eine gute Mappe sollte so viele Arbeiten enthalten wie möglich», sagt Vera Fischer, «verschiedene Motive, verschiedene Formate und natürlich: sauber gezeichnet.» Vera Fischer selber ist seit über zehn Jahren Berufstätowiererin. Ihre «Lehrzeit» verbrachte sie in einem Tattoostudio in Rorschach, zu einer Zeit, als es noch gang und gäbe war, für eine Ausbildung 20 000 bis 30 000 Franken zu zahlen. Sie erinnert sich: «Ich musste früher meine Nadeln noch selber löten.»
Das war vor dem Boom. Heutzutage kann man überall für ein paar Franken fertige Maschinen mit fertig gelöteten, steril abgepackten Nadeln bestellen. Das Internet unter anderem trug dazu bei, der Profession den Zauber zu nehmen. Was früher als geheimes Randgruppenwissen unter der Hand weitergegeben wurde, ist heute im «How to Tattoo Movie» auf Youtube zu sehen. Rockmusiker und Promis - fast alle tätowiert. Die Kunst- und Graffitiszene hat Tattoos längst als neue Spielwiese entdeckt. Ed-Hardy-
Motive in der Migros als Beweis, dass eine Randgruppenkultur im Mainstream angekommen ist. Verständlicherweise ruft solche Kommerzialisierung Ablehnung hervor.
Mick* arbeitet seit über 20 Jahren als Tätowierer. Bestrebungen, die Ausbildung zum Tätowierer zu institutionalisieren, sieht er mehr als kritisch: «Die Charaktere werden verloren gehen.» Sein Studio in Zürich ist unauffällig, man muss es fast schon als getarnt bezeichnen. Lediglich ein Lampion mit japanischen Schriftzeichen hängt vor der Tür. Der gelernte Theatermaler ist spezialisiert auf japanische Tätowierungen, die er individuell interpretiert, ohne jedoch die Regeln der Anordnung und Kombination verschiedener Bildelemente zu verletzen. Für seine Arbeiten geniesst er international höchstes Ansehen. Er hat weder eine Website noch eine E-Mail-Adresse, aber glücklicherweise ein Telefon. In seinem Studio arbeitet er allein und bildet auch nicht aus. Dafür habe er keine Zeit, man sei ja selber immer am Lernen, müsse sich steigern. Sonst werde es langweilig. Würde er ausbilden, so stünde das Löten der eigenen Nadeln jedenfalls weit oben auf dem Stundenplan.
«Zeichnerisches Talent ist die Grundlage», sagt der ehemalige Theatermaler. «Ebenfalls wichtig ist aber auch das mechanische Verständnis. Psychologie. Der Umgang mit den Menschen. Ein Tätowierer sollte selbst stark tätowiert sein», sagt er. Nicht zuletzt sei Tätowieren auch Schmerzmanagement, und wie kann man Schmerz besser erfahren als auf der eigenen Haut? Mick kam als Autodidakt in den Beruf, liess sich von japanischen Meistern tätowieren, lernte im Austausch mit ihnen. Der Tattooboom habe Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite gebe es heute viele Junge, die schon unglaublich gut seien, da sie bei
guten Tätowierern lernen konnten. Auf der anderen Seite sei eine Sättigung des Marktes zu spüren: Quantität statt Qualität. Die Guten seien ausgebucht, die weniger Guten würden über Preissenkungen versuchen, am Ball zu bleiben. «Im Grunde kann jeder tätowieren - die Frage ist nur: wie?»