der arbeitsmarkt | 06/2010 | Text: Richard Ammann
Jürg Diriwächter, Präsident des Schweizerischen Marktverbandes (SMV), formuliert im Gespräch rund um den Marktfahrerberuf die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einstieg in diesen Handelszweig. Der Verband will sich in Politik und Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit für seinen Berufsstand verschaffen.
Die Marktfahrer sind ein besonderes Volk. Muss einem das im Blut liegen?
Jürg Diriwächter: Tatsächlich ist der Markthandel bei nicht wenigen Mitgliedern unseres Verbandes eine Familientradition. Es gibt aber auch immer wieder Neulinge, die den Einstieg in unsere Branche versuchen. Gerade jetzt ist die Nachfrage wegen der schlechten Wirtschaftslage wieder grösser als auch schon. Interessenten aus verschiedensten Berufszweigen wagen die Umorientierung auf das mobile Händlertum. Viele verschwinden rasch wieder von der Bildfläche, einige reüssieren oder haben sogar auf Anhieb Erfolg.
Kommt Ihnen dazu ein Beispiel in den Sinn?
Unser Verbandskassier, Ueli Stähli aus Brienz, war früher Bankangestellter. Als Marktfahrer avancierte er zum erfolgreichen Händler von Tessiner Salami und fand bei uns auch ohne Boni Glück und Zufriedenheit. Auch ich selber schätze die Marktatmosphäre und das Von-Ort-zu-Ort-Ziehen sehr und würde keinesfalls mehr mit einem Bürojob tauschen.
Was braucht es für einen Start im Markthandel?
Man muss den Marktalltag und den damit verbundenen Publikumskontakt gernhaben, um sich positiv in Szene setzen zu können. Für Newcomer ist der Start nicht einfach. Eine unabdingbare Voraussetzung ist ein Startkapital von 50 000 bis 100 000 Franken, das die nötigen Investitionen, unter anderem für Verkaufswagen und Warenbeschaffung, erlaubt.
Das Geld allein bringts aber wohl nicht ...
Nein, neben der Kapitalbasis sind ein Flair für Marketing und Verkauf sowie ein nicht zu knapp bemessenes Durchhaltevermögen erforderlich. Denn in den ersten Jahren muss ein Neuling bei der Verteilung der guten Standplätze an den Jahrmärkten hinten anstehen. Gute Karten hat ein Anfänger, der ein neues oder weiterentwickeltes Produkt bringt, das noch nicht oder kaum bekannt ist.
Sind die Umsätze im Markthandel zufriedenstellend?
Die Wirtschaftsflaute hinterlässt auch in unserem Gewerbe Bremsspuren. Weil der Wettbewerb härter geworden ist, haben denn auch einige unserer Mitglieder Nebenjobs als Ergänzung. Gesamthaft gesehen kann man aber nicht von einem grossen Umsatzrückgang sprechen.
Trotzdem schwingt ein nicht ganz sorgenfreier Unterton in Ihrer Aussage mit.
Sie haben richtig hingehört. Der Reingewinn im Markthandel hat sich schon beunruhigend rückläufig entwickelt. Die Nebenkosten - für Benzin, Versicherungen und so weiter - sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und fressen einen immer grösseren Teil des Ertrags weg. Wir setzen denn auch Hoffnung in die vorsichtig optimistischen Konjunkturprognosen für den Schweizer Markt.
Wie unterscheiden sich die Markthändler von den ortsansässigen Detaillisten?
Der Unterschied liegt schwergewichtig im Angebot. Wir Markthändler verstehen unser Sortiment als Ergänzung zum Detailhandel, kombiniert mit Erlebnis und Unterhaltung. Wo gibt es sonst noch, wie kürzlich am Maimarkt in Winterthur, die legendären Marktschreier, die das Publikum mit ihren Witzen rund um ein originelles, als umwerfende Novität angepriesenes Haushaltgerät zum Schmunzeln und letztlich auch zum Hervorziehen des Portemonnaies bringen?
Wie ist die Befindlichkeit zwischen dem Markt- und dem Detailhandel?
Im Geschäftsgebaren kennen die Markthändler weitgehend dieselben Konditionen wie der Detailhandel - jedenfalls trifft dies für die Mitglieder unseres Verbandes zu, die an den im Stand angebrachten gelben Tafeln mit Name und Geschäftsadresse erkennbar sind. So kann zum Beispiel ein in unpassender Grösse gekauftes Fussball-T-Shirt anstandslos umgetauscht oder dem Verkäufer zurückgegeben werden. Mit den Detaillisten besteht an den meisten Orten ein gutes Einvernehmen. Wir verstehen uns weniger als Konkurrenten als vielmehr als Verbündete gegen eine ganz andere Konkurrenz: die grossen Einkaufszentren auf der grünen Wiese.
Was für Probleme gibt es auf Jahrmärkten und Kilbenen?
In der letzten Zeit ist der übermässige Alkoholkonsum, vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, zu einem gravierenden Problem geworden. Besonders an den grossen Kilbenen, so unter anderem an der Olma St. Gallen und am Albanifest Winterthur, kommt es immer wieder zu Pöbeleien unter oder mit Betrunkenen, was die Stimmung im Publikum massiv beeinträchtigt. Ein grosser Teil des Festvolkes zieht sich dann zurück, was für alle Beteiligten enttäuschend ist und uns nicht zuletzt den Zahltag schmälert.
Was wollen Sie dagegen unternehmen?
Zusammen mit dem Verband der Schausteller, in dem die Betreiber der Kilbibahnen organisiert sind, machen wir uns Gedanken darüber, was für einen Beitrag wir zur Lösung des Problems leisten können. So wurde schon der Vorschlag gemacht, von Seiten der getränkeanbietenden Markthändler gänzlich auf den Verkauf von Alkoholika zu verzichten. Allerdings könnte ein solcher Schritt lediglich eine Teillösung bringen. Denn wer sich am Jahrmarkt betrinken will, kann dies ja auch in den ansässigen Gastwirtschaftsbetrieben rund um die Festareale tun.
Wie sieht die Zukunft des Schweizerischen Marktverbandes aus?
Wir wollen den Kontakt zu den örtlichen Marktbehörden, welche die Standplätze vergeben, weiter pflegen und noch verbessern, um optimale Voraussetzungen für die Präsentation unserer Angebote zu erhalten. Grundsätzlich wollen wir uns in der Politik und der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit für unseren Berufsstand verschaffen - so auch im Schweizerischen Gewerbeverband, dem wir als Mitglied angehören.
Sie dürfen demnächst eine prominente Grussadresse entgegennehmen ...
Tatsächlich, in den nächsten Tagen und Wochen steht die Abwicklung der Festivitäten zum hundertjährigen Bestehen unseres Verbandes auf dem Programm. Wir freuen uns alle schon auf Jubiläumsaktivitäten in Zürich und den nationalen Anlass nach den Sommerferien in Bern, wo uns Bundespräsidentin Doris Leuthard die Gratulationen und Grüsse der Landesregierung überbringen wird. Das ist ein rares und höchst erfreuliches Ereignis, das als Höhepunkt in die Verbandsgeschichte eingehen wird.